Wartende

Liebe Gemeinde,

hell, klar und strahlend hört sich diese Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem an, so wie sie der Evangelist Matthäus berichtet. Was da geschildert wird, ist ja ein einziger Triumphzug. Da reitet einer auf die Tore einer Stadt zu – das ist nicht irgendeine Stadt, sondern Jerusalem, die Stadt, die „Tochter Zion“ genannt wird. Es reitet nicht irgendjemand, sondern ein inzwischen im ganzen Land bekannter Wanderprediger und Wundertäter namens Jesus von Nazareth. Er ist nicht allein – sondern er wird begleitet von einer großen Menge von Menschen, die ihm vorausgehen oder ihm folgen und die schon länger mit ihm unterwegs sind, weil er sie so fasziniert hat, dass sie alles stehen und liegen ließen, um ihm nachzufolgen. Die Menge ruft und schreit und jubelt -nicht Helau und Hurra oder so etwas, sondern: „Hosianna dem Sohn Davids“ – und das heißt: Der, der da reitet, der ist wie ein König, wie der größte König, den Israel je hatte, als es noch ein eigenes Land war und nicht bloß eine römische Provinz.

Der, der da reitet, reitet nicht auf irgendeinem Reittier – sondern auf einem Esel: Das ist – so steht das beim Propheten Sacharja – das Zeichen dafür, dass hier einer kommt, den Gott gesandt hat, ein König, der das Volk Israel von Unterdrückung befreit und zur Gerechtigkeit zurückführt.

Ja, dieser Einzug in Jerusalem ist eine ganz großartige Szene. Man müsste sie im Kino sehen, am besten Breitwand und erstklassiger Stereoton. Ganz sicher ist diese Szene in leuchtend helles und klares Licht getaucht. Wenn ich mir eine Filmmusik dazu vorstelle, dann ist sie wuchtig und pompös, laut und schwungvoll, wie ein Marsch. Ihr Klang ist durchdrungen vom Jubel der Menschen, der von allen Seiten hin und her schwappt. So sieht man diesen Zug sich langsam auf die Stadt Jerusalem zu bewegen. Links und rechts am Weg stehen Menschen, breiten ihre Kleider auf dem Boden aus und reißen vor lauter Begeisterung sogar Zweige von den Bäumen, um dem, der da ankommt, den Weg zu bahnen. Großartig. Wenn es in Jerusalem damals schon eine Zeitung gegeben hätte, das wäre am nächsten Tag ganz sicher der Aufmacher gewesen: Umjubelter Prophet aus Nazareth jetzt in Jerusalem. Seite 1, und mit mehreren Fotos.

Liebe Gemeinde, aus christlicher Sicht ist das doch zunächst mal eine ganz erfreuliche Geschichte. Hier wird Jesus endlich einmal von der breiten Masse jene Anerkennung zuteil, die seiner Bedeutung angemessen ist. In dieser Szene scheint es keine Pharisäer mehr zu geben, die Jesus in Streitgespräche verwickeln, keine Jünger, die in ihrem Eifer genau das Verkehrte sagen und tun, keine Menschen, die befürchten, dass ihnen seine Botschaft etwas wegnimmt von ihrer Macht und ihrem Einfluss. Wo das Auge hinschaut in dieser Szene vor den Toren Jerusalems, da wird Jesus anerkannt in einer Weise, die keine Vorbehalte mehr kennt, die einfach nur Freude ist, und gläubiges Vertrauen auf diesen Jesus, der die Welt wieder in Ordnung bringen wird. Mindestens so viel Glanz und Wohlstand wie zu den schon legendären Zeiten des Königs David wird er doch bringen, oder?! Vielleicht wird es aber noch viel besser, etwas ganz Neues, noch nie Dagewesenes?!

Sie merken schon, dies ist eine Geschichte, in der Erwartungen eine ganz große Rolle spielen. Erwartungen an Jesus, den Mann auf dem Esel. In dem Wort Erwartungen steckt das Wort: Warten. Worauf haben die Menschen damals gewartet? Nun, auf das, was sie nicht hatten: Politische Unabhängigkeit, religiöse Freiheit, wirtschaftliches Wohlergehen. Viele erhofften sich von einem Ende der römischen Besatzung und der Wiedererrichtung eines jüdischen Staates mit einem Königshaus im Stil von David und Salomo auch eine Verbesserung ihrer persönlichen Verhältnisse. Dann würden wieder die Reichtümer des Landes im Land bleiben, statt von den Römern ausgebeutet und abgeschleppt zu werden. Dann gäbe es keine raffgierigen Zöllner mehr, und keine römischen Soldaten, die sich nehmen können, was sie wollen. Dann bräuchte man kein römisches Bürgerrecht mehr, um überhaupt als vollwertiger Mensch behandelt zu werden. Man würde wieder Recht bekommen, und die Maßstäbe des Richtens wären nicht irgendwelche philosophischen Prinzipien, sondern die Gebote Gottes. Ja, Gott hätte man dann auch wieder auf seiner Seite, wenn erst wieder ein König da wäre, der das Volk Israel anführt.

Darauf warteten die Menschen in Jerusalem und Umgebung. Sie warteten auf die große Umwälzung und das kleine Glück, das jeder dabei für sich rausschlagen könnte. Dass es einfach besser wird, wenigstens irgendwie besser. Sie warteten schon lange, nicht bloß ihr eigenes Leben lang, sogar über Generationen hinweg.

Und jetzt stehen sie da und jubeln und reißen Zweige von den Bäumen ab und breiten ihre Kleider aus und rufen: Hosianna dem Sohn Davids. Das ganze Elend ihres langen, langen Wartens macht sich Luft. Es verleiht ihnen eine unglaubliche Energie, ein Vertrauen in diesen Mann auf dem Esel, der jetzt die Macht ergreifen und alles zum Besseren wenden wird.

Nicht einmal eine Woche später stehen dieselben Menschen wieder auf der Straße, diesmal auf dem Richtplatz von Jerusalem. Der Mann der neulich auf dem Esel saß, der wird öffentlich vorgeführt: als Gefangener. Was rufen die Menschen? Nicht „Hosianna dem Sohn Davids“. Nein, jetzt rufen sie: „Kreuzige ihn, kreuzige ihn!“ Und bald wird er tot sein, der Mann auf dem Esel, hingerichtet von den Römern mit viel Zustimmung aus dem Volk.

Liebe Gemeinde, die Geschichte vom Einzug Jesu in Jerusalem ist, in diesen Zusammenhang gestellt, plötzlich gar nicht mehr strahlend. Nein, sie ist eigentlich eine ganz, ganz bittere Geschichte. Sie erzählt vom Warten und von der Erwartung, und wie das alles enttäuscht wird und zerbröselt und sich in Nichts auflöst – nein, nicht mal in Nichts, sondern in blanken Hass, der zurückschlägt auf das, was gerade noch der Strohhalm war, an dem die Leute ihr Leben neu aufhängen wollten. Der Einzug Jesu in Jerusalem ist, wie ich finde, eine traurige Geschichte. Mir tun die Menschen leid, die all ihre Gefühle auf diesen einen Mann auf dem Esel gesetzt hatten und nun mit leeren Händen da stehen. Ich finde, für Häme und Überheblichkeit ist da gar kein Anlass. Denn wir selbst könnten es ja sein, die da stehen. Auch in unserer Zeit sind viele schon für etwas, was ihnen wichtig war, auf die Straße gegangen, haben viel Herzblut und ihre ganze Leidenschaft da hinein gelegt – und mussten irgendwann enttäuscht aufgeben. Sie hatten auf etwas gewartet, das einfach nicht kommen wollte: Die Volksgemeinschaft, die klassenlose Gesellschaft, der waffenlose Weltfrieden.

Immer wieder warten Menschen auf etwas im Leben, und ich meine damit jetzt nicht das alltägliche Warten auf die verspätete S-Bahn oder an der Kasse im Supermarkt. Es gibt Menschen, bei denen hat man das Gefühl, sie warten ihr ganzes Leben lang auf etwas, das kommt nicht. Manche warten auf den 6er im Lotto, der sie zu reichen Menschen macht – aber die Kugeln rollen Samstag für Samstag anders als getippt. Manche warten auf die ganz große Liebe, den einen Menschen, der mich durch und durch versteht und an dem mir nichts rätselhaft bleibt – aber ein Versuch der Zweisamkeit nach dem anderen scheitert und endet in Tränen, Hass und Selbsthass. Manche warten auf die große Ideologie, die ihnen die Welt erklärt, und sie probieren alles durch, was zu kriegen ist, Christentum inklusive – und stoßen überall auf Spannungen und Widersprüche und offene Fragen, was sie nicht aushalten können.

Das Warten, das lange Warten auf das Erwartete macht Menschen grau und müde. Glücklich preisen kann sich der, der darüber wenigstens nicht zum Zyniker und zum Menschenhasser wird. Müde vom Warten sagen viele irgendwann: ‚ Liebe gibt’s nicht auf der Welt; Gerechtigkeit gibt’s nicht auf der Welt; diese Welt hat keinen Sinn. Schlagen wir uns irgendwie durch und bringen wir’s mit Anstand hinter uns, dieses Leben.’ Das ist ein Tiefpunkt der Verzweiflung, der erreicht wird von einem Höhepunkt der Erwartung aus. Ein trauriges Leben, das in solcher Dunkelheit auf sein Ende zuläuft.

Diese schattigen Eindrücke gehören dazu, wenn wir über den Advent nachdenken, über das Warten auf das, was wir Theologen so gerne das Heil nennen und was für jeden Menschen doch etwas sehr Eigenes bedeutet. Wenn heutzutage die Adventszeit oft als ein vorgezogenes Weihnachten gefeiert wird, dann liegt darin nicht nur die Gefahr des Überdrusses und der unadventlichen Hektik. Nein, es liegt darin auch die Gefahr, sich sozusagen sein Weihnachten zur Unzeit zu erschleichen, es vorwegzunehmen, noch bevor wir durch die Düsternis enttäuschter Erwartungen hindurch gegangen sind. Unser heutiges Evangelium kommt diesem Missverständnis des Advents insofern entgegen, als es die strahlende Seite Jesu zeigt, seine kurze Karriere als Volksheld. Aber das ist es gerade nicht, worauf es ankommt. Wer darauf setzt, muss bitter enttäuscht sein.

Denn die Geschichte Jesu geht ja weiter. Sein Leiden, seine Kreuzigung geschehen, wenn auch mit viel Publikum, so doch in großer Einsamkeit. Da ist fast niemand mehr, der auf den Messias von vorgestern noch einen Pfifferling setzen würde. Ein gescheiterter Prophet mehr, denken die Leute. Man hält auf Abstand. Das ändert sich mit der Auferstehung Jesu, so rätselhaft sie den Menschen auch bleibt. Da gibt es dann eine kleine Gruppe von Menschen, die überwindet ihre Enttäuschung. Diese Menschen, die ersten Christinnen und Christen, die merken: Wir haben einfach das Falsche erwartet. Aber wir haben das Richtige von Gott bekommen! Ganz unerwartet. Die Sehnsucht dieser Menschen hat sich erfüllt, aber nicht gemäß ihren eigenen Wunschbildern, sondern dem entsprechend, was sie für ihr Leben wirklich brauchen. Sie haben sich von ihren Erwartungen verabschiedet und ernten gerade deshalb reichlich für ihre Sehnsucht. Die Nähe Gottes, die sie jetzt spüren, wenn sie zusammenkommen, beten und gemeinsam das Brot brechen, die schützt sie auch in Zukunft vor falschen Erwartungen. Das lebenslange Warten hat ein Ende. Das Leben kommt zum Ziel.

In den Fußstapfen dieser Menschen stehen wir heute als Christen in Maisach, Gernlinden und Olching. Was erwarten wir uns vom Leben? Sind wir bereit, unsere Erwartungen so verrücken zu lassen, wie das die Menschen am Wegesrand vor den Toren Jerusalems erleben mussten? Das ist die Herausforderung, die diese Adventszeit für uns bereit hält: Wartende zu sein, und uns dann doch auch von unseren Erwartungen zu lösen, um das Unerwartete von Gott annehmen zu können.

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