Was muss ich tun …?

‚Du musst dich auf Jesus Christus einlassen um zu erfahren, wie dein Leben neu wird‘.

Mit diesem Satz, liebe Gemeinde, versuche ich dem Bibeltext für heute auf die Spur zu kommen.

Nikodemus hat sich auf ihn eingelassen und hat eine Menge gehört. Über das Leben, das ihn interessiert, das Fragen ihm auslöst, das seine Sehnsucht und seine Neugier weckt. Kein Wunder, denn Jesus redet sehr deutlich von der großen Zukunft des Lebens. Dreimal redet er davon – zweimal vom Reich Gottes und einmal von ewigen Leben. Damit spricht er vom wunderbaren Leben, das diesen Namen im Grunde erst verdient. Denn wenn Jesus vom Leben
redet, dann ist es das Leben, das kein Ende mehr kennt, keinen Tod. Es ist das Leben mit einer Zukunft; ein Leben ohne Einschränkung welcher Art auch immer – gesundheitlich, familiär, finanziell, was die Beziehungen angeht; ein erfülltes Leben – angefüllt, reich. Es ist das Leben, was wir Menschen ersehnen ohne dass wir wirklich genau wissen, wonach wir
uns sehnen und wie es aussieht, aber die Sehnsucht ist da. Jesus redet von einem Leben, das man nicht über bekommt.
Viele Menschen meinen ja, sie wüssten was Leben in seiner Fülle bedeutet. Sie sind gesund, haben finanziell alle Möglichkeiten, können sich alles leisten, haben auch Einfluss und Macht – aber ein wirklich erfülltes Leben haben sie trotzdem nicht. Irgendwann kippt es um
und sie sind überfressen, betrunken, benebelt, gelangweilt, angeödet, machen verrückte Sachen, um irgendwas mit ihrem Leben zu machen. Und doch bleibt es leer. Jesus Christus redet von einem Leben, das abwechslungsreich ist, spannend, gut, immer wieder neu und anders, als es sich ein Mensch vorstellen kann. Jesus redet von einem Leben, das so ist, dass sich die Frage, ob ich es will oder nicht, gar nicht stellt. Es ist klar, es ist die Sehnsucht des Menschen. Alle Menschen wollen es, alle Menschen wollen leben. Sicher, viele wollen nicht so leben, wie sie leben und dann gibt es für manche den Punkt, dass sie lieber gar nicht leben wollen als so, wie sie leben.
Aber: im Grunde wollen sie leben – nur anders, neu.

Menschen bemühen sich darum. Sie erleben sich gefangen im Alltäglichen, sehen, wie alles verfahren und verbaut ist. Sie wollen auch nicht einfach weiter machen, sondern eine neue Chance haben und machen sich dazu selbst auf den Weg. ‚Lass mich nun leben, lass mich von Neuem beginnen!‘,
an diesem Satz bleiben die Augen hängen, wenn einer, der das Gespräch Jesu mit Nikodemus kennt, die Erzählung: ‚Die Brücke von San Luis Rey‘ von Thornton Wilder liest. Es ist der
erschrockene Ausspruch einer alten Frau aus Peru; Marquesa Maria, sie will einen Brief ins benachbarte Lima bringen. Es ist ein Brief an ihre Tochter, die in Europa lebt, von der sie aber auch innerlich weit entfernt ist. Es ist ein mutiger, der erste aufrichtige Brief, fast eine Lebensbeichte über das zerstörte Mutter-Tochter-Verhältnis. Innerlich hat sie geschrieen: ‚Aber es ist nicht meine Schuld, dass ich so war. Alles war daran Schuld, schon die Art, wie ich erzogen wurde. Morgen will ich ein neues Leben beginnen.‘ Und dann schrieb sie fast die ganze Nacht bis zum frühen Morgen. Sie öffnete die Tür zum Balkon und sah
empor zu den Sternen, die über den Anden funkelten. Sie ergriff eine Kerze und ging ins Nebenzimmer. ‚Lass mich nun leben‘, flüsterte sie, ‚lass mich von neuem beginnen!‘ Endlich leben – erfüllt leben, ohne Einschränkung durch Fehler und Schuld; frei leben ohne die Lasten der Vergangenheit; noch einmal von vorn anfangen, das Leben wie ein leeres
Blatt; damit man nicht noch einmal die Fehler machen muss, die ein Leben am Ende fast als verschleudert erscheinen lassen. Aber: wie wäre das: ‚von neuem beginnen‘? Könnte es wirklich anders und besser werden, so dass wir am Ende sagen können: ja, jetzt war es gut?

Auch damit haben sich kluge Menschen kluge Gedanken gemacht und Bücher geschrieben, z.B. der Französische Existentialist Jean-Paul Sartre in ‚Das Spiel ist aus‘. Er zeigt es einmal am Beispiel eines gesellschaftlich unmöglichen Liebespaares, einem Revolutionär und einer angesehenen Dame. Ihre Liebe scheitert. Nach ihrem Tod bekommen sie die Chance noch einmal zu leben, um wirklich zu lieben. Gelingt es ihnen, dürfen sie weiter leben, machen sie die gleichen Fehler wieder, ist ihr Leben endgültig zu Ende. Sartre zeigt, dass es nicht geht, dass die beiden im vollen Bewusstsein der Tragweite ihrer Entscheidung die gleichen Fehler erneut machen. Sie setzen erneut nicht die Liebe zueinander an die erste Stelle ihres Lebens und verspielen somit ihr Leben. Noch einmal von vorn beginnen – selbst wenn es ginge, wir würden wieder scheitern, denn wir wären ja die gleichen geblieben. Von innen aus uns heraus kann es sich nicht so entwickeln, dass wir neue Menschen werden. Weder die Gabe aus Fehlern zu lernen noch beim
zweiten Mal hoffentlich alles besser zu machen lässt uns wirklich anders, also neu sein. Aber wie? Das ist die Frage des Nikodemus, die bei ihm eingebunden ist in meinen Anfangssatz: ‚Du musst dich auf Jesus Christus einlassen um zu erfahren, wie dein Leben neu wird‘. Gut, dass wir über diesen Mann nicht urteilen müssen, dass wir nicht wissen, was mit
seinem Glauben und aus seinem Leben geworden ist. Gut auch, dass wir nur spekulieren können, warum er sich nachts auf den Weg zu Jesus macht um mit ihm zu reden. Aber dass er es tut, erzählt uns Johannes.

Die entscheidenden Fragen des Glaubens und des Lebens sind ihm soviel wert, dass er sie nachts geklärt haben möchte.
Wie viel er von den Antworten Jesu wirklich verstanden hat können wir nur ahnen. Dass der Mensch von sich aus das Problem seines Lebens und seiner Zukunft nicht löst, macht Jesus mehr als deutlich <wenn er nicht von neuem geboren wird> / <wenn er nicht geboren wird aus Wasser und Geist>. Aber wie das gehen soll, kann Nikodemus nicht verstehen. Er kann doch nicht wieder in den Bauch seiner Mutter. Das kann einen nur wundern. Auch wenn Jesus sagt:
wundere dich nicht. Wenn Gott durch seinen Geist schöpferisch an einem Menschen so wirkt, dass er ein neuer
Mensch wird, als sei er neu geboren, dann kannst du dich darüber nur wundern. Wie Nikodemus. Der in dem Gespräch plötzlich nicht mehr auftaucht, einfach verschwindet. Später taucht er wieder auf, als die Pharisäer Jesus verhaften und verklagen wollen.
Nikodemus aber besteht darauf, dass man einen Menschen erst hören muss, bevor man ihn anklagt. Er hatte ihn gehört und wusste, dass man unglaubliche und wundersame Dinge hört, wenn man ihn reden lässt. Als Jesus am Kreuz gestorben war, da kommt Nikodemus wieder und zeigt seine Verbundenheit
mit dem Verstorbenen, indem er kostbare Öle bringt, ihn zu salben. Wie gesagt, was in seinem Inneren passiert ist, wissen wir nicht, aber zweimal hat er
gezeigt, dass Jesus ihm wichtig geworden war, dass der wichtige Dinge zum Leben und seiner Zukunft zu sagen weiß – wenn Menschen ihn danach fragen. Wie auch der reiche Jüngling: ‚was muss ich tun, damit ich das ewige Leben bekomme?‘

Die Sehnsucht verschiedenster Menschen kommt in ihren Fragen zum Ausdruck. Und im Grunde heißt die Antwort: ‚Du musst dich auf Jesus Christus einlassen um zu erfahren, wie dein Leben neu wird‘.
Wie das funktioniert, sagt Jesus selber 3 mal; beim ersten mal heißt es: von neuem geboren werden; beim zweiten mal: aus Wasser und Geist geboren werden und schließlich: an ihn
glauben. So bist du dicht an ihm dran, erlebst ihn und erfährst, was es für dich bedeutet. Und wenn ich es ein wenig umschreibe, meint es: nach Jesus fragen; d.h. zum Gottesdienst gehen und dort die frohe Botschaft mit anderen
Christen hören; in der Bibel, in seinem Evangelium lesen; mit ihm reden, also beten, im Gespräch mit ihm bleiben, das eigene Leben, was schön ist und was unverständlich oder schwierig – ihm sagen, als Dank, als Klage, als Bitte;
ihn wichtig sein lassen; also sein Wort ernst nehmen, auch wenn es dich kritisiert oder belastet; ihm vertrauen, auf ihn setzen, auch und gerade wenn es dir schlecht geht; vertrauen, dass
sein Weg mit dir nach vorn führt, ins Leben, auch wenn du davon gerade gar nichts spürst; die Hoffnung darauf behalten, auch wenn alles dagegen spricht; ihn lieben, gern mit ihm zu tun haben; deinen Mitmenschen liebevoll und mit Verantwortung begegnen.

Nun ist das alles natürlich kein Automatismus, auch wenn hier deutlich von der Taufe die
Rede ist; es gibt keine Garantie, dass mit der Konfirmation sich ein Mensch wirklich auf Jesus Christus einlässt. Die Lebensgeschichte von uns allen ist so offen wie sie es bei Nikodemus blieb. Aber das eine macht Jesus Christus mehr als deutlich: ohne ihn gibt es
kein Reich Gottes, kein ewiges Leben. Zum Leben hier, täglich, und dort ewiglich brauchen wir den, den der Vater – unser Vater – gesandt hat. Wir brauchen den Sohn, damit wir ihn hören, zu ihm beten, ihm vertrauen. Und wir brauchen den Geist Gottes, damit wir neu geboren werden, neue Menschen für das Reich Gottes, für das neue Leben werden. Und das Tolle ist: wir haben ihn – wir haben ihn bei der Taufe bekommen und er bleibt bei uns, damit wir leben. Das bedeutet Trinitatis: 3x zeigt dir Gott, dass wir leben dürfen und er hat alles dafür getan, dass wir es auch tun.

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