Vom Reichtum des Glaubens

Liebe Gemeinde, liebe Schwestern und Brüder,

das Erntedankfest ist eigentlich mit das schönste Fest im Kirchenjahr. Noch einmal wird allen Sinnen etwas geboten. Die Farbenpracht des Sommers ist eingefangen in den Früchten der Gärten und der Felder, noch blühen bunt Blumen in den Gärten. Ein Herbstleuchten ist in die Kirchen hineingezaubert. Ein ganz besonderer Duft liegt in der Luft. Äpfel und Birnen lassen ihn verströmen. Wann gönnen wir uns denn sonst im Kirchenjahr soviel für unser Sinne?

Mit einem großen Sommer im Rücken kommen wir in diesen Gottesdienst. Und das Herbstgedicht Rainer Maria Rilke´s ist selten so wahr wie in diesem Jahr:
Herr, es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß./ Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren/ und auf den Fluren lass die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein/ gib ihnen noch zwei südlichere Tage/ dränge sie zur Vollendung hin und jage / die letzte Süße in den schweren Wein.

Sicher war des einen Freud des anderen Leid. Wir kennen die Klagen über die anhaltende Trockenheit, über das geringere Wachstum der Früchte, über Ernterückgänge. Aber vor diesem Hintergrund ist das Staunen über das, was gewachsen ist, doch eher noch größer: Herr, wie sind deine Werke so groß und viel. Du hast sie weise geordnet, und die Erde ist voll deiner Güter.

Dieses Staunen des Psalms 104, des Erntedankpsalms ist ja gerade aus dieser Erfahrung heraus erwachsen, dass wir Menschen wohl pflügen und streuen können, doch Wachstum und Gedeihen dann allein in Gottes Hand liegen.

Ja, das Erntedankfest ist eines der schönsten im Kirchenjahr, muss sich vor Weihnachten und Ostern nicht verstecken, auch wenn es keine so alte festgefügte Tradition hat. Aber es ist auch eines der gefährdetsten Feste. Nicht so sehr, weil es immer schwieriger wird, menschliche Arbeit und Gottes Segen zusammenzudenken und Kinder schon einmal fragen: warum denn für das Brot danken, dass mit Papas Arbeitslohn im Laden gekauft wurde – sondern eher weil das absichtslose Danken uns so schwer geworden ist.

Ein Sonntag, an dem wir uns einfach nur freuen über den Sommer, über die Früchte, über den Wohlstand und den Frieden, den wir erleben dürfen, scheint sich von allein zu verbieten angesichts der Hunger- und Umweltkatastrophen, von denen das ganze Jahr über berichtet wird. Der Dank für das tägliche Brot scheint unlösbar mit der Aufforderung verbunden zu sein, dieses Brot dann mit dem Hungrigen zu teilen. Und die Geschichte , die Jesus erzählt scheint eine ganz ähnliche Tendenz zu haben. Man meint, der reiche Kornbauer müsste sich fast schämen für seinen wachsenden Wohlstand und seinen Reichtum. Muss man das aber?

Wohl nur , wenn eitel und protzig damit umgegangen wird, wenn so Mauern zwischen Menschen gezogen werden, die sich eigentlich nicht gehören, wenn die Bescheidenheit und Schlichtheit anderer verunglimpft oder verlacht wird. Und im Ost-Westgefälle geschieht dies immer noch wie im weltweiten Nord-Südgefälle, wo die ärmeren Entwicklungsländer immer noch nicht als gleichberechtigte Partner am Tisch sitzen. Aber – schon bin ich selber wieder gefangen darin, über dem Erntedank, über der Schöpfungsfreude das Klagelied der ungerechten Welt anzustimmen, so richtig und korrekt es auch ist.

Was hat denn der reiche Kornbauer getan? Er hat gearbeitet, er hat gut und vor allem erfolgreich gearbeitet, denn die Ernte kann sich sehen lassen. Er zeigt Vorausschau und Verantwortung ganz ähnlich wie der weise Joseph, der so nicht nur das große Volk der Ägypter vor dem Hunger bewahrte, sondern auch die eigene Sippe. Er möchte größere Lager und Schuppen bauen, um Vorräte anzulegen, um sich Ruhe zu schaffen und aller Sorgen entledigen zu können. Was soll man denn daran kritisieren oder moralisch verwerflich finden, das einer plant und sich absichert?

Reichtum ist ebensowenig eine Schande wie Armut. In einem reichen Land zu leben, das auch diesen langen und heißen und schönen Sommer verkraftet und seine Menschen ernährt, ist Grund zur Freude und Dankbarkeit und nicht Grund, ein schlechtes Gewissen zu haben. Es muss also etwas anderes sein, dass Jesus am Kornbauern stört.

Es ist die Art, wie die Gedanken dieses Mannes kreisen, als er in sich geht und überlegt, hin und her, abwägt : Was soll ich tun? Ich habe nicht genügend Platz, um meine Ernte unterzubringen? Das will ich tun: ich will meine Scheunen abbrechen und größere bauen, und dahin will ich mein ganzes Korn und Vorräte bringen. Fünf Mal redet der Kornbauer in der ersten Person von sich. Er bleibt mit seinen Gedanken bei sich, er kreist nur um die eigene Person. Wie ein trotziges Kind, das mit dem Fuß auf den Boden stampft, kommt ihm immer wieder nur in den Sinn: ich will, ich will, ich will …

Äußerlich ist der Kornbauer reich, innerlich ist er arm, weil er Entscheidendes in seinem Leben übersieht. Seine Lebenszeit ist nur eine begrenzte Zeit und diese Zeit wird reich nicht nur durch materielle Dinge, sondern durch Beziehungen, vor allem der Beziehung zu Gott. In diesem Lebensgefühl, alle Zeit der Welt zu haben, sind wir unserem Kornbauern wohl am ähnlichsten. Weil der morgige Tag sicher ist wird, an ihn kein Gedanke verschwendet. Wer Arbeit hat, der arbeitet, oft ohne Rücksicht auf Verluste. Erst muss etwas geschaffen werden, die selbstgesteckten Ziele müssen erreicht werden. Die Lebensscheunen, bis an den Rand gefüllt , sollen von allen bewundert und gesehen werden. Ausgeruht und gelebt werden kann später. Es sei denn auch hier sagt einer: Du Narr, noch heute wird man dein Leben von dir fordern.

Aber auch das genaue Gegenteil gibt es. Die Spaßgesellschaft verbietet es, vorzusorgen, wichtig ist es, sich heute gut zu unterhalten. Was soll ich mir da Gedanken um den morgigen Tag, den weiteren Lebensweg, das Alter machen. Auch hier könnte einer sagen: Du Narr – nicht weil dein Leben heute nacht in Gefahr geraten könnte, sondern weil du verantwortlich bist für die ganze Spanne des Lebens, die Gott schenkt.

Aber immer wieder beginnt es damit, dass Menschen nur um die eigene Person kreisen, die Vorherrschaft des ICH nicht zugunsten des DU und des WIR brechen können. „So geht es dem , der Schätze sammelt und nicht reich ist bei Gott!“

Mir kommt ein liebes altes Gemeindeglied dabei in Erinnerung, die über Jahrzehnte Kirchendienst in ihrer kleinen Dorfkirche getan hat. Ganz bescheiden lebte sie in ihrer kleinen Hütte mit einer Rente, die kaum für das Nötigste reichte. Der Mann war gleich nach dem Krieg gestorben, sie musste allein für die Kinder sorgen, hungrige Mäuler stopfen. Geld war immer knapp, für die Rentenkasse blieb nichts mehr übrig.

Und dennoch war sie nie arm. Denn sie hatte ihren Glauben, der ihr immer wieder Mut gemacht hat. Sie war reich bei ihrem Herrgott, kein Gold der Welt hätte dies aufwiegen können. Sie konnte sich freuen, über jedes gute Wort, über jede geschenkte Minute, über das Lied in den Kirchenbänken, über den geschmückten Altar zum Erntedankfest und sie war eine fröhliche Geberin. Ich habe sie dafür bewundert. Diesen Reichtum des Glaubens gilt es zu feiern und diese Freude des Glauben zu leben, heute, aber nicht nur heute.

Herr, wie sind deine Werke so groß und so viel! Du hast sie weise geordnet, die Erde ist voll deiner Güter.

drucken