Vor der Freude kommt das Erschrecken

Liebe Gemeinde,

warum erschrecken Menschen eigentlich, wenn ihnen ein Engel begegnet? Sind das nicht alles schöne Botschaften – Maria, du wirst ein Kind bekommen, Hirten, euch soll es besser gehen, ihr Frauen – Jesus lebt? Müsste man da nicht in Jubel ausbrechen? Aber immer heißt der erste Satz – fürchtet euch nicht. Die Frage ist mir vor zwei Tagen gestellt worden und ich habe darüber noch lange nachgedacht. Natürlich, man könnte es sich vielleicht bildlich vorstellen – wie würden wir reagieren, wenn tatsächlich ein Engel vor uns stünde. Wir wissen ja gar nicht, wie er aussehen würde, würden es vielleicht für einen Scherz halten, den sich jemand mit einer Verkleidung macht. Aber bei den Engeln der Bibel geht es um etwas anderes. Und das macht erst mal einen Schrecken. Weil Engel mit einer Botschaft kommen, die alles bisher Bekannte in Frage stellt. Die Frauen sind doch nicht zum Grab gekommen, um die Auferstehung zu erleben. Sie wollten nichts anders als den Tod noch einmal bestätigen. Denn tot ist tot. Und aus und vorbei ist aus und vorbei. Das gehört zu unserer Welt und da musst du durch. Damit musst du dann leben. Wie schnell sagen wir: das ist eben so. Manchmal sagen wir das hilflos, wir kommen kaum noch zum Nachdenken, erschrecken für kurze Zeit und weiter geht es. Und so oft stehen wir an Gräbern, an den Gräbern der Hoffnung, an den Gräbern der Wünsche. Da stirbt eine Region aus, weil Menschen weggehen müssen, da gehen Beziehungen auseinander, weil Menschen mit ihren Konflikten nicht umgehen können und Illusionen sterben, da sagen wir, es wird alles kälter und unpersönlicher, jeder macht seins, Liebe und Wärme gehen kaputt, auch in der Kirche erleben wir einen dramatischen Rückgang, man kann es sich gar nicht ausmalen, wie es in 10 Jahren sein wird, da stirbt einiges ab.

Und dann steht der Engel da und hebt die Welt aus den Angeln. Was ihr bisher über Leben und Tod wusstet, liebe Leute, das reicht nicht aus. Eure Sicht der Dinge ist nicht alles. Und vor der Freude kommt das Erschrecken. Denn die neue Sicht wird mich verändern. Wenn ich damit leben will, dass es nicht so ist, wie es ist, werde ich selber anders leben. Bei den Frauen am Grab wird der Prozess des Trauerns einfach abgebrochen. Da kommen Gefühle durcheinander. Sie werden anders weggehen, wie sie gekommen sind und die Welt ist eine andere. Sie werden nicht darüber nachdenken, ob es überhaupt sein kann, dass Jesus lebt, die Erfahrung, die sie machen, ist stärker, als ein Beweis. Und das kann einen schon aus der Bahn bringen. Und das zuzulassen, ist gar nicht so einfach. Vielleicht gefallen wir uns auch in unseren Klagen. Wir wissen ja, wie alles so geht und es ist alles alles schlimm. Und dann sagt der Engel: zieht die Trauerkleidung aus, zieht euch um. Da sind auch Chancen. Vielleicht wird sich unsere Kirche verändern und mancher erschrickt. Vielleicht ist der Weggang aus Sachsen eine Chance, etwas zu erfahren, sich zu öffnen. Vielleicht werden die Formen, wie wir miteinander umgehen ganz anders werden. Vielleicht lernen wir ganz neu und anders, mit Streit umzugehen. Nicht mehr nach dem traditionellen Muster: seid lieb und vertragt euch, sondern lernt es auszusprechen. Lernt es umzugehen, dass es Fremdheiten gibt, mit denen man leben kann. Der Herr ist auferstanden, so einfach ist das nicht, so einfach ist es auch nicht, die vielen Auferstehungen anzunehmen, die wir erfahren sollen. Immer dort, wo wir etwas einbalsamieren wollen und damit für endgültig erklären, dort kommt der Engel. Und wir haben die Wahl zu sagen: „ach, du siehst schon Gespenster“ oder „schön wärs“, da passiert gar nichts, oder wir lassen den Engel an uns heran, lassen das Erschrecken zu und halten es aus, dass doch alles ganz anders ist, als wir es gedacht haben. Aber nach dem Erschrecken kommt das Erleben, das Annehmen, kommt neues Leben. Weil ab und an Gott selber unsere Vorstellungen sprengt und uns damit hinwegbringt über die toten Punkte. Dann wird etwas neu und etwas anders. Wenn wir uns darauf einlassen, wird nach dem Erschrecken die Freude kommen. Dann ist es Ostern, egal zu welchem Termin.

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