Was du heute kannst besorgen …!

"So seht nun sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt, nicht als die Unweisen, sondern als die Weisen."

Liebe Gemeinde, niemandem von uns bleibt es erspart, dass wir im Laufe unseres Lebens Entscheidungen fällen, die uns im Nachhinein Leid tun. Das Fatale jedoch daran ist, dass wir meist erst dann zur Einsicht kommen, wenn alles zu spät ist.

Nehmen wir einmal an, wir hätten die Möglichkeit unser bisheriges Leben nachträglich zu überprüfen und zu korrigieren. Wie würden wir uns dann eigentlich verhalten? Hätten wir den Mut, alles noch einmal genau so zu machen? Oder würden wir uns entscheiden einen anderen Weg zu gehen?

Diese Fragen können wir beliebig fortsetzen und zu guter Letzt müssen wir feststellen, dass es keinen Sinn macht uns darauf einzulassen, da wir das Rad der Geschichte unseres Lebens überhaupt nicht zurückdrehen können. Jede Sekunde, jede Minute und jede Stunde sind einmalig und nicht wiederholbar.

Es hilft uns also nichts, wenn wir den verflossenen Chancen, die wir in der Vergangenheit verpasst haben, nachtrauern. Wir können allerdings mit Jesu Hilfe darauf hoffen, dass Gott uns die Fehler, die uns unterlaufen sind, nicht auf ewige Zeiten anlastet.

Die Konsequenz hieraus ist, dass wir in dem Augenblick, wenn wir uns entscheiden müssen, den nächsten Schritt gründlichst überlegen. Das Hier und Jetzt, also die Gegenwart, die sollten wir ernst nehmen. "Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt."

Der heutige Predigttext, liebe Gemeinde, sagt nichts darüber aus, dass wir mit übertriebener Vorsicht oder gar überängstlicher Zaghaftigkeit durchs Leben gehen sollen. Ohne den Mut zum Risiko, so denke ich, wäre die Geschichte aller Menschen schon lange zum Stillstand gekommen. Ohne ein gewisses Wagnis wird unsere Existenz, unser Dasein, langweilig werden.

Unser Text meint da etwas anderes. Wir sollen nicht gedankenlos in den Tag hineinleben. Eine Wochenendfahrt oder eine Fahrt ins Blaue, ich denke hier an einen Ausflug der Frauenhilfe, kann eine herrliche Sache sein. Aber niemand von uns sollte aus seinem ganzen Leben ein planloses Hin und Her machen. Das wäre allerdings nicht sehr klug, sondern im höchsten Maße sehr fatal.

Nein, auf das Planen können wir einfach nicht verzichten, auch dann nicht, wenn wir nicht wissen, was morgen sein wird, ob wir morgen überhaupt noch am Leben sind. Die Zerbrechlichkeit unseres Lebens und auch die für uns nicht verfügbare Zukunft können unseren Mangel an Vorsorge und Voraussicht nicht entschuldigen.

Das Gegenteil ist der Fall. Wir Menschen sind zum Nachdenken geschaffen. Und deshalb sehe ich es für unmenschlich an, wenn wir uns einfach im Strom der Zeit treiben lassen. Und ich sehe es weiter für unmenschlich an, wenn wir die uns heute und jetzt zugedachte Verantwortung nicht wahrnehmen. Jede Stunde unseres Lebens ist und bleibt einmalig und unwiederholbar, denn: "Achtet sorgfältig darauf, wie ihr euer Leben führt."

Lebt nicht wie unverständige Menschen, so einfach in den Tag hinein. Wenn wir es gescheit anfangen wollen, dann nutzen wir jeden einzelnen Augenblick voll aus und prüfen genau, was wir nach dem Willen Gottes heute und jetzt tun sollen.

"Lebt nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus; denn es ist böse Zeit."

Böse Zeit? – Gegen solch eine Beurteilung des Verfassers des Epheserbriefes hätten wohl die regierenden Kreise und mit ihnen auch andere damals in Rom sicher protestiert. Sie hatten ein Weltreich geschaffen und – aus unserer heutigen Sicht heraus gesehen – dieses erstaunlich gut eingerichtet. Für viele römischen Mitbürgerinnen und Mitbürger war es sicherlich eine gute Zeit.

Für die damals lebenden Juden und auch für andere unterdrückten Völker im Römischen Reich war diese Zeit bestimmt keine gute Zeit.

Und wie oft sind in unserer Geschichte, ich denke hier an die Zeit des Nationalsozialismus, die "bösen Zeiten" für viele Menschen der braunen Horden "gute Zeiten" gewesen. Und gerade diese "guten Zeiten" sind für die vielen geschundenen und zu Tode gekommenen Menschen "böse Zeiten" gewesen.

Mit der Vertreibung von Adam und Eva aus dem Paradies hat die "böse Zeit" begonnen und sie ist noch nicht zu Ende. Und mitten in dieser bösen Zeit hat Gott angefangen durch seinen Sohn sein Reich aufzurichten. Und wann, so werden viele von uns fragen, ja wann ist die böse Zeit zu Ende? Mit der Wiederkunft Jesu hat die "böse Zeit" ihr endgültiges Ende. Bis dahin: "Lebt nicht als Unweise, sondern als Weise, und kauft die Zeit aus!"

Was können wir nicht alles kaufen! Angefangen bei den lebensnotwendigen Dingen, die uns beim Leben erhalten, bis hin zu den Dingen, die unser Leben lebenswert erscheinen lassen. Und zweimal im Jahr ruft uns der Einzelhandel zum großen Ausverkauf auf. Und wenn wir dann noch etwas Glück haben, dann bekommen wir hier oder da mal etwas geschenkt.

Wie ist das mit der Zeit? Ich möchte sagen, dass auch sie ein Geschenk ist; sie vergeht, sie verrinnt, sie verstreicht. Wir können die Zeit weder aufhalten, noch kaufen. Immer müssen wir sie als Geschenk ansehen; die Zeit ist eine Kostbarkeit.

Dass die Zeit ein Geschenk ist, das wusste auch der Verfasser unseres heutigen Predigttextes. Darum mahnt er uns auch: Kaufet die Zeit aus! Wahrscheinlich wird er auch damit gemeint haben, dass wir füreinander Zeit haben sollen. Wie oft höre ich auf den Stationen unserer Krankenhäuser die Entschuldigung: Ich habe keine Zeit. "Was du heute kannst besorgen, das verschiebe ruhig auf übermorgen, denn dann hast du zwei Tage Zeit", ein altes und bekanntes Sprichwort, nur ein wenig verändert. Und seit den Zeiten der Unterdrückung und des Terrors ist dieses anders lautende Sprichwort nicht nur in Europa, sondern auf der ganzen Welt hoch aktuell.

Ja, Zeit haben, wenn es auch nur zwei Tage sind! Zeit haben für meine und meinen Nächsten, zuhören können, Sorgen abnehmen und gemeinsam beten. Zeit haben für mich selbst, um Ruhe zu finden, zu regenerieren um zu Gott zu finden.

Wie war das bei dem Gleichnis vom großen Abendmahl? Alle geladenen Gäste entschuldigten sich: Wir haben keine Zeit! Damit, liebe Gemeinde, hatten die Gäste bei dem Hausherrn, bei Gott, alles aber auch alles verloren. Aus diesem Grunde auch die Mahnung in dem Brief an die Epheser: Kauft die Zeit aus!

Wenn wir wirklich die Zeit kaufen könnten, dann könnte jemand, der viel Geld hat und seine Stunde gekommen ist, noch Zeit kaufen. Nein und nochmals nein! Die Zeit können wir nicht kaufen! Sie ist und bleibt ein Geschenk von Gott. Und für diese geschenkte Zeit hat Gott einer jeder und jedem von uns die Uhr gestellt.

Irgendwann einmal wird diese Uhr stehen bleiben. Dann ist die geschenkte Zeit vorbei – denn die Zeit können wir nicht kaufen.

Wir sollen für das Gute, für Gott, und füreinander die geschenkte Zeit nutzen und auskaufen. Wenn wir dazu in der Lage sind und das tun, dann wird alle unsere Zeit Gnadenzeit sein. Und Gnadenzeit, liebe Gemeinde, wird zur Ewigkeit werden. Ein Geschenk von oben, von Gott, und dieses Geschenk können wir nicht kaufen.

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