Von Jesus überfordert?

Liebe Gemeinde,

stellen wir uns diese Situation doch einmal in unserer heutigen Zeit vor: Jesus ist zu uns in den Ort gekommen, schnell hat sich das herumgesprochen, immer mehr Leute kommen und hören zu, was Jesus erzählt. Plötzlich drängelt sich einer durch die Menge, stellt sich vor Jesus hin und sagt zu ihm: "Lieber Jesus, das was du da erzählst ist wirklich gut. Aber mich beschäftigt da noch etwas: Du weißt ja, wir haben wirklich viele Gebote, Vorschriften und Gesetze. Welches von diesen vielen ist denn deiner Meinung nach das wichtigste?" Und Jesus zögert nicht mit seiner Antwort: "Der Herr, unser Gott, ist allein der Herr." Ja, das leuchtet ein, das kennen wir, so ähnlich lautet auch das erste Gebot. Jesus ist aber noch nicht fertig: "Du sollst Gott, deinen Herrn, lieben von ganzem Herzen, von ganzer Seele, von ganzem Verstand und von allen deinen Kräften." Und dann: "Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst."

Wenn ich diese Antwort höre, dann wird mir im ersten Augenblick schon etwas schwindlig: "Liebe Gott mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele, mit ganzem Verstand, mit aller deiner Kraft!" Das heißt doch: "Liebe Gott mit allem was du hast und bist!" Und: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Ich weiß nicht wie es Ihnen bei diesen Worten geht, aber ich habe den Eindruck, dass dieser Jesus da etwas fast Unmögliches von mir verlangt. Sicher, ich will Gott schon mit meinem ganzen Sein lieben, aber ist das, was ich habe, denn auch wirklich genug? Und selbst wenn das genug ist, schaffe ich das überhaupt? Gott von ganzem Herzen zu lieben? Mit meiner ganzen Seele? Mit meinem ganzen Verstand? Mit all meiner Kraft? Ich bin schließlich ein Mensch, der sein Herz seiner Partnerin geschenkt hat, dessen Seele nicht nur an Gott, sondern auch an Hobbys hängt, der seinen Verstand alltäglich auf der Arbeit und ganz allgemein zum Leben benötigt, dessen Kraft irgendwann auch erschöpft ist! Kann es sein, dass Gott von uns verlangt, dass wir all dies aufgeben sollen, dass wir uns selbst aufgeben sollen, nur um ihn zu lieben? Was heißt das eigentlich: "Gott lieben"?

An dieser Stelle kommt mir Luthers Auslegung zum ersten Glaubensartikel in den Sinn: "Ich glaube, dass mich Gott geschaffen hat samt allen Kreaturen, mir Leib und Seele, Augen, Ohren und alle Glieder, Vernunft und alle Sinne gegeben hat und noch erhält, dazu Kleider und Schuh, Essen und Trinken, Haus und Hof, Weib und Kind, Acker, Vieh und alle Güter; mit allem, was not tut für Leib und Leben, mich reichlich und täglich versorget, in allen Gefahren beschirmt und vor allem Übel behütet und bewahrt; und das alles aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit, ohn all mein Verdienst und Würdigkeit." "Aus lauter väterlicher, göttlicher Güte und Barmherzigkeit" – das heißt doch: Wir glauben, dass Gott uns nicht nur all das gibt, was wir zum Leben brauchen; nein, das heißt auch: Wir glauben, dass Gott uns so liebt, wie wir sind, mit allen unseren Stärken, aber auch mit allen unseren Schwächen. Für unsere Frage von vorhin bedeutet das: Nein, natürlich sollen wir uns selbst und unser Leben nicht aufgeben, nur um Gott zu lieben! Nicht diejenigen Menschen und Dinge in unserem Leben, an denen wir mit Herz und Seele hängen, und auch nicht das, was wir mit unserem Verstand und mit unserer Kraft betreiben. Wir sollen Gott lieben, ja, aber eben mit dem Wissen, dass wir Menschen sind, die Fehler und Schwächen haben. Seine Liebe gibt uns erst die Kraft, ihn wieder zu lieben. Mit seiner Liebe im Rücken können wir unsere Partnerin oder unseren Partner in neuem Licht sehen, dürfen wir uns an unseren Hobbys unbefangener erfreuen, fällt uns die Arbeit mit dem Verstand und all unserer Kraft wieder leichter. Ich will die Antwort Jesu noch einmal neu formulieren: "Liebe Gott, mit allem was du hast und bist, also auch mit deinen Fehlern und Schwächen, im Vertrauen auf seine Liebe!"

Das zweite Gebot, das uns Jesus nennt, hat mich auch sehr nachdenklich gemacht. "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!" Sicher kennen sie Tage wie diesen: Es ist früh am Morgen, man hat so richtig schlecht geschlafen, der Schädel brummt wie ein ganzer Bienenstock, schließlich überwindet man sich doch aufzustehen und ins Bad zu gehen und als man in den Spiegel schaut und sich selbst sieht denkt man: "Dich kenn´ ich nicht, dich mag ich nicht!" Wenn ich nun Jesu Gebot auf diese Situation anwende, bedeutet das dann: "Heute mag ich mich selber nicht, dann muss ich auch meinen Nächsten nicht mögen"? Oder: "Heute liebe ich mich selber nicht, also darf ich auch mit meinem Nächsten umspringen, wie ich will". Das kann es doch wirklich nicht sein!

Es gibt auch Menschen, die kann ich einfach nicht lieben, selbst wenn es mir gut geht und ich mich selber liebe! Sie haben das bestimmt auch schon erlebt: Es gibt da einen Kollegen, der braucht noch nicht einmal da zu sein, allein ein Gedanke an ihn genügt, und schon ist meine ganze Stimmung dahin. Wie soll ich da dieses Gebot erfüllen: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!"

In solchen Momenten fühle ich mich von Jesus überfordert: Das was er da von mir verlangt, das kann ich einfach nicht!

Verlangt er hier wirklich Unmögliches von uns? Gott liebt uns so wie wir sind, ohne all unser Verdienst und Würdigkeit. Er liebt aber auch unseren Nächsten, genauso wie uns. Die Liebe Gottes, die in uns allen wirkt, die er uns allen geschenkt hat, kann uns dazu verhelfen, nicht nur uns selbst anzunehmen, uns selbst zu lieben, nein, sie kann uns helfen, auch unseren Nächsten zu lieben. Mit dem Vertrauen auf die Liebe Gottes können wir es vielleicht schaffen, auf den ungeliebten Nächsten zuzugehen, ihn anzunehmen, so wie er ist, ihn zu respektieren und anzuerkennen.

Wir sind Menschen, und nur die Liebe Gottes, nicht die Liebe eines Menschen, kann so allumfassend sein, dass ein jeder Mensch darin eingeschlossen ist.

So könnte man dieses zweite Gebot Jesu neu formulieren: "Liebe deinen Nächsten wie dich selbst, im Vertrauen auf die Liebe Gottes, die dort hinreicht, wo deine Liebe aufhört!"

Kommen wir zurück zu unserer Geschichte vom Anfang. Der Frager aus unserer Mitte hat die Worte Jesu gehört und antwortet ihm: Das, was du sagst Jesus, das leuchtet mir ein, damit hast du recht.

Und auch für uns hier kann gelten: "Liebe Gott, mit allem was du hast und bist, also auch mit deinen Fehlern und Schwächen, und liebe deinen Nächsten wie dich selbst, im Vertrauen auf die grenzenlose Liebe Gottes, die auch da hinreicht, wo die menschliche Liebe aufhört."

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