Wächter auf den Mauern Jerusalems

Liebe Gemeinde,

der für den heutigen Sonntag vorgeschlagene Predigttext aus Jesaja 62, 6-12 löst nach dem neuen Gottesdienstbuch den bisherigen Text aus Römer 9,1-5.31-10,4 der alten Predigtordung ab.

Der heutige Predigttext stellt dem traditionellen Bezug auf die Zerstörung Jerusalems und seines Tempels die fortdauernde Verheißung für Israel und die Ankündigung von Heil entgegen. Das finde ich gut, denn wir Christen neigen sehr schnell dazu Gerichtstexte, so wie ihn die alte Predigtordung vorsieht, eben das Geschick Israels von der Zerstörung des Tempels bis hin zum Holocaust als Beleg seiner Verwerfung zu deuten. Hören wir nun den heutigen Predigttext aus Jesaja 62,6-12:

[TEXT]

Bis heute betet das jüdische Volk Tag für Tag darum, dass Gott seine Stadt Jerusalem wieder aufbaue und in ihr Wohnung nehme. Auch in unserem Text scheint es einzig und allein um Jerusalems Schicksal zu gehen. So frage ich mich: Ist dieser Predigttext dann für uns Christen überhaupt noch wichtig? Denn für uns ist die Zukunft von Jerusalem keine Glaubensfrage mehr. Sie ist eher ein politisches und menschliches Problem. Doch Jerusalem ist mehr. Es ist ein Symbol, an das sich alle Hoffnungen und Verheißungen knüpfen, die Gott uns gegeben hat. Jesaja erinnert Gott unaufhörlich an das, was er sich mit uns Menschen vorgenommen hat. Jesaja will und kann nicht schweigen, er drängt und lässt Gott keine Ruhe. Gott muss weiterführen, was er begonnen hat. Trotz aller nachvollziehbarer Enttäuschung ist Gottes Geschichte mit uns nicht zu Ende.

Gott befähigt uns zu einem Versöhnungshandeln, welches uns mit einbezieht. Er fordert uns als erwachsene, verantwortliche Partner seiner Verheißung. Jesaja sorgt in seiner Zeit dafür, dass Gottes Verheißung nicht als etwas Vergangenes, Steckengebliebenes verstanden werden kann. Saget der Tochter Zion: Siehe, dein Heil kommt!

Niemand von uns wird im Ernst behaupten wollen, dass wir in der bestmöglichsten Welt leben. Beweisen kann dies niemand von uns. Doch ist bei jedem von uns die Sehnsucht nach einer besseren Welt da. Aus dieser Sehnsucht heraus versuchen wir immer wieder auf irgendeine Weise uns eine neue Welt zu bauen, natürlich eine bessere, wenn nicht sogar die beste Welt! Für eine neue Welt braucht man allerdings ein Fundament. Aber wo ist das? Zugegeben vor geraumer Zeit hat es einmal die beste Welt gegeben, dies war zur Zeit der Schöpfung: Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe, es war sehr gut. (1.Mose 1,31) Diese sehr gute Welt ist verlorengegangen, doch die Sehnsucht nach dieser lebt in uns weiter. Müssen wir sie nun endgültig ad acta legen? Und bleibt sie auch weiterhin für uns nur ein unerfüllter Traum?

Nein, liebe Gemeinde, nein, das denke ich nicht. Und die Kraft hierzu, zu diesem Nein, gibt uns Gott durch sein Wort: Tochter Zion. Trotz allem ist das zerschlagene und in der Fremde gefangene Israel immer noch sein Volk, seine Tochter. Gott hält seinen Bund – aber warum nur? Er tut dies, weil er Gott ist, weil er uns Menschen will und uns nicht aufgibt, weil er aus der ganzen Menschheit Teilhaber an seiner Herrlichkeit haben will. Mit einem Mann – Abraham, mit einem Volk – Israel, hat er angefangen und mit Jesus Christus und seiner Gemeinde will er es vollenden. Das Wort aus dem Prophetenbuch: Dein Heil kommt, weist uns nach vorne. Trotz aller Schuld, auch von uns Christen, hält Gott an dem neuen Bund, der durch Jesus Christus geschlossen wurde, fest. Eine neue Menschheit, ein neues Volk Gottes ist im Werden. Uns allen gilt heute, hier und jetzt und für immer die Freudenbotschaft: Dein Heil kommt!

Liebe Gemeinde, Jesajas Verlockung, uns auf Gottes Partnerschaft einzulassen, kann auch heute noch wirksam sein. Gott braucht uns, unsere Fähigkeiten, unsere Phantasie, unsere Empfindsamkeit und unsere Erinnerung. Das mobilisiert unsere Kraft und schenkt uns Zuversicht. Am heutigen Israelsonntag brauchen auch wir die Erinnerung an unsere christliche Geschichte mit Gottes auserwähltem Volk. Jesaja hat zu seinen Landsleuten gesprochen. Deshalb ist es richtig, wenn das jüdische Volk auch heute noch die prophetischen Worte als Gottes Bekenntnis zu seiner Stadt Jerusalem und zu seinem Volk versteht. Israels Erwählung gilt auch heute. Daran ändert keine Katastrophe etwas. Daran müssen wir uns Christen erinnern. Oft war dies bei uns vergessen, ja, sogar verneint worden.

Das hat Entfremdung, Leid und Not gebracht, besonders in den 30er und 40er Jahren unseres letzten Jahrhunderts. Und doch gehören auch wir zu den Völkern, denen Jesaja Teilhabe und Mit-wirkung an der Befreiung Israels durch Gott ansagt! Aber wie schafft Gott heute Recht und Gerechtigkeit, sein Heil?

Liebe Gemeinde, ich denke an das, was ein jüdischer Ausleger von den Wächtern auf den Mauern Jerusalems gesagt hat: Die Wächter sind zuerst die Erinnerung – auch an Versagen, Schmach und Schuld. Dann sind sie die Bereitschaft, Neues zu wagen und Altbekanntes zu verändern – also auch die Umkehr von verfehltem Handeln. Und zuletzt: Vertrauen und Hoffen auf Gottes Begleitung und das Kommen seines Heils.

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