Vorgeschmack

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

es ist Advent – wer will das leugnen. Man kann es sehen, riechen, schmecken. Die Straßen und Geschäfte sind mit Lichtern geschmückt, weihnachtlichen Dekorationen sollen verführen, in den abendlichen Stunden kann man die Fenster mit Lichterketten geschmückt entdecken. In den Häusern und Familien wird gebacken und erzählt, gesungen und geschmückt. Viele wollen sich einfangen lassen von dieser besonderen Stimmung in den ersten Dezembertagen. Die Sehnsucht nach Beschaulichkeit, nach friedvoller, gemütlicher Atmosphäre, nach Geborgenheit im Familienkreis ist mit Händen zu greifen. Im Lichterglanz um den Adventskranz, mit alten und verträumten Liedern und Geschichten, stimmungsvollen Kerzenlicht, so stellen wir uns Advent vor – auch wenn es um uns herum kommerzialisiert vor allem laut und hektisch und kostspielig zugeht.

Das Evangelium, zugleich Predigttext an diesem Sonntag, ist überhaupt nicht dazu geeignet diese Sehnsucht zu befriedigen. Es ist vielmehr ein unwillkommener Störenfried inmitten unserer Besinnlichkeit. Springen uns doch Bilder aus dem Evangelium an, die wir wenigstens in diesen Tagen gerne einmal vergessen möchten.

Die Zeichen an Sonne, Mond und Sternen mögen ja noch faszinieren. Die Erinnerung an die Sonnenfinsternis vor einigen Jahren in unsren Breitengraden ist noch sehr lebendig, vor wenigen Tagen gab es an einem anderen Zipfel unserer Erde wieder ein solches Spektakel zu bewundern. Angst, dass die Welt stillstehen oder untergehen könnt, lösen sie nicht mehr aus, dazu wissen wir zuviel über die Zusammenhänge, über den Lauf der Sterne. Aber andere apokalyptische Bilder schieben sich gleich davor, die die gleiche Kraft für Menschen unsre Zeit haben wie damals für Jesu Zeitgenossen.

Das Meer ist in Gefahr, nicht erst seit Tanker zerbrechen und gegen eine Ölkatastrophe ungekannten Ausmaßes gekämpft wird. Die Bilder aus Tschetschenien oder Palästina, die endlose Spirale von Gewalt und Gegengewalt mit blutigen Opfern auf beiden Seiten, der Kampf um das Öl und der ideologische Kampf gegen die vermeintliche Achse des Bösen, ein eigentlich kaum abwendbarer Krieg am Golf, Naturkatastrophen an der Elbe oder im Busch Australiens, verhängnisvolle Wintereinbrüche in Teilen Amerikas, verheerende Stürme in der Uckermark. Das Schreckensszenario lässt sich beliebig verlängern, wenn es darum geht zu beschreiben, wie du wo sich die Welt längst aus den Angeln hebt. Das wir alle zusammen vor Angst noch nicht neurotisch geworden sind, wie Generationen vor uns, die mit dieser Angst täglich und real lebten und umgehen mussten, liegt wohl vor allen daran, dass wir hervorragende Verdrängungsmechanismen haben: so schlimm wird es schon nicht kommen. Früher war es auch schon: Das ist doch alles weit weg. Ich kann ja doch nichts ändern. Morgen schon könnten wir tot sein, also lasst uns munter und fröhlich den Tag genießen ( darum lasst uns fressen und saufen !). Wenn ich tagtäglich im vollen Bewusstsein dessen leben würde, was unmittelbar passieren kann, was mir unmittelbar an Gefahr droht, dann wäre ich wohl bald gebeugt von der Angst und Unsicherheit, von der Sorge und Verzweiflung unfähig morgens aufzustehen, das Licht des Tages zu begrüßen, die Menschen, denen ich begegne wahrzunehmen, von der Zukunft meines Lebens noch etwas zu erwarten und sie zu gestalten. Ich müsste den Kopf in den Sand stecken.

Die einzige und entscheidende Frage ist nur, ob meine oder unsere Gelassenheit noch einen anderen, einen besseren Grund hat, als nur die Verdrängung, das Verschließen der Augen vor den Tatsachen. Ob die Idylle der Adventszeit eine große religiöse und emotionale Täuschung oder die große Trotzreaktion des Glaubens ist.

Ich entdecke drei Hoffnungszeichen in der Rede Jesu, die mich letztlich dazu bringen, seine Worte als Trostworte zu verstehen.

Da heißt es zunächst: seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht. Ich müsste sie jetzt eigentlich einladen, das mit mir einmal nachzuempfinden. Um zu begreifen, welche Kraft, welche Befreiung, welche Energie darin liegt sich aufzurichten, sich zu recken und zu strecken, aus der gebeugten, nach unten gekehrten Haltung aufzustehen und sich mit dem Körper und den Augen dem Himmel zuzustrecken, das muss man erleben und das haben sie mit Sicherheit alle auch schon erlebt, das muss man tun. Das ist körperlicher Ausdruck einer Glaubenshaltung: Ich hebe meine Augen auf zum den Bergen. Woher kommt mir Hilfe ? Meine Hilfe kommt von dem Herrn, der Himmel und Erde gemacht hat. Mit solchem Glauben beginnen wir jeden Gottesdienst. Jeden Sonntag werden wir eingeladen und aufgefordert gegen die Mächte und Kräfte der Zerstörung und des Todes aufzustehen und unsre Hoffnung allein auf Gott zu setzen, bei dem Hilfe ist. Das ist zugleich körperhafter Ausdruck eines Bekenntnisses: nein ich weiß, dass all diese Todesmächte nicht stärker sind als der Gott, der Himmel und Erde gemacht hat und dessen Bogen seit Noahs Tagen davon erzählt, dass diese Welt bewahrt werden soll, auch wenn es so manches Mal eine Bewahrung vor uns ist.

Dann heißt es weiter: seht den Feigenbaum und alle anderen Bäume. Ich muss gestehen, mir tut dieses Bild besonders gut, denn ich kann heute schon den Frühling kaum erwarten und schaue erwartungsvoll auf die Knospen an den Zweigen, die mir sagen: der Frühling wird kommen, egal wie lang und kalt und unwirklich der Winter noch sein wird.

Und welchen Frühling und welchen Sommer dieser Welt hat Jesus im Blick?

Das Reich Gottes, die Zukunft für diese Welt, die Verwandlung allen Dunkels und aller Ungerechtigkeit, allen Leides und allen Todes in die helle, friedvolle und lebenswerte Zukunft des Reiches Gottes. Es ist der Sommer einer Welt, in der nicht mehr das das Sagen hat, was wir Menschen uns antun, was wir planen und gestalten, es ist der Sommer im Lichte Gottes, in seiner Gegenwart, in seiner Nähe, unaussprechlich und sicher auch unvorstellbar, nur eins wird immer gesagt, die Bilder des Schreckens und gebeugte Menschen haben dort keinen Ort mehr. Das ist nun eine wahrhaft adventliche Hoffnung. Auf das Kommen solcher Welt warten wir, für das Wachsen und Aufleuchten solcher Welt leben wir und setzen uns als Christen ein.

Von ihr wollen eigentlich auch die Lichter erzählen, die zur Adventszeit gehören. Jede Kerze am Adventskranz, jedes Licht im Fenster: Nach Gottes willen soll es nicht dunkel bleiben in dieser Welt. Sie ist ihm soviel wert, dass er in sie hineingekommen ist in der Gestalt Jesu und er will sie bewahren und verwandeln. Lasst euch also nicht von den Mächten der Zerstörung, des Krieges und des Todes entmutigen , sondern sehet auf und setzt euer Vertrauen auf die Hilfe, die von Gott. Denn dessen dürft ihr gewiss sein: Himmel und Erde werden vergehen, aber Jesu Worte bleiben in Ewigkeit und haben Bestand. Menschen, Politiker, Wirtschaftler reden viel und nun wahrhaft nicht für die Ewigkeit. Aber Jesus hat für seine Worte mit seinem Leben eingestanden und Gott hat sie mit seinem neuen, unvergänglichen Leben bekräftigt. Darauf ist Verlass.

Wenn wir heute Abendmahl miteinander feiern, dann sind Brot und Wein schon Zeichen dieser Verlässlichkeit und der Freude in Gottes neuer Welt. So soll es sein: alle werden satt, und ihr Kummer und ihr Leid sollen gestillt werden, und so wie der Wein des Menschen Herz erfreut, soll Freude dort ihren Wohnort haben.

Noch warten wir, denn ist Adventszeit. Aber unsere Hoffnung gibt uns heute schon einen Vorgeschmack dieser Welt aufrechter und getrösteter Menschen.

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