Von Maria lernen

Liebe Gemeinde,

ein Teil unseres Predigttextes, das Evangelium, das wir vorhin gehört haben, ist bekannt geworden unter dem Begriff "Das Magnifikat". Die Bezeichnung kommt aus der Zeit, da die Schriftlesung noch in lateinischer Sprache erfolgte, und das erste Wort hieß "Magnificat", magnificare heißt so viel wie loben und preisen. Den Lobgesang der Maria haben viele Komponisten vertont, darunter Mozart und Bach. Im 15. Jahrhundert gab es Komponisten, die hundert verschiedene Melodien dazu erfunden haben, so wichtig war der Text damals. Ein anständiger Musiker hatte einfach mindestens ein Magnifikat zu schreiben.

Und wer von Ihnen katholisch ist, wird den Text aus der Liturgie kennen.

Dieses Magnificat, liebe Gemeinde, ist ein Lobgesang, ein Dankgesang für erfahrene Barmherzigkeit. Nicht Maria hat diesen Gesang gedichtet, sondern er stammt in wesentlichen Stücken aus dem Mund der Hanna, der Mutter des Propheten Samuel, die lange Jahre unter Unfruchtbarkeit litt und Demütigungen zu ertragen hatte. Als ihr dann doch noch Mutterschaft zuteil wurde, stimmte sie diesen Lobgesang an. Maria war eine gläubige Jüdin und hatte diesen Gesang – gewissermaßen im Konfirmandenunterricht – auswendig gelernt. Nun, da sie selbst die Zuwendung Gottes spürte, hatte sie Text und Melodie parat, um das auszudrücken, was sie im Innersten bewegte. So etwas kennen Sie sicher aus dem eigenen Leben. Manchmal, in besonderen Momenten, fehlen einem die eigenen Worte, um Gott zu loben, ihm zu danken – oder auch, um ihn um etwas zu bitten. Und dann kann es regelrecht befreiend sein, sich auf ein altes Kirchenlied, auf einen Psalm oder ein Gebet zu besinnen. Das ist ja auch etwas, was einem oft Sorgen macht, wenn man merkt, dass jüngere Leute einen solchen Schatz nicht haben, weil sie nicht auf einen entsprechenden Unterricht zurückgreifen können oder auch zu Hause nicht mit Gebeten aufgewachsen sind. Gewiss haben Sie auch so eine Bibelstelle, mit der Sie ganz besonders leben. Für viele ist es der 23. Psalm "Der Herr ist mein Hirte …"

Versetzen wir uns in die Lage der Maria, ihr sind Dinge begegnet, die über das menschliche Verständnis hinausreichen, ein Engel ist ihr erschienen und hat ihr verkündet, dass sie den Erlöser gebären wird, auf den das Volk Israel seit Jahrhunderten wartet. Nun ist sie schwanger und nicht verheiratet, eine Situation, die für eine junge Frau eigentlich wenig erfreulich ist. Vielleicht musste sie sich da selbst ein wenig Mut machen. Ihre Kusine Elisabeth, die ebenfalls ein Kind erwartet, hat es da leichter. Sie hatte gar nicht mehr geglaubt, dass ihr und ihrem Mann, dem Hohepriester Zacharias, überhaupt noch ein Kind geschenkt würde. Johannes, wie sie ihren Sohn nennen wird, wird hineingeboren in sichere Verhältnisse, er wird geradezu sehnsüchtig erwartet.

Maria dagegen hat mit schrägen Blicken zu rechnen. Selbst wenn sie die Geschichte mit dem Engel erzählen würde, wer könnte ihr so etwas wohl glauben?

Da findet sie die alten Worte, die ihr bestätigen, dass Gott immer das Unerwartete tut, das Ungewöhnliche und Außerordentliche:

[TEXT V. 51-54]

Wer einen solchen Gott an seiner Seite weiß, ja, wer ihn in sich weiß, was hat der noch zu fürchten? 48 denn er hat die Niedrigkeit seiner Magd angesehen. Siehe, von nun an werden mich seligpreisen alle Kindeskinder.

49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist.

Dass Elisabeth und das Kind in ihrem Leib sofort spüren, dass etwas ganz besonderes mit Maria geschehen ist, das gibt ihr die endgültige Bestätigung: Denn es wird vollendet werden, was dir gesagt ist von dem Herrn.

Und was hat das mit uns heute zu tun? Die evangelische Kirche tut sich mit der Marienverehrung schwer, jedenfalls in der Form, die sie im Lauf der Jahrhunderte in der Volksfrömmigkeit angenommen hatte. Maria als Wunderheilerin, die bestimmten Menschen an bestimmten Orten erscheint – da können wir nicht mit, ich übrigens auch nicht. Ich glaube an den dreieinigen Gott, der sich in Christus als Mensch offenbart hat. Dass Gott die "ganz normale" Form, die der Geburt und des Erwachsenwerdens, ausgewählt hat, lässt ihn für uns Menschen begreifbarer werden. Und wen er sich als Eltern ausgesucht hat, könnte uns aus diesem Blickwinkel relativ egal sein.

Aber ich denke, wir können dennoch von Maria viel lernen. Sie war die erste Christin, sie hat bedenkenlos und vorbehaltlos geglaubt, dass Gott sich als Mensch unter die Menschen begeben wird. Sie hat sich nicht gewehrt und nicht hinterfragt, was er mit ihr vorhatte. Sie hat sich fallengelassen in die Liebe Gottes, den sie nie gesehen hatte, und sie war überzeugt, dass alles, was er mit ihr anfängt, zum besten dienen werde.

50 Und seine Barmherzigkeit währt von Geschlecht zu Geschlecht bei denen, die ihn fürchten, das ist der Satz, der Dreh- und Angelpunkt des Lobgesangs der Maria ist. Das ist die frohe Botschaft, die sie mit sich trägt und von der sie getragen wird. Es ist ein Lied der Hoffnung, das uns da vermittelt wird, und eine Zusicherung, dass Gott treu ist. Im Lauf der Geschichte hat er immer wieder beweisen, dass er Mächtige vom Thron stößt, und dass er sich Armen zuwendet und ihnen Recht verschafft, und das wird er auch zukünftig tun.

Manchmal werden Sie vielleicht gerade daran nicht so recht glauben können. Dann zum Beispiel, wenn Sie sich sehr allein fühlen und keinen Besuch bekommen, wenn es – wie jetzt – Weihnachten wird und Sie sich eigentlich danach sehnen, dass alles so wäre wie früher, dass Sie im Kreis Ihrer Familie den Heiligabend verbringen könnten.

Dann fragen Sie sich vielleicht, wo Gott überhaupt ist und ob er Sie vergessen hat. 49 Denn er hat große Dinge an mir getan, der da mächtig ist und dessen Name heilig ist, in diesen Lobpreis der Maria werden Sie möglicherweise gar nicht so von Herzen einstimmen können und sich nicht so richtig wiederfinden darin.

Aber vielleicht fällt Ihnen, wenn Sie auf Ihr Leben zurückblicken, doch die eine oder andere Situation ein, wo Gott ganz nahe bei Ihnen war. Die Wunder im eigenen Leben sind oft so klein, dass wir sie zunächst gar nicht bemerken und gar nicht spüren, dass Gott ganz nahe bei uns ist.

Ich denke an die Weihnachtsgeschichte, die Sie alle gut kennen und in den nächsten Tagen oft hören werden, vielleicht im Fernseher oder im Radio. Da kommen die Hirten an die Krippe, sehen das Kind und loben am Ende Gott für alles, was sie gehört und gesehen haben. So spektakulär war das doch eigentlich gar nicht: Sie haben ein Kind in einer Futterkrippe gesehen, und vorher ist ihnen gesagt worden, dieses kleine Kind sei ihr Erlöser. "Das kann ich mir gar nicht vorstellen", hätten sie auch sagen können Aber sie können es einfach glauben und empfinden es als Wunder, als das Größte, was sie in ihrem Leben erfahren haben. Gott hat ihnen die Augen dafür geöffnet.

Ich möchte Ihnen einfach wünschen, dass Gott auch Sie die Wunder wahrnehmen lässt, die um Sie, in Ihnen und mit Ihnen geschehen. Und dass es Ihnen damit gehen möge wie Maria, von der es am Ende der Geschichte heißt: "Maria aber behielt alle diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen."

"Wird Christus tausendmal zu Behlehem geboren – und nicht in dir, du bleibst noch ewiglich verloren", dichtete Angelus Silesius in seinem "Cherubinischen Wandersmann" Advent und Weihnachten, das findet nicht irgendwo, das findet in uns allen statt. Und Christus wartet darauf, dass wir ihm unsere Herzenstüren öffnen.

Und dazu bewahre uns der Friede Gottes, der höher ist als alles menschlich Denkbare in Christus Jesus, dessen Geburtstag wir in diesen Tagen feiern dürfen.

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