Vom Zweifel zur lebendigen Hoffnung

Liebe Gemeinde!

<i>[Kreis aus Pappe hochhalten – auf einer Seite ein blaues Fragezeichen, auf der anderen Seite ein rotes Ausrufezeichen]</i>

Ein blaues Fragezeichen auf grauem Untergrund eröffnet die heutige Predigt. Ein Fragezeichen. Wo ein Fragezeichen steht, ist etwas unklar, offen, noch ohne Lösung. Dieses Symbol soll heute für Fragen stehen, mit denen wir hierher gekommen sind. Vielleicht solche: Was werden mir die nächsten Wochen bringen? Welchen Weg wird mein Kind gehen, das
heute getauft wurde? Wie wird sein Leben verlaufen? Werde ich einen schwierigen Konflikt lösen können?
Das Fragezeichen steht auch für Zweifel in unserem Leben: Zweifel, die uns plagen, z.B. wenn eine schwierige
Entscheidung zu treffen ist: Welcher Lebenspartner passt zu mir? Finde ich eine Arbeitsstelle? Werde ich wieder gesund? Fragen und Zweifel.

Doch auf der anderen Seite der Medaille: ein Ausrufezeichen, rot auf goldenem Grund. Da ist etwas ganz klar und sicher.
Das Ausrufezeichen steht für eine feste Überzeugung, eine starke Gewissheit, eine klare Antwort. Für das, was
hundertprozentig sicher ist in unserem Leben. Zwei Seiten einer Medaille – Fragen auf der einen Seite, Antworten auf der anderen Seite. Beide Seiten gehören zu unserem Leben, die Fragen und die Antworten, die Zweifel und die Gewissheiten, die sicheren und die unsicheren Schritte. Beide Seiten der Medaille gehören auch zum Glauben. Zweifel und Gewissheiten sind dabei wie zwei Geschwister – manchmal
gehen sie Hand in Hand, manchmal liegen sie miteinander im Streit. Und Wachsen im Glauben umfasst beides: Zweifel aussprechen und zu Gewissheiten gelangen. Soeben wurden hier im Gottesdienst fünf Menschen getauft bzw. konfirmiert. Für die Kinder bedeutet das den Beginn ihres
Weges im Glauben, für die Erwachsenen eine wichtige Etappe auf diesem Weg. 5 Wege im Glauben, 5 Wege mit Gott. Auch auf diesen Wegen wird es sicherlich Fragen geben (Symbol Fragezeichen): Wo ist Gott in meinem Leben? Wie spüre ich seine Nähe? Was will Gott von mir, wie ich leben soll? Welche Konsequenzen hat mein Glaube für mein Leben?… Und vielleicht auch manchmal Zweifel: Hat es Sinn, dass ich an Gott glaube? Erliege ich vielleicht einer Illusion? Ist Jesus wirklich auferstanden?

Aber auf dem Weg des Glaubens liegen nicht nur Fragen und Zweifel. Es liegen auch immer wieder Entdeckungen und neue
Einsichten <i>[Symbol Ausrufezeichen]</i> bereit: Vielleicht beim Lesen in der Bibel oder durch Gespräche mit anderen Menschen oder durch tiefgehende Erfahrungen geht mir etwas auf von Gottes Gegenwart, werde ich berührt von Gottes Kraft, fühle ich mich angesprochen von Gottes Wort. Eltern haben heute ihre Kinder zur Taufe gebracht. Erwachsene haben sich taufen bzw. konfirmieren lassen. Hinter dieser
Entscheidung liegen schon solche Entdeckungen und Einsichten: Etwas am christlichen Glauben ergreift mich, fordert mich heraus und gibt mir Kraft . Und oft sind es gerade die Fragen und Zweifel, die uns zum Suchen nach Antworten antreiben und so unseren Glauben wachsen lassen.

Im Predigttext begegnet uns heute ein Jünger Jesu, der seine Zweifel besonders laut und konkret geäußert hat. Ich lese aus dem Johannesevangelium, Kapitel 20:

[TEXT]

Schlimm für Thomas! Er war nicht dabei, als der auferstandene Jesus den Jüngern erschien. Er hat es verpasst. Nun muss er mit dem vorliebnehmen, was ihm die anderen erzählen. Doch Thomas zweifelt. „Wenn ich nicht seine Wunden sehe – die Male in den Händen und in der Seite – und wenn ich nicht meine Finger hineinlegen kann, so kann ich’s nicht glauben!“ oder mit anderen Worten: Wenn ich die Zeichen des Todes nicht wiedererkennen kann, glaube ich es nicht. Ich bin nicht sicher, dass dieser Jesus, den ihr gesehen haben wollt, wirklich der ist, mit dem wir es damals zu tun hatten. Er, der unser
Freund und Lehrer war, der gefoltert wurde und am Ende einen qualvollen Tod starb. Solange ich nicht sicher sein kann, glaube ich’s nicht. Ich kann’s nicht glauben!“ – Thomas zweifelt. Und ich kann ihn dabei gut verstehen. Das ist ja auch wirklich schwer zu glauben. Er übernimmt nicht einfach unhinterfragt, was ihm die anderen erzählen. Gut, dass Thomas zweifelt. Denn dieser Zweifel führt ihn ganz persönlich und konkret zur Erkenntnis, dass Jesus lebt. Sein Zweifel wird ein wichtiger Schritt auf dem Weg zu dieser Gewissheit. Der Schriftsteller Erich Fried hat einmal gesagt: „Zweifle nicht an dem, der dir sagt, er hat Angst, aber hab Angst vor dem, der dir sagt, er kennt keinen Zweifel.“ Wer nie an sich selbst zweifelt, ist in der Gefahr, sich selbst zu überschätzen. Und wer alles glaubt, was andere erzählen, kann leicht hinters Licht geführt werden.

In der vergangenen Woche habe ich Menschen um mich herum befragt, welche Zweifel in Glaubensdingen sie kennen. Ich
erhielt ganz unterschiedliche Antworten:
– „Ich zweifle daran, dass alles, so wie es in der Bibel steht, Gottes Wort ist“, sagte ein Mann. – „Ich zweifle daran, ob unsere Gebete wirklich Wirkungen haben, z.B. die vielen Friedensgebete in den letzten Wochen“, so bekannte es eine Frau. – Ein Junge antwortete auf meine Frage: „Na, das mit der Auferstehung von Jesus. Wenn man tot ist, ist man doch tot!“ Unsere Zweifel gehören zum Glauben dazu. Sie weisen auf das, was wir nicht einfach schlucken können oder wollen. Und
manchmal wächst unser Glaube gerade in der Auseinandersetzung mit unseren Zweifeln. Gut, dass es Thomas unter den Jüngern gibt. Denn seine Geschichte zeigt uns nicht nur, dass Zweifel berechtigt sind, sondern auch, wie sie ihn zu tieferer Erkenntnis geführt haben. Denn die Erfahrung, die Thomas sucht, wird ihm zuteil: Nach einer Woche sind die Jünger wieder versammelt, wieder im verschlossenen Raum, wohl wieder voller Angst. Thomas ist diesmal dabei. Und Jesus tritt zu ihnen. Er spricht sie an mit dem vertrauten Gruß: „Friede sei mit euch!“ Dann wendet er sich an Thomas, den Zweifelnden, den Suchenden: „Gib deinen Finger her! Hier sind meine verwundeten Hände. Und gib deine Hand her und lege sie in meine verwundete Seite. Spüre, dass ich’s wirklich bin! Lege deine Zweifel nun ab! Ver-zweifle nicht, sondern vertraue!“ Thomas wünscht sich ein Zeichen, das ihm die Zweifel nimmt. Er möchte das Unfassbare mit den Händen greifen. Die Erfahrung, die er sucht, wird ihm zuteil. Als einziger Jünger darf er den Auferstandenen berühren und so das Unbegreifliche begreifen. Ob Thomas Jesus wirklich berührt hat, wissen wir nicht. Die Geschichte erzählt es nicht. Aber sie erzählt, dass Thomas in seinem innersten Wesen berührt und ergriffen wurde. Thomas erkennt Jesus. Nicht nur mit Kopf und Verstand, sondern tief in seinem Herzen. Thomas begreift in diesem Moment, wer Jesus für ihn ist. „Mein Herr und mein Gott!“ antwortet er ihm. Nicht Folter und Tod hatten das letzte Wort behalten, sondern Gottes Kraft in Jesus. Und diese Erfahrung der Nähe des auferstandenen Jesus wird hineinwirken in das weitere Leben des Thomas. Aus den Zweifeln keimt so eine neue, lebendige Hoffnung.

Jesus setzt noch einmal an und spricht zu Thomas: „Du hast mich mit meinen Wunden gesehen, und nun glaubst du. Selig die, die nicht sehen und trotzdem glauben!“ Diesen Satz verstehe ich als Trost für alle späteren Generationen. Die
Menschen später konnten Jesus nicht sehen (wir auch nicht). Sie konnten ihre Finger nicht in Jesu Wunden legen und von seiner sichtbaren Nähe so angerührt werden wie Thomas. Doch Jesus ermuntert dazu, sich tragen zu lassen von den Zeugnissen der Auferstehung. „Auch wenn ihr mich nicht seht“, so meint es Jesus: „Vertraut darauf: das von Gott geschenkte Leben ist stärker ist als der Tod! Gottes Macht ist stärker als die Mächte der Finsternis! Gott ist denen nahe, die ihm vertrauen! <i>[Kreis mit Frage- und Ausrufezeichen noch einmal hochhalten]</i> Ich wünsche besonders den heute Getauften und Konfirmierten, aber auch allen anderen: Lasst eure Fragen und Zweifel im Glauben zu. Gott schenke euch, Gott schenke Ihnen, dass diese Zweifel wie damals bei Thomas zu tieferer Erkenntnis und kraftvoller Hoffnung führen mögen.

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