Vogelscheuche Nächstenliebe

Vor kurzem schenkte mir jemand ein Buch. Ich war überrascht, nicht darüber, dass er mir etwas geschenkt hat, sondern über den Titel des Buches: Vogelscheuche Nächstenliebe. Vogelscheuchen haben es so an sich, dass man von ferne den Eindruck hat, sie seien etwas – eine menschliche Gestalt, was sie dann aus der Nähe betrachtet absolut nicht sind: ein Gestell, ein paar Lumpen, mit denen der Wind spielt. Warum fällt mir dieser Buchtitel ausgerechnet zur Geschichte vom barmherzigen Samariter ein? Vielleicht, weil in dieser Geschichte von ferne betrachtet alles klar ist. Mann muss sie gar nicht fertig erzählen, dann weiß man schon: aha, Nächstenliebe, Diakonie, Respekt vor dem Fremden und natürlich ein kleine Schelte gegen die Frommen, die nur um des eigenen Seelenheils willen fromm sind, siehe Priester und Levit. Das alles wissen wir schon , also kann der Pastor Amen sagen und wir gehen nach hause, weil wir eh schon unseren Nächsten lieben, hilfsbereit sind, und sowieso keine Vorurteile haben, gegen Türken, Asylanten, Ausländer und Homosexuelle. Sogar der Pabst hat von letzteren sagen lassen, dass sie auch Menschen sind. Außerdem spenden wir gerne, wenn wir wissen, was mit unserem Geld passiert. Man kann ja eh keinem trauen und mit der Not der Armen wird ja sowieso nur Geschäft gemacht. Aber so ganz wohl, ist uns dann vielleicht doch nicht. Wer kann da schon über sich sicher sein. Steckt hinter der verbalisierten Mitmenschlichkeit Leben, eine fassbare Gestalt, oder spielt da der Wind mit ein paar fadenscheinigen Fetzen? Vogelscheuche Nächstenliebe? Nächster sein für den anderen oder nicht? Es hängt etwas davon ab und wir ahnen es! Deshalb kommt es sehr darauf an, dass die Geschichte, von dem, der unter die Räuber gefallen ist, unsere Geschichte wird, dass klar wird, wer da welche Rolle spielt und wo unsere Chancen liegen.

Zwei Menschen kommen einander nahe. Der eine völlig hilflos, nicht mehr in der Lage sich um sich selbst zu kümmern. Der andere beherzt im Vollbesitz seiner Kräfte. Er trägt ihn, verbindet, pflegt, kümmert sich. Nie zuvor haben sie sich gesehen. Sie sind sich fremd und doch kommen sie sich nahe. Einer gibt seine Distanz auf sieht und handelt, weiß was zu tun ist selbstverständlich. Das ist alles. So soll es sein. Und wenn es so ist, dann ist es gut. Sehr gut sogar. Aber es ist nicht immer so. Die alltägliche Wirklichkeit gleicht mehr der anderen Geschichte, die wir heute gehört haben. „Soll ich meines Bruders Hüter sein.“ Was habe ich mit dem zu schaffen. Auch das erzählt die Geschichte. Sie erzählt von den beiden anderen, die diese Begegnung auch hätten eingehen können, ohne Frage – aber sie verpassen die Gelegenheit. Auch sie sehen. Sehen das gleiche wie der andere, aber sie bleiben auf Distanz, bleiben allein, es kommt zu keiner Nähe. Sie gehen vorbei, finden nicht den Weg zum anderen, es kommt zu keiner Begegnung. Der Priester, der Levit und wer auch sonst des Weges kommen mag. Sie gehen leer aus. Sie verpassen, was es zu gewinnen und erreichen gilt. Ihnen gelingt nicht, was dem anderen gegeben ist. Er, der andere ist zu beneiden. Wir meinen ja, der Samariter gibt her, opfert Zeit, Geld und weiß nicht ob er Dank findet. Dabei ist er es der gewinnt. Da ist die Frage des Schriftgelehrten: Was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben? Wer so fragt, der ist auf etwas aus, will nicht, dass ihm das Wesentliche entgeht, will dass es gelingt, den rechten Weg zu gehen, den Weg zum Leben. Und Jesus erzählt dem, der so fragt, diese brutale Alltagsgeschichte. Eine Geschichte von einem Opfer und Tätern, wie sie jeden Tag in den Schlagzeilen erscheinen könnte. In der sengenden Hitze der judäischen Wüste, im Straßenstaub entscheidet es sich. Die entscheidende Frage ist, mit wem kommt es zur Nähe. Deshalb dreht Jesus ja die Frage um, nicht wer war der Nächste, dem es zu helfen galt, sondern: wer ist zum Nächsten geworden, weil er gesehen und gehandelt hat. Priester und Levit werden nicht zum Nächsten – das ist ihr Problem. Sie laufen vorbei. Aneinander vorbeigehen, aneinander vorbei reden. Das kennen wir. Das geht uns immer wieder so. Einer hat etwas auf dem Herzen, er erzählt, aber so richtig verstanden fühlt er sich von den anderen nicht. Manche Menschen, die mit ihren Worten nicht das Ohr ihrer Mitmenschen erreichen, tun irgendwelche verrückten Dinge in dem Wunsch sich verständlich zu machen. Aber das geht dann meistens noch mehr daneben. Die Enttäuschung auf der einen Seite ist groß und der Verlust auf der anderen ebenfalls. Wie kommt es dazu, dass wir zueinander finden, dass wir einander begegnen können.

Begegnung bedeutet Erfüllung, Erfüllung, die wir suchen und begehren. Doch wie oft leben und reden und handeln wir aneinander vorbei? Gelingt es uns, einander beizustehen, wenn einer in Schwierigkeiten ist und in Not gerät? Wie schnell spüren wir da oft unsere Grenzen, wie hilflos kommen wir uns in solchen Situationen oft vor. Einer ist krank, muss mit einer schweren Diagnose zurechtkommen. Einer hat einen lieben Menschen verloren und muss lernen ohne ihn auszukommen. Spüren wir, wie hilflos uns das machen kann? Dabei sind es nicht wenige, die auf der Straße des Lebens verletzt oder gebrochen auf der Strecke bleiben. Und wir kennen Sie, denn sie leben mit uns und neben uns, wenn sie in Not geraten, auch wenn diese Not in manchen Fällen gar nicht sichtbar wird und verborgen bleibt. Aber vielleicht ist das, wenn es um den geht, der unter die Räuber gefallen ist, noch gar nicht alles. Das Gesicht des Geschlagenen am Rande der Straße es trägt durch die Zeiten wechselnde Züge. Wessen Gesicht er heute trägt wissen wir nicht von vorn herein. Dies gilt es immer wieder herauszufinden.

Nun ist die Geschichte vom Samariter keine Handlungsanleitung für rechte Nächstenliebe. Nein, was er tut, tut er völlig selbstverständlich. Es ist nichts besonderes. Es ist das Naheliegende und doch ist es uns nicht immer verfügbar, das Naheliegende zu tun. Auch für den Priester und den Levit wäre es naheliegend gewesen, aber sie haben nicht dahin gefunden. Warum es dem Samariter gelingt, bleibt ein Geheimnis. Wir können nur eines feststellen. Der Samariter war einfach da. Und das können wir auch wissen, wenn es uns gelingt, Nächster zu sein für einen anderen, dann immer so, dass wir einfach da sind. Ganz und ungeteilt und ohne Hintergedanken. Was sich daraus ergibt, liegt nicht in unserer Hand. Doch wenn es gelingt ist es einerseits fast selbstverständlich und anderesseits ein echtes Wunder. Hätte man den Samariter gefragt, wie es kommt, dass er so handelt, er hätte wohl nur mit den Schultern gezuckt und gesagt, das ist doch ganz normal. Und trotzdem ist es so außergewöhnlich, dass man den Eindruck hat, Jesus stellt die Dinge auf den Kopf und sagt, nicht im Tempel in Jerusalem ist das ewige Heil zu finden, sondern auf den Straßen der Welt, in dem was Menschen aneinander tun können. Nächster sein, weil so das Leben gelingt!

Wir sind unterwegs auf den Straßen der Welt, von Jerusalem nach Jericho. Manches Mal sind wir es, die verletzt am Weg liegen bleiben, unter die Räder zu gekommen, zum Opfer geworden, darauf angewiesen, dass sich einer uns zuwendet. Manches mal sind wir wohl auch Priester und Levit. Viel zu sehr beschäftigt mit uns selbst und unseren Angelegenheiten, um beim anderen sein zu können. Manches Mal werden wir aber auch Samariter sein können. Vielleicht schon bald, denn es gibt viele auf der Welt, denen wir zum Nächsten werden können. Denn wenn es darum geht, Nächste oder Nächster zu werden, dann geht es nicht um irgendeinen armen zu bemitleidenden Mitmenschen, dann geht es um uns selbst und darum, ob wir mit dem, was wir tun Erfüllung finden für unser Leben. Nicht nur als Einzelne. Es geht bei dieser Frage immer auch um die Zukunft der Menschlichen Gemeinschaft, um unsere Zukunft. Was muss ich tun, um das ewige Leben zu ererben? Gehe hin und tue desgleichen. Eine einfache Antwort, aber eine nicht ganz einfache Aufgabe. Gebe Gott uns die Geistesgegenwart Nächster zu werden, wenn wir dazu die Möglichkeit haben.

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