Vorbild

Liebe Gemeinde,

eine alte Fabel erzählt von einer tapsigen Henne auf einem Bauernhof. Eines Tages tritt sie zufällig auf den Fuß einer Ente. Das tut der Ente zwar nicht weh. Trotzdem rennt sie aufgeregt hin und her und beginnt die Henne zu verfolgen. Doch als sie quakend hinter ihr her watschelt, streift sie die Flügel der Gans. Die Gans betrachtet das als bewusste Herausforderung. Und so beginnt sie, schnatternd hinter der Ente herzufliegen. Dabei berührt sie die Katze, die in der Mittagsonne vor sich hin döst. Die Katze schreckt mit feurigen Augen auf und faucht: "Das sollst du mir büßen!" Sie jagt fauchend der Gans nach und prallt dabei voll auf den Hund. Der findet sich sogleich im Mittelpunkt des Geschehens wieder. Der Hund, er konnte Katzen noch nie leiden, sieht das gleich als eine Chance zur Kriegserklärung. Er jagt sie bellend in den Heuhaufen. Die Katze versucht zu entkommen, doch der Hund gibt ihr dazu keine Gelegenheit. Er prallt dabei allerdings voll auf die Kuh. Die wirft vor Schreck den Milcheimer um. Und der ganze Inhalt ergießt sich über den Stallboden. Was für ein Durcheinander! Und alles fing damit an, dass die Henne an den Fuß der Ente getreten war.

So leicht kann aus einer Mücke ein Elefant werden. Die Ente fühlt sich durch das Verhalten der Henne provoziert, so dass sie keine Rücksicht darauf nimmt, dass die Henne tapsig und ungeschickt ist. Auch die anderen Tiere reagieren nervös und überreizt. Auch wir haben es nötig, solche nervöse Überreizungen in uns zu bekämpfen. Es muss noch einen anderen Weg geben als den, das alles im Chaos endet. Wir brauchen Vorbilder, die uns diesen Weg zeigen. So ein Vorbild war Jesus, der zu uns Menschen gekommen ist: Er nahm Knechtsgestalt an und wurde uns Menschen gleich und erniedrigte sich selbst und war gehorsam bis zum Tod, ja zum Tod am Kreuz. Und: darum hat ihn Gott erhöht und ihm einen Namen gegeben, der über aller Namen ist. Jesu hingebungsvoller und mutiger Dienst hat die Strukturen der Welt auf den Kopf gestellt: nicht Herrschaft, Reichtum, Selbstruhm und Stolz sind das, was vor Gott zählt. Seit Jesu Kreuz und Auferstehung ist ein anderer Weg vorgezeichnet: der Weg der Liebe, des Dienens, der Hingabe und des Gehorsams.

Diesen Weg hat uns Jesus vorbildlich vorgelebt. Jesus hat uns die richtige Einstellung gezeigt. Sein Lebensweg ist ein einzigartiger Weg, die Dinge anders anzugehen. Sein treuer und mutiger Dienst am Menschen hat die Welt verändert. Wenn wir ein Wort für dieses Verhalten suchen, stoßen wir auf Demut. Doch dieses Wort hat heute einen schlechten Ruf. Es passt nicht so recht zu persönlicher Freiheit und Selbstverwirklichung. Die meisten Menschen können der Demut nichts mehr abgewinnen. Die landläufige Meinung ist: Demütige Menschen haben ein gekrümmtes Rückgrat. Sie buckeln, sind unterwürfig, im besten Fall bescheiden. Demütige Menschen lehnen sich niemals auf, sie gehorchen, sind dem Schicksal ergeben, im schlimmsten Fall feige. Wen wundert’s: da will keiner mehr demütig sein.

Aus dieser Sicht ist Demut ein passives Erleiden der Dinge. Doch dabei bedeutet Demut im ursprünglichen Wortsinn: Das Wort Demut ist ein aus "Dio" Diener, Knecht und "Muot" Gesinnung zusammengesetzter Begriff und bezeichnet die Gesinnung eines Dienenden oder den Mut zum Dienen. Dienen ist also durchaus ein aktiver Vorgang, keine passive Haltung. In dem Begriff kommt treffend zum Ausdruck, dass die Gesinnung des Dienens nicht mit passiver Unterwürfigkeit, sondern mit Mut und Kraft zu tun hat. Das sehen wir auch, wenn wir uns die gegensätzlichen Begriffen anschauen. es sind Eigennutz und eitle Ehre.

Demut ist also Mut zum Dienen. Ein Mut, der es wagt, den dienenden, den unteren Weg zu gehen. Ein Mut, der eine ganz andere Stärke demonstriert als Herrschaft und Reichtum, Stolz und Geltungsbedürfnis. Ein Mut, der zum Handeln führt. Er setzt eine starke Persönlichkeit voraus und viel Fantasie. Etwas für Menschen, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden stehen. Sie sehen mit wachen Augen, hören gespitzten Ohren und reden mit geschärfter Zunge. Die Demut packt die Dinge auf einen andere Weise an, sie handelt aus der Liebe heraus und vergibt dem anderen.

Und wer aus der Liebe heraus handelt, der duldet nicht, dass sich eine kleine Mücke zu einem Elefanten aufbauscht. Eine Henne tritt einer Ente auf den Fuß und ein Bauernhof steht Kopf. Wenn ich mich weigere bei diesem Spiel mitzumachen, ist das eine höchst aktive Sache. Ich verzichte bewusst darauf, zurückzuschlagen. Ich gehe den unteren, den dienenden Weg. Und das kann ich, weil ich meine Kraft aus den Glauben schöpfe. Ich nehme mir das Leben Jesu als Vorbild und vergebe meine Mitmenschen. Und wenn sich solche Menschen zusammentun, die Jesu Worten vertrauen, dann gilt und ereignet sich, was Paulus hier schreibt: "Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, denkt von euch selbst gering, und achtet den anderen mehr als euch selbst."

Für das tägliche Leben heißt das: Jeder soll die Eigenheiten seiner Mitmenschen achten. Wenn Dir daran liegt Frieden zu bewahren, werden sie sich davor hüten, überall ihren eigenen "Senf" dazu zu geben. Es hat keinen Sinn, den wütenden Stier noch mit einem roten Tuch zu reizen. Es ist besser bei einem Streit einmal den ersten Schritt zu tun und dem anderen zu vergeben. Denn dann helfen wir uns gegenseitig auf. Jemand fragte einmal eine ältere und sympathische Dame, wie sie es schafft, so viele Freunde zu behalten. "Nun", sagt sie, "da gibt es für mich eine goldene Regel, die ich jeden Tag beherzige. Ich achte sehr sorgfältig darauf, was ich sage: Ich wäge meine Worte genau ab, bevor ich sie über meine Lippen kommen lasse." Gott selbst steht zu denen, die demütig sind und erwartet von uns Menschen, dass wir ihm Demut entgegenbringen. Gott die Ehre geben, ihm dienen, Mut zu haben zum Dienst vor Gott, das ist die Erwartung Gottes. Nicht herrschen ist die Haltung des Lebens vor Gott, sondern ein mutiger Dienst. Das zeigt sich auch im Gottesdienst. Gott dient uns, damit wir hinausgehen in den Alltag und dort Gott dienen. Gerade die Lebenshaltungen, die so schnell als unbrauchbar dahingestellt werden gegenüber Dynamik, Macht, Erfolg, Gewalt – die sind es die letztlich vor Gott zählen.

Natürlich gibt es auch die hässliche Form der Unterwürfigkeit, die überall buckelt und dienert, niemanden wehtun möchte, nirgends aneckt, und darum letzt endlich auch niemand dient: Lasst euch den Siegespreis von niemand nehmen, der sich gefällt in falscher Demut und Verehrung der Engel und sich dessen rühmt, was er geschaut hat "Lasst euch deshalb durch niemanden von euerm Ziel abbringen. Schon gar nicht von solchen Leuten, die sich in falsch verstandener Demut gefallen, zu Engeln beten und sich dabei stolz auf ihre Visionen berufen. Diese Menschen haben nicht den geringsten Grund, sich derart aufzuspielen." (Kolosser 2,18) Christliche Demut hat mit Unterwürfigkeit und neuer sklavischer Abhängigkeit nichts zu tun. Wenn es heißt: den Demütigen gibt Gott Gnade (Sprüche 3, 34 Luther), dann ist damit doch eine ganz neue Freiheit verbunden. Dienen ist kein schweres Los mehr, sondern ein freudiges Recht. Demut hat mit Mut zu tun und nicht mit Furcht.

Die christliche Ethik lässt sich im Begriff der Demut zusammenfassen: höchstes Gebot Demut ist das neue Kleid der Christen (Kolosser 3,12; 1.Petrus 5,5) Demut, ein Wort, dass so eine Brücke der Liebe zum Mitmenschen baut ist: "Schön das es dich gibt." In dieser Liebe achtet einer den anderen höher als sich selbst. Ihre Kraft schöpft sie aus dem Glauben an Jesus Christus. Diese Liebe ist stärker als Zorn. Denn sie entwaffnet ihn. Diese Erfahrung wünsche ich Ihnen für Ihr Leben. Aus eigner Kraft schaffen wir diese Bereitschaft zum Frieden nicht. Wir bedürfen dazu des Glaubens, der sich von Jesus geliebt weiß und sich der Vergebung der eigenen Sünden gewiss ist.

Demut hat dann drei Folgen:
1) den anderen höher achten als sich selbst – schön das es dich gibt
2) nicht auf das seine sehen – der eigenen Vorteil ist oft der Nachteil des anderen Fang mit dem Menschen an, der dir am nächsten steht mit deinem Ehepartner, deinen Eltern, deinen Kindern
3) sehen, was dem anderen dient, d.h. sich in den anderen hineinversetzen.

Das ist es was Paulus hier schreibt: 2:3 Weder Neid noch blinder Ehrgeiz sollen euer Handeln bestimmen. Im Gegenteil, denkt von euch selbst gering, und achtet den anderen mehr als euch selbst. 2:4 Denkt nicht immer zuerst an euch, sondern kümmert und sorgt euch auch um die anderen.

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