Was wäre, wenn nichts wäre?

Was wäre eigentlich, wenn Gottes Wort nicht gäbe? Der Antwort, jeder Antwort wohnt viel Spekulatives inne, wir müssen uns vorantasten, vorsichtig. Doch manches lässt sich klar sagen: Dann zum Beispiel wären wir heute bestimmt irgendwo, vielleicht auch mehr oder weniger freundliche Menschen – doch sicher nicht hier, sicher nicht in der Kirche um Gottesdienst zu feiern. Christen gäbe es nicht – woher auch? Paulus hätte keinen Grund zu seinen Missionsreisen in die Türkei, nach Griechenland, Rom und vielleicht sogar Frankreich und Spanien gehabt. Weder die Wüstenväter noch die iro-gallischen Mönche hätte es gegeben und die Reichenau wäre sicherlich nicht wegen des Klosters zum Weltkulturerbe bestimmt worden. Aber damit nicht genug: Weder gäbe es in der heutigen Form die Krankenhäuser und Hospize noch die klassischen Wissenschaften oder das, was wir moderne Landwirtschaft nennen – das alles haben die Mönche und die Klöster mitgebracht. Das kam nicht einfach so. Und die Schriftkultur, die wir erlebt haben und noch erleben, die gäbe es so auch nicht. Und übrigens auch nicht die Kindergärten, die aus unserer badischen Kirche heraus gewachsen sind und rund um die Welt so bekannt sind, dass man sogar im Englischen zu Kindergarten „kindergarten“ sagt.
Vielleicht wären die Türken vor Wien damals in Ermangelung von Gegnern einfach durchmarschiert und wir wären Muslime. Aber selbst das ginge nicht: Islam ist ja ohne das Wort Gottes, ohne Judentum und Christen schlicht nicht denkbar. Wir können am Ende nur feststellen: Es wäre ein Verlust, wenn es Gottes Wort nicht gäbe – sogar auf Gebieten, die wir zunächst gar nicht mit Gottes Wort zusammenbringen. Unser Land und die Welt würde anders aussehen.

Und Werte würden einfach ausfallen: „Vom Du sollst den Feiertag heiligen und nicht ehebrechen … morden … neiden … die Alten ehren … nicht falsch Zeugnis reden.“ Bis zum „Gott über alle Dinge und mit all Deinen Mitteln lieben und Deinen Nächsten wie Dich selbst.“ Wer wüsste sie? Woher? In mancher Hinsicht leben wir ja auch hier in durchaus nachchristlicher Zeit und erleben, wie das ist, wenn Gottes Gebot ungewollt oder unbekannt ist: Menschen werden maßlos und ziellos Egoisten, auch Gruppenegoisten, weil Gottes Mass und Gottes Ziel fehlt.

In der Gegenwart angekommen noch einmal die Frage: Was wäre, wenn es Gottes Wort nicht gäbe? Keine theoretische Frage. Das ist ja Wirklichkeit: Wirklichkeit gewesen in Ländern wie Albanien, Wirklichkeit heute in Ländern, in denen es in die Illegalität verdrängt wird, Wirklichkeit in Ländern, in denen Menschen um ihres Glaubens willen verfolgt werden, verletzt werden, ermordet werden. Und wie wäre es, wenn von Gottes Wort nur der Teil ausgesprochen werden dürfte, der einer Gruppe oder denen, die das Sagen haben, genehm ist: Ausschnitte wie im Dritten Reich, als alles Jüdische verschwinden musste, Ausschnitte wie heute, wo alles, was unserer kleinen bürgerlichen Welt zuwider ist mit Vorsicht gehandelt werden muss? Und was geschähe eigentlich, wenn plötzlich, ohne für uns nachvollziehbaren Anlass Hunderte von Menschen in die Kirchen strömten, Gundholzener, Gaienhofener, Hemmenhofener, Wangener, Kattenhorner, Öhninger, Schienemer, Menschen, die nominal zu unserer Gemeinde gehören, und die´s nun plötzlich wissen wollen. So ähnlich wie damals im dritten Jahrhundert, als Christentum im römischen Reich zur Staatsreligion erklärt wurde und keiner wusste, wies funktioniert. – Also: Wohin mit ihnen? Was ihnen sagen? Und was zuerst? Wer sagts? Wer kann von seinem Glauben noch sprechen? Müssen wir ein Notprogramm auflegen? Abenteuerlich würde es so oder so. Und wir kämen erheblich ins Schwitzen.
Was wäre, wenn im Zeichen sich verknappender Rohstoffe Zellstoff kontingentiert würde so, dass es eben nur noch Auswahlbibeln gäbe – keine länger als 50 bis 100 Seiten: Was dürfte drin stehen, was müsste drin stehen – und was nicht? Oder was wäre, wenn – „Der letzte macht das Licht aus“ – nicht nur die Gemeindegliederzahlen so weiterschrumpften wie bisher, sondern die Agonie der Landeskirchen bei uns so aussähe, dass Rielasingen-Worblingen, Böhringen und Radolfzell zu einer Gemeinde mit einem Pfarrer oder einer Pfarrerin zusammengelegt würde und zugleich – das geschieht ja schon – immer weniger Menschen bereit sind, den Dienst in der Verkündigung zu übernehmen? Ich meine: Brandenburger Verhältnisse, wo in 15 Jahren aus 26 Gemeinden in 2 Kirchenbezirken 10 Gemeinden mit insgesamt gleicher Fläche in einem Kirchenbezirk von doppelter Größe unseres Landkreises entstehen. Gottesdienst in Kattenhorn monatlich samstags um 18h30?
Und was wäre, wenn – da sind wir ja schon – niemand mehr die Verantwortung als Laienprediger, Lektor, Prädikant übernähme: Wie gut, dass es Frau Gruschkus und Herrn Melsbach bei uns gibt. Und Zöllers, Hausmanns und andere – wie gut … Und Ihr Konfirmanden? Seid Ihr Euch bewusst, dass Ihr 5 Ferienwochen – Weihnachten, Ostern, Pfingsten dazu noch einige Feiertage – mittelbar Gottes Wort verdankt? Ohne das wären die auch futsch …

Ein Horrorszenario? Undenkbar? Ich habe es gedacht. Was gedacht ist, birgt in sich auch schon den Kern der Wirklichkeit. Ein Tabu also? Gut – wem dient´s? Es ist nicht so. Gott sei Dank ist es nicht so: Wir haben die Freiheit, uns zum Gottesdienst zu versammeln, wir haben die Freiheit, im Alltag als Christen zu leben – wenn und wo wirs nur tun -, wir haben die Freiheit, jede und jeder für sich Gottes Wort zu lesen, so oft und so wenig und so viel es nun auch sein mag, wir haben die Freiheit, unser Christenleben in Hauskreisen zu vertiefen. So ist es. Dass es so ist: Wie viel Sie und ich dazu beigetragen haben, lasse ich offen – wie viel Sie und ich dazu beitragen werden, wird die Zukunft zeigen. Und wir haben die Freiheit und die finanziellen Möglichkeiten und die Phantasie, alle zehn Jahre wieder ein „Jahr mit der Bibel“ zu leben, zu feiern. Und die, die es nun schon zum zweiten, dritten, vierten Mal miterlebt haben, wissen, was dieses Jahr von anderen unterscheidet.
Wir blicken auf Gelungenes zurück: Den Glaubenskurs „Reli für Erwachsene“, die Bibelwanderungen, die Bibelwoche, Gespräche im Kloster, das Kinderbibelwochenende, das Maisfeld. Wir blicken auf die 110 Gottesdienste mit über 7500 Besuchern zurück.
Und wir haben Grund zur Dankbarkeit – dafür auch, dass christliche Religion – in den Heiligabendgottesdiensten war’s ablesbar steigend im Trend liegt, gefragt ist – Und wir können froh in die Zukunft schauen: Auf dieser Basis kann man weiterbauen … Auf dieser Basis kann man weiterbauen? Ich höre mich das sagen du stocke: Beides sehe ich – mit Freude, dass der z.B. Gottesdienstbesuch hier auf der Höri 2,7% höher ist als im Bundesdurchschnitt – wobei: Was sind schon durchschnittliche 4,2%? Ich bin dankbar, dass das Kinderbibel­wochenende von einem großen ökumenischen Team vorbereitet und durchgeführt Raum für beinahe 60 Kinder bot, im „Reli für Erwachsene“ bis zu 12 TN waren, das Maisfeld von bestimmt über 5000 Menschen besucht wurde und hohe Wertschätzung erfuhr. Und, und, und – was habe ich noch nicht genannt? Sicher habe ich eine Blume aus dem großen bunten Strauß vergessen
Ich sehe aber auch – kritisch wie selbstkritisch –, wie gering die Basis der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter über die Jahre geworden ist und ahne, auf was für dünnem Eis wir uns in dieser Gemeinde bewegen – nicht nur in dieser: aber das ist ein schwacher Trost. Auf dieser Basis weiterbauen? Doch: Auf dieser Basis weiterbauen: Auf Gottes Wort. Es findet – rätselhafte Kraft und Dynamik – immer wieder neu Menschen, die sich begeistern lassen, Trost fanden und nun selber trösten können, Sinn fanden und nun selber Sinn vermitteln wollen. Gottes Wort zieht sich selbst Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter, Christen jeden Alters.
Und ich freue mich und bin dankbar für die Zusage der Bibel, die uns mit der kommenden Jahreslosung entgegenkommt: „Himmel und Erde werden vergehen – aber mein Wort wird nicht vergehen.“ Das ist ein klarer Satz. Er kündigt der Erde wie dem Himmel das automatische Recht, für immer zu bestehen – und allem, was es da gibt: Konfessionen, Kirchen und Gemeinden ebenso. Dass wir die erleben, ist Gnade – manchmal auch nicht. Aber: Gottes Wort bleibt. Er hat nicht nur das erste Wort, sondern auch das sonst oft hart umkämpfte letzte Wort. Und ich höre andere Worte der Bibel mit: „Denn gleichwie der Regen und Schnee vom Himmel fällt und nicht wieder dahin zurückkehrt, sondern feuchtet die Erde und macht sie fruchtbar und lässt wachsen, dass sie gibt Samen, zu säen, und Brot, zu essen, so soll das Wort, das aus meinem Munde geht, auch sein: Es wird nicht wieder leer zu mir zurückkommen, sondern wird tun, was mir gefällt, und ihm wird gelingen, wozu ich es sende. Denn ihr sollt in Freuden ausziehen und im Frieden geleitet werden. Jes55, 10-12“ – Jesaja hat das damals aufgeschrieben an die, die im Exil in Babylon waren. Und die haben die Wahrheit des Worts erlebt – sollten wir es da nicht erleben?

Gottes Wort – unterm Strich: ein Gewinn. Und Aufgabe. Durch die Luft pflanzt es sich nicht fort. Und die nächste Generation Christen pflücken wir auch nicht von Bäumen. Deshalb erkläre ich jedes neue Jahr zum Jahr mit der Bibel. Zum Jahr mit der Bibel für alle, damit Gottes Reich wächst. Hier. Mitten unter uns. Unwiderstehlich und schön.

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