Vier Antworten, was uns der Karfreitag bedeuten könnte

Liebe Gemeinde,

ich möchte Ihnen zu Beginn meiner Predigt eine Frage stellen: warum sind Sie heute, an Karfreitag, zum Gottesdienst gekommen?

Natürlich, die wunderbaren Taizé-Gesänge, die heute gesungen werden, waren/sind sicher ein Anreiz für manche gewesen. Aber ich denke, viele sind auch wegen Karfreitag gekommen. Gerade in unserer protestantischen Tradition ist dieser Tag ja von jeher besonders hoch besetzt – oft sind die Kirchen sogar voller, als an Ostern, wenn wir die Auferstehung Jesu feiern?

Darum die Frage: was macht den Karfreitag so bedeutsam für Sie, für uns? Warum setzen wir uns Jahr für Jahr dieser Geschichte von Jesu Leiden und Sterben aus, belasten uns mit schweren Gedanken, statt an einem Tag wie heute gleich morgens hinaus zu gehen, und das schöne Frühlingswetter zu genießen? Haben wir nicht genug Bedrückendes gesehen, innerlich miterlebt und sicherlich auch mit erlitten in den vergangenen Wochen des Krieges: soviel Passion, die sich heute tagtäglich ereignet in unserer Welt, dass man es eigentlich kaum noch aushält und erträgt. Warum laden wir uns nun heute auch noch all das auf, was Jesus vor 2000 Jahren an Leiden und Schmerzen, an schrecklichem Sterben durchgemacht hat?

Sicherlich wäre es interessant, jetzt die unterschiedlichen Antworten zu hören, die es hier unter uns auf meine Frage geben würde.

Eine Antwort könnte zum Beispiel sein: der Karfreitag gibt mir Gelegenheit, einmal im Jahr im Zeichen des Kreuzes die ganze Not und das ganze Elend der Welt zu beklagen. Der Tag also und dieser Gottesdienst hätten eine Art Klagemauer-Funktion: wo wir einfach mal alles loswerden, uns von der Seele beten oder auch singen können, was uns an Traurigem, Schwerem belastet – sei es, an persönlichen Bedrückungen, sei es eben auch an Dingen, die uns im Blick auf den Zustand dieser Welt Sorge machen. Die Geschichte von Jesu Leiden und Sterben wäre dann eine Art Kristallisationspunkt, in dem wir unsere eigenen, aber auch alle anderen Leidensgeschichten dieser Welt eintragen und unterbringen können …

Eine andere Antwort könnte lauten: der Karfreitag gibt mir Trost, weil ich an diesem Tag erfahre, dass Gott mit uns leidet – dass Gott in seinem Sohn selber Leiden auf sich genommen hat. In der Geschichte von Jesu Leiden und Sterben zeigt sich die Solidarität Gottes mit allen leidenden Menschen auch heute. All die Schmerzen, die Ohnmacht, die Verzweiflung, die Menschen heute erleben, hat Jesus Christus selber durchlebt – sogar den Moment größter Gottesferne, als er am Kreuz rief: "Mein Gott – warum hast du mich verlassen". Darum können auch wir Gott bei uns wissen in Stunden der Verlassenheit und Angst. Und überall, wo Menschen leiden, finden wir auch Gott, der ihren Schmerz am eigenen Leib erfahren hat und darum kennt und mit ihnen teilt. Der Karfreitag wäre dann sozusagen die Gelegenheit, dass wir uns dieses Trostes und Gedankens eines mitleidenden Gottes vergewissern.

Eine dritte Antwort könnte sein, dass jemand sagt: mir ist besonders wichtig, mir am Karfreitag bewusst zu machen, dass Jesus stellvertretend für mich, und für uns alle am Kreuz gestorben ist. Das ist noch einmal ein anderer Gedanke, als der des mitleidenden Gottes. Wenn Jesus stellvertretend Leiden und Tod auf sich genommen hat, dann bedeutet das: er hat sich freiwillig angeboten und zur Verfügung gestellt – hat etwas erlitten, was eigentlich anderen, allen zugedacht war – und er hat das eben stellvertretend für uns getan, um sozusagen Schlimmes von uns abzuwenden. Dieses "Für dich gegeben", das wir bei jedem Abendmahl erinnern und feiern, setzt das Geschehen der Passionsgeschichte noch einmal in eine ganz andere, unmittelbare Beziehung zu mir, zu jedem und jeder von uns: dieser Tod von Jesus hat etwas mit deinem Leben zu tun. Durch seine Wunden sind wir geheilt, heißt es in dem Lied vom Gottesknecht, das wir zu Beginn des Gottesdienstes gehört haben. Sein Tod ist unser Leben, ist unser Frieden – um uns von Schuld und Tod zu erlösen und zu befreien, ist Jesus am Kreuz gestorben. Hier stoßen wir, denke ich, schon an das Geheimnis des Glaubens, in dem sich die Karfreitagsbotschaft für mich nur fassen lässt. Wie sollen wir das verstehen, begreifen, dass Christus für uns gestorben ist? Kann man das überhaupt begreifen?

In der christlichen Tradition gibt es verschiedene Möglichkeiten, dieses "Für uns gestorben" zu deuten:

Die Deutungsmöglichkeit, die in der christlichen Tradition am stärksten gewirkt hat, ist die Verbindung mit dem Opfergedanken. Nach dieser Vorstellung ist Christus das Opfer, das nötig war, um die Welt mit Gott zu versöhnen. Demnach hat Gott seinen eigenen Sohn geopfert, um die drohende Strafe für die menschliche Sünde abzuwenden und uns zu erlösen. Aber für viele, auch für mich, ist das heute ein schwer nachzuvollziehender Gedanke: dass Gott ein Opfer braucht, und dazu seinen eigenen Sohn auswählt, so wie in der hebräischen Bibel Abraham den Isaak opfern soll. Geht es gerade in dieser Geschichte von Isaaks Opferung nicht auch darum, dass Gott dem Abraham in letzter Sekunde Einhalt gebietet und somit das Menschenopfer verhindert? Nein, ein Gott der seinen eigenen Sohn sozusagen zum Abschlachten frei gibt, dürfte uns heutigen Menschen doch zunehmend fremd sein …

Sehr viel mehr kann ich da mit dem Gedanken der freiwilligen Hingabe Jesu anfangen. Hingabe, Selbsthingabe – das hieße, dass Jesus in seiner Liebe zu den Menschen, und damit zu uns, so weit ging, dass er sich selbst, sein Leben darangegeben hat, um uns das von Gott gewollte Leben zu bringen und zu diesem Leben zu befreien. Insofern ist er dann auch "für uns gestorben" – aber sein Tod ist in dieser Perspektive kein passives Opfer, und auch keine Selbst-Aufopferung, sondern die Konsequenz dieser Liebe, die sich in der totalen Hingabe erfüllt. Im Johannesevangelium wird dieser Gedanke beschrieben in dem Bild des Weizenkorns, das in die Erde fällt und stirbt, und nur so Frucht bringen kann. Dieses Bild hilft mir eigentlich immer am besten, etwas zu ahnen von dem, was mit dem Gedanken des stellvertretenden Todes Jesu gemeint sein könnte. Und mir gefällt auch, wie Lothar Zenetti es in seinem Lied vom Weizenkorn so schön umschrieben hat mit den Worten: "Geheimnis des Glaubens, im Tod ist das Leben". Das "Für uns gestorben" – es ist und bleibt nämlich ein Geheimnis …

Auf eine weitere Möglichkeit, das erlösende Für uns des Leidens Jesu besser zu begreifen, bin ich übrigens über ein Buch mit dem Titel: "Der verwundete Heiler" gestoßen. In diesem Buch spricht der holländische Priester Henry Nouwen vom der Gestalt des verwundeten Heilers als einer Person, die gerade aufgrund der eigenen erlittenen Verwundungen fähig ist, andere zu verstehen und von ihren Verwundungen zu heilen. In der Seelsorge weiß man um diesen Zusammenhang: wer selber durch Schweres hindurchgegangen ist und sich seine eigenen Verletzungen und Schmerzen bewusst gemacht hat, kann anderen besser beistehen, Schweres durchzustehen und vielleicht sogar Wunden zu heilen. Auf diesem Hintergrund verstehe ich noch besser, was in dem Lied vom Gottesknecht gemeint ist, wenn es dort heißt: "Unsere Krankheit und unsere Schmerzen hat er getragen, damit wir Frieden hätten, und durch seine Wunden sind wir geheilt." Auch Jesus konnte wohl nur so zum heilenden Helfer werden, indem er zuvor selber am eigenen Leib Schmerzen und Not durchlitt. Auch so verstehe ich das "Für uns gestorben", das im Zentrum der Botschaft vom Karfreitag steht.

Letzte mögliche Antwort auf die Frage: warum ist mir der Karfreitag wichtig? Ich kann mir vorstellen, dass es auch Stimmen gibt, die sagen: den Karfreitag muss ich bewusst miterleben, denn nur so gibt es auch Ostern für mich. Und ich denke, sie haben recht: Ostern kann es für uns nur werden, wenn wir uns dem bitteren Tod, mit dem uns der Karfreitag konfrontiert, gestellt und ausgesetzt haben; wenn wir uns die Dunkelheit, die Verzweiflung und Trauer klargemacht haben, die Menschen damals ergriffen hat, als sie ihre Hoffnung am Kreuz enden sahen; wenn wir die Aussichtslosigkeit unserer heutigen Bemühungen um Frieden, unsere eigene Ohnmacht, unser eigenes Scheitern, unsere Unfähigkeit zu Versöhnung und zu heilsamen Wegen und Lösungen und darum auch unsere Mitschuld an der tödlichen Gewalt, an der die Welt heute leidet, erkennen und begreifen – so wie es uns der Krieg im Irak in erschreckender Weise wieder vor Augen geführt hat. Nur wenn wir uns so mit unter das Kreuz stellen, und den Abgründen ins Auge schauen, die sich dort auftun – dann haben wir auch die Verheißung, Ostern und Auferstehung zu erleben: als einen neuen, unverhofften und unbegreiflichen Anfang, den Gott auch uns heute schenken kann. Auch das also sind gute Gründe, den Karfreitag wahrzunehmen und wichtig zu nehmen.

Vier mögliche Antworten haben wir gehört, was den Karfreitag bedeutsam machen könnte. Ich fasse sie noch einmal zusammen:

1. Der Karfreitag kann eine Klagemauer sein, um heutiges Leiden und Sterben in der Welt und in unserem Leben zu betrauern
2. Der Karfreitag kann uns Trost geben, aus dem Gedanken, dass Gott mitleidet mit den Leidenden
3. Der Karfreitag führt uns die Liebe vor Augen, mit der Jesus sich selbst hingegeben hat "für uns", damit sein Leben in uns aufgeht und Frucht bringt
4. Ohne Karfreitag gäbe es kein Ostern – darum: nur wer sich der Dunkelheit des Karfreitag aussetzt, hat eine Chance, das Licht von Ostern zu sehen. Nur wer die Wirklichkeit von Verzweiflung und Tod kennt und an sich heranlässt, hat die Verheißung, etwas von Auferstehung zu erleben.

Nicht eine dieser Antworten,, sondern alle zusammen machen für mich den Sinn von Karfreitag aus. Wenn wir sie uns heute bewusst machen und auf uns wirken lassen – dann haben wir allerdings auch Grund, am Sonntag Ostern zu feiern, und nicht beim Karfreitag stehen zu bleiben. Also, die Kirche darf am Ostersonntag ruhig genauso gut besucht sein, wie heute am Karfreitag …

Sozusagen als Brücke zwischen dem heutigen Karfreitag und Ostern möge der Gebetsruf stehen, den wir jetzt gleich in dem Lied nach der Predigt singen werden: "Kyrie eleison, sieh, wohin wir gehen, ruf uns aus den Toten, lass uns auferstehn!"

Und der Friede Gottes, der höher ist als unsere Herzen und Sinne, bewahre uns in der Liebe, in der Jesus Christus sich hingegeben hat, damit wir sein Leben haben und weitertragen!

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