Was macht, dass ich so fröhlich bin?

Eigentlich ist doch schon alles adventlich, liebe Gemeinde. Und auch die Taufe des kleinen Julian passt so schön hinein in diese Zeit des Wartens und der Erwartung. Und übermorgen in zwei Wochen ist Heiligabend.

Eigentlich ist doch schon alles so schön adventlich – aber das Evangelium von heute, der Predigttext, der scheint sich da nicht einzufügen. So ging es mir beim ersten Hören auf diesen Abschnitt auch Lukas 21. Vielleicht ist für Sie und Euch ebenso gewesen – dieses Gefühl, dass der Text nicht zu unserer adventlichen Stimmung passt.

Als mir die Verse in der Predigtvorbereitung ein zweites Mal vorgelesen wurden, da konnte ich schon mehr damit anfangen. Diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Darum wird Frau Heuer diesen Abschnitt jetzt noch ein Mal für uns lesen.

[TEXT]

Hat sich etwas verändert – beim zweiten Hinhören? Mir ist es so ergangen, dass ich an diesen Bildern, mit denen ich zunächst nichts anfangen kann, vorbeigehört habe. Ich habe sie bewusst überhört, weil ich wusste: Gleich kommt der Vers, der mir wichtig ist. Gleich kommt der Vers, der uns ja als Wochenspruch begleitet, den wir im Psalmgebet gesungen haben. Gleich kommt der Vers, den ich als Verstehenshilfe für diejenigen Stellen benutzen möchte, die sich mir noch nicht sofort auftun, die mir versperrt sind.

„Seht auf und erhebt eure Häupter“ – damit möchte ich etwas anfangen. Wer ich aufsehe, wenn ich den Kopf und den Blick anhebe – dann sehe ich mehr. Ich sehe nicht nur mit dem Zweiten besser – nein, ich bekomme insgesamt mehr in den Blick, wenn ich aufschaue. Wenn ich meinen Blick vom Boden löse. Oder von meinem Gegenüber. Oder von etwas anderem, was meinen Blick bis dahin gefangen gehalten hat.Ich sehe auf – und löse meinen Blick. Ich erweitere meinen Horizont.

Wenn wir aufsehen und unsere Häupter erheben – dann sind neben dem Hals auch die Schultern beteiligt. Und vielleicht drücken wir auch noch unser Kreuz ordentlich durch. „Seht auf und erhebt eure Häupter“ – diese Worte verändern meine Körperhaltung.

„Seht auf und erhebt eure Häupter“ – wenn es nur bei diesen Worten bleiben würde, wäre es nicht mehr als eine Anleitung zur bloßen Gymnastik. „Kleine neutestamentliche Rückenschule“, weil es ja so gesund ist, sich zu dehnen und zu strecken.

Aber dabei bleibt der Verfasser dieses Textes ja nicht stehen. „… weil sich eure Erlösung naht“, so berichtet er, hat Jesus diesen Satz fortgeführt.

Kommt die Erlösung denn von oben? So, wie alles Gute? Der Beginn mit Sonne, Mond und Sternen weist darauf hin. Diese Kräfte des Himmels werden ins Wanken kommen. Und dann der Menschensohn – Jesus selber – in einer Wolke. „Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung von oben naht“?

Eine zweite mögliche Bedeutung ist die folgende: Wir können erhobenen Hauptes dem entgegensehen, der da kommt. Erhobenen Hauptes, weil wir uns dem, was kommt, stellen können. Wir können der Erlösung gelassen, ja, mehr noch, in freudiger Erwartung entgegensehen.

Dass die Erlösung, die kommt, uns allen gilt – das ist mir klar. Ob sie aber für uns alle auch dasselbe bedeutet – das weiß ich nicht. Allumfassend und doch individuell.

Hanns Dieter Hüsch hat dies mit den folgenden Worten beschrieben:

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen
mein Triumphieren, mein Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

Was macht, dass ich so fröhlich bin
in meinem kleinen Reich?
Ich sing und tanze her und hin
vom Kindbett bis zur Leich.
Was macht, dass ich so furchtlos bin
an vielen dunklen Tagen?
Es kommt ein Geist in meinen Sinn,
will mich durchs Leben tragen.
Was macht, dass ich so unbeschwert
und mich kein Trübsal hält?
Weil mich mein Gott das Lachen lehrt
wohl über alle Welt.

Ich bin vergnügt, erlöst, befreit,
Gott nahm in seine Hände meine Zeit,
mein Fühlen, Denken, Hören, Sagen
mein Triumphieren, mein Verzagen,
das Elend und die Zärtlichkeit.

„Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht!“ Diese Worte bleiben, dieses Versprechen bleibt. Bleibt beständiger als alles andere im Himmel und auf Erden.

Dieser Abschnitt aus dem Lukasevangelium, liebe Gemeinde, kein adventlicher Text auf den ersten Blick. Aber, wenn wir unsere Häupter erheben – und zugleich tiefer sehen – dann merken wir – er passt.

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