Vom Greinen zum Grün

Liebe Gemeinde!

Gründonnerstag – Wissen Sie eigentlich, was der Name bedeutet: Gründonnerstag? Sie denken vielleicht an das heutige Mittagessen – da gab es wie bei mir zuhause Spinat und Spiegelei mit Kartoffeln – und manch einer denkt an grüne Soße – und sagen sich: Ja, daher bekommt der heutige Tag seinen Namen: Gründonnerstag. Doch ich muss Sie enttäuschen. Zunächst hat der Name mit Grün als Farbe nichts zu tun. Das Wort leitet sich ab von dem mitteralterlichen Wort: "Greinen" das soviel wie wehklagen, schreien bedeutet. Es hält die Erinnerung wach, an den letzten Abend Jesu mit seinen Jüngern, die Erinnerung an den Verrat, das letzte Mahl, den Kampf Jesu im Garten Gethsemane, seine Gefangennahme, sein Verhör und die Verleugnung des Petrus. Da gab es Anlass genug zum Wehklagen und zum Schreien. Gründonnerstag ist also ein Tag der Erinnerung, einer doppelten Erinnerung: Das Mahl Jesu mit seinen Jüngern war zunächst auch ein Erinnerungsmahl, nämlich an den Tag des Auszuges Israels aus Ägypten. Darum hören wir zunächst den Text aus 2.Moses 12:

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Zunächst – was wir mit Israel erinnern ist eine gefährliche Erinnerung. Jedes Jahr neu soll der Auszug aus Ägypten, die Befreiung aus dem Sklavenhaus gefeiert werden. Aber nicht als beschaulich – nostalgischer Rückblick, wie wir es gern tun, wenn wir aus Kinder- und Jugendzeit erzählen, vielmehr als aktuelle Wiederholung, als eine Neuinszenierung, so als wären wir selbst dabei, lautet die Anweisung: Die Feiernden sollen gleichsam zurückkehren an den alten Ort, noch einmal in die Rolle der Väter schlüpfen, den gefährlichen Aufbruch, den furchtbaren Abend von damals, bei dem alles auf dem Spiel stand, noch einmal miterleben, den Reisemantel übergeworfen, den Wanderstock in der Hand, und ein letztes schnelles Abendessen mit bitteren Kräutern hinunterschlucken.

Ein Gedenktag soll es es sein, eine Erinnerung an den gefährlichen Aufbruch, der zunächst nur auf einen mühsamen Weg und durch die Wüste, durch Entbehrungen und fast schwindende Hoffnung führte, aber am Ende doch die Freiheit brachte und ein Land, in dem sie wohnen konnten, ohne von Sklavenherren geknechtet zu sein. Und da ist noch eine Erinnerung, ein dunkler Schatten dieser Befreiuungsgeschichte. Da fließt Blut. Sehr viel Blut. Denn der Aufbruch hat Menschenopfer gekostet. Und es waren – wie fast immer in der Geschichte bis auf den heutigen Tag – die Unschuldigen, die ihr Leben lassen mussten, die Kinder. "Ich will in derselben Nacht durch Ägyptenland gehen und alle Erstgeburt schlagen in Ägyptenland unter Mensch und Vieh."

Wird jeder Aufbruch in die Freiheit mit Blut bezahlt? Es scheint so, dass Freiheit nur mühsam erworben und mit Opfern erzwungen werden kann. Fast überall, wo Menschen nach Freiheit streben, kostet es Menschenleben, entzünden sich Kriege und Bürgerkriege. Und selbst wo gewaltlos demonstirert wird, etwa unter der Führung Gandhis in den vierziger Jahren für die Unabhängigkeit Indiens, gab es militärische Eingriffe. Als Martin Luther King gegen die Rassendiskriminierung demonstierte, reagierten die Verantwortlichen mit Gewalt. Ja, King wurde selbst ein Opfer der Gealt. Freiheit hat ihren Preis. Die Mächte geben ihre Macht nicht freiwillig auf. Daran erinnert also dieser Tag : Gründonnerstag – Tag des Wehklagens über die Macht der Gewalt, heißt sie Sklvaenherrschaft – Rassendiskriminierung – Skinheads – Unterdrückung der Meinugnsfreiheit – Mobbing. Es ist eine sehr lange Liste.

Doch dieser Tag ist für uns Christen auch ein Gedenktag für jenen Mann, der ein Leben ohne Opfer wollte und für solches Leben lebte und starb. Er opferte sich selbst in der Hoffnung, damit den Menschenopfern ein für allemal eine Ende zu setzen. Menschliches Leben sollte anders sein: Nicht erkämpftes Leben, einer gegen den anderen, Herren und Knechte, Reiche und Arme. Menschliches Leben sollte vielmehr ein Leben des Miteinanders, geteiltes Leben sein. Daran erinnert Jesus, wenn er das Brot teilt und darauf hinweist: "Mein Leib für euch gegeben." Er gibt sich um unseretwillen dahin, verzehrt sich aus Liebe für alle Menschen. Über den Kelch, der an die Befreiung von den Verfolgern erinnert, wird bei der Passahfeier der Gebetsspruch über die Feinde Gottes ausgesprochen: "Gieße deinen Zorn aus über die Heiden, die dich nicht erkannt haben, und über die Reichen, die deinen Namen nicht anrufen." Jesus deutet diesen Kelch mit den Worten neu: "Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut, der für viele vergossen wird zur Vergebung der Sünden. Solches, tut zu meinem Gedächtnis." So verwandelt er den Zornesbecher zum Kelch des neuen Bundes. Durch ihn soll Gottes Zorn in Segen gewandelt werden. Das bestätigt Jesus im Gebet für seine Feinde am Kreuz: "Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie tun." (Lukas 23,34) So schenkt Jesus Hoffnung auf ein gelingendes Leben. angesichts aller Gefährdung des Lebens.

Wenn wir gleich das Mahl feiern, dann stimmen wir mit ihm ein, dass das Teilen von Brot Symbol der Hoffnung auf eine Welt ohne Opfer, auf die Welt Gottes ist. Wenn wir gleich den Kelch weiterreichen, dann reichen wir den Segen weiter, den Jesus durch seine Hingabe erworben hat. Warum brauchen wir solche Erinnerung? Und ich antworte: damit wir nicht mehr länger gilt, was das Sprichwort sagt: "Homo hominem lupo" d.h. der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. Und ich antworte: damit gilt, was Jesus verheißen und mit seinem Leben und Sterben bestätgit hat: "Selig sind, die da hungert und dürstet nach der Gerechtigkeit, denn sie sollen satt werden." (Matthäus 5,6)

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