Von Schuld und Vergebung

Liebe Gemeinde!

I. Stellen Sie sich vor, Sie stehen hoch oben auf einer über das Meer hinausragenden Klippe, unter der sich tosend die Wellen brechen. Sie wollen unbedingt dieses Naturschauspiel sehen, die aufsprühende Gischt im Gesicht spüren. Aber es ist gefährlich, sich dem steil abfallenden Klippenende zu nähern. Es gibt kein Geländer, das als Halte- oder Aussichtspunkt zur Verfügung steht. Von anderswoher können Sie keinen solchen Blick nach unten tun. Die geographischen Gegebenheiten verhindern dies. Trotz allem wollen sie sich diesem Abgrund nähern. Was also ist zu tun?

Wahrscheinlich werden Sie versuchen, sich abzusichern, – sei es mit einem Seil oder mit ein oder zwei Begleitpersonen, die sie an den Beinen halten, während sie vorwärts zum Klippenende robben. Nach diesen Anstrengungen und Ängsten werden Sie mit einem grandiosen Blick auf das Naturschauspiel belohnt. Sie haben es geschafft. Ein Gefühl der Befriedigung und Freude macht sich in Ihnen breit. Ohne Absicherung hätten Sie diesen Blick wohl nie tun können; Sie hätten sich nicht so weit vorwagen können. Wer sich einem Abgrund nähert, tut also gut daran, sich zuvor der eigenen Sicherheit zu vergewissern.

II. Nichts anderes tut Paulus hier in seinem Brief an die Kolosser. Sie sind aufgewühlt, als Gemeinde resigniert und ohnmächtig wegen Reden schwingender Irrlehrer. Deshalb erinnert Paulus sie an die Vergewisserung, die sie durch ihre Taufe haben.

III. (12) Mit ihm seid ihr begraben worden durch die Taufe; mit ihm seid ihr auch auferstanden durch den Glauben aus der Kraft Gottes, der ihn auferweckt hat von den Toten. (13) Und er hat euch mit ihm lebendig gemacht, die ihr tot wart in den Sünden und in der Unbeschnittenheit eures Fleisches, und hat uns vergeben alle Sünden. Taufe heißt Freisein von der Last der Vergangenheit. Befreit-sein!

Wie eine Schlange ihre Haut abstreift, so möchten auch wir oft alles, was gewesen ist, hinter uns liegen lassen – die leidvolle Geschichte des 20. Jahrhunderts mit ihren zwei Weltkriegen und deren Folgen, ebenso wie unsere ganz privaten Geschichten. Könnte nicht einfach alles ganz neu losgehen? Spätestens seitdem es die Psychoanalyse gibt, wissen wir wie subtil unerledigte Probleme der Vergangenheit in der Gegenwart nachwirken. Sie melden sich auf Schleichwegen trotz jahrelanger Verdrängung und Stillschweigen auf einmal wieder zu Wort. So wirken sie wie eine schwere Hypothek für Gegenwart und Zukunft. Mangelnde Vergangenheitsbewältigung – öffentliche wie private – rächt sich. Sie hält gefangen, macht unfrei und begräbt so das Leben, das ja trotz allem weitergeht.

Zur menschlichen Sehnsucht zählt der Wunsch nach einem freien und unbefangenen Verhältnis zur Vergangenheit. Das bedeutet keinesfalls ein vergessliches Dahinleben; sondern es heißt vielmehr, lassen zu können, was war; es akzeptieren können als Bestandteil des eigenen Lebens, um innerlich neu aufleben zu können. Frei sein von der Last der Vergangenheit kann nur, wer dunkle Seiten annimmt und sie weder schönredet noch verdrängt. Das, was war, können wir bei Gott lassen. Er kennt unsere Sorgen, nimmt sie uns ab, dann wenn wir sie abgeben können. Obwohl die Vergangenheit schwer auf manchen der Zeitgenossen Jesu gelastet hat, haben sie doch durch ihn zu neuem Leben gefunden: Zachäus der Zöllner, Bartimäus der Blinde, die Ehebrecherin und viele andere. In diesem Sinne schreibt Paulus von der Taufe: Er hat euch lebendig gemacht, die ihr tot wart.

IV. (14) Er hat den Schuldbrief getilgt, der mit seinen Forderungen gegen uns war, und hat ihn weggetan und an das Kreuz geheftet. Ein solcher Schuldbrief ist eine Urkunde, mit der man sich verpflichtet, Schulden zurückzuzahlen. Er ist der Beweis dafür, dass man Schulden hat. Schuld gibt es in vielerlei Hinsicht: z.B. finanzielle Schuld. Vielen gilt sie immer noch als anrüchig. Man spricht nicht über sie und doch ist es aus steuerlichen Gründen gut, finanzielle Schulden zu haben – in Maßen natürlich. Was über das Maß hinausgeht, kann zu großer Belastung führen. Denn wer zu hohe Schulden hat, ist nicht mehr kreditwürdig. Die Familie kann zerbrechen, Freunde können sich zurückziehen. Wer Schulden nicht zurückzahlen kann, gilt als ruiniert. Der Schuldbrief, der öffentlich und sichtbar gemacht ist für alle, kann beschämend wirken. Andererseits aber ist das, was öffentlich gemacht ist, eben nicht unter den Teppich gekehrt. Ein Anerkennen dieser Schulden ist ein erster Schritt wie er in der Schuldnerberatung getan wird. Danach kann an den Schulden gearbeitet werden, so dass wieder Lichtschein am Horizont sichtbar wird. Ein Eingeständnis von Schuld führt zu Befreiung.

Ein anderes Beispiel: man kann in jemands Schuld stehen, indem man immer wieder seine Dienste in Anspruch nimmt fürs Kinderhüten, Rasenmähen, Reparaturen etc. Wenn wir in jemandes Schuld stehen, entstehen Verpflichtungen. Manchmal führt das zu Abhängigkeit, die gefangen hält. Gott will uns mit dem Schuldbrief nicht klein machen, sondern uns aus den Fesseln eines schlechten Gewissens oder der Scham lösen und uns einen Weg in die Zukunft zeigen.

Außer Schulden, die man zurückzahlen oder wieder gutmachen kann, gibt es auch Schuld, wo das nicht geht. Dann nämlich, wenn jemand verletzt oder getötet worden ist wie beim Zugunglück in Brühl. Fünf Menschen sind umgekommen, andere schwer verletzt worden. Der Lokführer wird der Hauptangeklagte im angekündigten Prozess sein. Schuld trägt er. Das steht fest, sie ist nicht wegzureden. Aber man hat mit ihm auch zugleich einen guten Sündenbock gefunden. Auf ihn wird alles abgewälzt. Es ist immer einfach auf eine Einzelperson zu zeigen. Das scheint zunächst Entlastung zu bringen. Schuld tragen aber auch viele andere: Schilder waren nicht aufgestellt, das Fahrtenbuch fehlerhaft, die Baustelle nur mangelhaft gekennzeichnet usw. Der junge Lokführer kann z.Z. nicht mit seiner Schuld leben. Er ist stark selbstmordgefährdet und wurde in eine Klinik eingewiesen. Wenn es nun bei Paulus heißt: Christus hat den Schuldbrief getilgt, weggetan und ans Kreuz geheftet; klingt das für den Lokführer denn nicht wie Hohn?

Mit Schuld umzugehen ist schwierig. Schuld ist nicht gleich Schuld. Und doch hat Christus unser aller Schuld auf sich genommen. Dadurch steht uns der Weg zu Gott offen. Und wir sind von Gott so angenommen, wie wir sind; mit dem, was wir getan haben. Zur Schuld gehört immer auch Vergebung wesentlich dazu. Bei Paulus ist von Vergebung sogar noch vor der Schuld die Rede. Wenn wir sagen "ich entschuldige mich" geht uns das leicht von den Lippen. "Ich entschuldige mich" ist zwar richtiger Sprachgebrauch, aber theologisch gesehen eine falsche Aussage. Wir können uns nicht selbst Schuldvergebung zusprechen. Das können nur andere. Im Grunde müssten wir sagen: "Ich bitte dich um Entschuldigung." Ent-Schuldung aber geschieht nur von Christus her. So hat er es uns vorgelebt, damit wir es ihm gleich tun und nachleben. Der Lokführer wird mit seiner Schuld umgehen lernen müssen. Wenn wir, wenn Opfer und Angehörige es schaffen, ihm Vergebung zuzusprechen, wird er vielleicht weiterleben wollen und können – auch mit seiner Schuld. Schuld und Vergebung, gerade in so schwerwiegenden Fällen, verlangen viel von allen Beteiligten. Selbst tiefster Glaube stößt hier an Grenzen. Und doch ist uns Schuldentilgung und Vergebung in der Taufe geschenkt worden, für einen Neuanfang.

V. (15) Er hat die Mächte und Gewalten ihrer Macht entkleidet und sie öffentlich zur Schau gestellt und hat einen Triumph aus ihnen gemacht in Christus. Tod und Vergangenheit sind überwunden, Schuld ist getilgt und Vergebung zugesprochen. Friede soll nun herrschen für die Getauften. Frieden nach dem Krieg, der immer wieder in jedem Einzelnen von uns herrschen kann. Mächte und Gewalten sind durch Christus gebrochen worden. Paulus benutzt dafür ein militärisches Bild von Gefangenen, die entweder völlig entkleidet oder aber mit Beuteschmuck behängt im Triumphzug den Siegern vorgeführt werden.

Mächte und Gewalten begegnen uns heute in sehr irdisch-realer Gestalt: nämlich als das Diktat kaum noch zu überschauender Sachzwänge, als Globalisierungsfolgen, als unaufhaltsame Modernisierungsprozesse in allen Lebensbereichen. Wer fragt schon, ob wir überall Computer wollen, flexibel und mobil leben möchten?! Das Gefühl, in einer uns bestimmenden Welt gefangen zu sein, ist für uns wohl genauso charakteristisch wie damals für die Kolosser. Einzig im Öffentlichmachen, Ansprechen und Sichtbarmachen von Methoden, durch die heute Macht ausgeübt wird und Unrecht geschieht, liegt die Chance zum Brechen mit den Mächten. Nur dadurch kann Befreiung von Druck und Sachzwängen geschehen und nur dadurch können Mächte und Gewalten verändert werden. Die Taufe gibt die Kraft dazu, auch diesen notwendigen Schritt zu tun.

VI. Ja, die Taufe ist es, die unsere Versicherung ausmacht, damit wir nicht in den Abgrund stürzen. Sie ist der gute Anfang, den Gott in uns gelegt hat. Jetzt kommt es darauf an, dass wir mit diesem guten Anfang auch wirklich etwas Gutes anfangen.

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