Von Paradiesvögeln, die Heimatlieder singen

<i>[In diesem Gottesdienst werden Kirchenälteste in ihr Amt eingeführt, ausscheidende Älteste verabschiedet.]</i>

Liebe Mitälteste, liebe Gemeinde, Schwestern und Brüder in unserem Herrn Jesus Christus!

"Glaube ist ein Vogel, der singt, wenn die Nacht noch dunkel ist." – keine Erinnerung an frühe Sommermorgende – doch, das auch, ja – sondern ein Wort, dass Martin Luther so geprägt hat.

Weder die Gefangenen in Babylonien – und kein Licht der Freiheit am Horizont sehen – noch wir sehen die Boten. Die damals nicht die Boten, die dann tatsächlich und wirklich zum Aufbruch in die Heimat rufen. Sie werden noch warten müssen.

Wir auch nicht: Den angekündigten Friedefürst Jesus sehen wir nicht – dazu leben wir eine Reihe von Jahrhunderten zu spät.

Was wir – die in Babylonien wie wir – sehen, ist das Irrgelichter einer Zeit, die verrückt zu spielen scheint. Nicht die Zeit, die Menschen, orientierungslos wie Schafe ohne einen Hirten und jede und jeder will in eine andere Richtung.

Also? Also halten wir an der Überlieferung fest und feiern stur Weihnachten, weil es nun auf Weihnachten zugeht – und heute den vierten Advent.

Feiern in Formen, die oft nicht mehr zu den Inhalten passen, feiern manchmal inhaltsvergessen die Formen, feiern den Leerlauf – fast wie der Hamster im Laufrad: frustrierend, das! Denn Sie, ich, wir wissen ganz genau: Das, das hier, das kann’s ja wohl nicht gewesen sein. Und warten auf die Boten.

Aber warum? Wir sind inmitten der Kulturtrümmer der Postmoderne selbst die Boten:

Der, der da kam, der, dessen Weihnacht wir feiern – und dann dessen Passion – die Zeit hin zum Karfreitag – und dessen Auferweckung – die Osternacht, die Osterzeit – und dann dessen Geist – Pfingsten – der hat uns selbst zu Boten gemacht: Sie, mich. "Geht hin in alle Welt, macht zu Jüngern alle Völker, tauft sie auf den Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes und lehrt sie halten alles, was ich Euch befohlen habe. Und siehe, ich bin bei Euch alle Tage bis an der Welt Ende."

Wir sind die Boten. Wir sind nicht irgendwelche Boten (mit hängender Lippe und im Rhythmus der Monotonie gesprochen: "Ich soll Ihnen nur ausrichten, dass in der Belutschei wieder ein Krieg ausgebrochen ist und alles ist hoffnungslos und ganz schlimm – viele sind auf der Flucht … Minenfelder … Folter … Unrecht.") – wir sind die Freudenboten für heute. Wir. Sie, die Ältesten der HöriGemeinde, Sie, Schwestern und Brüder und Konfirmandinnen und Konfirmanden, meine jungen Schwestern und Brüder – und ich. Wir haben den Auftrag, weiterzusagen, dass das, was wir heute an wunderschön-unsicherer Welt erleben vor Gott und für uns Sinn und ein Ziel hat.

Den Sinn, diese Erde, Gottes Erde – "Die Erde ist des Herrn und was darinnen ist" haben wir vorhin im Psalm gebetet – als einen bewohnbaren Ort zu beleben und zu erhalten.

Als Lebensort allem Toten zum Trotz. "Wir sind der Vortrupp des Lebens im Todesmief dieser Welt." (H. Gollwitzer) – Zugegeben: Es wäre bequemer, sich wie im Sessel vor dem Fernsehapparat zurückzulehnen und zuzuschauen, wie andere das für uns tun. Aber diese anderen gibt es nur in dem Maß, in dem es uns dabei gibt. Wir sind die Boten und unser Botesein hat einen Sinn – oder wir werden sinnlos. "Salz, dass keine Kraft mehr hat," sagt Jesus.

Und wir haben ein Ziel vor Augen: Unsere Vision ist der – wir leben im Advent – wiederkommende Herr, die neue Welt Gottes. Und in ein Leben in dieser Welt üben wir uns – tastend manchmal, spielend auch – heute schon ein. Unsere – die Ältesten haben das auf dem Klausurtag 1999 so gesagt – "springlebendige Gemeinde" ist nicht so sehr Gegenwartsbeschreibung, sondern Teil unserer Vision:

Wenn wir die Sache mit Christus, wenn wir unseren Auftrag durchspielen – und da spielen schon welche und immer wieder andere – dann ist das hier "springlebendige Gemeinde", dann sind wir die Vögel, die singen, indessen die Nacht noch dunkel ist.

Wir. Wir hier. Nicht nur wir. Viele. Viele in vielen Gemeinden rund um die Erde, Gottes Erde, in vielen Gemeinden und in vielen Kirchen.

Und wenn Sie wach sind, hinhören, hören Sie diese bunten Vögel schon. Sie singen nicht immer das gleiche Lied, die gleiche Tonart. Manchmal klingts wirklich wie schrilles Vogelgekreische, dann wie eine Melodie, die zum Herzen dringt. Die vielen Lieder gruppieren sich alle um den gleichen Akkord: "Der Gekreuzigte ist auferstanden – Gott liebt diese Welt – er hat noch etwas mit ihr vor – Leben liegt in der Luft – Heimat kommt Euch entgegen – Steht auf: Brecht auf aus Babylon."

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