War Jesus liberal?

War Jesus liberal – ähnliche Fragen werden gestellt oder beantwortet – gerne mit Hinweis darauf, dass Jesus alle geliebt hat und allen vergeben hat. Meist ist es das Einzige, was Menschen von Jesus wissen, seine große Bereitschaft, Sünden zu vergeben. Daraus entsteht dann sehr schnell ein Sog: alles nicht so schlimm, alles halb so wild. ?Wir sind alle kleine Sünderlein‘ Der biblische Begriff Sünde wird dann leicht gebraucht für etwas, das nicht so schlimm ist: Schwarzwälder Kirsch oder ein Zigarettchen oder manchmal auch ein Seitensprung.

Deshalb lohnt es sich schon genauer hinzuhören, wie Jesus mit Sünde und Schuld umgeht. Wie er mit Menschen umgeht, in deren Leben etwas falsch ist.

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Ehrlich gesagt: Ehebruch ist immer spannend, erregt Interessen, Neugier und es redet sich immer gut darüber. Ich beteilige mich auch oft daran. In dieser Geschichte nehme ich instinktiv die Ehebrecherin in Schutz, weil ich spüre, wie sie Opfer einer bigotten Moral ist, die lüstern richtet – nach Recht und Gesetz, weil sich das gerade so gut ergibt. In Wirklichkeit interessieren sie sich aber nicht so sehr für Recht und Gesetz, sondern sie wollen Jesus eine Falle stellen und machen dafür diese Frau zu ihrem Instrument. Es geht hier überhaupt nicht um Ehebruch, den Anklägern nicht und Jesus auch nicht. Für die Ankläger geht es um die Falle, die sie Jesus stellen wollen (was gilt denn nun? Das Gesetz des Mose oder das Gesetz der Liebe). Für Jesus geht es um die Kompetenz zu richten.

Die Ankläger müssen einsehen, dass nicht nur im Leben dieser Frau etwas falsch gelaufen ist. Ihnen wird ein Spiegel vorgehalten. Ihr eigenes Leben nimmt ihnen das Recht den Lebensstil anderer anzuklagen. Es geht hier nicht um Abwägungen. Sicher waren die Ankläger Jesu zum Teil ehrenwerte Menschen, solche, die wir als gut und fromm ansehen würden. Und trotzdem hat kein Mensch das Recht zu richten, weil keiner ohne Schuld ist. Was aber die Frau im Mittelpunkt nicht gerecht spricht. Gerecht sprechen kann nur Gott – aus Gnade. Jesus nennt die Sünde Sünde und liebt den Menschen der dahinter steht und gewährt ihm eine neue Chance.

Ehrlich gesagt: Die Frage bohrt in mir: hat sie wirklich alleine Ehebruch begangen? Wo bleiben die Männer. Sie gehen geschlossen zum Angriff gegenüber und stellen nicht die Frage nach dem Ehebrecher und erst recht nicht die Frage, was diese Frau dazu getrieben haben mag, welche Verzweiflung, welches Unrecht? Auch eine gut vertuschte Vergewaltigung konnte damals Ehebruch genannt werden. Wer glaubte im Zweifelsfall schon einer Frau. Ob Jesus das mit bedacht hat. Jedenfalls sagt er nichts davon. Für mich einer der Stachel in dieser Geschichte. Das erinnert mich daran, wie einseitig manchmal auch meine Urteile ausfallen, weil ich irgendwie auch oft Partei bin, so wie die Männer in dieser Geschichte.

"Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein": ist zu einem geflügelten Wort geworden, das meist Menschen benutzen, die sich zu Unrecht angegriffen fühlen. Dafür ist es nicht da. Es ist ein Wort, das sich Menschen selbst sagen können – oder nur von Jesus sagen lassen können. Es ist ein Spiegel, der meine Urteile einordnet.

Lassen Sie mich mit einem Gedicht von Kurt Marti schließen:

Leben

als sie mit zwanzig
ein Kind erwartete
wurde ihr heirat
befohlen
als sie geheiratet hatte
Wurde ihr verzicht
auf alle studienpläne
befohlen
als sie mit dreißig
noch unternehmungslust zeigte
wurde ihr dienst im hause
befohlen
als sie mit vierzig
noch einmal zu leben versuchte
wurde ihr anstand und tugend
befohlen
als sie mit fünfzig
verbraucht und enttäuscht war
zog ihr mann
zu einer jüngeren frau
liebe gemeinde
wir befehlen zu viel
wir gehorchen zu viel
wir leben zu wenig

(Quelle: Kurt Marti, zart und genau hrg. von Siegfried Bräuer und Hansjürgen Schulz (c) Evangelische Verlagsanstalt Leipzig, Seite 223)

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