Was Ihr dem Geringsten getan habt …

Liebe Gemeinde.

Wir befinden uns im Spätherbst des Jahres 1938. Ein kleiner Lieferwagen fährt auf dem holprigen Weg zu einem Bauernhof. Der Mann auf dem Fahrersitz ist Mitte 40, er sieht müde aus. Irgendwie traurig. Er hält vor dem Wohnhaus und läutet die Glocke, die an seinem Wagen befestigt ist. Der Fahrer ist Kaufmann, der sein Geld damit verdient von Hof zu Hof zu fahren und seine Waren zu verkaufen. Von der Nähnadel bis zum Sonntagskleid – alles kann man bei ihm erwerben. Und was er nicht im Wagen hat, kann er besorgen. Auf dem Hof warten schon die Kunden mit ihren Taschen und Körben. Dabei steht ein kleiner Junge, der mit großen Augen erwartungsvoll auf den Lieferwagen blickt. Es ist jedes mal ein Ereignis, wenn der Kaufmann kommt. Abwechslung im Arbeitsalltag. Der Kaufmann öffnet seinen Lieferwagen. Alles scheint zunächst wie immer. Doch dann sagt er zu den Leuten. „Nehmt euch, was ihr braucht. Ihr müsst nichts bezahlen. Ich kann damit nichts mehr anfangen. Ich komme sowieso nicht mehr wieder. Ich wollte mich nur noch mal verabschieden.“ Spätherbst 1938. Der Kaufmann war ein Jude.

Diese Erzählung ist die Kindheitserinnerung eines alten Mannes, etwa 75 Jahre alt. Er gehörte zu den Menschen, die um den Wagen herum standen. Damals war er knapp 10 Jahre alt. Der kleine Junge mit den erwartungsvollen Augen. Dieses Bild hat er nie vergessen. Ich habe diesen Mann vor einer Woche getroffen in der Ausstellung in der Husumer Marienkirche über Christen und Juden und die Rolle der Kirche. Ich hatte dort Aufsicht und der Mann sah sich die Ausstellung an und hatte dann das Bedürfnis zu erzählen. Von den Bildern in seinem Kopf. Seinen Erinnerungen. Seinen Gedanken.

Was wohl aus dem jüdischen Kaufmann geworden ist?
– hat er es noch rechtzeitig aus Deutschland rausgeschafft?
– oder ist er wie Millionen andere in einem der Vernichtungslager gelandet?

Was hat er gemeint als er gesagt hat, ich komme nicht wieder?
– Hatte er seine Ausreise, seine Flucht geplant und gewusst ich kann eh nur das nötigste mitnehmen?
– oder war sein Satz resigniert, dem Tod ins Auge blickend. Wenn ich schon sterben muss, dann will ich mich wenigstens noch verabschieden und meinen Kunden etwas Gutes tun?

Der Mann wusste es auch nicht. Und der Gedanke daran quält ihn noch heute. Eine Kindheitserinnerung, die bleibt. Heute am Volkstrauertag denken wir an die Opfer der Kriege. Und an die Opfer von Gewaltherrschaft und Diktatur.
Ich weiß nicht, ob der Name des jüdischen Kaufmannes jemals in irgendeinem Gottesdienst verlesen wurde. Ich weiß nicht, wie viele Menschen einfach irgendwann verschwunden sind, mit oder ohne Ankündigung, und dann in irgendeinem Lager anonym umgebracht wurden. Ich weiß auch nicht ob hier in Schwabstedt Juden gelebt haben, deren Namen wir heute auch verlesen müssten.
In Friedrichstadt immerhin gab es ja eine Synagoge. Ich weiß aber, dass angesichts dessen, was ein Bundestagsabgeordneter so alles von sich geben kann, diese Mahnung des Volkstrauertages aktueller ist denn je!

Nach dem Besuch der Husumer Ausstellung habe ich in unserem Gemeindearchiv gewühlt um zu sehen, wie die Anfänge der Nazizeit in unserer Kirchengemeinde waren und wie Kirche sich bei uns verhalten hat und bin dabei auf einige Gemeindebriefe aus den Jahren 1933-35 gestoßen: Dort gab es so etwas wie eine Rubrik: Neben Sätzen aus der Bibel und Gedanken von Luther gab es regelmäßig und ausführlich – ich zitiere das mal wörtlich – “Aussagen des Führers über Kirche und Glauben.“ Was da drin stand will ich hier nicht ausführen. Aber es wird deutlich, wie sehr die Kirche, genauso wie alle anderen Institutionen schon ganz früh Teil der Nazi-Bewegung geworden ist.

In der Ausstellung in der Marienkirche wurde auf sehr anschauliche Weise dokumentiert, wie früh und auf kleiner Ebene es anfängt: eine Minderheit zu unterdrücken. Wehret den Anfängen! Wenn die Lawine erst einmal ins Rollen gekommen ist, ist sie kaum noch aufzuhalten.

Die Frage stellt sich damals wie heute: Womit fängt es an, gefährlich zu werden? Was bereitet den Boden dafür, Minderheiten zu verfolgen und misshandeln? Und wie kann ich mich dagegen wehren? Wenn wir auf die Nazi-Zeit zurückblicken, dann wissen wir das heute sehr genau. So genau, dass man sich heute kaum vorstellen kann, dass niemand geahnt haben will, wohin das führen würde. Aber ich will mir nichts anmaßen. Ich war nicht dabei. Und ich weiß nicht, wie ich gehandelt hätte.

Gucken wir stattdessen auf heute: Wenn ich mir so die aktuelle Gefühlslage in der globalisierten Welt angucke, dann ist das eine gefährliche Mischung. Auf der westlichen Seite Zukunftsangst. Angst vor Terror – und auf der anderen Unterdrückung, Ausbeutung und Krieg – im Irak. Palästina, Afghanistan und all den anderen Ländern der sog. Dritten Welt, über die im Moment zwar nicht berichtet wird, wo es aber nicht weniger brodelt. Das ganze scheint so verworren, dass keiner mehr richtig weiß, wo Ursache ist und wo Wirkung. Wieso ist es soweit gekommen? Wo ist unsere Verantwortung dafür? Schuld? Wir überblicken es nicht wirklich. Aber wir ahnen, dass wir durch unseren Lebensstil für viel mehr verantwortlich sind als wir wahr haben mögen. In 50 Jahren vielleicht – mit Abstand – wird aus unserer Ahnung Gewissheit werden. Wir können in Wohlstand leben, weil andere ausgebeutet werden.

Wir haben vorhin den Predigttext für heute gehört. Die Szene vor dem Richterstuhl Christi, vor dem wir uns zu verantworten haben. Mit diesem einen Satz: „Was du einem meiner Geringsten getan hast, das hast Du mir getan.“

Ich weiß nicht wie dieser Satz an einem Tag wie heute bei Ihnen landet. Und zwar unabhängig davon ob Sie an so etwas wie ein Gericht glauben oder nicht. Mir spricht er ins Gewissen, macht mir sogar Angst. Ich beginne mich zu hinterfragen und komme auf viele Szenen, wo ich achtlos an einem Geringsten vorbeigegangen bin. Wo ich mich schuldig gemacht habe. Und deswegen trifft dieser Predigttext heute besonders hart.

Nun ist ja Wirklichkeit bis auf wenige Ausnahmen nie nur schwarz oder weiß. Es gibt im Leben immer beides. So erlebe ich das bei mir. Ich mache mich schuldig. Versuche aber auch zu helfen – wenn auch sicher viel zu wenig. Und so, denke ich, wird das vor 60 Jahren auch gewesen sein. Auch damals wird es Menschen gegeben haben, die beides getan haben. Ihre Vorurteile über die Juden gepflegt und daneben gestanden oder vielleicht sogar mitgemacht – und trotzdem, wenn es darauf ankam, auch geholfen. Im kleinen verborgenen haben Menschen anderen zu Essen gebracht, Verfolgte versteckt und dabei ihr eigenes Leben aufs Spiel gesetzt.

„Was Du einem meiner geringsten getan hast, das hast Du mir getan.“ Das kann ich mit Angst hören, wenn ich an all die denke, denen ich nichts Gutes oder sogar Schlechtes getan habe.

Aber auch mit Hoffnung, als Chance, wenn ich an die denke, denen ich Gutes getan hab.

Ich muss nicht das große Ganze verändern. Es reicht erst einmal, wenn ich im Geringsten da bin. Und wenn das alle tun, verändert sich auch etwas. Es fängt im Kleinen an. Nicht nur das Böse, an das wir uns heute erinnern. Auch das Gute.

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