Was haben unsere Augen Weihnachten gesehen?

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

in ganz vielen Familien gehört zum Heiligen Abend nicht nur der Besuch eines Gottesdienstes, sondern auch das Lesen der Weihnachtsgeschichte . Alte , vertraute Worte: "Es begab sich aber der Zeit , dass ein Gebot von dem Kaiser Augustus ausging, dass alle Welt geschätzt würde …" Das ist nicht nur Erinnerung und Kindheit, das ist auch Heimat.

Ich habe diese alten Worte oft auch in der Schule gewählt oder im Konfirmandenunterricht gelesen. Und manchmal konnte ich in den Gesichtern die Skepsis erkennen. Ist das nicht auch so eine Geschichte nach dem Motto: es war einmal vor langer Zeit – und wenn sie nicht gestorben sind , so leben sie noch heute? Ein frommes, erbauliches, sicher nützliches Märchen, aber eben ein Märchen?

Ich kann es auch zurückhaltender formulieren: eine Geschichte mit alten, urtümlichen, deutbaren Bildern und Symbolen, eine Geschichte und nicht Historie. Fromm , erbaulich, innerlich wahr, aber ansonsten? Ja, wie stellen sich das vor? Sehen sie Maria und Josef auf Wanderschaft und später nach Matthäus auf der Flucht, Hanna und Simeon am Tempel, das Neugeborene auf dem Arm der Mutter, so wie es seit alter Zeit erzählt wird? Oder haben sie da so ihren Zweifel? Der ist jedenfalls nicht neu.

Es muss einen Grund haben, dass unser Briefschreiber, nennen wir ihn ruhig mit der Tradition Johannes, so leidenschaftlich sinnlich argumentiert : "was wir gehört und gesehen haben, was wir betrachtet und mit unseren Händen betastet haben". Mehr Wahrnehmungsmöglichkeiten gibt es eigentlich kaum noch, als sich auf Augen , Ohren und Hände zu verlassen. Da gab es in der ersten Christenheit Gruppen, die sich durchaus christlich verstanden, aber Zweifel daran hatten, dass Gottes Sohn wirklich Mensch gewesen sein soll.

Sich als Mensch "verkleidet" zu haben, trauten sie ihm sehr wohl zu. Aber Gott als sterblicher Mensch mit Haut und Haar – das überstieg ihr Vorstellungsvermögen. Wir haben es gesehen, wie haben es gehört, wir haben ihn angefasst mit eigenen Augen, Ohren und Händen. Er war mehr als eine Idee, mehr als nur ein Kostüm, er war wirklich und real. Er war da, kein Märchen aus grauer, unbestimmbarer Vorzeit, beteuert dagegen Johannes.

Mir ist dieses Beharren wichtig, wenn Menschen fragen, wie sehr man denn der Bibel trauen kann. Dann sage ich ihnen: sicher ist es so, dass Menschen eine Sache sehen und sie dann ganz unterschiedlich beschreiben und dennoch ist die Sache, das Ereignis real und konkret. So ist das auch mit der Bibel: verschiedene Menschen haben Jesus unterschiedlich wahrgenommen, ihnen war verschiedenes wichtig. Und deswegen bin ich mir sicher: Jesus , wie er war, wie er gelebt hat als Mensch unter Menschen, und Jesus , wie er Gott gepredigt hat, dass Menschen ihn neu verstanden, Jesus als Sohn Gottes, begegnet mir in den Erzählungen und Erinnerungen der Bibel, auch wenn es menschliche Erinnerungen sind.

Johannes gibt uns seine "Sicht"-weise der Dinge, wie er Jesus erfahren hat: als das Leben , als Wort des Lebens, das Gemeinschaft stiftet unter uns Menschen und mit Gott. Das ist seine Antwort auf die sehr persönliche Frage: was ist er dir? Und die lässt er sich von keinem nehmen oder ausreden. Was er mit Jesus erlebt hat, ist das Leben, Worte, die er aus dem Munde Jesu gehört haben, haben ihm zum Leben verholfen, ja, es ist so, als ob Gott selbst durch Jesus zu ihm spricht.

Es gibt also auch sehr verschiedene Weisen, diesen alten berichten zu begegnen. Ich kann sie lesen und hören als Mosaiksteinchen, um mir ein Persönlichkeitsbild zu entwerfen. Wer war einer und wie hat er gewirkt – wäre dann die Fragestellung. Ich kann versuchen einen Menschen in seinem historischen Kontext zu verstehen, ihn also geschichtlich und soziographisch einordnen. Ich kann aber auch mit den Augen und Ohren des Glaubens fragen, wo mir in der Begegnung mit ihm das Leben selbst begegnet und wo mir seine Worte Türen zum Leben und Wege im Leben öffnen. Das ist die Sichtweise, zu der uns Johannes reizen möchten, das ist das Wagnis des Glaubens, auf das wir uns einlassen dürfen.

Und dabei kann es uns gelingen, Leben ganz neu zu definieren, Leben aus der rein zeitlichen Gebundenheit zu befreien und in den weiten Raum der Ewigkeit zu stellen. Was ist Leben denn? Für viele ist es die viel zu schnell verfliegende Zeit zwischen Geburt und Tod. Sie möchten die Zeit auskosten, ausfüllen, anhalten, alles erleben, den unbändigen Lebenshunger stillen.

Ja, das ist auch Leben, ganz und gar. Ich darf gerne hier und heute leben, ich muss mich nicht schämen, wenn ich Freude an meinem irdischen Dasein habe und es genieße. Aber meinen Lebenshunger kann ich so nicht stillen. Der stößt mich immer wieder darauf, dass dieses "schöne bisschen Leben" nicht alles sein kann.

"Unruhig ist unser Herz, bis es ruht in dir" – hat der Kirchenvater Augustin in seinen Bekenntnissen geschrieben. Ich könnte auch sagen, wir tragen die Sehnsucht nach der Ewigkeit Gottes in uns, sie gehört zu uns und zu unserem Menschsein. Und in Jesus begegnet uns die Antwort auf diese Sehnsucht. In dem er uns ein neues Bild von Gott vermittelt, in dem er die Nähe Gottes lebt mit Wort und Tat, in dem er sich auf uns und unser Leben einlässt, kommen unsere Zeit und Gottes Ewigkeit, unser Leben und das ewige Leben Gottes miteinander in Berührung.

Anders kann ich mir unseren christlichen Glauben nicht denken, anders kann ich den Weg Jesu nicht beschreiben als einen Weg, der Türen ins ewige Leben öffnet. Im Evangelium haben wir von Hanna und Simeon gehört. Beide waren mit ihrer Zeit beinahe schon am Ende, als sie dieses Kind Jesus sahen und auf den Arm nahmen.

Simeon kann nur noch sagen: nun lässt du deinen Diener in Frieden fahren, denn meine Augen haben deinen Heiland gesehen. Seine Augen haben das Leben, haben Gottes Ewigkeit gesehen. Weihnachten liegt noch nicht hinter uns, aber schauen wir einmal zurück.

Was haben unsere Augen gesehen in diesem Jahr in Bethlehem, in der Krippe, in den vertrauten Erzählungen, bei unserm Feiern in den Kirchen und Familien? Haben wir das Leben gesehen, haben wir Gott auf dem Weg zu uns entdeckt? Dann können wir mit Johannes fröhlich und bewegt bekennen: Wir haben es gesehen und gehört und mit eigenen Augen betrachtet und wollen es allen weitersagen.

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