Von Menschen und Pinguinen

Liebe Gemeinde!

Während meiner ersten Tübinger Semester war es noch üblich, dass die beiden großen dogmatischen Hauptvorlesungen zeitgleich parallel zueinander im Kupferbau stattfanden. Man musste sich also entscheiden zwischen Skylla und Charybdis, doch während die Vorlesungsstunden getrennt voneinander verbracht wurden, so gab es doch die gemeinsame Pause, in der man die KommilitonInnen vom anderen Hörsaal treffen und das jeweils gerade Gehörte miteinander durchdiskutieren konnte. Da kam es auch schon mal vor, dass Kommentare zum Stoff des anderen nach der Unterbrechung den Raum wechselten, und sogar die beiden Professoren beteiligten sich bisweilen an diesem Austausch.

Damals, in meinem ersten Tübinger Sommer, da wurde im Hörsaal 24 gerade Schöpfungslehre gelesen, nebenan, im Hörsaal 25, da trieb man Eschatologie, also die Lehre von den letzten Dingen. Schöpfung und Vollendung: nah beieinander und doch räumlich getrennt! Und weil zur Schöpfungslehre auch die Rede vom Menschen gehört, begab es sich, dass eines Morgens in Hörsaal 24 das beschrieben wurde, was den Menschen zum Menschen mache. Konstitutiv für das Menschsein, so ließen wir uns in unsere Kolleghefte diktieren, ja, unbedingte Voraussetzung dessen, was den Menschen ausmache, das sei sein aufrechter Gang. Das, dass der Mensch mit gerader Körperhaltung über die Erde gehe, das unterscheide ihn von allen anderen Geschöpfen, das mache ihn zum Menschen. Dann war Pause. Und nach der Pause erreichte uns aus dem Nachbarhörsaal die Frage dessen, der dort über die letzten Dinge nachdachte: Wie es sich denn mit den Pinguinen verhielte?! Die gingen doch schließlich auch aufrecht?! (Die älteren Semester identifizierten die Frage natürlich rasch als eine Ebelingsche Fußnote!) Der aufrechte (Watschel-)Gang mache doch den Vogel nicht zum Menschen, oder?

Nun will ich Sie nicht mit der ausführlichen Antwort dessen langweilen, der damals im Hörsaal 24 las. Sie können sich ohnehin denken, dass es da um Sprache gehen musste, ums Hören und ums Antworten-können. Vielmehr will ich unseren Predigttext zum Prüfstein machen für die Frage aus dem Hörsaal 25: Zugegeben, auch Pinguine halten sich gerade – besser, als manche und mancher von uns das kann. Aber können sie deshalb die Zeichen sehen, die hier genannt sind? Können sie Sonne, Mond und Sterne beobachten? Was ist das Brausen und Wogen des Meeres anderes für sie als das alltägliche Geräusch ihres natürlichen Lebensraumes (vorausgesetzt, sie sind nicht in irgendeinem Zoo eingesperrt)? Und haben sie überhaupt eine Vorstellung von Zeit und Geschichte, von Zukunft oder, wie es hier heißt: „von den Dingen, die da kommen werden“? Ist nicht vielmehr für einen Pinguin Geschichte allenfalls so viel wie das Intervall zwischen zwei Mahlzeiten? Nein, so ein Vogel, wie possierlich er auch sein mag, der kann sein Haupt nicht erheben in Erwartung künftiger Ereignisse. Der schaut bloß nach unten, hinein in das Eisloch, ob sich da nicht ein leckerer Fisch zeigte, den man vervespern kann. Das ist die Perspektive des Pinguins, und darum kann er auch kein Mensch sein, so aufrecht und ansehnlich er auch dahergewackelt kommen mag.

Mit uns Menschen ist es da tatsächlich etwas anderes: Nicht nur der aufrechte Gang, nicht nur hören und sehen und sprechen können machen uns zum Menschen. Viel entscheidender ist, dass wir gelernt haben zu deuten und zu interpretieren, was wir wahrnehmen. Dass uns Erfahrungen zu Gleichnissen werden. So spricht das unser Predigttext aus:

Und er sagte ihnen ein Gleichnis: Seht den Feigenbaum und alle Bäume an: Wenn sie jetzt ausschlagen und ihr seht es, so wisst ihr selber, dass jetzt der Sommer nahe ist. So auch ihr: Wenn ihr seht, dass dies alles geschieht, so wisst, dass das Reich Gottes nahe ist.

Und so haben sich die Menschen aller Jahrhunderte seither daran gemacht, die Ereignisse in ihrer Umwelt auszudeuten. Sie waren nicht die ersten. Schon vor der Zeitenwende gab es Sterndeuter, Auguren usw. Aber für die Christen, die auf die Wiederkunft des Herrn zu Endgericht und Neuschöpfung warten, für die ist das ja eine ganz elementare Frage: Was mochte wohl mit dieser Ankündigung gemeint sein: Und es werden Zeichen geschehen an Sonne und Mond und Sternen, und auf Erden wird den Völkern bange sein, und sie werden verzagen vor dem Brausen und Wogen des Meeres, und die Menschen werden vergehen vor Furcht und in Erwartung der Dinge, die da kommen sollen über die ganze Erde; denn die Kräfte der Himmel werden ins Wanken kommen. Alle möglichen Interpretationen gibt es, da muss man nicht erst einen Nostradamus bemühen oder daran erinnern, was das Erscheinen eines Kometen am nächtlichen Firmament bis vor ein paar hundert Jahren in den Gemütern der Menschen auslöste. Oft und immer wieder irrtümlich sind Berechnungen angestellt worden darüber, wann nun endlich der Christus wiederkommt. Bis heute kann man diese Rechenkünstler beobachten; Sie brauchen nur einmal mit den „MissionarInnen“ ein Gespräch beginnen, die stets zu zweit an Ihrer Türe auftauchen. Doch: Zu oft sind die „Rechenkünstler“ aller Zeiten als Schwindler entlarvt worden, zu oft stimmten die Zeichen nicht, der Menschensohn blieb aus und die Welt verharrt nach wie vor unerlöst und feindselig.

Wir haben uns damit abgefunden. Leicht mag es der Kirche anfangs nicht gefallen sein, aber inzwischen rechnet sie wohl nicht mehr ernstlich mit dem Kommen des Herrn, sondern plant in langen Zeiträumen. Da gibt es ein neues Gesangbuch für die nächsten 50 Jahre (mindestens); man hat Pläne in der Schublade für die Kirche im neuen Jahrtausend, möchte „zukunftsfähig“ sein und bleiben. Und manche Dome sind für die Ewigkeit gebaut worden. Das Wort Jesu: Wahrlich, ich sage euch: Diese Geschlecht wird nicht vergehen, bis alles geschieht. Himmel und Erde werden vergehen, aber meine Worte vergehen nicht. – dieses Wort, es kann sich höchstens auf die Menschheit als solche beziehen, kann höchstens als Zusage aufgefasst werden, dass es dem Menschengeschlecht nicht gelingen werde, sich selbst zu vernichten, ehe nicht der Menschensohn kommt. Alles andere käme als Deutung nicht mehr in Frage.

Und so ist es auch mit dem Begriff der Erlösung, den der Wochenspruch ins Spiel bringt: Da hört man dann oft: Erlösung, das habe doch den Beigeschmack des Vertröstens auf das Jenseits So haben wir das eingeübt, so können wir das akzeptieren, dass Erlösung etwas ist, das erst noch stattfindet, etwas das so weit aussteht, dass wir es in unserer Lebenszeitspanne nicht mehr erfahren werden. Unerlöst ist sie ja, unsere Welt, darüber werden wir uns leicht verständigen können. Man muss gar nicht weit suchen nach Dingen, die uns den Blick senken, die uns den Rücken krumm machen und unsere Köpfe zu Boden drücken. Ob das die große Zahl der Arbeitssuchenden ist oder die Menge derer, die durch die nächste Stufe der Gesundheitsreform in irgendeiner Weise betroffen werden, seien es nun die TherapeutInnen, deren Kompetenzen, Fertigkeiten und Angebote für nicht mehr notwendig angesehen werden, oder seien es die Pflegebedürftigen, die Frischoperierten, die Rekonvaleszenten. Unerlöst senkt sich der Blick da, wo ein Kreuz am Straßenrand von einem Verkehrsunfall mit tödlichem Ausgang erzählt. Unerlöst ist eine Kirche, die sich beim Anblick einer roten Schleife abwenden will und die mit Leuten mit bunt gefärbten Haaren nichts zu tun haben möchte. Unerlöst, so schreibt der Apostel Paulus, wartet die ganze Schöpfung sehnsüchtig seufzend auf das Offenbarwerden der Kinder Gottes, auf die Befreiung zu ihrer Freiheit und Herrlichkeit. Kein Wunder, dass auch wir so oft unerlöst dreinschauen mit gesenktem Kopf und krummem Rücken.

Und doch: Die Aufforderung gilt: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht! Sie gilt nämlich nicht erst für den Tag, an dem der Menschensohn kommen soll in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Hier müsste es eigentlich heißen: an dem der Menschensohn wiederkommt. Denn hier klingt unser Text an an die erste Predigt, die Jesus, der Menschensohn, gehalten hat: Im Markusevangelium lesen wir im ersten Kapitel: Nachdem man Johannes (d.T.) ins Gefängnis geworfen hatte, ging Jesus wieder nach Galiläa, er verkündete das Evangelium Gottes und sprach: „Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Kehrt um und glaubt an das Evangelium.“ Genau umgekehrt hatte Johannes gepredigt: „Kehrt um, tut Buße, lasst euch taufen (will heißen: lasst euch von euren Sünden reinwaschen), damit das Gottesreich kommen kann. Jesus aber stellt keine Bedingungen. Er proklamiert Erlösung. Er ruft das Gottesreich aus und er macht ernst mit dem, was er predigt: Blinde sehen, Lahme gehen, Hungrige werden satt und den Armen wird das Evangelium verkündet (am nächsten Sonntag werden die KonfirmandInnen genau zu diesem Text einen Gottesdienst gestalten). Da ist nichts auf das Jenseits aufgeschoben, was jetzt schon heil werden müsste. Da werden Menschen, die Jesus begegnen, aufgerichtet, „Krummes Holz“ lernt den „aufrechten Gang“, Menschen sehen auf und erheben ihr Haupt –†aber was sie sehen, das ist nun nicht mehr das kleine Kind in der Krippe, auch nicht der sanfte und friedfertige Wanderprediger und Wundertäter. Was sie sehen, das ist der gekreuzigte Herr! Und weil er das ist – weil er nicht das Kind im Stall geblieben ist, an das wir uns am Weihnachtsfest erinnern wollen, weil er nicht nur schöne Worte gefunden hat für das Ausmalen einer besseren Welt, sondern weil er seinen Weg bis zum bitteren Ende am Kreuz gegangen ist, um uns zu erlösen und um in Herrlichkeit wiederzukommen und sein Reich endgültig aufzurichten, deshalb gilt es. Deshalb können wir uns (anders als die Pinguine) den Vers jetzt schon zu eigen machen: Seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht, weil sie schon mitten unter euch ist. Freilich: das ist leichter gesagt als geglaubt, wenn einer arbeitslos ist oder schwer krank, wenn einer gebeugt wurde von der Last des Lebens und dem vielen Unerlösten um uns herum. Das wäre dann eine wirklich notwendige Aufgabe für die beiden Professoren in den benachbarten Hörsälen. Anstatt über die Pinguine zu blödeln sollten sie sich einmal darüber Gedanken machen, dass die Lehre von den Letzten Dingen (und dazu gehört die Wiederkunft Christi), vielmehr, dass die Ereignisse, um die es da geht, jetzt schon Auswirkungen haben auf unser Menschsein, auf unser Leben in der unerlösten Schöpfung. Dafür müsste man eine Sprache finden. Wann das sein wird und welche Ereignisse nun im einzelnen dieser Zeit vorausgehen, in der Schöpfung und Erlösung zueinander finden werden, das weiß kein Mensch, und das ist auch ganz gut so. Aber wir wollen es dennoch wagen, was den Dogmatikern damals noch zu schwierig schien. Wir wollen es anderen zurufen, wollen es der kleinen Lena, die wir gerade getauft haben, einschärfen und wollen es uns selbst immer wieder bewusst machen: Der Feigenbaum hat schon Früchte angesetzt, der Sommer unserer Erlösung ist nicht mehr weit, das Reich Gottes bricht jetzt schon an: Und alsdann werden sie sehen den Menschensohn kommen in einer Wolke mit großer Kraft und Herrlichkeit. Wenn aber dieses anfängt zu geschehen, dann seht auf und erhebt eure Häupter, weil sich eure Erlösung naht.

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