Vom Umgang mit Schuld – oder: Wie werde ich die Schuld wieder los!

Erfahrungen spiegeln sich oft in Sprichwörtern wieder. Wenn wir z.B. sagen: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm", dann meinen wir damit positive oder negative Eigenschaften, die Kinder von ihren Eltern übernommen haben.

In Israel zur Zeit des Propheten Hesekiel gab es ein ähnliches Sprichwort. Ein Sprichwort, das die Erfahrungen einer Generation von Menschen wiedergibt, die schlimme Erlebnisse hatte. Israel wurde besiegt und die obersten des Volkes- die Elite sozusagen- wurde verschleppt ins Exil nach Babylon. Und dort wurde nachgedacht. Nachgedacht darüber wie es eigentlich zu dieser Katastrophe kommen konnte und warum sie nicht vermieden wurde. Man kommt zu folgenden Schlussfolgerungen:

[TEXT V. 1-4]

Liebe Gemeinde. "Die Väter haben saure Trauben gegessen und den Kindern sind die Zähne davon stumpf geworden." Säure, liebe Gemeinde greift den Zahn an. Das sagt uns sogar die Werbung im Fernsehen. Der Zahn wird stumpf und vielleicht sogar brüchig. Aber auf jeden Fall tut diese Säure in einem Übermaß nicht gut. Es ist die Erfahrung, dass nicht die Täter, die die sich gegen Gottes Gebot gestellt haben bestraft wurden, sondern die nachfolgende Generation. Es ist wie ein Fluch, der sich auswirkt. Und wenn sie an unsere jüngere Geschichte denken so haben erleben wir diesen Fluch in unserem Land ja auch. Was in den Jahren zwischen 1933 und 1945 Menschen an Leid zugefügt wurde, das wirkt sich noch bis heute aus im Verhältnis der Deutschen zu vielen anderen Völkern und ganz besonders zum jüdischen Volk. Gott nun will mit diesem Sprichwort aufräumen. Er meint dieser Umgang mit Schuld, und darum geht es ja, er ist zu einfach. Er will klar machen: Jeder der sündigt soll sterben. Jeder, der Sünde tut ist dafür selbst verantwortlich zu machen. Sicherlich, das Fehlverhalten der Väter hat auch Auswirkungen auf die jetzt lebende Generation. Aber es ist zu einfach zu sagen: "Dass es uns heute so geht, wie es uns geht, das ist einzig die Schuld unserer Vorfahren." Wir blenden dabei viel zu leicht unsere eigene Schuld aus. So soll es nicht sein. Schuld ist immer persönlich Schuld. Und deshalb geht unser Text hier auch weiter. Was sollen wir denn mit der persönlichen Schuld tun? Diese Frage ergibt sich ja ganz zwangsläufig? Deshalb geht die Gottesrede weiter und Hesekiel teilt uns mit, was Gott von den Menschen möchte:

[TEXT V. 21-24.30-32]

Der Prophet macht den Willen Gottes klar: Wer sich bekehrt, und das heißt hier ganz deutlich- wer seine Sünde bei Gott abgibt und ihm vertraut der soll Leben- auch wenn er in seinem Alltag sündigt.

Wie kann das nun gehen? All das ist eine persönliche Sache und man kann durchaus versuchen den Vorgang der Schulderkenntnis und Vergebung nun einmal in eine sinnvolle Reihenfolge zu bringen.

Ich denke dieser Weg, an dessen Ende neue Lebensmöglichkeiten stehen, hat viele Etappen. Bevor wir aber diese Etappen anschauen muss man sich vor Augen malen, was am Ende dieses Weges sein kann. Man muss schmecken und sehen, was herauskommen kann. Und was herauskommen kann ist sehr positiv, liebe Gemeinde. Es ist doch so, dass Schuld Menschen voneinander trennt. Menschen reden nicht mehr miteinander. Menschen klagen sich gegenseitig an. Menschen führen Prozesse gegeneinander. Menschen können nicht mehr ruhig schlafen und jeder Kontakt mit dem verhassten Gegenüber wird vermieden. All das fällt weg, wenn Schuld bereinigt ist. Man kann sich wieder in die Augen schauen. Man kann wieder ruhig schlafen. Man redet wieder miteinander. Es geht einem wieder gut. In Neuguinea nennen die Menschen das "gutpela sindaun". Anders ausgedrückt: "Es ist gut und schön hier zu wohnen." Und dieses Wohnen schließt hier alles ein, vor allem den Kontakt zu den nächsten Nachbarn und den Verwandten. Es ist gut Schuld zu vergeben und vergeben zu lassen, denn das trübe Leben wird absolut sonnig. Es wird wieder schön zu leben und Hoffnung keimt auf. Dieses Ziel denke ich muss man voranstellen um den steinigen Weg, den ich jetzt beschreibe zu gehen:

Zunächst gilt es einmal zu ERKENNEN: Dieses Erkennen ist unterschiedlich schwer oder leicht. Manche Schuld ist so offensichtlich, dass sie für jeden selbst zu erkennen ist. Oft aber ist es viel schwieriger, weil man den Eindruck hat, dass irgend etwas nicht mehr stimmt, aber man nicht sofort draufkommt was es ist. Es geht also dann darum dieser Schuld nachzuspüren. Eine Fährte zu finden. Herauszubekommen warum Menschen verändert reagieren. Erkennen wäre also der erst Schritt. Habe ich die Schuld erkannt so wäre es dann nötig sie zu BEKENNEN. Dieses Bekennen ist wichtig, denn Schuld wird nun ausgedrückt. Das Verbalisieren von Schuld hilft. Das ist die große Chance der Beichte. Es kommt das heraus, was in mir ist und mich quält. Durch das Bekennen mache ich auch deutlich, dass ich etwas als Schuld erkannt habe und es mir wichtig ist dieses Verhalten zu ändern. Das Bekenntnis ist wohl der schwerste Schritt, denn hier oute ich mich. Ich teile anderen etwas mit. Sehen sie- es ist leicht im Gottesdienst beim Sündenbekenntnis zu sprechen: "Der allmächtige Gott erbarme sich unser, er vergebe uns unsere Sünde und führe uns zum ewigen Leben." Es ist schwer zu bekennen: "Ich habe die Ehe mit einer anderen Frau gebrochen" oder "Ich habe einen Kunden betrogen" oder "Ich habe zu Schuld in meinem Umfeld geschwiegen, bin nicht eingeschritten." Das ist unendlich schwer und unendlich wichtig, denn die Schuld muss raus aus unseren Körpern und unseren Gedanken, damit wir frei werden.

In einem weitern Schritt geht es darum mit GOTTES HILFE HERZ UND GEIST ZU WANDELN. Ich sage das bewusst so. Es geht für mich nicht ohne Gott. Und es muss eine Wandlung geschehen. Wenn ich diese Schuld bekannt habe, dann will ich mich wandeln und man sollte sich erst einmal überlegen wie diese Wandlung aussehen kann. Es kann sein, dass ich meine Beziehung zu Gott in dieser Phase vertiefen möchte. Ich schließe mich einem Bibelkreis an, weil ich merke ich muss mehr wissen über diesen Gott. Und vor allem: Ich verändere meine Einstellung. Durch diesen schweren Prozess der Aufarbeitung meiner Schuld gehe ich ganz anders an den Tag heran, ich erkenne: Der andere ist Gottes Geschöpf wie ich. Ich will ihm nichts Schlechtes ich will für ihn Gutes, so wie für mich selbst. Wenn dieser Entschluss aus mir heraus kommt, dann denke ich ist Herz und Geist bereits gewandelt, verwandelt. Bitte, das ist keine Garantie gegen einen Rückfall, aber es ist ein positiver, hoffnungsvoller Schritt nach vorne.

Und letztens: Es geht nun darum UMZUKEHREN. Das heißt ich weiß nun, meine Sünde ist weg und weiß warum diese Sünde aufgetreten ist. Ich habe das Verlangen sie nicht mehr zu tun. Ich brauche vielleicht Hilfe dabei. Menschen, eine Gruppe einen Kreis der mir hilft. Umkehr, ja ich kehre mich um und spätestens jetzt ist die Entschuldigung dran. Ich muss hingehen und darum bitten, dass mir auch der betroffene Mensch vergibt, so wie mir Gott vergeben hat. Wenn dieser andere Mensch dazu nicht bereit ist, so ist dies dann in erster Linie sein Problem. Wichtig ist, dass ich hingehe und sage: "Es tut mir leid. Ich entschuldige mich. Ich habe einen Fehler gemacht."

Liebe Gemeinde: Schwierig ist das Ganze, aber heilsam. Heilsam- weil einfach das was belastet weg ist. Schauen Sie es gibt so viele Menschen, die eine schwere Last mit sich herumtragen, weil sie diese Schritte nicht gehen und die umherlaufen und traurig sind und krank werden. Ich denke vieles könnte vermieden werden, wenn man rechtzeitig Schuld erkennen, bekennen und bearbeiten würde. Wenn man das Gespräch suchen würde und sich entschuldigen.

Liebe Gemeinde, Gott hat keinen Gefallen daran, wenn wir sterben. Er möchte, dass wir leben, so Hesekiel. Der heutige Predigttext weist mich daraufhin, dass ich als Mensch so handle wie die Israeliten damals. Ich suche häufig die Schuld bei anderen. Die Umstände sind schuld, der andere ist schuld! Ich verdränge und ich versuche zu vergessen. Es klappt nicht- es holt mich ein. Gott hat uns die Möglichkeit gegeben uns von Schuld zu befreien. Das Verhältnis zu ihm und zu unserem Nachbarn, Bruder, Schwester usw. kann eine neue Basis bekommen. Gehen wir diesen Schritt bewusst, auch wenn er schwer ist. Denn in Abwandlung des israelischen Sprichwortes müssten wir sonst vielleicht sagen: "Wir haben saure Trauben gegessen und uns sind die Zähne davon stumpf geworden."

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