Von Nicht-Menschen und Unmenschen

Liebe Gemeinde,

"Zachäus ist ein kleiner Mann, keiner will ihn haben", heißt es in einem Kindergottesdienstlied. Zachäus, das ist so etwas wie der Lieblingssünder für Kinder. Und wer von Ihnen selbst früher Zachäus im Kindergottesdienst kennengelernt hat, der kennt vielleicht auch das Bild, dass manchmal von ihm gezeichnet wurde. "Liebe Kinder, heute will ich euch die Geschichte von Zachäus erzählen: Das war ein ganz kleiner Mann und der war Zöllner von Beruf. Und früher mochten die Leute einfach keine Zöllner und darum sprachen sie nicht mit dem armen, kleinen Zachäus. Und da war er ganz einsam und allein, aber er musste ja schließlich irgendetwas arbeiten. Und da kam Jesus in die Stadt und der kleine Zachäus kletterte auf einen Baum, weil er ganz neugierig auf Jesus war. Und da sagte Jesus: Komm runter, ich will heute mit dir feiern. Und da freute sich Zachäus so sehr, dass er fast sein ganzes Geld verschenkte. Und alle waren ganz erstaunt, dass der große Jesus zu dem kleinen Zachäus kam, aber es war ein ganz tolles Fest. Und damit ist die Geschichte zu Ende."

Liebe Gemeinde, ich sage dies nicht, um solche Kindergottesdienste lächerlich zu machen. (Gerade heutzutage sind sie sehr viel klarer und facettenreicher, was biblische Personen angeht.) Meine Frage ist vielmehr: Reden wir Erwachsenen so sehr viel anders von Zachäus? Bei so bekannten Geschichten wie dieser tappen wir manchmal in die Falle, von hinten nach vorne zu lesen. Wir wissen ja schließlich schon aus dem Kindergottesdienst, wie die Geschichte ausgeht, dass Jesus den Menschen von seinem Baum holt und ihn rehabilitiert. Dann kann er ja so schlecht doch nicht gewesen sein, dann war doch im Grunde seines Herzens der kleine Zachäus schon immer ganz unglücklich und bekehrungswillig. Doch vergessen Sie einmal den Kindergottesdienst, vergessen Sie das die Geschichte in der Bibel steht, in der alles auf Gnade und Barmherzigkeit hinausläuft. In Zeiten einer Diktatur verdingt sich ein Mann aus reiner Profitgier als Zöllner bei den Besatzern. Er ist zunächst ein kleines Rädchen im System und macht dann Karriere, weil er ohne Skrupel sein Volk mit wucherischem Brücken- und Wegezoll ausbeutet. Er wird Oberzöllner, steigt in der Hierarchie des Unrechts weiter auf und beaufsichtigt andere Halsabschneider und Blutsauger. Ein Kollaborateur übelster Sorte, der die Besatzer durch seine Arbeit finanziert, sein eigenes Volk aber darüber hinaus noch weiter schröpft, um sich Häuser, Sklaven und Reisen leisten zu können. "Zachäus ist ein kleiner Mann, keiner will ihn haben."

Und das zu Recht. Nirgendwo steht, dass ihn das Gewissen beißt. Der Mann hat seinen Weg gemacht, hat seinen Platz an der dunklen Sonne des Römischen Reiches gefunden. Solche Leute hat es immer schon gegeben, nicht nur in Jerusalem, auch in Vichy, in Berlin, in Auschwitz: Menschen die sich mit dem Bösen arrangieren, die andere verraten und ihnen das letzte Hemd abnehmen. Mit einem solchen Menschen beginnt die Geschichte in Jericho. Machen wir ihn nicht besser als er ist. Nirgendwo steht, dass er unter seinem Dasein leidet. Dichten wir das also auch nicht hinzu. Nicht nur im Kindergottesdienst, auch in Predigten für Erwachsene gibt es die Tendenz, Zachäus als einen ganz armen Reichen darzustellen, der nur geliebt werden will. Doch damit wird die ganze Geschichte ihrer Pointe beraubt, dann hätte es nicht Jesus bedurft, der ihn von seinem hohen Ross herunter rief. Halten wir uns an den Text: "Da war ein Mann mit Namen Zachäus, der war ein Oberer der Zöllner und war reich." "Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral." "Viel Feind, viel Ehr." "Du musst ein Schwein sein in dieser Welt." Auch wenn manche sich das nicht vorstellen können: Solche Weisheiten empfinden auch heute noch Leute als absolut tragfähiges Fundament ihres Lebens.

Warum also bemühen wir uns so oft, Zachäus durch den theologischen Weichspüler zu jagen, um ihn als armen Bedürftigen hinzustellen? Vielleicht, weil wir im Laufe unseres Lebens festgestellt haben, dass solche Bekehrungserlebnisse recht selten sind: Was Recht ist, muss Recht bleiben. Was Unrecht ist, bleibt aber leider auch. Wahre Übeltäter sind unwandelbar. Und dementsprechend kann Zachäus im Grunde seines Herzens gar kein wahrer Übeltäter sein, sonder ein armer, mitleidserregender Mensch, der sich nach einem neuen Leben sehnt. Denn wo kämen wir denn hin, wenn wir uns mit so einem wirklichen Scheusal, einem Obergangster übelster Sorte, die Hand geben müssten? Wohlgemerkt: Nicht: Wo käme der Obergangster hin? Wo kämen wir hin? Als das sogenannte gesunde Volksempfinden sah, dass der große Rabbi Jesus bei Jerichos Feinbild Nummer 1 einkehrte, fing es an zu murren: "Bei einem Sünder ist er eingekehrt." Es scheint schwer auszuhalten zu sein, dass Übeltätern Gutes getan wird, dass Ungerechte Rechte haben. Warum? Was treibt uns dazu, zu sagen, dass es Leute gibt, mit denen einfach nicht zu reden ist, mit denen man nicht reden darf?

Eine Antwort wäre: Wir scheinen in der Gesellschaft die Übeltäter zu brauchen, um über sie zu klagen, um es besser als sie zu wissen, um sich von ihnen abzugrenzen. Vergebung oder auch nur ein differenzierterer Blick auf unsere Gesellschaftsscheusale ist nicht möglich. Nicht weil deren Schuld zu schwer wäre, sondern weil wir uns selbst verlieren würden, wenn wir keine ordentliche Negativfolie hätten, von der wir uns abheben könnten. "Ich danke dir, Gott, dass ich nicht bin wie die andern Leute, Räuber, Betrüger, Ehebrecher oder auch wie dieser Zöllner", betet ein Pharisäer ein Kapitel vor unserer Geschichte. Wir schöpfen unsere Identität, unseren Gemeinschaftssinn in Abgrenzung anderen gegenüber. Das geht schon in der Schule los. Klassen loten unbarmherzig aus, wer denn in ihren Reihen zum Sündenbock für die Gruppe taugt. Und irgendwann heißt es: "Alle auf einen." Der taugt nichts, der ist nicht, der kann nichts. Alle auf den einen, einerlei wer der eine ist. Alle auf den einen, damit wir "alle" sein können. Später im Berufsleben ist es ähnlich: Solidarität und Gemeinschaft unter Kollegen bildet sich am besten, wenn es einen gibt, an dem sich alle mit Wonne reiben können. Bestenfalls ist es der verhasste Chef, der unter anderem eben auch dafür bezahlt, dass er seinen Mitarbeitern ein solches Gegenüber bietet. Schlimmstenfalls wendet es sich gegen jemand aus den eigenen Reihen und das Wir-Gefühl baut auf Mobbingstrukturen auf. Auch in vielen Familien gibt es irgendwo einen Anverwandten, über den die gesamte Familie so richtig schön den Kopf schüttelt, und über den man auf Familienfesten gemeinsam so richtig schön schludern kann.

Auf dem Kirchentag in Frankfurt gab übrigens es eine heftige Debatte darüber, ob man auf den Wolkenkratzern der Banken Christusfiguren aufstellen dürfe. Banken – das war für manche in Frankfurt ein anderes Wort für Antichristen. Und so zog auf einer Demonstration eine große Schar mit Pauken und Trompeten gegen das Bankenwesen: Katholiken und Protestanten, Ordensfrauen und Schwulengruppen, selten ist man sich einiger, als wenn es darum geht, gegen irgendeinen Feind zu ziehen. Nochmal: Es geht nicht um die Gangster und Oberzöllner dieser Welt, sondern um uns. Es gibt ganz sicher guten Grund, manche Klassenkameraden, Kollegen oder Anverwandte nicht zu mögen. Und um es klar zu sagen: Das, was manche Banken mit unserem Geld machen, ist ein absoluter Skandal. Natürlich gibt es in unserer Welt absolute Obergangster, deren Verhalten verdammenswert ist; Zachäus, der skrupellose Kollaborateur, ist nicht allein auf dieser Welt. Doch wir, die wir anscheinend, zu den "anderen" gehören, sollten uns stets überprüfen, warum wir bestimmte Personen, bestimmte Gruppen mit unserem gesellschaftlichen Bann belegen. Vor 2000 Jahren in Israel waren es die Zöllner und Sünder. Kurz darauf im Urchristentum die Pharisäer und Schriftgelehrten. Wer ist es bei uns? Die Banken? Die Skinheads? Die Wissenschaft? Die Schwulen? Frau Meier von Nebenan? Wer lässt uns aufatmen: Gott sei dank, wir sind nicht so?

Wer sich weigert, im Dialog zu bleiben, trägt seinen Teil dazu bei, dass sich die Fronten verhärten. Und verhärtete Fronten engen den Spielraum ein, in dem neues Leben wachsen könnte. Eine schmollende Gesellschaft, die ihrem Feindbild eine persönliche Abmahnung erteilt, gewinnt nur eine sehr wackelige Identität und bestärkt ihr Feinbild auf seinem Weg in der Ausgrenzung. Denn gerade im Außengehege einer ach so anständigen Gesellschaft kann der Sündenbock so richtig schön bockig werden. Darum – wie der polnische Satiriker Stanislaw Lec sagte – darum: Liebt eure Feinde, vielleicht schadet’s ihrem Ruf. Sei es Frau Meier von Nebenan oder ein ehemaliger Stasimitarbeiter, seien es Skinheads oder die Chefs der Deutschen Bank: Unsere Identität ist ausgesprochen wackelig, wenn wir uns in Abgrenzung zu "den anderen" definieren. Denn was bliebe von uns übrig, wenn wir einräumten, dass der Übeltäter begnadigt werden, das Böse sich wandeln könnte? Unsere eigene Identität verschwimmt, wenn unsere Feindbilder verblassen. Ganze Staaten sind schon in Sinnkrisen gestürzt, weil die alten Feindbilder nicht mehr stimmten. Nur jemand, der sich seiner selbst sicher sein kann, nur jemand, der sich nicht gegenüber anderen Menschen definiert, ist frei, die alten Strukturen zu durchbrechen und Menschen zu verwandeln.

In unserer Geschichte nimmt Jesus nicht nur einen Sünder an, sondern durchbricht das Sündenbockprinzip der ganzen Stadt. Wer wie Jesus aus Gott heraus leben kann, kann es wagen, von der anständigen Herde abzuweichen, um die verlorenen Schafe im Außengehege der Gesellschaft zu suchen. Wer andere verteufelt, zeigt allein, wie unfrei sein Selbst ist. Doch wir haben es nicht nötig, unser eigenes Bild aus unseren Feindbilder zusammenzuschnipseln. Feinbilder sind stets schwarz-weiß. Wenn wir die schwarzen Flächen ausschneiden und in den Müll werfen, um uns die weiße Umrandung stolz an die Brust zu heften, wird unser Bild zur Karikatur des selbstgerechten Gutmenschen. Als Jesus Zachäus vom Baum holte, erteilte er dem murrenden Volk ein Absage an solches Gutmenschentum, das alles ausgrenzt, was schuldig, niederträchtig oder ruchlos ist. Wer sein Selbst gegen das Verhalten oder die Schuld anderer vernagelt, um sich abzugrenzen, ist ganz einfach – vernagelt. So laufen Gutmenschen im Alltag Gefahr, zu bloßen Nicht-Menschen zu werden: zu Nicht-Zöllnern, Nicht-Rauchern, Nicht-Fleischessern, Nicht-Autofahren, Nicht-Schuldigen, Nicht-Verantwortlichen, Nicht-Schmutzigen… Nicht-Menschen reden nicht, schon gar nicht mit Unmenschen. Jesus gibt seine weiße Weste preis und kehrt ein beim angeblichen Dreck und Abschaum, bei den Unmenschen der Gesellschaft. Der wahre Mensch durchbricht das System der Nicht-Menschen und Unmenschen, um ihnen zu zeigen, was wahres Menschsein heißt.

Für die Nicht-Menschen heißt es: die weiße Weste endlich auszuziehen, um grenzenloses Leben zu wagen. Eine weiße Weste ist kein Schutzanzug für den Lebenssinn. Erst wenn wir erkennen, dass zu jedem Leben Fehler und Schuld gehören, kann Barmherzigkeit verhärtete Fronten erweichen. Für die Unmenschen der Gesellschaft heißt Menschsein die Zusage: Ihr seid nicht entlassen aus der Verantwortung für das Leben. Auch wenn ihr krumme Wege geht: Gott spricht immer noch mit euch. Ihr habt zu jedem Zeitpunkt die Möglichkeit, von den Bäumen zu steigen, um Menschen zu werden. Als Jesus sich bei dem Unmenschen Zachäus einlud, brachte er das gesellschaftliche System zum Absturz. Zachäus aber trat vor den Herrn und sprach: "Siehe, Herr, die Hälfte von meinem Besitz gebe ich den Armen, und wenn ich jemanden betrogen habe, so gebe ich es vierfach zurück."

Liebe Gemeinde, das ist zu schön, um wahr zu sein, das mag man höchstens noch im Kindergottesdienst glauben. Eine Einladung Gottes und selbst der größte Sünder ist bekehrt. Die Banken lassen ab von ihren Waffengeschäften. Die Skinheads legen ihre Baseballschläger nieder. Und Frau Meier von Nebenan putzt endlich auch einmal das Treppenhaus. Es ist zu schön, um wahr zu sein. Aber vielleicht könnte es ja klappen. Vielleicht bekehren wir nicht sogleich alle "unsere Unmenschen". Vielleicht überwinden wir aber unsere eigenen Grenzen, um mal zu gucken was außer uns ist. Und vielleicht merken wir auch, dass wir die Grenzen gar nicht brauchen, um uns selbst zu schützen.

Wir brauchen auch nicht die Gangster und Oberzöllner unserer Gesellschaft, um uns gegen sie zu definieren. Tun wir doch mal so, als ob sie sich wirklich ändern könnten, wenn wir sie weiter in gesellschaftliche Verantwortung mit einbeziehen. Denn der Menschensohn ist gekommen, zu suchen und selig zu machen, was verloren ist. Nicht-Menschen und Unmenschen. Wir finden Gott auf der Suche nach den Verlorenen, im Dialog mit denen, mit denen angeblich nicht zu reden ist, mit denen man angeblich nicht reden darf. Dort werden wir ihn finden, solange, bis der letzte Mensch vom Baum gestiegen ist.

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