Warten auf den Gekommenen

Advent, das weiß nun sicherlich jeder, Advent heißt Ankunft. Ankunft hat etwas mit Warten und Erwartung zu tun. Bei Ankunft stelle ich mir immer die Situation auf dem Bahnhof vor. Der im Zug Sitzende wartet, dass er sein Ziel erreicht, dass er da endlich hinkommt, wo er hinkommen möchte. Denn dort erfüllt sich, was er oder sie sich vorgenommen hat, oder zumindest ist es greifbarer und an dem Ort an dem man ankommt, geschieht etwas, was man vor Augen hatte.

Und es kommt mir der oder die Wartende in den Sinn. Er oder sie steht auf dem Bahnsteig, schaut in die Richtung, woher der Zug kommt. Mit erwartungsvollen Gefühlen steht man da. Und je nachdem, ob es ein freudiger Gast ist oder eine schwierige Aufgabe auf einen zukommt, davon sind die Gefühle geprägt: erwartungsvolle Freude, spannungsreiche Erwartung, oder auch Angst und Druck in der Magengegend. Um diese Wartezeit soll es heute gehen am 2. Sonntag der Adventszeit. Wir werden dabei hineingenommen in eine Zeit, als das Volk Israel wartete. Es wartete auf die Ankunft des Retters, auf die Ankunft dessen, der das Volk erlösen wird aus der Gefangenschaft in Babylon, der es zurückbringen wird nach Israel, nach Jerusalem, eben in die Heimat, die nicht nur ein Stück Land ist, in dem man lebt, sondern vor allem innere, religiöse Heimat, das Ziel alter Verheißungen Gottes auf ein Leben in seiner Gemeinschaft. Uns mag das mit unseren Lebenserwartungen zunächst fremd klingen, wir sind nicht das damalige Volk Israel, haben nicht ihre Erfahrungen, Gefühle und Gedanken. Doch ist unser Leben ist von vielen Fragen begleitet, von Erfahrungen, die uns oft unsicher werden lassen, die uns unser inneres Zuhause wanken lassen. Auch herrscht ja oft eine Art Mutlosigkeit angesichts der vielfältigen und vielschichtigen Probleme dieser Welt, so dass wir manchmal fast resignierend dastehen und sagen: es hat ja doch alles keinen Zweck. Ich richte mich ein, mit dem, was ich habe und mehr will ich gar nicht. Aber ist das Leben, ist das menschliches Leben, das Gott für uns will. Stärkt die müden Hände und macht fest die wankenden Knie! Sagt den verzagten Herzen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt zur Rache; Gott der da vergilt, kommt und wird euch helfen.

Seht, da ist euer Gott! Ich würde diesen Satz gerne aufnehmen, würde ihn so aufnehmen wollen, dass ich sagen kann: schaut mal liebe Leute hier in Groß Elbe / Gustedt, da ist Gott. Da könnt ihr ihn sehen, da könnt ihr ihn erleben, schaut nur hin, da ist er. Und ich würde dann gerne erzählen von dem, was Gott alles tut, in der Steinstr. / in der Dorfstr. und allen anderen Straßen des Ortes. Aber ich kann es nicht. Nicht weil Gott nicht in jeder Straße unseres Ortes wirksam ist, sondern weil wir es so einfach und direkt nicht sehen können. Das Leben ist zu zweideutig, als dass man es so einfach erklären könnte, nach dem Motto: da ist Gott und da ist er nicht.

Aber wenn das so ist, können wir dann überhaupt von Gott reden, können wir müde Hände stärken und wankende Knie festigen? Ist dann nicht alles Reden von Gott sowieso unsinnig? Nein, das ist es nicht. Von Gott reden, das heißt für uns, von dem zu reden, in dem Gott selber sichtbar wurde, in dem er Mensch wurde und in dem er das lebendig gemacht hat, was der Prophet Jesaja dem Volk Israel verheißen hat. Es heißt von Jesus Christus zu reden. Advent, das bedeutet das Warten auf Jesus Christus, als Vorbereitungszeit auf Weihnachten ist es also die Vorbereitungszeit auf das Kommen Jesu oder besser auf das Gekommensein Jesu. Seht da ist euer Gott, das heißt für uns Christen schaut auf Jesus Christus und seht, was alles möglich ist in unserem menschlichen Leben, seht, was Gott für dieses Leben unter uns will und bereit hat.

Beginnen wir mit dem Anfang des Lebens Jesus. Der Geburtsort Jesu: am Rande des menschlichen Lebens geboren, dort wo Gott nun am allerwenigsten zu erwarten war, da wird dieser Gott greifbar. Ich denke an Mutter Theresa, die in den Slums von Kalkutta den an Not und Elend Sterbenden ihre menschliche Würde und Anerkennung gegeben hat. Aus der Erwartung heraus, dass Gott in die Armut geboren ist und also auch in der Armut immer neu geboren werden will, hat diese Frau alle Energie eingesetzt und so diesen Ärmsten Menschen zu zeigen: Seht, da ist Gott, seht, Gott ist da. Die Geburt Jesu in der Armut, war der Beginn des göttlichen Weges zu den am Rande lebenden Menschen, in der Hoffnung und Erwartung, dass Gott sichtbar wird an diesem Ort in dem Tun der Menschen.

Und dann, Jesus in der Wüste. Einsam und allein, ausgeliefert den Sehnsüchten des Menschen. In der Gestalt des Versuchers werden sie in ihm wach: Lass Steine zu Brot werden. Mach was aus dem, was vor dir liegt, du kannst, also darfst du auch. Spalte Atom, verändere Gene, klone Tiere und Menschen, experimentiere mit alles, was dir nur möglich ist, mache daraus Ruhm, Ehre und Geld, so könnte man diese Versuchung vielleicht mit heutigen Versuchungen des Menschen vergleichen. Jesus blieb bei seinen Grundlagen: Der Mensch lebt nicht vom Brot allein, sondern von einem jeden Wort, das aus dem Munde Gottes geht. Der Mensch lebt nicht von Ruhm, Ehre, Ansehen bei den Menschen, von Reichtum und Auskommen. Wahres menschliches Leben ist getragen davon, dass Gott anspricht, dass da Vertrauen ist, auf das, was dieser Gott für die Menschen will.

Und diesen Gott soll man nicht versuchen, soll ihn nicht herausfordern, denn Gott ist nicht der Spielball der Menschen, sondern er ist ein freier Gott, dessen Handeln unabhängig von den Wünschen und Gedanken der Menschen ist. Und Jesus wurde von dem Versucher alle Macht auf Erden angeboten, wenn er nur ihn anbete. Doch Jesus blieb fest in seinem Vertrauen zu Gott, denn er wusste, dass alle irdische Macht doch immer nur begrenzte Macht ist, sei es im kleinen des privaten und gesellschaftlichen Lebens, sei es im großen politischen Leben, wo Macht, so stark sie sich auch äußern mag, immer nur eine auf Zeit war und ist.

Stärke, wirkliche menschliche Stärke liegt in dem Vertrauen, das wir in Unterordnung unter Gott entwickeln und das uns zeigt, dass die menschlichen Begrenzheiten in diesem Gott aufgehoben sind. Mögen wir auch machtlos sein, Gott können wir mehr zutrauen. Mögen unsere Kräfte schwinden, Gottes Kräfte aber schwinden nicht. Mag unser Leben zu Ende gehen hier auf der Erde, bei ihm ist noch lange nicht Schluss. Darauf zu vertrauen, durch das Leben Jesu Christi darauf zu hoffen, dies zu erwarten und es im Leben umzusetzen, das ist die Stärke des Glaubens, die die müden Hände nicht sinken lässt und auch wankende Knie fest machen kann.

Und das geht bei der Frage der Schuld weiter. Gott kommt zur Rache, er vergilt heißt es. Rache und Vergeltung heißt: da hat jemand etwas falsch gemacht, er hat jemand etwas übertreten, was fest stand, was fürs Leben notwendig war. Das Recht dessen muss aber aufrecht erhalten werden: es ist unrecht, Menschen zu töten, es ist unrecht, Menschen zu verleumden, es ist unrecht, andere zu bestehlen, es ist unrecht, Vertrauen zu missbrauchen. All dies hat seine Gültigkeit und diese Gültigkeit muss aufrecht erhalten werden, sonst kann das Leben nicht funktionieren. Willkür bringt Menschen nicht weiter. Das Recht muss gelten und daher auch Vergeltung. Doch wie sieht die bei Gott aus, was ist seine Strafe? Seine Strafe ist, dass er sich selber hingibt. Seine Form der Strafe ist, dass er Liebe und Barmherzigkeit zeigt, indem er das Kreuz für den Sünder aufrichten lässt, aber selber dieses Kreuz auf sich nimmt, damit der Sünder leben kann. Vergebung, Hinwendung zum Verlorenen, Annahme dessen, der Fehler gemacht hat, ein Neuanfang für den, der am Ende ist. Also nicht Rache im Sinne des: wie du mir, so ich dir, oder Auge um Auge, Zahn um Zahn. Vergeltung heißt bei Gott: Liebe, bis hin zur Feindesliebe. Jesus hat es vorgemacht, bei ihm kann man es entdecken. Darum können wir sagen: seht, da ist Gott.

Durch diesen Jesus werden Augen aufgetan – die Blindheit der Unmenschlichkeit wird überwunden. Durch Jesus werden die Ohren geöffnet – die auf dem Ohr des Menschlichen Tauben vermögen ganz neu zu hören. Durch Jesus werden Lahme springen – Hoffnung wird lebendig, das lahme Bein des: es hat ja doch keinen Zweck, warum soll ich das tun, wird beweglich, durch die Kraft, die von ihm ausgeht. Die Zunge der Stummen wird frohlocken – wir müssen nicht stumm bleiben angesichts einer Welt, die oft so bedrückend aussieht. Wir können reden, können dennoch Gott loben, weil er auf der Seite von uns Menschen steht. Menschliche Hoffnungen und Erwartungen haben sich erfüllt seit Jesus Christus in die Welt gekommen ist. Es hat sich etwas verändert. Die Welt ist anders geworden, auch wenn sie nicht anders auszusehen scheint wie vor tausenden von Jahren. Es ist anders, weil Gott sich hat sehen lassen, weil er bei uns angekommen ist, vor 2000 Jahren endgültig in seinem Sohn Jesus Christus.

Allerdings zeigt uns der Advent, dass dieses Kommen Jesu vor 2000 Jahren eines ist, das nicht nur in der Vergangenheit liegt, sondern gleichzeitig in der Gegenwart und in der Zukunft. Es reicht nicht, dass wir sagen, es war einmal Weihnachten, sondern das Kommen Jesu muss eigentlich täglich bei uns geschehen, es ist etwas, das immer wieder bei uns Wirklichkeit werden muss. Gerade der zweite Advent hat diesen Aspekt. Es gibt ein erstes Kommen Jesu, damals vor 2000 Jahren. Und es gibt ein zweites Kommen, nämlich das Ankommen bei uns, das Ankommen in uns. Wir stehen in dieser Zeit des Advent wieder einmal am Bahnhof, warten auf den, der da unterwegs ist zu uns. Christsein heißt, die lebendige Begegnung mit diesem Jesus immer wieder erwarten, auf uns zukommen lassen, und ihn so unter uns lebendig machen. Advent und Weihnachten ist eine Zeit der Erinnerung an den Gekommenen und gleichzeitig immer auch ein Hoffen und Erwarten, dass dieses Kommen sich in mir wiederholt. Aber weil er schon gegenwärtig ist, wird unser Hoffen auch nicht vergeblich sein. Weil er schon gegenwärtig ist, brauchen wir uns nur auf ihn einzulassen. Glaube ist eben nicht mit großen Kraftanstrengungen verbunden, sondern damit, den Gast kommen zu lassen. Und der kommende Gast freut sich auf die Begegnung mit uns. Er will uns mit seiner Gegenwart die müden Hände stärken, unsere wankenden Knie festigen und uns in eine gute, menschliche Zukunft führen. Darum möchte ich ihnen und mir zurufen: Seid getrost, fürchtet euch nicht! Seht, da ist euer Gott! Er kommt und wird euch helfen.

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