Vom Teilen …

Liebe Gemeinde,

manche Geschichten in der Bibel braucht man scheinbar gar nicht vorlesen. Eigentlich bräuchte ich vor die Geschichte zum heutigen Sonntag nur die Stichworte zu nennen: Teilen macht Reich als Überschrift und zum Inhalt: 5 Brote und 2 Fische, ein volles Dutzend Körbe Brot bei 5000 Menschen. Ich nehme an, jetzt gibt es kaum noch jemanden unter uns, der nicht weiß, worum es geht: um das Wunder des Teilens, die Speisung der 5000. eine der wenigen Geschichten, die jedem Evangelisten so wichtig war, dass er sie überliefert hat. Johannes folgendermaßen: Ich lese aus dem 6. Kapitel die Verse 1-15:

[TEXT]

Da kommen tausende von Menschen, sie verfolgen Jesus, sie wollen ihn sehen, hören, ihn handeln sehen. Vielleicht sind einige krank und sie erhoffen sich ein Wunder: dass er sie anrührt und heilt, vielleicht erwarten sie auch nur eine bewegende Rede, denn damals gab es weder Radio, Fernsehen noch Internet, noch nicht mal eine Zeitung. Propheten wie Jesus: das ist für viele eine willkommene und seltene Abwechslung vom Alltagstrott, ähnlich attraktiv wie heute für viele „Wetten dass…“ im Fernsehen. Jesus sitzt auf dem Berg, sieht die Menschen und fragt: wie kann ich diesen Menschen gerecht werden? Wie kann ich all ihre Bedürfnisse befriedigen? Wie soll ich den Hunger dieser Menschen stillen? Den Hunger nach Lebendigkeit, Freude im Leben, Gesundheit, Heil und Erkenntnis?
Johannes überliefert diese Fragen in einem Satz, der uns in seiner Symbolik kaum noch zugängig ist: in der Frage an Philippus: Wo kaufen wir Brot, damit diese zu essen haben? Philippus, der die undankbare Rolle des auf den Schlauch stehenden Jüngers übernimmt, antwortet: ein Jahresgehalt würde nicht ausreichen, um die Menschen alle satt zu bekommen.

Doch es geht gar nicht darum Brot zu kaufen. Es geht um die Frage: wie werden all die Menschen satt, wie werden all die Menschen zufrieden gestellt? Nicht nur um die Bedürfnisse im Bauch geht es, sondern um all die Bedürfnisse, die die Menschen dazu gebracht haben, ihre Arbeit stehen und liegen zu lassen, um sich Jesus anzusehen, anzuhören und mit ihm in Kontakt zu kommen. Wie aber kann ein irdischer Mensch, auch wenn es Gottes Sohn ist mit 5000 Menschen auf einmal in Kontakt kommen? Ein Bad in der Menge, eine Ansprache, eine oder mehrere symbolische Handlungen – das geht.
Das erwarten wahrscheinlich die Menschen auch: ein Bergpredigt, ein paar Heilungswunder, damit wäre dem Allgemeininteresse genüge getan – jedem einzelnen würde er auf keinem Fall gerecht.

Und so verweigert sich Jesus erst einmal der allgemeinen Erwartung. Keine Bergpredigt. Keine Krankenheilung. In meiner Predigtvorbereitung kam mir dazu eine Idee: Heute nicht zu predigen, sondern das Ganze in Szene zu setzen. Etwa in der folgenden Form: Ich setze mich mit den Kirchenvorstehern in den Altarraum, den Berg sozusagen, und halte keine Predigt, beratschlage mich, schaue wer da ist und wer was mitgebracht hat, sammel’ etwas ein, spreche ein Dankgebet und teile aus, was ich eingesammelt habe.

Ich habe mich anders entschieden wie sie sehen, aber die Phantasie lässt sie bestimmt spüren, was für eine Überraschung und Provokation im Handeln Jesu steckt.

Jesus sitzt mit seinen Vertrauten beisammen und berät sich.
Andreas sieht ein Kind mit fünf Broten und zwei Fischen und er sagt Jesus, was er sieht. Andreas misst seinem Hinweis selber keine besondere Beachtung bei. Er sagt: Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?

Ich stell mir vor, dass das Kind merkt: von mir ist die Rede, ich werde gebraucht
Das Kind bietet an, was es dabei hat: 5 Brote und 2 Fische. So sind Kinder, wenn man ihnen offen begegnet: spontan, unbefangen, offen nicht abwägend. Es gibt, was es dabei hat und sieht darin die Lösung des Problems… "Lasst die Kinder zu mir kommen, denn Menschen wie ihnen gehört das Reich Gottes," das Wort Jesu ist bekannt.

Jesus nimmt das Essen. Er macht keine große Worte, hält keine Predigt. Er betet, er dankt Gott für das Geschenk des Kindes. Für Fisch und Brot und das was beides symbolisiert: Der Fisch das Leben
Und die Brote, das was zum Leben notwendig ist. Das Kind mit seiner Tat steht dabei für das lebendige Vertrauen.

Jesus betet. Es ist nicht überliefert, was er betet, nur dass er dankt. Nicht dass er bittet. Beispielsweise ein Stoßgebet: Lass alle satt werden, oder Lass noch mehr solcher Kinder mit Essen auftauchen. Jesus dankt. Danken geht ja mit Erinnerungen einher an Situationen oder Umstände aus denen heraus ein Mensch Dankbarkeit empfindet. Dankbarkeit empfinden Menschen für Begegnungen mit anderen, die für sie da waren, sich Zeit genommen haben. Begegnungen in denen sie spürten:
du bist für mich da. Mit dem Dankgebet verbreitet sich Jesu Botschaft klarer als in 1000 Predigten: Er rührt die Menschen an, er beschwört sozusagen ihre Erinnerung herauf an die Ereignisse ihres Lebens, wo sie das erfahren: du bist für mich da, ich bin geborgen. Und die Menschen fangen an und teilen, äußerlich ihr Essen, aber tatsächlich werden sie wie die Kinder, sie öffnen und teilen sich die fundamentalen Erfahrungen der Geborgenheit, des Vertrauens und Glaubens. Die Menschen, die das teilen, lagern sich, setzen sich an Orten wo Gras wächst, wo es grünt. Grün ist die Hoffnung.
Ich möchte sagen: da wo sie sich öffnen und teilen, da wächst die Hoffnung und das, was wir zum Leben brauchen wie die Luft zum atmen, entsteht im Überfluss: 12 Körbe Brot, mehr als genug für alle die da sind und ausreichend für alle die noch kommen.
Aber das ist nicht Wesentliche: der Überfluss.

Das Wesentliche ist, dass Jesus dem Bedürfnis der Menschen Rechnung trägt. Zu 100 % behaupte ich. Auch wenn er dies anders macht als erwartet. Auch wenn er nicht selbst als körperliche Person mit jedem und jeder Kontakt aufnimmt, so hat doch jeder Kontakt gefunden mit anderen, geteilt, was nicht unbedingt mit anderen geteilt wird, Nähe erfahren, Jesu Geist in ihrer Mitte erfahren.

Jesus hat es geschafft: für einen Moment: die Menschen öffnen sich, teilen Lebensfreude, Geborgenheit und Glück.
Sie sind zufrieden, nicht einfach satt. Das Reich Gottes mitten unter uns
Könnte sich Jesus in diesem Moment gedacht haben. Auch wenn es nicht lange hält. Die Menschen bleiben nicht bei sich und ihren Nachbarn. Sie spüren: Dieses Ereignis haben wir Jesus zu verdanken und wollen ihn zum König machen. Aber das ist dann eine andere Geschichte, warum Jesus das nicht will und sich entzieht. Uns bleibt der Hinweis, wo und wie wir etwas spüren und teilen können von Jesu Geist, von Gottes Reich mitten unter uns. Ich denke jeder und jede hat dazu eigene Erfahrungen und könnte eigene Geschichte erzählen, vom Teilen, von der Nähe, vom Vertrauen. Halten Sie sie im Kopf fest. Vielleicht können sie sie bei nächster Gelegenheit teilen.

drucken