Von wegen selbstverständlich

Natürlich, er wird geheilt, liebe Gemeinde! Aber eben nicht voraussetzungslos. "Willst Du geheilt werden?" – die Frage ist ernst gemeint. Ebenso ernst wie das "Was willst Du, das ich tun soll?", das Jesus an anderer Stelle einen anderen Kranken fragt. "Willst Du?" Ist doch klar: Natürlich will er, selbstverständlich. Natürlich? Selbstverständlich? Was ist natürlich? Was ist selbstverständlich? Das, was wir meinen? Dann müsste Vieles anders aussehen, sehr vieles auf der Welt – tut es aber nicht.

"Willst Du geheilt werden?" Kein Philosophieren darüber, welche Kraft der Wille, die Einstellung, das Denken haben. Vielmehr:

(1) Jesus kommt nicht mit der Heilands-Brech-stange. Den Mann damals, lahm, wie er war, fragt er: "Was brauchst Du jetzt?" "Brauchst Du mich?" – und das Gegenüber entscheidet, ist frei in seiner Entscheidung. Da weht der Wind von Freiheit – das ist Evangelium.

(2) Umsorgt werden, Nähe erfahren, betreut werden – so wie Schulkinder, die einmal einen Tag mehr oder weniger krank im Bett pausieren – das hat ja auch etwas. Man kann sich vor der Klassenarbeit wie vor der Welt so behaglich schön in Krankheit flüchten – das kann sich sogar zu einer Haltung im Leben auswachsen. Nicht nur Flucht in die Krankheit, sondern Flucht aus dem Konflikt, Flucht aus dem Leben.

(3) Und wenn es auch nicht das ist: Der Wille erlahmt – wie viele Jahre war der Mann schon gelähmt? Wie lange hat er die Spannung zwischen krank geworden sein und gesund werden wollen ausgehalten? 38 Jahre. Wie alt waren Sie vor 38 Jahren? Wie war Ihr Leben damals? Was haben Sie in den Jahren alles erlebt? Und nun stellen Sie sich vor, Sie wären es. Ist es da so selbstverständlich, dass der Lahme so einfach, so selbstverständlich einfach "Ja" sagt? Wie viel Hoffnung hätten Sie in diesen ganzen Jahren aufgezehrt? Gelitten? Und er erst.

(4) Was gewinnt er mit seinem "Ja" – und was verliert er? Was er gewinnt? Klar: Aufstehen, sich aufrichten, sich – vielleicht zuerst vorsichtig – durchstrecken, vorsichtige Schritte auf wackeligen Beinen. Gehen. Sich in alter Umgebung neu bewegen – und dann? Dann gehen die Probleme erst los: Sich einleben in unser sogenannt gesund Selbstverständliches, den Alltag. In unseren Begrifflichkeiten: Sich wieder in Familie, Beruf, Arbeitswelt integrieren, sofern er nicht schon das Rentenalter erreicht hat. Aber er verliert auch? Zuerst – wie, wenn die Begegnung mit Jesus ein Flop ist? Nichts geschieht? Wieder eine Erwartung aufgebaut wird und dann enttäuscht ist? Das schmerzt. Und der Abschied aus der Sicherheit und dem geordneten Alltag der Krankheit. – Man kann sich in seiner Krankheit auch einrichten, die Grenzen der Krankheit zu natürlichen Grenze erklären. Zu viel Freiheit, ungeübte Freiheit kann unsicher machen, sehr unsicher. Am Ende: Wer will ich sein? Welche Rolle will ich spielen? Wieweit traue ich mich aus meinem Schneckenhaus ins Leben heraus?

(5) Der Gelähmte. Sie. Ich. Unsere Gemeinde. Und Jesus: "Willst Du gesund werden?" Wollen wir geheilt werden? Die Frage in der Begegnung mit Jesus ist nicht so sehr die Krankheit und das, was einen kränkt, lähmt, am, im Leben beschneidet, Krankheit ebenso wie Lähmung im Leben, Kränkung, Verletzung der Seele, die festgefahrene Partnerschaft, die Lebenslüge, aus der ein Mensch nicht mehr herausfindet – die Frage ist eher: Wer will ich sein. Und Er, Jesus, lässt mir die Freiheit, die Entscheidung.

(6) "Willst Du gesund werden?" – Ich höre die Frage wie Sie und merke: Die Frage ist nach vorne offen. Ich werde nicht funktionalisiert, verzweckt, etwa "Gesundwerden, damit Du endlich das und das tun kannst" sondern "Heil werden an mir selbst um meiner selbst willen." Einfach nur leben. – Einfach nur leben: als ob das so einfach wäre. Und gerade das macht die Frage dramatisch: Sie beinhaltet ein wenig Ostern. Wilhelm Willms, Priester aus der Gegend von Aachen hat einmal (sinngemäß) geschrieben: "Manchmal stehen wir auf, mitten im Leben stehen wir auf, Auferstehung der lebenden Toten ins Leben." – Und das geht gegen das Gewohnte, gegen die Bequemlichkeit. Aber das hat seinen Reiz.

(7) Noch etwas steckt in der Frage: Der, der alle Macht im Himmel und auf Erden hat, verzichtet auf seine Macht, damit mein Wille geschehe, meine Hoffnung Raum zum Leben findet – Sie, ich selbst. Und unsere Gemeinde. Das macht Staunen. Und das macht Mut. Das allein macht schon Hoffnung, noch ehe ich auf diese Frage geantwortet habe, schafft auch den Raum, in dem ich mein "Ja" sagen kann. So ist er.

(8) Fehlt einer, der Sie, mich heute – wie Jesus damals – fragt: "Willst Du gesund werden?" Will sagen: "Willst Du ganz und heil werden?", "Willst Du leben?" "Bist Du bereit, es mit dem Leben aufzunehmen?" Im Grunde ist die Frage schon gestellt. Ihnen. Mir. Und mit unserem "Ja" und unserem Aufstehen und unserem Leben, ganz gleich und ganz anders zugleich -werden wir Menschen, die andere zum Leben ermutigen. Allein: "Willst Du gesund werden?"

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