Visitation

Liebe Gemeinde, liebe Visitationskommission,

Jesus mutet uns in unserem Text etwas zu (Stichwort hassen), was wir nicht auf Anhieb verstehen. So müssen wir uns dem Text erst einmal behutsam nähern, damit wir verstehen, was Jesus uns hier sagen will. Ich möchte den Text von drei Seiten her beleuchten:

1) Von dem Gedanken der heutigen Visitation her
2) Von dem Gedanken der Feindesliebe her
3) Vom Wochenspruch her

Fangen wir mit dem Gedanken der Visitation an. Visitation kommt aus dem lateinischen und heißt "Besichtigung". Die Visitationskommission ist dabei unsere Gemeinde zu besuchen und zu besichtigen und uns zu helfen, die Aufgaben zu finden, die wir in Zukunft anpacken sollen. Wenn wir uns unseren Predigttext anschauen, dann sehen wir, dass Jesus hier zu einer Menge Leute redet. Und Jesus lädt ,die Menschen ein, den Glauben und die Kosten genau zu sichten. Und er regt uns an, über unser Leben und unseren Glauben genau nachzudenken, womit wir bei dem zweiten Punkt wären:

"Wenn jemand zu mir kommt und hasst nicht seinen Vater, Mutter, Frau, Kinder, Brüder, Schwestern und dazu sich selbst, der kann nicht mein Jünger sein." Soll ich jetzt meine Familie hassen? Oder was ist gemeint? An anderer Stelle sagt Jesus: "Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und bittet für die, die euch verfolgen" Wenn ich schon meine Feinde lieben soll, warum nicht meine Familie. Wir merken also, dass das was Jesus meint in eine andere Richtung geht. Es geht um die Fälle, wo ich mich zwischen Verwandtschaft und Glauben entscheiden muss: Da ist das Mädchen, das vor ihren Eltern verheimlichen muss, dass sie in den Jugendkreis geht. Da ist die Ehefrau, wo es der Mann nicht gerne sieht, wenn sie sonntags in den Gottesdienst geht. Da ist der junge Mann, den die Eltern mit allen mitteln von einem Missionseinsatz zurückhalten wollen. Hier stellt sich die Familie zwischen den Glauben und dann sagt Jesus klar, was wichtiger ist. Jesus kommt es drauf an, dass wir ganze Sachen, entweder ganz an ihn glauben und ihm vertrauen, oder es ganz sein lassen. Ein halbes Christsein gibt es nicht. Große theologische Denker des Mittelalters haben deshalb davon gesprochen, dass das Halbchristentum immer zur Traurigkeit führt; ja, sie haben geradezu gesagt, Schwermut beruhe immer auf einem solchen Zwiespalt des Herzens. Nur wer einfältig, ist, wird fröhlich. Denn nur der Einfältige hat eine klare Richtung, ein klares Ziel. Nur er hat auch einen ganzen, ungebrochenen, eindeutigen Heiland. Wer nur ein bisschen Gott will, erlebt Gott immer nur als Bremse, als Hindernis, als Schmerz. Aber wer ihn ganz will, der erfährt, dass er Motor ist und dass man Freiheit und Schwung bei ihm bekommt, dass seine Nachfolge die fröhlichste Sache der Welt ist, weil er einen von all dem frei macht, was den Halbherzigen lockt und hält und in beidem hin- und herzerrt. Wenn ich mit den Schatten der Depression zu kämpfen habe, muss ich überlegen, ob es an dieser Teilung meines Herzens hegen könnte. Das dieser Zwiespalt zwischen Glaube und Familie schwer ist, weiß auch Jesus, wenn er klar von den Schwierigkeiten und Schmerzen spricht, die nachfolge mit sich bringen kann:

"Und wer nicht sein Kreuz trägt und mir nachfolgt, der kann nicht mein Jünger sein." Wer Jesus nachfolgen will, muss ein freier Mensch sein. Es geht nicht um die äußere Freiheit, auch Sklaven konnten damals Christen sein oder auch Menschen in Gefängnissen können zum Glauben an Jesus Christus finden. Es geht um die innere Freiheit, um die Freiheit von meist unbewussten Bindungen und Hemmnissen, die unser Leben im Innersten bestimmen. Sie hindern uns daran, "im jeweiligen Nun den Willen des Vaters zu erkennen und zu tun" (Meister Eckehart). Nun kommen zu der dritten Annäherung, vom Wochenspruch her. Er steht in Epheser 2, 8: Aus Gnade seid ihr selig geworden durch den Glauben, und das nicht aus euch; Gottes Gabe ist es. Jesus redet hier von den Kosten der Nachfolge: wie passt das mit Gnade, Glauben und Gottes Gabe zusammen? Hören wir auf die beiden beispiele, die Jesus hier verwendet:

"Denn wer ist unter euch, der einen Turm bauen will und setzt sich nicht zuvor hin und überschlägt die Kosten, ob er genug habe, um es auszuführen? damit nicht, wenn er den Grund gelegt hat und kann’s nicht ausführen, alle, die es sehen, anfangen, über ihn zu spotten, und sagen: Dieser Mensch hat angefangen zu bauen und kann’s nicht ausführen." Wir sollen den preis für den christlichen Glauben überschlagen. Sind wir bereit ihn aufzubringen. Können wir ihn überhaupt aufbringen. An dieser Stelle stoßen wir an die Grenze des Vergleiches. Wenn ich ein Haus bauen will, dann muss ich die Mittel für das Ganze aufbringen. Wenn es um die Nachfolge Jesu geht, dann kostet es zwar alles ? entscheidend ist aber, dass Jesus mich in die nachfolge gerufen und gestellt hat. Er sorgt dafür, dass wir die Kosten aufbringen können. In einer kleinen Geschichte zum Schmunzeln wird das deutlich: Da bemerkt ein Freund zum anderen: "Du siehst so anders aus; du hast gar keine Sorgenfalten mehr. Was ist denn mit dir los?" Und der andere erzählt: ?Ich habe einen getroffen, der nimmt mir alle sorgen ab. Wir haben gleich einen vertrag gemacht. Hat halt?ne Stange Geld gekostet." Der Freund ragt zurück: ?Ja wie? Brauchst du dir jetzt keine sorgen mehr zu machen?" Der andere: ?Überhaupt keine. Das ist echt gut!" Ungläubig fragt der Freund: ? Und, wie viel" Antwort:"20000 ?" Erstaunt fragt der Freund: "Uiiih, wie willst denn so viel aufbringen?" Der andere ganz gelassen: "Ha, das lass ich dem seine Sorge sein …" Was im Geschäftsleben nicht geht, das ist bei Jesus Wirklichkeit und damit wir es wirklich verstehen, hat Jesus ein zweites Beispiel erzählt:

"Oder welcher König will sich auf einen Krieg einlassen gegen einen andern König und setzt sich nicht zuvor hin und hält Rat, ob er mit Zehntausend dem begegnen kann, der über ihn kommt mit Zwanzigtausend? Wenn nicht, so schickt er eine Gesandtschaft, solange jener noch fern ist, und bittet um Frieden." Heute ist der Kriegsschauplatz nicht das Schlachtfeld, sondern der Gerichtssaal, das Heer sind nicht die Soldaten, sondern die Anwälte. Aber auch in diesem Vergleich geht es wieder darum die Kosten zu überschlagen. Die Kosten sind alles, aber der Gewinn, das ist wie beim Lotto, das ist auch der Hauptgewinn. Hilfreich ist hier eine Unterscheidung, die wir von dem Theologen Dietrich Bonhoeffer lernen können: Er spricht von billiger Gnade ohne Nachfolge im Gegensatz zur teuren Gnade, vom Inhalt der Nachfolge als Bindung an Jesus Christus, vom Gehorsam und vom Kreuz: »Der Ruf in die Nachfolge macht den Jünger zum Einzelnen … Jeder ist allein gerufen. Er muss allein entscheiden … Christus will den Menschen einsam machen, er soll nichts sehen als den, der ihn rief. In dem Ruf Jesu ist der Bruch mit den natürlichen Gegebenheiten, in denen der Mensch lebt, bereits vollzogen … Christus hat den Menschen aus seiner Unmittelbarkeit zur Welt gelöst und in die Unmittelbarkeit zu sich selbst gestellt. (S. 70)" "Zwischen Sohn und Vater, zwischen Mann und Weib, zwischen dem Einzelnen und dem Volk steht Christus, der Mittler, ob sie ihn erkennen können oder nicht. Es gibt für uns keinen Weg zum Anderen mehr, als den Weg über Christus, über sein Wort, und unsere Nachfolge … Wo immer eine Gemeinschaft uns hindert, vor Christus ein Einzelner zu sein, . dort muss sie um Christi willen gehasst werden. (S. 73) … Es führt kein eigener Weg von Mensch zu Mensch … Christus steht dazwischen. Nur durch ihn hindurch geht der Weg zum Nächsten. Darum ist die Fürbitte der verheißungsvollste Weg zum anderen, und das gemeinsame Gebet im Namen Christi die echteste Gemeinschaft« (S. 74).

Kommen wir zurück zur Visitation. Was sind es also für Schwerpunkte und Ziele, die Jesus uns mitgibt: Glaube kostest alles. Aber wenn ich bereit bin, mich auf Jesus und auf Gott einzulassen, dann schenkt er auch alles, was ich brauche. Er schenkt mir den Hauptgewinn: das ewige Leben bei Gott.

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