Von Säuglingen und Baustellen

Jeder von uns, liebe Gemeinde, hat sicher schon einmal einen Säugling beobachtet. Friedlich und süß liegt das Kind im Arm seiner Mutter und wedelt mit den Ärmchen. Dann urplötzlich beginnt es zu schnuffeln und eifrig mit seinem Mund zu suchen. Wenige Sekunden später beginnt es herzzerreißend zu schreien, immer lauter und intensiver. Es läuft rot an, dass man meint es würde gleich platzen und ist kaum mehr zu halten. Es hat Hunger. Bekommt es jetzt die Brust, ist plötzlich Totenstille, abgesehen von Schmatzen und gierigem Schlucken. Es kann gar nicht schnell genug zu seiner Milch kommen, manchmal saugt es sich so fest, dass es der Mutter sogar Schmerzen bereitet. Dieses Bild ist den Menschen auf der ganzen Erde vertraut. Das sind die ersten Schritte, mit denen wir die Welt in uns aufnehmen, – Stück für Stück – und daran wachsen. Auch in unserer Kirche hat so manches Kind seinen Durst gestillt, während sich seine Eltern, Paten und Freunde versucht haben auf einen Taufgottesdienst zu konzentrieren. Wenn unser Taufstein lebendig wäre könnte er uns sicher eine Menge davon erzählen.

Das Bild vom Säugling, der gierig nach Milch ist, findet auch im heutigen Predigtext Verwendung. Es ist eine alte Taufpredigt für Erwachsene, die der stetig wachsenden Christlichen Gemeinde beitreten wollten:

[TEXT: V. 1-3]

Mit dem Spruch "Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist" laden wir auch im heutigen Gottesdienst zur gemeinsamen Abendmahlfeier ein. Gott begegnet uns im Gottesdienst wie auch in unserem Leben, er wendet sich uns zu, er erwählt uns. So wie wir es im Wort zur Taufe gehört haben: Wir bauen auf die, "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." So wie wir es im Evangelium gehört haben: "Ich bin bei euch alle Tage bis an der Welt Ende." Wem das "schmeckt", wem das wertvoll ist, der möchte zu Gott gehören, sich und seine Familie taufen lassen, gerade so wie die Adressaten des heutigen Predigttextes. Wer begierig ist wie ein Säugling nach einem Leben mit Gott, sein Wort in sich aufnimmt, der wird ablegen, was die Gemeinschaft zerstört: Bosheit, Betrug, Heuchelei und Neid, wie auch alle üble Nachrede. So werden oft symbolisch dafür bei der Taufe die Kleider abgelegt, die Täuflinge untergetaucht, und dann mit weißen Kleidern neu eingekleidet. Manche Eltern bringen ihre Kinder auch hier in weißem Taufkleid zur Taufe, auch wenn vielen die Bedeutung nicht klar ist.

Die Taufe ist nicht der Endpunkt eines Glaubenslebens, sondern ein Anfang. Das Reich Gottes ist wie ein Samenkorn, das langsam aufgeht und oft von Unkraut überwuchert wird, hat uns Jesus erzählt. Wenn wir uns taufen lassen überkommt uns nicht auf einmal die Erkenntnis der Welt, sondern peu a peu gewinnen wir Einblicke, die sich oft erst im Nachhinein zu einander fügen, so wie die Arbeit an einem Teppich uns Reihe für Reihe fortschreiten lässt, das gesamte Muster aber erst nach einem gehörigen Stück Arbeit zu sehen ist. So schreibt Paulus: (1. Kor 13, 9-13)

"(Denn) unser Wissen ist Stückwerk, und unser prophetisches Reden ist Stückwerk. Wenn aber kommen wird das Vollkommene, so wird das Stückwerk aufhören. Als ich ein Kind war, da redete ich wie ein Kind und dachte wie ein Kind und war klug wie ein Kind; als ich aber ein Mann wurde, tat ich ab, was kindlich war. Wir sehen jetzt durch einen Spiegel ein dunkles Bild; dann aber von Angesicht zu Angesicht. Jetzt erkenne ich stückweise; dann aber werde ich erkennen, wie ich erkannt bin. Nun aber bleiben Glaube, Hoffnung, Liebe, diese drei; aber die Liebe ist die größte unter ihnen."

Begierig sein nach Gott, der Quelle des Lebens und Wachstum, das ist unser Weg erwachsen zu werden, als Christen, als Gemeinde. Glaube, Hoffnung und Liebe Gottes schmecken wir, wenn wir uns auf das Abenteuer einlassen seine Kinder zu sein. So wie wir mit Kindern jedes Jahr, jeden Tag gewisse Riten feiern, die die Bedeutung von Jahreszeiten und Tagesabläufen durchsichtiger machen, so erinnern wir uns auch regelmäßig als Christen an unsere Taufe, an den Beginn unseres Lebens, den wir in Verantwortung fortführen wollten, den Weg, den wir meist an der Hand unserer Eltern begonnen haben und mit der Konfirmation selbst weitergegangen sind. Wenn wir uns nicht mehr erinnern kann es passieren, dass wir den Zugang verlieren. Ich möchte das mit einer kurzen Geschichte erläutern:

Der alte Brunnen (Nach John A. Sanford: Alles Leben ist innerlich, Walter Verlag, Olten und Freiburg, 1974)
In der Nähe eines alten Bauernhauses lag ein alter Brunnen. Sein Wasser war ungewöhnlich kalt und rein und köstlich zutrinken. Aber das besondere war: Er trocknete nie aus. Selbst bei der größten sommerlichen Dürre, wenn schon überall das kostbare Nass rationiert wurde, gab er getreu sein kühles, klares Wasser. Dann kam die Zeit, wo alles modernisiert wurde. Das Haus wurde umgebaut; es wurde auch eine moderne Wasserleitung gelegt. Den alten Brunnen brauchte man nicht mehr. Er wurde verschlossen und versiegelt. So blieb es mehrere Jahre. Eines Tages wollte ein Hausbewohner aus Neugierde noch einmal in die feuchte Tiefe des Brunnens sehen. Er deckte ihn ab und wunderte sich: Der Brunnen war total ausgetrocknet. Der Mann wollte herausbekommen, wie das geschehen konnte. Aber es dauerte lange, bis er den Grund wusste: Ein solcher Brunnen wird von Hunderten winziger Bäche gespeist, die unter der Erde für den ständigen Wasservorrat sorgen. Die winzigen Öffnungen der vielen Bächlein bleiben rein und offen, wenn immer wieder Wasser abgeschöpft wird. Wird ein solcher Brunnen aber nicht mehr benutzt, dann versiegen die Bäche.

Glauben ist nichts Bombenfestes. Er ist stetig im Fluss und bedarf der Pflege, damit er uns nicht verloren geht, Wir sollen wachsen und nicht im kindlichen Status quo verharren. Kirche lebt nicht von versteinerten Strukturen und starren Gebäuden; nicht von "das war immer schon so und deshalb soll es so bleiben". Zu Stein gewordene Predigt kann kalt und leer wirken, wenn der Geist des Lebens nicht mehr darin wirkt. Der Taufprediger im Petrusbrief benutzt für die Kirche der Getauften im Sinne Paulus´ das Bild einer Baustelle:

[TEXT: V. 4-8]

Vor kurzen waren wir noch am Meer in Urlaub. Mit Feuereifer hat Jonathan, unser Sohn, stundenlang an Burgen und Bergen aus Sand gearbeitet. Und am nächsten Morgen war er bitter enttäuscht, dass das Meer sie fortgewaschen hatte. "Ich habe sie doch ganz fest gebaut, die war ganz hart…" Wenn wir etwas bauen wollen, das Bestand hat, dann nehmen wir Steine. Wer sich früher ein Haus leisten konnte, das nicht aus Holz war und von Feuer und Wind angegriffen werden konnte war reich – steinreich. Wer heute ein Haus kauft hat etwas zur Sicherheit für die Gegenwart und wie man so schön sagt – zur Altersvorsorge.

Das wichtigste beim Hausbau ist der Anfang, das Fundament. Wenn es dort wackelt, wenn man dort schlampt, bricht schlimmstenfalls das ganze Gebäude wie ein Kartenhaus in sich zusammen. Es gilt den richtigen Grund zu legen.

Kirche Gottes ist etwas, was Bestand hat durch die Jahrhunderte und Jahrtausende. Es handelt sich um besondere Steine, hören wir. Gott ist das Fundament, Jesus der Eckstein, an dem sich der gesamte Bau ausrichtet. "Wer nur den lieben Gott lässt walten und hoffet auf ihn alle Zeit, den wird er wunderbar erhalten in aller Not und Traurigkeit. Wer Gott, dem Allerhöchsten traut, der hat auf keinen Sand gebaut." so singen wir in einem der schönsten und beliebtesten Liedern unseres Gesangbuches. Auf Gott können wir bauen. Er setzt den Anfang der Kirche. Er ist aber nicht ein harter Stein ein lebloses Fundament, das einmal benutzt unbeachtet bleibt und schließlich in Vergessenheit gerät, sondern ein lebendiger Stein, der mit weiteren lebendigen Steinen fortwährend an der Kirche mitgestaltet. Mit uns. Der Taufprediger spricht von einer lebendigen Gemeinde, wenn er an Kirche denkt. Von getauften, auserwählten, die dem Licht entgegengehen, wie wir es mit dem Entzünden der Taufkerze an der Osterkerze ausdrücken. Er zitiert den Propheten Hosea im Abschluss seiner Predigt:

[TEXT: V. 9-10]

Mag sein, so sagt er, dass die Menschen uns nicht verstehen und unser Leben als Christen nicht für wertvoll erachten. Mag sein, dass unser Bekenntnis zu Jesus Christus für viele anstößig ist, ein Zeichen von Dummheit, mag sein, dass Menschen unsere Person nicht schätzen und uns selbst für wertlos halten. Mag sein, dass manche unseren noch wachsenden Glauben mit wenigen Argumenten leicht erschüttern. Bei Gott sind wir erwählt und wertvoll. Jeder hat seine Aufgabe, seinen Platz in der Gemeinde in der weltweiten Kirche. Manche als Pfeiler, manche zum Schmuck, manche um Fenster und Türen, manche ganz oben, andere wieder im Keller. Vom Gebäude haben wir nur andeutungsweise eine Ahnung. Vielleicht müssen wir mehrmals unseren Platz wechseln, wenn Kirche um- und aufgebaut wird, wenn angebaut wird, oder wenn Übergangslösungen zur nächsten Bauetappe gesucht werden. Im Bau der Kirche liegen wir Seite an Seite mit der nächsten Generation, mancher ist Schlussstein eines Abschnitts, mancher gehört zur Verbindungsmauer zu einem neuen Trakt. Gemeinde lebt von Steinen der verschiedensten Art: Jedes getaufte Mitglied kann seine Eigenheit und seine Talente dazu beitragen.

Wir bauen auf die, die die Räumlichkeiten erstellen und erhalten. Wir bauen auf die, die mit künstlerischem Talent zu Anmut und Schönheit beitragen. Wir bauen auf die, die dafür sorgen, dass niemand außen vor bleibt. Wir bauen auf die, die andere beim Erwachsenwerden begleiten. Wir bauen auf die, die Gottes Botschaft weitererzählen. Wir bauen auf die, die mit anpacken, wo immer es etwas zu tun gibt. Wir bauen auf die, die unseren Horizont über die Kirchturmspitze hinaus erweitern. Wir bauen auf die, die zu Gott kommen und seine Weisheit in sich aufnehmen, damit sie wachsen und neue Blickwinkel erfahren auf dem Weg vom Kind, zum Erwachsenen. Wir bauen auf Sie, auf Euch alle.

Am heutigen Sonntag erinnern wir uns an unsere Taufe. Der Taufstein hier in unserer Mitte ist kein lebloses Kunstwerk, es ist ein lebendiger Stein in unserer Kirche. 67 Kinder allein im letzten Jahr haben hier ihren Anfang mit Gott gefeiert, sich zusagen lassen "Fürchte dich nicht, denn ich habe dich erlöst; ich habe dich bei deinem Namen gerufen, du bist mein." Du bist wertvoll. Der Altarstein vor uns ist ebenso lebendig und nicht nur heute lassen wir uns einladen "schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist!"

Einmal in unseren Leben haben wir "Ja" gesagt zu Gott. Wir haben von seiner Liebe, von seiner Freundlichkeit gehört, die Botschaft in uns aufgesogen und uns vorgenommen alles abzulegen, was uns an diesem Weg hinderlich ist. Wir wollten wachsen an der Quelle des Lebens. Im Kinderevangelium, das wir bei den Taufen lesen heißt es: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder werdet ihr das Reich Gottes nicht ererben." Das heißt, unseren Hunger und Durst nach Leben, unser Vertrauen in Gott unseren Vater, was immer auch geschehen mag, dürfen wir nicht verlieren, dann werden wir Erfahrungen mit ihm machen, die wir uns gar nicht vorstellen können, dann werden wir ein Licht sehen, das uns die Augen öffnet. Dann sind wir lebendige Steine am haus Gottes.

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