Was mit Gott verbunden ist, geht nicht verloren

Liebe Gemeinde,

heute wird ein politischer Feiertag begangen, der anscheinend – obwohl er doch ein Gedenktag ist – seine Aktualität nicht verliert. Dieser politische Gedenktag ist der Volkstrauertag – er wird nun begangen seit Anfang des letzten Jahrhunderts, ist vielfach missbraucht worden, z.B. unter der Hitler-Zeit als sogenannter "Heldengedenktag" und hat aber seit den 50er Jahren wieder einen festen Ort im Kalenderjahr. An was soll gedacht werden, liebe Gemeinde? Liest man die Broschüre des Volksbundes für Kriegsgräberfürsorge, so erfährt man dort die schrecklichen Zahlen und bekommt ein grausiges Bild vor Augen gestellt: es wird gedacht der beiden großen Weltkriege, in die auch Deutschland auf so bestimmende Weise mit eingebunden war. Genauer: es wird gedacht der Opfer dieser sinnlosen Kriege, es wird gedacht der Menschen, die Leben und Gesundheit ließen in jener Zeit. Insgesamt sind es 120 Millionen Menschen, die allein für diese zwei Kriege zahlten. Seit diesen Kriegen gab es unzählige andere Kriege auf dieser Welt, ebenfalls mit Millionen von Menschen, die starben, verkrüppelt wurden, denen die Zukunft geraubt wurde. Seit dem Anschlag in den USA geht auch bei uns wieder dieses Wort um: Krieg! Vielleicht als sogenannter gerechter Krieg – möglicherweise der Krieg gegen den Terrorismus. Aber es bleibt doch ein Krieg – mit Toten, mit Verwundeten, mit Menschen, denen alles genommen wird. Der Volkstrauertag mit seinem mahnenden Gedenken kommt dagegen nicht an – für mich wirkt er wie ein Rufer an die Menschlichkeit, der inmitten einer Menschenmenge steht, die ihn nicht hören will oder nicht hören kann. Die Kirche kennt den Volkstrauertag nicht in ihrem Kirchenjahr. Wir Christen feiern heute den vorletzten Sonntag im Kirchenjahr. Aber das Ende des Kirchenjahrs widmet sich insgesamt ähnlichen Themen: Tod, Gericht und Ewigkeit!

Und so hören wir das Predigtwort aus dem Propheten Jeremia im achten Kapitel, die Verse vier bis sieben:

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Auch hier werden uns ganz eindrückliche Bilder vor Augen gestellt: wenn jemand hinfällt, dann steht er wieder auf. Wenn sich jemand verläuft, so versucht er wieder auf den richtigen Weg zu kommen. Ganz klar, würden wir sagen: so ist es. Weiter: der Storch und die anderen Zugvögel kennen die Zeit, in der sie in den Süden fliegen und sie wissen, wann sie zurückkehren müssen. Selbstverständlichkeiten, will man meinen und wir selbst könnten die Liste noch fortschreiben: wo ist ein Hausherr, der nicht sein Dach abdichtet, wenn es durchregnet? Das würde jeder tun, der sein Haus erhalten will. Es greift jedoch nicht ganz, dieses selbstgewählte Bild, denn der Hausherr kümmert sich zwar um etwas, was ihm gehört, aber es liegt doch außerhalb von ihm. Vielleicht kann ich einen passenderen Vergleich finden. Ich wähle einen, den ich kürzlich in einer Zeitschrift gelesen habe: da erzählt ein Mann in den Fünfzigern von sich und seiner Leidenschaft, dem Rauchen. An sich noch nichts Ungewöhnliches. Ungewöhnlich wird dann erst die kommende Offenheit: ja, er hat Lungenkrebs gehabt und wurde operiert, es scheint alles gut gelaufen zu sein, aber dennoch: dennoch kann und will er nicht aufhören, zu rauchen: er weiß, dass er damit einen neuen Krebs fördern kann und er würde gerne fortkommen von diesem Tun: aber er schafft es nicht, er kommt nicht davon los – er geht in dieser, für ihn schon einmal fast todbringenden Richtung, weiter. Dieses Bild, liebe Gemeinde passt viel besser zu dem, was uns Jeremia sagen möchte, denn dieses Nicht-Handeln, dieses Nicht-Umkehren betrifft uns selber als Personen und nicht nur Dinge um uns herum. Wir laufen alle wie ein Hengst, der in der Schlacht dahinstürmt – wir schießen alle dahin in die falsche Richtung, wie ein Auto ohne Lenkung und Bremse: unaufhaltbar, ja mit grimmiger Entschlossenheit.

Was am Ende dieses falschen Weges steht, thematisiert der Prophet nicht eigens: ich denke, es ist der Tod. Und es ist noch ein anderer Tod, als der Tod, dem der Raucher aus unserem Beispiel schon mal ins Auge geblickt hat, anders auch als der Tod, den der Krieg bringt. Denn hier enden die Bilder vom Krieg und vom Rauchen – möglicherweise sind sie immer nur Ausdruck, niemals aber Ursache. Wovon wir aber reden müssen ist der Tod der Beziehung zwischen Gott und uns. Und das bedeutet mehr, als nur das Aufhören von Lebensfunktionen des Körpers – wenn man so will bedeutet dies das Aufhören der Lebensfunktionen der Seele selbst. Und wenn meine Seele ihr Leben aushaucht, dann bin ich nur noch ganz alleine übrig, d.h. dann stehe ich in keiner Beziehung mehr, auch zu Gott nicht mehr. Das ist schwer vorstellbar, denn noch sind wir andauernd in Beziehung: wir treffen Menschen, wir führen Gespräche, wir haben Kontakt zu anderen Dingen auf vielfältige Weise. Jener Zustand aber, den Jeremia im Blick hat, würde das Aus und das Ende all jener Kontakte bedeuten: dann gibt es nur noch den Einzelnen und sonst nichts mehr: eine schreckliche Vorstellung, liebe Gemeinde!

Als Jeremia diese Worte Gottes, die er zu den Kindern Gottes reden sollte, vorträgt, kann er es selber kaum glauben! Wir würden heute sagen: wie kann man nur so blöd sein? Merkst du nicht, dass du auf dem falschen Weg gehst? Wieder im Bild: Ich kenne Ärzte, die schon so manch tote Lunge gesehen haben, die schütteln voll von echtem Unverständnis den Kopf, wenn sie einen Raucher sehen: der Mensch weiß doch um alles: warum bloß hört er nicht auf? Ich kenne Menschen in der Friedensbewegung, die um den Krieg wissen, um die Opfer, um das Leid, die schütteln voll von echtem Unverständnis den Kopf, wenn sie hören und sehen, dass ein neuer Krieg im Gange ist: wie kann es noch Menschen geben, die so etwas lauthals befürworten? Dem Propheten ging es nicht anders: er ging auf die Straßen und beobachtete seine Mitmenschen: in der Tat: sie reden falsch, sie handeln falsch und schließlich sind sie falsch. Warum denn will dies Volk irregehen für und für?

Über dies Volk scheint das Urteil schon gesprochen, ja es trägt das Urteil gleichsam in sich und seinen Taten: es wird weiter stürmen in die Schlacht und: es wird darin umkommen!

Und wie ist das mit uns, die wir heute hier sitzen und stehen? Ich sage es Ihnen von hier oben herab: es ist nicht besser bestellt um uns – in unserem Reden, in unserem Tun, in unserem Sein. Selbst der große Apostel Paulus, den wir uns sonst doch immer so weit voraus wähnen, sagt von sich selbst: "Denn das Gute, das ich will, das tue ich nicht; sondern das Böse, das ich nicht will, das tue ich. Wollen habe ich wohl, aber das Gute vollbringen kann ich nicht." So beten wir auch am Anfang eines jeden Gottesdienstes: "Wir können uns nicht aus eigener Kraft von diesem sündigen Wesen erlösen." Das beschreibt auch für uns eine niederschmetternde Situation: wir wissen um den richtigen Weg und dennoch kommen wir immer wieder von ihm ab und laufen mit Eifer in die falsche Richtung. Das gilt auch für unser Sein als Christen, darin unterscheiden wir uns nicht von Jeremias Zeitgenossen. Zwar sind wir getauft und so auf Christi Namen hin gerettet, aber in dieser Welt sind wir noch nicht ganz frei, noch nicht ganz unbeschwert von dem, was immer wieder mit Gewalt nach uns greifen will. Deswegen mache ich mir Pläne und richte mich ein, so gut es geht, in der Hoffnung, damit das Übel an der Wurzel packen zu können: ich schnüre etwa feste Pakete von Wertvorstellungen, bei denen ganz klar ist: dieser Mensch gehört noch zu mir, jener aber schon nicht mehr, weil er z.B. einen anderen Lebensstil pflegt. Oder: wenn nicht auf diese oder jene Weise gebetet wird, ist das Gebet als Ganzes unwirksam. Nur die eigene Richtung zählt. So wird oft über andere Christen gesprochen und dabei wird vergessen, dass Christus gekommen ist, um auf den Anderen zuzugehen und Beziehung zu ermöglichen, die vorher überhaupt nicht denkbar war. Mit anderen Worten: Christus hat uns frei gemacht, immer wieder neu anzufangen, immer wieder neu unseren eigenen Standpunkt zu überdenken und auszubrechen aus verkrusteten Strukturen. Zunächst wieder zu Gott hin und darin dann auch zu unseren Mitmenschen.

Wie aber, liebe Gemeinde, kann das geschehen, wenn wir an unser Predigtwort denken: behalten wir nicht stur die eine Richtung bei? Wollen wir denn nicht, vermögen es aber einfach nie? Wieder denke ich an den Anfang eines jeden Gottesdienstes: es gibt jemanden, der uns den neuen Anfang schenkt. Es ist derselbe, der schon bei Jeremia über dies Volk geklagt hatte, derselbe in dessen "Warum" die große Liebe zu den Menschen offenbar wurde: Gott selbst, der Herr. Er schafft diesen Neubeginn. Vielleicht ist es Ihnen auch bei der Lesung des Predigtwortes aufgefallen: am Ende der Klage bleibt Gott nicht stehen bei der Verurteilung dieses Volkes – nein, er ist schon einen Schritt weiter, weiter auch, als es der Prophet selber sehen kann: "dies Volk" – abfällig – wird wieder zu "mein Volk" – ganz liebevoll, ja zärtlich fast. Und alles, was mit Gott verbunden ist, kann nicht verloren gehen. Erst sehr viel später im Jeremiabuch wird auch der Prophet diese Tatsache in Worte fassen können, wenn er schreibt: "Siehe es kommt die Zeit, da will ich einen neuen Bund schließen und ich will mein Gesetz in ihr Herz geben und in ihren Sinn schreiben und sie sollen mein Volk sein." Daran dürfen wir denken, liebe Gemeinde, wenn wir immer wieder dabei sind, unser kleines Leben im Alltag zu führen: wir können gewiss sein, dass Gott jedem Einzelnen von uns seine Liebe in unser Herz schreibt, immer wieder neu, immer wieder neu hingewandt zu dem, was unser Leben ausmacht: die Beziehung zu unserem Schöpfer und darin die Überwindung und das Überdenken all dessen, was dem Leben schadet: in diesen Momenten halten wir inne in unserem Reden, in unserem Tun, ja in unserem Sein und werden zu dem, was wir bei Gott schon sind: nämlich sein Volk und damit Gottes Kinder!

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