Was ist er dir?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

was muss man eigentlich über die Geschichte eines Menschen wissen, um sich ein treffendes Bild von ihm zu machen?

Wenn wir heute versuchen zu verstehen, warum ein Mensch so geworden ist, wie wir ihn kennen lernen, wie wir ihm begegnen, dann gehen Begleiter, Therapeuten oft in die Kindheit zurück, weil dort die Schlüssel zur Gegenwart zu liegen scheinen.

In der Auseinandersetzung mit der Gestalt Jesu, an der sich schon immer die Geister geschieden haben, genauso wie es im Evangelium des letzten Sonntags von Simeon, dem alten Frommen am Tempel in Jerusalem, vorausgesagt wurde, scheint aber gerade das keine Rolle zu spielen. Das Interesse an der Kindheit und an der Jugend Jesu ist erstaunlich gering ausgeprägt. Matthäus und Lukas wissen ein wenig über die Umstände der Geburt zu erzählen, von wundersamen und erstaunlichen Gästen – und das war es dann auch schon fast.

Markus lässt gleich den ausgewachsenen Jesus auftreten. Und im Gedächtnis der Gemeinde, im Nachdenken über das, was an diesem Jesus wichtig ist, bekennen wir Sonntag für Sonntag: geboren von der Jungfrau Maria, gelitten unter Pontius Pilatus – und dazwischen eine Riesenlücke von bald dreißig Jahren; Zeit, die nicht erwähnenswert zu sein scheint.

Fast jedenfalls, denn einer weiß doch noch etwas zu erzählen, Lukas lässt uns in seinem Evangelium Jesus als heranwachsenden begegnen.

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Eine höchst erstaunliche und lehrreiche Geschichte, die Lukas über Jesus und seine Familie erzählt, eine wahrhafte Familiengeschichte, die für mich nicht nur zur Weihnachtszeit gehört. Maria und Josef machen sich zusammen mit ihrem ganzen Ort, so wie es durchaus üblich, war auf den Weg nach Jerusalem, um dort das Passahfest zu feiern. Für Jesus, der an der Schwelle zum Erwachsenwerden steht, ist es wohl das erste Mal, dass er mitfahren darf. Eine ganze Woche wollen seine Eltern in Jerusalem bleiben. Es zeigt sich , wie fest verwurzelt diese Familie im Glauben der Väter und Mütter ist. Und es muss schon ein Erlebnis sein, mit so vielen anderen unterwegs zu sein, verbunden in der einen Absicht das große Befreiungsfest Israels zu feiern. Nicht umsonst entdecken Christen aus allen Konfessionen in unserer Zeit den alten Brauch der Pilgerfahrten neu. Und im Zusammenhang des ökumenischen Kirchentages in diesem Jahr wird eine ökumenische Pilgerfahrt auch durch unseren Kirchenkreis gehen.

Jesus hat also den Glauben der Väter und Mütter hautnah in seiner Familie erlebt, ist in diesem Glauben aufgewachsen und aufgehoben, und jetzt hineingenommen in die Praxis des Glaubens. Moderne Zeitgenossen würden von seiner religiösen Sozialisation reden. Und uns begegnet ein lebendiges Beispiel für die religiöse Erziehung von Kindern. So wird Glaube weitergegeben, in dem er zusammen mit den Kindern gelebt und gefeiert wird. Wir kennen das ja, so wie wir zusammen mit unseren Kindern Weihnachten feiern, wie dieses Fest in unseren Familien lebendig ist mit seinen Traditionen , mit seinen Geschichten und Liedern, mit seinen Bräuchen und Gewohnheiten, so werden es womöglich unsre Kinder einmal an ihre weitergeben. Auch unser eigene Glaube ist in den meisten Fällen nicht einfach vom Himmel gefallen, sondern wir sind ihm begegnet in der Art wie Menschen aus unserem Umfeld ihn vor uns schon gelebt und gefeiert haben. Da haben wir gesehen und erfahren, wie er im Leben helfen und tragen kann.

Jesus macht eine entscheidende Erfahrung: er erfährt auf diesem Weg nach Jerusalem, dass er nicht allein unterwegs ist. Und auch das ist eine symbolische, grundlegende Erfahrung. Was sich äußerlich in dieser Wallfahrt oder Pilgerfahrt vollzieht , ist sichtbarer Ausdruck für das gemeinsame Unterwegssein, ist also gewissermaßen Gemeindeerfahrung.

Keiner kann am Ende seinen Glauben wirklich allein leben, er bleibt unterwegs auf der Strecke, im wahrsten Sinne des Wortes.

In Jerusalem angekommen erlebt Jesus mit seinen Eltern dann eine ganze Festwoche mit dem Passahmahl, so wie er es mit seinen Jüngern am Ende seines Weges auch noch einmal feiern wird. Es rahmt also sein Leben. Es steht am Anfang und am Ende, ist Mitte und selbstverständlicher Teil seines Lebens. Man unterschätze nicht die Bedeutung so eines Festes mit Wegen, Bräuchen, Liedern, Geschichten und Mahlzeiten im Leben eines Menschen.

Mir kommt unsere eigene Abendmahlspraxis in den Sinn, auch wir feiern Gottes Befreiungstat von Schulderfahrungen und Todverfallenheit in dieser Welt, wenn wir an Kreuz und Auferstehung erinnern und uns mit Brot und Wein Zeichen dieser Hoffnung und Befreiung weitergeben. Im Herbst hat unsere Landeskirche auf dem Weg mit anderen evangelischen Kirchen eine neue Konfirmationsagende in Kraft gesetzt und bald kommt eine Handreichung dazu in unsre Gemeinden, in deren Mitte die Bitte stehen wird, die getauften Kinder unter uns nicht erst mit der Konfirmation in die Abendmahlsgemeinschaft aufzunehmen, sondern schon früher mit ihnen zusammen auch sinnlich zu feiern. Ich kann das gut verstehen, gerade, wenn ich heute über diese Geschichte aus der Kindheit Jesu nachdenke. Kinder gehören dazu und sie lernen und erleben schon ganz früh auch in unserer Mitte.

Dann ist das Fest vorbei, und so wie wir es in diesen Tagen nach Weihnachten erleben, steht der Alltag wieder bevor und Maria und Josef und mit ihnen die vielen anderen machen sich auf den Heimweg, zurück in ihren Alltag. Es sind so viele Menschen unterwegs, dass es erst gar nicht auffällt, dass Jesus zurückgeblieben ist. Es braucht einen ganzen Tag, bis die Eltern sein Fehlen bemerken, es wird noch viel länger brauchen, bis sie als Eltern begreifen, was ihr Sohn, ihr Kind gerade durchmacht. Er stellt im Tempel seine eigenen Fragen, gibt seine eigenen Antworten, geht seine eigenen Wege, macht seine eigenen Erfahrung im Gegenüber zu Gott. Er wird erwachsen. In diesem Sinne ist die Geschichte des zwölfjährigen eine Konfirmationsgeschichte. Zum äußeren Weg zwischen Nazareth und Jerusalem kommt der innere Weg aus der Kindheit hinein in die Welt der Erwachsenen und in die Gottesbeziehung , die aus eigenen Erfahrungen und Einsichten und nicht mehr nur aus den Geschichten der Alten lebt.

Es ist ein schmerzhafter Weg, für junge Leute, die gegen alles rebellieren, was ihren Eltern wichtig und heilig war, aber ebenso für die Eltern, die nicht so recht begreifen können, was sich da an Ablösung und Abnabelung abspielt. Maria macht ihrem Sohn heftige Vorwürfe, geboren aus der Angst von Vater und Mutter, das eigene Kind zu verlieren an die Gefahren des Lebens, bedroht an Leib und Leben und als Eltern, deren Kind nun Partner auf gleicher Augenhöhe wird.

Jesus macht eine für sich und sein Leben grundlegende Erfahrung und deshalb erzählt Lukas wohl diese Geschichte: er begreift wo sein eigentliches Zuhause ist, wer ihm eigentlich Vater , nicht nur biologisch, sondern im Alltag des vom Tode bedrohten Lebens, ist.

Ich wünsche mir oft für junge Menschen unter uns, dass sie die Gemeinde und in dieser Gestalt dann Kirche als geistliche Heimat entdecken und ich weiß, wie schwer wir uns damit tun und wie schwer wir es ihnen oft machen. Aber an dieser Aufgabe führt kein Weg vorbei. Aber zugleich müssen Maria und Josef lernen, dass ihr Kind ihnen nicht gehört, dieses Kind in besonderer Weise nicht, weil in ihm etwas einmaliges von Gott zum Leuchten kommt, mehr und grundlegender als auch in uns , in jedem Menschen etwas von Gott aufleuchtet.

Wir begegnen heute noch einmal Jesus, dem Gottessohn, damit wir auch wirklich wissen , mit wem wir es zu tun haben, bei allem, was von ihm noch zu erzählen sein wird, damit wir uns positionieren können. Bei allen Einsichten in unsere Familien , in die Entwicklung unsrer Kinder, steht am Ende die Frage: und wie hältst du es denn nun mit Jesus.

Was ist er dir?

Gottes Angebot, seine Anrede an dich, seine Einladung, dein Leben nicht allein bewältigen zu wollen?

Oder doch nur eine Randnotiz, die du nicht zur Kenntnis nehmen musst?

In der Tat, der Schlüssel dazu, die Person Jesu richtig verstehen zu können, liegt schon in der Kindheit. Gott sei Dank hat Lukas sie uns bewahrt und weitererzählt.

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