Von Königskindern und Räuberhöhlen

Kennen Sie die Geschichte von dem kleinen Räuberjungen Tom? Von seinem Räubervater für einen unverschämt hohen Preis verkauft, wächst er nun im Schloss des Königs auf, als Königskind. Aber dort ist alles anders, als Tom es von zu Hause kennt. Hell und freundlich. Alles ist weiß gestrichen. Die Räume haben große Fenster, die Sonne scheint. Es duftet nach Sommer und blühendem Blumen. In der Räuberhöhle dagegen gab es kein Licht. Kalt und feucht war es und modrig.

Aber nicht nur die Räumlichkeiten sind hier anders. Die Königskinder sind freundlich zu Tom. Sie kümmern sich umeinander. Sie teilen, was sie haben. Bei den Mahlzeiten gibt es nicht wie bei Räubers den Kampf um das größte Stück Braten, das jeder ergattern will. Die Kinder im Königsschloss wissen, dass ihr Vater, der König, sie liebt und gut für sie sorgt. Deshalb müssen sie nicht wie Räuber die Ellenbogen einsetzen, einander übervorteilen und versuchen, ihr Glück selbst zu schmieden – koste es, was es wolle. Für Tom, der früh gelernt hat, dass man in dieser Welt nichts geschenkt bekommt und dass man keinem trauen sollte ist das eine ganz neue Welt.

So beginnt ein abenteuerliches Leben im Königsschloss für den kleinen Räuber namens Tom. Nur ein nettes Bilderbuch, nur ein Märchen für Kinder? Zu sehr schwarz und weiss, Dunkelheit auf der einen und Licht auf der anderen Seite? Vielleicht. Aber dieser kleine Räuberjunge hätte keine Schwierigkeiten gehabt, die ersten Verse unseres Predigttextes zu verstehen: Da steht im 1. Johannesbrief: "Das ist die Botschaft, die wir von Christus gehört haben und die wir euch weitersagen: Gott ist Licht. Bei ihm gibt es keine Finsternis. Wenn wir also behaupten, dass wir zu Gott gehören und dennoch in der Finsternis der Sünde leben, dann lügen wir und widersprechen mit unserem Leben der Wahrheit. Leben wir aber im Licht Gottes, dann sind wir auch miteinander verbunden. Und das Blut, das sein Sohn Jesus Christus für uns vergossen hat, befreit uns von aller Schuld."

Auf der einen Seite also das Licht, Gott, der König und auf der anderen Seite Finsternis und Lüge, die Räuberhöhle. Jesus Christus hat viel davon erzählt: Gott baut sein Königreich, hier und jetzt, mitten unter uns. Und unsere eigentliche Aufgabe, unsere Bestimmung ist es, als Kinder dieses Königs in seinem Königreich, im Licht zu leben und Gott den König als unseren Vater zu lieben und unseren Nächsten wie uns selbst.

Aber manchmal scheint es, als wären wir unter die Räuber gefallen. Da warte ich vergebens auf den Besuch des Enkelkindes. Da fühle ich mich verletzt durch die herablassende Art meines Chefs oder gnadenlos ausgeliefert den fiesen Sprüche meiner Klassenkameradinnen oder meiner Mitkonfirmanden. Als wären wir unter die Räuber gefallen. Und dann die andere Seite. Wir selbst leben nicht immer wie die Königskinder, die aufeinander achten und füreinander sorgen. Manchmal leben wir eher wie die Räuber. Wenn jeder an sich denkt, ist doch an alle gedacht, heißt die Devise. Da ist mir meine wohlverdiente Ruhe wichtiger als die Nachbarin mit ihren vielen Sorgen. Da gehen wir manchmal über Leichen, begehen beinahe Rufmord – natürlich ganz im Vertrauen: ?Sag mal, hast du schon gehört …, aber behalt`s für dich?. Da verschaffe ich mir illegal einen finanziellen Vorteil bei meiner Steuererklärung.

Unser Predigttext beschönigt dabei nichts, dort heißt es ganz nüchtern: "Freilich werden immer wieder Leute behaupten, sie hätten das nicht nötig, sie seien frei von aller Schuld. Wer so etwas sagt, betrügt sich selbst. In ihm ist kein Fünkchen Wahrheit."

Keiner von uns hat eine weiße Weste. Die Räuberhöhle zieht uns immer wieder fast magisch an. Wie der kleine Räuberjunge Tom haben wir die Spielregeln unseres Lebens unter Räubern gelernt. Und selbst, wenn wir eigentlich wissen, dass Gott sein Königreich unter uns baut, wenn wir wissen, dass unsere eigentliche Aufgabe ist, als große Familie in der Nähe unseres himmlischen Vaters miteinander zu leben, so unternehmen wir doch immer wieder Streifzüge ins Dunkel der Räuberhöhle. So haben wir es in der Lesung vorhin gehört. Nichts wie weg vom Vater – jetzt bin ich selbst meines Glückes Schmied. Das ist Sünde. Das hören wir nicht gern. Aber es ist Sünde, wenn wir fern von Gott unsere eigenen Wege gehen und jeder nur noch sich selbst der nächste ist. Der Vater lässt seinen Sohn ziehen. Der kleine Räuberjunge Tom macht manchen Ausflug ins Reich der Räuber. Wir sind keine Marionetten Gottes, nein, wir haben die Wahl, ob wir uns am Bau des Königreichs beteiligen wollen oder lieber am Räubertisch einander übervorteilen. Das ist die unbequeme Wahrheit unseres Predigttextes. Und dabei hat keiner von uns eine weiße Weste.

Und nun? Eine beliebte Spielregel in der Räuberhöhle unserer Welt lautet: Schuld sind immer die anderen. Und wenn das nicht klappt, dann müssen wir es eben schönreden. ?Ich bin doch kein schlechter Mensch. Erst neulich habe ich großzügig die Aktion Brot für die Welt unterstützt. Und regelmäßig zum Gottesdienst gehe ich auch. Und außerdem haben die Politiker viel mehr Dreck am Stecken als ich.? Aber die kunstvolle Fassade täuscht nicht darüber hinweg: Es bleibt dunkel in unserer Räuberhöhle.

Unser Predigttext schlägt einen ganz anderen Weg vor: "Wenn wir aber unsere Sünden bereuen und sie bekennen, dann dürfen wir darauf vertrauen, dass Gott seine Zusage treu und gerecht erfüllt: Er wird unsere Sünden vergeben und uns von allem Bösen reinigen. Doch wenn wir behaupten, wir hätten gar nicht gesündigt, dann machen wir Gott zum Lügner und beweisen damit nur, dass wir Christus noch gar nicht kennen. Meine geliebten Kinder, ich schreibe euch, damit ihr nicht länger sündigt. Sollte aber doch einer Schuld auf sich laden, dann haben wir einen, der selbst ohne jede Sünde ist und beim Vater für uns Sünder eintritt: Jesus Christus. Denn Christus hat unsere Sünden, ja die Sünden der ganzen Welt auf sich genommen; er hat sie gesühnt."

Die Selbsterkenntnis ist das eine. In welche Richtung laufe ich? Fort vom Vater und den Geschwistern? Manchmal ist das eine bittere Erkenntnis. Der verlorene Sohn muss feststellen, dass er unter Schweinen lebt. Ausgenutzt, ausgebrannt, am Ende und mit leeren Händen und knurrendem Magen. Und er erkennt, dass seine tiefsten Sehnsüchte so nicht gestillt werden. Dass er seiner Bestimmung nicht gerecht wird. Er hat die Schattenseiten des Lebens unter Räubern kennen gelernt. Und dann ist sie da. Die Erinnerung an zu Hause. Der Vater. Das Königreich. Mit anderen zusammen arbeiten in dessen Königreich – das wär? schon was. Lebenshunger würde gestillt. Und dann kehrt er um. Und: Der Vater läuft ihm entgegen und empfängt ihn mit offenen Armen. Nicht als Arbeiter, nein, als Kind. Voller Sehnsucht stand er am Fenster und hat gewartet. Voller Sehnsucht verzehrt sich Gott nach jedem einzelnen, der fern von ihm lebt. Er lässt uns eigene Wege gehen. Er lässt uns als Räuber unter Räubern leben. Aber Gott, der König, der Vater hat Sehnsucht nach seinen Kindern und läuft uns entgegen. Wir müssen uns nur umdrehen. Gott hat solche Sehnsucht nach den Menschen, dass er seinen Sohn schickt, uns entgegenläuft in Jesus Christus und uns einlädt in sein Königreich.

Und dann? Dann fängt schon hier und heute das große Familienfest an, von dem wir vorhin gehört haben. Und: es verändert sich was. Man kann sich schwer vorstellen, dass der verlorene Sohn – eben noch in den Armen des Vaters willkommengeheißen – sogleich den Bruder vors Schienbein tritt. Nein, aus Räubern werden Königskinder. Der Predigttext beschreibt das so: "Dass wir nun Gottes Gebote halten, ist der Beweis dafür, dass wir Gott kennen. Sollte allerdings jemand behaupten: «Ich kenne Gott», seinen Geboten aber trotzdem nicht gehorchen, so ist er ein Lügner, der Christus gar nicht kennt. Doch wer sich an Gottes Wort hält und danach lebt, an dem zeigt sich Gottes ganze Liebe. Daran ist zu erkennen, ob wir wirklich zu Gott gehören. Wer von sich sagt, dass er zu Christus gehört, der soll auch so leben, wie Christus gelebt hat."

Das war das Anziehende an den ersten Christen. Dass sie als Königskinder lebten, alles von Gott dem König, ihrem Vater erwarteten. Dass sie füreinander da waren in guten und in schlechten Zeiten, zueinander standen, füreinander sorgten. Das bedeutet keineswegs ewige Harmonie. Keine heile Welt. Nein, Räubermanieren sind uns auch nicht von heute auf morgen auszutreiben. Aber Konflikte, Verletzungen, Schuld bleiben nicht im Dunkel der Räuberhöhle, sondern kommen ans Licht. Der ältere Sohn im Gleichnis legt seinen Ärger, seine Verletztheit deutlich auf den Tisch. Und ich vermute, es ist ihm nicht leicht gefallen, über seinen Schatten zu springen. Aber wo das gelingt, dass wir anfangen ehrlich vor uns selbst, vor Gott und voreinander zu werden; wo es gelingt, den ersten Schritt auf meinen Nachbarn oder die Außenseiterin in meiner Klasse zuzugehen. Wo ich es wage, meiner Schwiegertochter die Hand zur Versöhnung anzubieten, da verwandelt sich bereits heute die Dunkelheit der Räuberhöhle in eine königliche Festbeleuchtung. Wo Familien an einem Samstagnachmittag gemeinsam Gottes Schöpfung bestaunen und jeder einen Beitrag zum Festschmaus liefert, wo Konfirmanden auf einer Picknickdecke miteinander teilen, was sie mitgebracht haben – und alle werden satt, da können wir einen Vorgeschmack bekommen auf das Leben im Königreich.

Gott baut sein Königreich mitten unter uns. Machen wir aus unseren Herzen keine Räuberhöhlen. Das Fest beginnt.

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