Was will Gott?

Eigentlich hatte ich, ich muss es ehrlich zugeben, versucht, mich um diesen Predigttext zu drücken. Ich habe daran gedacht, den Text vom Reformationstag zu nehmen, die Seligpreisungen, oder den für nächste Woche Sonntag, die Erwartung der Ewigkeit. Dann aber ist mir aufgefallen, dass dieser Text etwas thematisiert, was fast jede Familie irgendwie betrifft. Und ich selbst wollte mich drücken, weil ich glaubte, im Glashaus zu sitzen: Meine Ehe wurde – das ist nun gut 16 Jahre her, nach 14-jähriger Dauer geschieden. Als Theologin und auch, weil mein ehemaliger Mann römisch-katholisch war, habe ich, haben wir uns das nicht leicht gemacht – aber es gab einfach keinen gemeinsamen Weg mehr, der nicht einen von uns noch kranker gemacht hätte als wir damals waren, krank vor allem an der Seele. Nach zehn Minuten war vor dem Gericht alles vorbei – in mir selbst, das merke ich nicht nur, wenn ich auf diesen Text stoße, arbeitet diese Scheidung noch heute.

Und dennoch habe ich kürzlich einer Frau aus sehr christlichem Umfeld Mut gemacht, den Weg weiterzugehen, als sie mit einem schweren Trennungsproblem und den damit verbundenen Schuldgefühlen zu mir kam.

Die Bibel ist ein Leitfaden dafür, wie wir als Christen und Kirche leben sollten. Sie gibt bei weitem nicht Antwort auf alle Fragen, die wir heute haben. Aber wie die Heilige Schrift die Frage der damaligen Zeit beantwortet ist nicht nur heute noch hilfreich, sondern sollte auch heute noch bindender Maßstab sein, wenn wir unser Christsein ernst nehmen, auch, wenn die evangelische Kirche mit Scheidung offener umgeht als die katholische und manche Freikirchen.

Die Pharisäer kommen zu Jesus, von dem sie wissen, dass er eine radikale Ethik vertritt. Sie kommen mit einer Frage um, wie es ausdrücklich heißt, ihm eine Falle zu stellen. Die Frage ist, ob ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann. Die Pharisäer wissen, dass Jesus in diesem Punkt eine eindeutige Meinung hat. Aber sie benutzen ein Zitat aus der Bibel, um Jesus damit bloß zu stellen. Denn in der Tat finden sich im Buch Deuteronomium Regelungen, nach denen ein Mann seine Frau aus der Ehe entlassen kann.

Jesus aber lässt sich auf diese Diskussion nicht ein. "Nur weil ihr so hartherzig seid, hat Mose euch dieses Gebot gegeben." Das verhärtete Herz, das das Gespür dafür verloren hat, was die Welt von ihrem Ursprung in Gott her ist, kann für Jesus so eine Frage nicht beantworten. Es geht Jesus nicht um legalistische Regelungen für den Mann in der Ehe, sondern um den Menschen. ("Darum wird der Mensch (Luther: Mann) Vater und Mutter verlassen" Wohl aus Rücksicht auf das hebräische Zitat übersetzt L. im Evangelium falsch "Mann" statt "Mensch". Wo die Pharisäer aber nach den Rechten des Mannes fragen, antwortet Jesus im griechischen Original eindeutig mit der Schöpfungsordnung des Menschen!)

Jesus verweist darauf, dass nach der Ordnung der Schöpfung, wie sie von Gott herkommt, der Mensch seine Eltern verlässt, um eins zu werden mit einem anderen Menschen. Ja, als er mit seinen Jüngern allein ist, sagt er es noch einmal unmissverständlich: Ehescheidung ist für Jesus nicht denkbar. "Er war ja auch nicht verheiratet", wird vielleicht manche von Ihnen nun denken. Aber darum geht es nicht.

Es ist nicht möglich, dieses Evangelium zu lesen, ohne sich dem Komplex von Problemen zu stellen, der viele Christen heute im Zusammenhang mit Ehescheidung beschäftigt oder bedrückt. Aber wir sollten uns doch Zeit nehmen genauer hinzusehen, wie Jesus denkt und argumentiert. Denn von den vielen Diskussionen, die Jesus geführt haben dürfte, sind nur wenige in der Heiligen Schrift erhalten. Zumeist dürften in den Evangelien aber genau die Themen festgehalten worden sein, die in der jungen Kirche aktuell waren. Wir können also annehmen, dass das Scheidungsthema auch damals häufig anstand und nichts für unsere Zeit Typisches ist. Die Pharisäer, wie sie uns schablonenhaft im Evangelium vorgestellt werden, stehen für einen Typ Menschen. Dieser Typ liest alles wie ein guter Steueranwalt das Gesetzblatt. Dieser sucht dort nach Gesetzeslücken, um für sich – oder seinen Mandanten – das Beste herauszuholen. Das Aufspüren von Lücken im Steuergesetz mag legitim sein. Wenn das aber zur prägenden Geisteshaltung wird, kann es schnell erbarmungslos werden. Denn alle Ordnung und alles Gesetz muss dann umgekehrt lückenlos gemacht werden. Alles wird Wort-für-Wort und legalistisch genommen.

Diese Dialektik von Suche nach Gesetzeslücken und Regelungswut durchbricht Jesus, indem er fragt: Was ist gewollt? Was ist gesollt? Was ist der Kern, um den es geht? Was will Gott?

Die junge Kirche wollte kein staatliches Eherecht formulieren. Sie lernt von Jesus – nicht nur in dieser Frage – nach dem Willen Gottes zu fragen. Alle Regelungen der alttestamentarischen Gesetzeslisten haben für die Kirche – wie für viele andere Juden damals wie heute auch! – nur Sinn, wenn sie von ihrem Sinn her verstanden werden: Dem Willen Gottes
Jetzt aber den Blick auf die konkrete Frage. Darf ein Eheversprechen gelöst werden? Hat Jesus gewollt, dass die Gemeinschaft der Christen in der Kirche so etwas kennt oder gar regelt wie Ehescheidung?

Zu allererst will Jesus, dass wir sehen, welches Geschenk die Verbindung von Mann und Frau in der Ehe ist: Dass der Mensch Gemeinschaft braucht. Zwei werden ein Fleisch sein.. Zwei Menschen können so zusammenwachsen, dass aus zwei eins wird, einander voll und ganz vertrauen. Nicht als Lebensabschnittspartnerschaft, nicht als Nutzerwägung, sondern als Hingabe in Liebe.

Nun sind wir Menschen ja bekanntlich unvollkommen und beladen uns immer wieder mit Schuld. Wie Alles steht auch die Ehe unter dem Zeichen des Kreuzes. Wie Alles ist auch die Ehe zweier Menschen erlösungsbedürftig. Wie in Allem kann auch in der Ehe das Leid dieser Welt erlebt werden. Dies alles allein kann jedoch kein Grund sein, davon abzugehen, dass das Eheversprechen mehr als ein "vielleicht" oder "mal sehn" meint. Es hängt direkt mit unserem Glauben an Gott zusammen, dass wir am Einsatz des ganzen Lebens im Eheversprechen festhalten, wenn wir miteinander zum Altar gehen. Wir berufen uns dabei zu Recht auf Jesus und die Radikalität seines Glaubens.

Die Regelung bezüglich der Abfindung bei Ehescheidung im Buch Deuteronomium, sagt Jesus, hatte Moses getroffen wegen der "Hartherzigkeit" der Menschen. Das bedeutet doch wohl, dass es trotz der von Gott gewollten Unauflösbarkeit der Ehe vorgekommen ist, dass Männer ihre Frauen verlassen hatten, um zu einer anderen zu gehen. Damit in so einem Fall die erste Frau nicht in Armut fällt, hat das Gesetz des Mose dafür eine Regelung treffen müssen.

Die Kirche Jesu Christi lebt im Bewusstsein der kurzen Zeit bis zur Vollendung der Welt. Daher die Radikalität, die so eine Regelung für hartherzige Fälle ablehnt. Es spricht für die Kirche von heute, dass sie immer wieder versucht, nicht ihrerseits hartherzig in der Radikalität zu sein – aber doch an das klare Gebot Jesu zu erinnern. Die Sache mit dem Scheidebrief ist so eine vorsorglich eingebaute Hintertür, die dazu verlocken könnte, zu denken: "Naja, erst mal heiraten, ich kann ja wieder raus."

Konkret sieht sogar in der römischen Kirche das Recht der Kirche daher vor, dass geprüft werden kann, ob eine bestimmte Verbindung tatsächlich im Sinne Jesu eine Ehe war. In unserer Kirche sind wir großzügiger – und wir wissen, dass auch diese Eheauflösungsverfahren ähnlich zu Hintertüren werden können wie seinerzeit der Scheidebrief bei den Juden. Ich habe Fälle erlebt, in denen gläubige Katholiken lügen mussten, um aus einer Bindung, die für beide unerträglich geworden war, herauszukommen. Das ist eine neue Belastung mit Schuld Aber ich glaube auch, es ist ausschlaggebend, sich, wenn denn eine Ehe in eine tiefe Krise geraten ist, einmal darüber Gedanken zu machen, ob diese Beziehung wirklich eine Ehe war, so, wie Jesus davon spricht. Ob da nicht zwei Menschen ohne die rechte Freiheit in etwas hineingeschliddert sind, weil vielleicht die Eltern es unbedingt wollten; weil sie noch nicht wirklich erwachsen waren, wir wissen nicht, ob nicht einer der beiden von vorne herein Vorbehalte hatte, die er zum Beispiel nicht zu äußern wagte, die aber mit der Radikalität der christlichen Ehe unvereinbar sind.

Es kann sein, sie kommen zu der Erkenntnis, dass das, was da Ehe genannt wurde, in dem Sinn, wie es Jesus gemeint hat, nie wirklich eine war. Es mag sein, dass einer der Partner nicht, wie Jesus voraussetzt, Vater und Mutter wirklich verlassen hat, sondern dass die Eltern der Frau oder des Mannes unsichtbar zwischen den beiden stehen und sie nicht wirklich "ein Fleisch" werden können.

Und Seelsorger in unserer Kirche sind angehalten, in solchen Fällen die Trennung auch zu begleiten. Zu helfen, dass die einstigen Partner fähig sind, die Vergebung, die uns Gott immer wieder zuteil werden lässt, auch für sich selbst anzunehmen und sich nicht über die Maßen mit Selbstvorwürfen zu quälen. Wir dürfen hinfallen, aber wir können auch wieder aufstehen. Gott ist anders als wir Menschen. Er ist fähig, wirklich zu vergeben, während wir dazu neigen, einander Schuld immer wieder vorzuhalten, wir sind zu hartherzig zum Verzeihen – zum Beispiel auch dem Partner. Ein solches Verzeihen könnte manchmal gerade in der Ehe rettend für beide sein, selbst wenn es die Trennung nicht mehr aufhalten kann. Die sozialen Veränderungen in der Moderne helfen uns nicht gerade, christliche Radikalität zu leben. Wir helfen uns gegenseitig, wenn wir die Radikalität Jesu wach halten. Wir sollten es uns wirklich nicht leicht machen und Ehescheidung als etwas "Normales" zu akzeptieren.

Dennoch müssen wir wissen, dass ein gesetzesfanatisches Festhalten an Regelungen meist Hartherzigkeit bedeutet. Dies gilt zum Beispiel in sehr frommen Kreisen besonders gegenüber Christen, die nach einem ersten Scheitern seit langer Zeit in einer neuen Ehe wieder verheiratet leben.

Jesu Rede von der Scheidung ist doch eigentlich nur ein einziges Plädoyer dagegen, Liebe in einen Wust von tötenden Gesetzen und Buchstaben zu fassen. Man sollte die Geschichte auch einmal so lesen, dass man begreift, wie hoch er die Liebe zwischen zwei Menschen ansetzt, nämlich über alle wirtschaftlichen und juristischen Erwägungen. "Was Gott zusammengefügt hat, soll der Mensch nicht trennen", sagt Jesus, und er meint damit: Nichts und niemand soll sich zwischen Gott und die Liebenden stellen. Niemand soll also in eine Ehe eindringen, die Partner auseinanderreißen, aber das gilt nicht nur für das, was wir als "Fremdgehen" bezeichnen. Keine Eltern, die sich einen ganz anderen Schwiegersohn gewünscht hätten, keine Konfession, die sagt: "Dein Partner muss aber auch evangelisch oder katholisch oder baptistisch werden." Niemand soll zwei Menschen stören, die zusammengehören. Wer sich hingibt an den anderen, gibt sich hin an Gott, der die Liebe selbst ist.

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