Was du nicht willst, dass man dir tu´ …

Was du nicht willst, dass man dir tu´, das fügt auch keinem andern zu. Oder: Einem bissigen Hund gib 2 Knochen. Sie kennen sicher mindestens eines dieser beiden Sprichwörter. In ihnen stecken gute Grundsätze für unser Zusammenleben. Wie schön wäre es, wenn wir sie wirklich im Miteinander beherzigen würden, als Frauen und Männer, als Kinder und Erwachsene, als Einheimische und Ausländer, im Straßenverkehr oder im Umgang mit unseren Mitgeschöpfen, den Tieren, Bäumen und Pflanzen. Diese Grundsätze legen ja nahe, dass wir uns in unser Gegenüber hineinversetzen und nachspüren wie es wohl diesem Tier geht, das wir hetzen oder dem Baum, den wir umhauen. Oder warum ein Hund bissig geworden ist. Vielleicht hat er zuwenig Liebe erfahren und musste sich sein Futter schwer kämpfen. Was macht der Klassenkamerad denn durch, auf dem wir immer wieder rumhacken. Es ist doch zu schön, wie er sich immer ärgert. Er hängt an der Reckstange nun einmal wie ein nasser Sack und hat dabei ein Gesicht, rot wie ein Feuermelder. Nee, wat hebt wie lacht. Wenn er doch wenigstens einen in der Klasse hätte, der zu ihm hielte. Wie geht es denn dem Kollegen, den wir mobben? Er braucht halt für manche Aufgaben länger und noch dazu mehrere Anläufe, bevor er ans Ziel kommt. Der ist ja so doof, dass ihn die Gänse beißen, oder weiß der denn gar nicht, was gespielt wird. Das Projekt muss doch fertig werden, denkt man sich, wenn man durch seine Ungeschicklichkeit mal wieder Überstunden schieben darf. Wenn er doch wenigsten einen in der Abteilung hätte, der zu ihm hielte. Sind in unserem Miteinander wirklich so oft Ellenbogen oder Anweisungen nötig? Könnte statt dessen nicht häufiger mal ein gutes Wort eingelegt werden. Was du nicht willst, dass man dir tu´, das fügt auch keinem andern zu.

Jesus, liebe Gemeinde, scheint diese Sprichwörter auch zu kennen. Zumindest nehmen sie auf, was er meint. Er sagt das so. Wir haben es eben gehört im Evangelium. Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Dabei ist eigentümlich, dass wir meistens nur den ersten Teil dieses Satzes im Ohr haben: Du sollst deinen Nächsten lieben. Doch Jesus sagt mehr: Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Mit dem "Wie dich selbst" gibt er den Maßstab an. So wie du behandelt werden möchtest, so verhalte dich auch gegenüber anderen. Wenn du Rechte für dich selbst einklagst, dann tue das bitte auch für andere. Wenn du möchtest, dass man dich respektiert und dir nicht weh tut, dann respektiere auch den anderen und tue ihm nicht weh. Wenn du möchtest, dass man nicht schlecht über dich redet, dann rede bitte auch nicht schlecht über andere.

Selbst Gott war dieses "wie dich selbst" ungemein wichtig. Er liebte seine Schöpfung und ruhte sich am 7. Tag aus, um wieder Kraft zu tanken und neu lieben zu können. Aber wie soll ich mich denn verhalten, wenn mich zur Zeit weder von Gott noch von meinen Mitmenschen geliebt, geknuddelt und verstanden fühlen kann oder weil ich mich vielleicht nicht liebenswert finde? Jesus geht über dieses Verhältnis von Mensch zu Mensch hinaus. Er erweitert die Beziehung zwischen mir und meinem Nächsten und holt weitere Dimension ins Leben. Er bezieht Gott mit ein und gibt uns so eine neue Blickrichtung für unser Miteinander, eine neue Perspektive. Auf die Frage "Was ist der wichtigste Grundsatz für unser Handeln?", antwortet er: "In unserem Leben geht es eben nicht nur um dich und mich allein, sondern um unser Miteinander vor Gott." Höre Israel, der Herr, unser Gott, ist der Herr und Gott allein und diesen Gott liebe von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Gemüt und mit all deinen Kräften, kurzum: Mit deiner ganzen Person so wie du bist. Aber auch mit allem was du hast. Mit deinen Mängeln, Fehlern, Stärken, Ängsten, Zweifeln und Verletzungen. Gott lieben, dazu gehört ihm Raum zu geben in unserem Leben, auf ihn zu hören, ihn anzurufen in Gebeten und Liedern und versuchen, seinen Willen zu erkennen und in seinem Sinne zu leben. Was dies bedeutet, können wir erkennen, wenn wir auf die Spuren Gottes schauen, die er in der Geschichte mit seinem geliebten Volk, zu dem wir auch gehören, hinterlassen hat. Wenn wir unser Leben genau anschauen, können wir nämlich viele dieser Spuren Gottes ausfindig machen und von seiner Güte und seinem Segen erzählen. Darum nennt die Bibel Gott einen Liebhaber des Lebens. Ja, sie sagt sogar: "Gott ist die Liebe." Weil Gott die Liebe ist, darum bin ich davon überzeugt, dass sich in unserem Leben immer wieder die Liebe durchsetzen wird, eben weil Gott die Liebe ist.

Was ändert sich eigentlich, wenn wir Gott in unser Leben einbeziehen? Er schenkt uns zum Beispiel die Fähigkeit den Nächsten als Gottes geliebtes Geschöpf zu erkennen, Doch was ist mit den "bissigen Hunden", "schrägen Vögeln", "Drönbüdels", wie wir Nordlichter sagen. Was ist mit denen, die mir das Leben so schwer machen? So merkwürdig und paradox es klingt: Auch diese Menschenkinder gehören zur großen Familie Gottes, wie wir. Gott hat sie genauso lieb wie uns. Er ist unser aller himmlischer Vater und möchte, dass wir mit ihnen in seinem Sinne zusammenleben und das Gute, welches er uns gegeben hat, an andere weitergeben. Vielleicht werden diese Menschen erträglicher, wenn man ihnen mit der Macht der Liebe begegnet.

Wo ich versuche andere Menschen mit den Augen Gottes zu sehen, weitet sich nicht nur mein Blick, sondern ich gewinne ein neues Verhältnis zu ihnen, zu den Menschen in meiner Nähe und zu denen in der Ferne. So können wir dann den Wagon mit den Dingen, die uns belasten oder am anderen stören einfach abkoppeln und auf das Abstellgleis stellen, damit unsere Lok nicht mehr so schwer ziehen muss und viel zu viel Energie verbraucht. Meistens ist dies aber richtig schwierig, seine Last abzugeben und ruhen zu lassen, besonders dann wenn wir z.B. viel Böses erfahren haben und die Wunden, die ein Streit verursacht hat, einfach nicht heilen wollen.

Aber gerade dann dürfen wir uns mit aller Kraft, von ganzer Seele, vom ganzem Herzen und von ganzem Gemüt zusammen nehmen, und versuchen diese Last, die uns lähmt, loszulassen und Gott zu überlassen, die Hände zu falten und ihn zu bitten, dass er uns dazu Kraft und Mut schenken möge: Gott lieben und den Nächsten wie dich selbst. Dazu gehören das Scheitern, der Misserfolg, andererseits aber auch die Neuanfänge. Oder anders ausgedrückt: Wenn man am Bahngleis steht und nur noch die Lichter des abfahrenden Zuges sieht, darf man sich sicher sein, dass bald ein anderer Zug einfährt, in den man einsteigen kann. Wer weiß, vielleicht hilft einem sogar ein Nächster hinein?

Ich wünsche mir jedenfalls, dass wir immer wieder neu versuchen, miteinander versuchen, auf Gottes Wegen zu gehen, in seinem Sinne zu leben und versuchen, dieses Weisung zu beherzigen: Gott lieben und den Nächsten wie sich selbst.

Dazu gebe Gott uns seine Unterstützung, schenke uns immer wieder die Kraft seines guten Geistes. Herr gib mit Mut zum Brücken bauen, gib mir den Mut zum ersten Schritt, lass mich auf Deine Brücken trauen und wenn ich gehe, geh Du mit.

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