Wartezeiten

Liebe Gemeinde,

Advent heißt warten auf das Eigentliche. Warten. Auf Ämtern muss man warten, bis man aufgerufen wird. Auf dem Bahnhof oder Flughafen muss man warten, bis der Zug oder das Flugzeug bereitsteht, man einsteigen kann und endlich loskommt. Auch der winterliche Straßenverkehr kann auf glatten Straßen erhebliche Wartezeiten bedeuten. Warten gehört zu unserem Leben.

Wir leben in einer Zeit, wo das Warten-Können zum Fremdwort geworden ist. Viele Zeitgenossen leisten sich eine Wohnungseinrichtung oder einen Urlaub, ohne genügend Geld zu haben. Per Ratenzahlung ist ja alles möglich, und die besonderen Finanzierungsangebote kommen ja gerade in der Vorweihnachtszeit so verlockend auf den Tisch. Warum noch warten, wenn ich mir alle Wünsche erfüllen kann. Aber nicht nur im finanziellen Bereich geht das so: Auch in den zwischenmenschlichen Beziehungen merken wir, wie das Abwarten der rechten Zeit nicht nur jungen Menschen ungeheuer schwer fallt. Gerade die Freundschaft und auch die Partnerschaft sind wie kaum eine andere Sache auf das Wachsen und Reifen angewiesen: Es geht bei diesem Thema auch um die Frage der standesamtlichen Eheschließung oder um voreheliche Kontakte. Bevor diese Themen reif werden, muss eine Beziehung wachsen. Und dann kommt es auf die Geduld an, mit dem Miteinander-Schlafen bis zur Ehe zu warten.

Und noch ein drittes: Beim Umgang mit persönlichen Schwierigkeiten im Alltag erlebe ich, wie schwierig es fällt, die Lösungen von Problemen geduldig abzuwarten. Probleme müssen schnell weichen, so ist unsere Einstellung. auch Christen wollen ihre Schwierigkeiten möglichst schnell beseitigt wissen, denn sie verhindern doch scheinbar unser Leben und unseren Einsatz. Sie beschweren und belasten uns und machen uns unfrei für so manche andere Aufgabe, für die wir uns verantwortlich fühlen. Doch unsere Schwierigkeiten sind Gottes Möglichkeiten.

In unserem Text ist davon die Rede: "Stärket die müden Hände und macht fest die wankenden Knie!" Da sind Menschen, deren knie vom vielen Warten weich geworden sind, deren Hände vom vielen Arbeiten müde geworden sind. Ihnen ruft Jesaja in Gottes Namen Stärkung zu. "Saget den verzagten Herzen: ?Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott, der da vergilt, kommt und wird euch helfen"? Jesaja weiß, dass die Herzen der Menschen verzagt sind. Das ist damals nicht anders als heute. Darum tröstet er. Gott selber kommt, das ist die Botschaft von Advent.

Auch wenn der tröstliche Gedanke im Vordergrund steht ist hier von dem Gott die Rede, der die unbußfertigen Menschen bestrafen wird. Die Gleichgültigkeit und Gewaltbereitschaft unter den jungen Menschen kommt mit davon, dass oft die strafende Seite Gottes vergessen wird. Es ist nicht egal wie du lebst, Gott wird dich einmal dafür zur Rechenschaft ziehen. Die Botschaft von Advent ist, dass wir auf Gottes Kommen warten. Dann wir die gute Schöpfung Gottes wiederhergestellt sein. aber erst dann. Noch warten wir darauf. Dann werden unsere Wünsche erfüllt sein. Sicher nicht alle, die wir haben. aber dann werden wir über die unerfüllten Wünsche nicht mehr traurig sein, weil wir Gottes Willen kenne, und wissen, warum er sie so nicht oder ganz anders erfüllt hat. Darum gebe ich euch heute einen ganz anderen Wunsch mit: ich rufe euch zu, wünscht euch von Gott Zufriedenheit. Denn wenn er euch diesen Wunsch erfüllt, dann habt ihr viel Gutes für euer Leben gewonnen.

Ein junger Mann hatte einen Traum. Er betrat einen Laden. Hinter der Ladentheke stand ein Engel. Hastig fragt er ihn: "Was verkaufen Sie?" der Engel gab ihm freundlich zur Antwort: "Alles, was sie haben wollen." "Dann hätte ich gerne das Ende der Kriege in aller Welt, immer mehr Bereitschaft, miteinander zu reden, die Beseitigung aller Elendsviertel in der dritten Welt, mehr Ausbildungsplätze für Jugendliche, mehr Zeit der Eltern, mit ihren Kindern zu spielen, und, und …." Da fiel ihm der Engel ins Wort: "Entschuldigen sie, junger Mann, sie haben mich falsch verstanden. Wir verkaufen keine Früchte, wir verkaufen den Samen." Nicht nur äußerlich ist die Adventszeit einen hektische und geschäftemachende Zeit. Die Vorbereitungen auf das große Fest an Weihnachten laufen auf Hochtouren. die Einkäufe, der Großputz, der christbaumschmuck – alles ist ein Zeichen dafür, dass etwas wichtiges folgt. Diese Hektik, diese Vorbereitung kann auch als Vorbild dienen. Advent ist Vorbereitungszeit,. Vorbereitungszeit ist zeit der Umkehr. Hat nicht mein innerer Mensch wieder einmal einen Großputz nötig. Nehmt euch für diesen innere Großputz genauso viel Zeit, wie für die äußerlichen dinge. Denn dann verändert sich die Wüste unseres Alltags.

"Denn es werden Wasser in der Wüste hervorbrechen und Ströme im dürren Lande. Und wo es zuvor trocken gewesen ist, sollen Teiche stehen, und wo es dürre gewesen ist, sollen Brunnquellen sein. Wo zuvor die Schakale gelegen haben, soll Gras und Rohr und Schilf stehen." Eine alte Geschichte aus Nordafrika erzählt von einem Beduinen, der sich immer wieder der Länge nach auf den Boden legte und sein Ohr an den Wüstensand drückt. Stundenlang horcht er in die erde hinein. Verwundert fragt ihn eine Missionar: "Was machst du eigentlich auf der Erde?" Der Beduine erhebt sicht und antwortet. "Freund, ich horche, wie die Wüste weint, sie möchte so gerne ein blühender Garten sein." Die Wüste unseres Alltags weint auch, sie möchte so gerne ein blühender Garten sein. Die Wüste des Krieges weint, sie möchte so gerne ein Garten des Friedens sein. Die Wüste des Hungers weint, sie möchte so gerne, ein Garten voller Nahrung sein. Die Wüste der Armut weint, sie möchte so gerne ein Garten sein, in der alle Menschen ihr Auskommen haben. Die Wüste der Einsamkeit weint, sie möchte so gerne ein Garten der Begegnung sein. Die Wüste aus Beton weint, sie möchte so gern ein Garten voller Blumen sein. Die Wüste der Verzweiflung weint, sie möchte so gerne ein Garten voller Hoffnung sein. Die Wüste der Schuld weit, sie möchte so gerne ein Garten der Vergebung sein. Die Wüste des Sterben weint, sie möchte so gerne ein garten des neuen Lebens sein.

Eine ganze Schöpfung weint und ängstigt sich, sehnt sich und hofft auf Befreiung. das ist die Botschaft des Advent, dass Gott die Wüste dieser Welt, die wüste unseres Alltags in einen blühenden Garten verwandeln wird. Unser Herr kommt. und mit seinem Kommen beginnt eine Verwandlung. erst leise, verborgen, und andeutungsweise. Aber dann einmal mit Macht und Herrlichkeit. Darauf warten wir. Denn das eigentliche kommt noch: "Die Erlösten des HERRN werden wiederkommen und nach Zion kommen mit Jauchzen; ewige Freude wird über ihrem Haupte sein; Freude und Wonne werden sie ergreifen, und Schmerz und Seufzen wird entfliehen."

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