Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!

Liebe Gemeinde,

manche Dinge sind schwer mitanzusehen. Das Bild eines gestrandeten Wals, der an irgendeiner Küste verendet ist – es lässt sich beim Frühstück überblättern. Wir können kurz hinschauen und einen Augenblick lang spüren, dass es schade ist um die Meere, die zu warm werden, dass es uns leid tut um die Wale, die sich dort nicht mehr zurechtfinden, und dass wir die Kinder bedauern, die in einer Welt leben müssen, in der vieles zerstört ist, das wir noch heil und lebendig kannten. Der Tod guckt uns am Morgen aus der Zeitung an, wir seufzen auf und blättern um. Wir fühlen uns ungemütlich, wir empfinden eine Mischung aus schlechtem Gewissen und guten Vorsätzen, die uns lähmt, und wir wollen nicht länger hinsehen.

Der Walfisch im Pazifik, er ist weit entfernt. Wenn das Elend näher kommt, fällt es uns nicht mehr so leicht, wegzuschauen. Das offensichtlich drogensüchtige junge Mädchen, das an der Straße steht, um sich dort das Geld zu verdienen, das es braucht, bis es stirbt – ihr Anblick geht uns tiefer unter die Haut als das Foto von dem toten Wal. Wir fahren vorüber und können so schnell nicht umblättern in unserem Geist, wie wir es gern wollten. Gibt es schon ein erstes Grün an den Zweigen der Birken, einen Hauch womöglich? Nein. Leider. Nichts, was uns über die Misere hinwegsehen lässt. Nichts, das uns tröstet über den Zustand unserer Welt. Im Bus der Vater, der sein Kind anschreit, es solle nicht so zappeln. Wir können nicht wegschauen, denn es geschieht genau vor unserer Nase, und weghören kann ein Mensch nicht. "Sitz doch endlich still, sonst hau ich dir gleich eine runter!" Was können wir tun? Hilfe anzubieten wäre besser, als den ohnehin überforderten Mann auch noch in der Öffentlichkeit zurechtzuweisen. Aber wir haben keine Hilfe anzubieten, und so schweigen wir still, schauen aus dem Fenster und warten darauf, endlich aussteigen zu können.

Ich kann der Not nicht gut ins Gesicht schauen. Ich schaue oft beiseite, wenn es mir irgendwie gelingt. Vielleicht ist das der Grund dafür, dass ich den Film "Rashomon" liebe. Er zeigt eine schlimme Sache, die niemand freiwillig mit ansehen würde. Er zeigt einen Mord. Aber er zeigt ihn nicht einfach so. Er zeigt vielmehr, wie die Umstehenden, die Beteiligten oder Unbeteiligten, das erlebt haben, was dort geschah. Sie lässt der japanische Regisseur Akiro Kurosawa zu Wort kommen. Der Räuber sagt: Ich habe ihn im Zweikampf getötet, und Kurosawa zeigt seine Version der Geschichte. Die Frau sagt: Ich habe ihn getötet, weil er mich vergewaltigt hat, und Kurosawa zeigt ihre Version der Sache. Ihr Mann sagt: Ich habe ihn getötet, weil ich die Schande nicht ertragen konnte, und es folgen die Bilder seiner Erinnerung. Der Holzfäller sagt: Es gab ein höllisches Gemetzel. Man zeigt uns die Bilder. Wir sehen sie uns an, sie sind spannend, sie sind ganz unterschiedlich, wir wissen, dass keiner Recht hat, aber wir kommen dem Geschehen näher. Es ist ein Mord geschehen. Wir haben ihn nicht gesehen. Aber wir haben auch nicht weggeschaut. Am Ende fragen wir uns, wie unsere Lesart dieser Geschichte aussehen würde. Wer den Film gesehen hat, wird nie vergessen, wie der Holzfäller dort im strömenden Regen das schreiende Kind in seinen Armen behütet. Wir konnten hinschauen. Das ist menschlich, und es ist gut.

"Und als sie hinausgingen, fanden sie einen Menschen aus Kyrene mit Namen Simon; den zwangen sie, dass er sein Kreuz trug." Mit diesem Satz fängt die Geschichte der Kreuzigung von Jesus an, so, wie wir sie im Matthäusevangelium finden. Wir sehen das Kreuz. Aber wir sehen Jesus nicht. Einen anderen sehen wir, auf dessen Schultern das mörderisch schwere Hinrichtungsgerät liegt. Ein Afrikaner ist er, einer aus Libyen. Ein Kaufmann wahrscheinlich. Die Soldaten haben ihn zum Tragen gezwungen. Das ist ihr Recht. Das ist Gewalt. Das ist normal. Das ist schwer mit anzusehen, aber doch nicht zu schwer für uns. Wir sehen diesen Simon schwer tragen. Für die Menschen in Afrika ist er sehr wichtig. "Einer von uns hat sein Kreuz auf sich genommen", so sagen sie bis heute. Jesus sehen wir nicht. Es folgt ein Schnitt. Die nächste Szene zeigt uns wieder die Soldaten. Sie vermischen Wein mit bitterer Galle und lachen hämisch dazu. Ihr derber Scherz gelingt ihnen so, wie sie es erwartet hatten: Als Jesus den Wein kostet, den sie ihm reichen, schaudert es ihn. Er weist ihn zurück. Nach der Kreuzigung, so heißt es dann ganz lapidar, würfeln sie um seine Kleider. Jesus sehen wir wieder nicht. Wir sehen die Legionäre am Boden sitzen und würfeln. Der, den sie dort aufgehängt haben, jenseits des Ausschnitts, der uns hier gezeigt wird, lebt noch. Aber ganz bestimmt nicht mehr lange. Da kann man schon mal seine Kleidungsstücke auswürfeln und sehen, wer was bekommt. Danach bleibt den Kriegern nicht anderes übrig, als abzuwarten und aufzupassen, dass keiner den Verurteilten abnimmt und wegschafft, solange er noch zu retten ist.

Wer einmal den Film "Spiel mir das Lied vom Tod" gesehen hat, wird sich an den Vorspann erinnern, der sehr lange dauert. Während die Namen der Schauspieler und Kameraleute, des Regisseurs und der Cutterin, der Requisiteurin und der Produzentin über die Leinwand flimmern, sieht man mehrere Männer in der heißen Mittagssonne vor einem Saloon sitzen, halb ausgestreckt auf einem Bretterfußboden. Man hört die Hitze flimmern und den trägen Ventilator rattern, man sieht die Fliegen herumsummen und sich auf die Gesichter der Akteure setzen. Es ist so heiß, dass sie sie nicht einmal mehr wegscheuchen. Sie warten. Sie warten scheinbar endlos. So scheint es auch hier zu sein. Die Wachmannschaft wartet unter dem Kreuz, wir sehen sie in der Mittagshitze dort sitzen, reglos erstarrt harren sie aus.

Schließlich wird es ihnen zu dumm, die Hinrichtung dauert länger, als sie gedacht hatten, der Delinquent lebt immer noch, und sie müssen etwas tun, um sich aufzumuntern und die Zeit herumzubringen. Sie nehmen ein Stück Holz und schreiben das Todesurteil darauf, so gut der Platz es erlaubt: "Dies ist Jesus, der Juden König". Wir kennen es als Abkürzung: INRI. Jesus Nazareth Rex Judaeorum. Sie schreiben es auf und bringen es oben an. Endlich passiert etwas. Es kommt ein anderer Trupp Soldaten an, mit zwei neuen Verbrechern. Die werden auch gekreuzigt, einer links und einer rechts von dem Kreuz, das schon dort steht. Nun ist die Mittagszeit vorbei, wir sehen Leute spazierengehen, man könnte in den Bildern die Fühjahrsmode und die Hunderassen studieren, aber wir kommen nicht dazu. Stattdessen erleben wir eine höchst merkwürdige Szenenfolge: Als ob es einen Grund gäbe, sich über die Vollstreckung dieses Todesurteils aufzuregen, werden alle, die vorkommen, nun mehr oder weniger laut. Dabei ist das, was hier geschieht, doch so alltäglich und normal wie die Prügelstrafe oder der Sklavenhandel.

"Wenn du Gottes Sohn bist, steig doch herunter", so rufen sie alle, die Passanten, vorübergehen, und auch die Würdenträger, die des Wegs kommen. Ja, selbst die Leidensgenossen, die dasselbe Schicksal erdulden müssen, sparen nicht mit solchem Spott. Kann er denn herabsteigen, der Gekreuzigte, ist er dazu in der Lage?

Die diese Geschichte so in Szenen gesetzt haben, wie wir sie hier gesehen haben, sind dieser Überzeugung: Er kann. Er kann jetzt genauso herunterspringen, wie er von den Zinnen des Tempels hätte springen können, als der Versucher zu ihm sagte: "Bist du Gottes Sohn, so wirf dich hinab; denn es steht geschrieben, dass (…) seine Engel (…) dich auf Händen tragen". (Mt 4,6) Er ist eins mit Gott und lässt sich davon nicht abbringen. Deshalb steigt er ganz anders herab, als die es fordern, die ihn hier ansprechen. Er steigt in die Niederungen ihres Hohns hinab und ist sich nicht zu schade dafür. In die Verzweiflung, in die Gottverlassenheit, in den Tod steigt er hinein, um sich nichts zu ersparen, was Menschen durchmachen können. Das, was er erleidet, sehen wir nicht. Uns zeigt man nur das Drumherum, das ganze bunte Treiben an einem Freitagnachmittag, an einem Ort, der Golgatha heißt und der überall liegen könnte. Das, was wir nicht mit ansehen könnten, was wir nicht ertragen würden, bekommen wir nicht zu Gesicht. Dennoch spiegelt es sich doch in den Gesichtern, die uns gezeigt werden. Gesichter voll drückender Last, so wie bei dem Afrikaner, dem sie das Kreuz aufnötigten, dass er es tragen musste. Wir kennen sie. Wir erkennen sie wieder.

Gesichter voller Selbstgewissheit in Pflichterfüllung, die uns die Zweifel aufnötigen, die sie nicht kennen: Ist das Gesetz, das hier gilt, Recht oder Unrecht? Gesichter von Spielern, die gierig hinter einem zweifelhaften Gewinn her sind. Gesichter, die im Vorübergehen ein Schild lesen, auf dem etwas geschrieben steht – merken sie, dass es viel tiefer trifft und zutrifft, als sie es dachten? Sie merken es nicht, aber wir merken es jetzt. Wir merken, dass hier ganz normale Räuber gezeigt werden, Menschen wie du und ich. Wohlanständige Lästermäuler, die uns nur zu gut vertraut sind, sehen wir, und eine Gottverlassenheit, die uns betrifft. Wir erkennen uns selbst in dem Spiegel, den uns die Regie hier vorhält, und es bleibt uns nicht verborgen, dass wir Menschen sind, die sich weder von der gewöhnlichen Gewalt einer römischen Besatzertruppe weit entfernt haben, noch von dem zynischen Spott passiver Passanten. Was müsste passieren, damit solche Leute wie wir zur Besinnung kämen, dass wir merkten, was hier geschieht? Während wir dort herumstehen und warten, ob vielleicht eine Sensation geschieht, ob womöglich nicht doch der Prophet Elia kommt, um den Gerechten – denn dass es sich hier um einen Justizmord handelt, ist allen Beteiligten klar – um den Gerechten zu retten – während wir dort stehen, wird es finster. Elia ist nicht gekommnen. Der Gerechte ist gestorben. Es ist nichts Besonderes passiert. Außer vielleicht, dass der Todeskandidat seinen letzten Atemzug nicht verröchelt hat, sondern hinausgeschrien. Das ist ungewöhnlich.

Muss die Erde beben, müssen Felsen zerspringen, muss der Vorhang zerreißen, der das Heilige von der Welt getrennt hat, damit wir merken, was geschehen ist und antworten, wie der Hauptmann und die Soldaten es zuletzt tun? Ja. "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn gewesen" – das sprechen wir erst dann mit, wenn uns klar geworden ist, dass wir keineswegs die guten Menschen sind, für die wir uns gehalten haben. Notorische Weggucker sind wir, die sich den Blick auf das Elend dieser Welt ebenso zu ersparen suchen wie den Blick ins eigene Herz, aus dem sie schon lange eine Mördergrube gemacht haben, ohne es zu merken. Dieser, der Gottes Sohn ist, ist dagegen ein Hingucker. Einer, der sich uns zuliebe nichts erspart. Der unser Herz kennt und weiß, dass wir um seine Kleider würfeln würden, während er das ganze Elend der Welt auf sich nimmt. Er guckt uns an. Er weiß, dass wir den ganzen Jammer nicht verkraften würden, und er zwingt uns nicht, etwas zu tragen, was zu schwer für uns wäre. Uns von ihm anschauen zu lassen, seinen Blick zu spüren im Getümmel der Welt und etwas von der Liebe zu empfinden, die er für uns hat – das reicht vollauf. Es reicht, um zu sagen: "Wahrlich, dieser ist Gottes Sohn!" Wer das tut, wird anfangen, hinzuschauen. Wird menschlich. Wird Gott ähnlich.

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