Vertreter der nichtjüdischen Welt suchen Jesus

Liebe Gemeinde,

zunächst sollten wir uns den anschaulichen Teilen dieses Textes zuwenden. Es beginnt ja zunächst eine Geschichte, oder sagen wir bescheidener eine Episode. Griechen, oder wie es hier heißt: Nichtjuden befanden sich unter den Festteilnehmern. Warum? Was suchten sie dort? Was war es für ein Fest?

Besonders im Johannesevangelium ist Jerusalem immer wieder im Mittelpunkt. Jerusalem ist ein Treffpunkt. Das nicht nur, weil es eine Hauptstadt ist, sondern auch deshalb, weil man vor langer Zeit in Israel den Tempelkult zentralisiert hatte. Die Regionen Judäas, und soweit sie noch dazugehörten auch Nordisraels hatten keine eigene israelitische Tempelkultstelle mehr. Alle Tempelopfer waren in Jerusalem zu verrichten und nirgendwo anders. Daher hatte sich ja in der israelitischen Religion neben dem Tempelkult mit seinen vorgeschriebenen Opfern auch eine einfache Versammlungsreligion entwickelt, die ihren Treffpunkt in den Synagogen hatte und in deren Mittelpunkt die Verlesung der heiligen Schriften stand. Dennoch waren die Opferhandlungen und die Haupttempelfeste nicht unwichtig geworden. Mehrmals im Jahr war Jerusalem der Treffpunkt viele Menschen, die Gott anbeten wollten, indem sie ihre Opfer darbrachten. Das greift das Johannesevangelium auf, denn es setzt ganz selbstverständlich voraus, dass auch Jesus mit seinen Nachfolgern über den Jüngerkreis hinaus auch zu diesen Festen nach Jerusalem kam.

Wenn ich die Informationen der Evangelien und auch dieses Evangelium richtig deute, dann übernachte er allerdings nicht in der Tempelstadt selbst, sondern in einem Dorf, das mehrere Kilometer vor der Stadt lag in Betanien.

Wir kennen den Namen Betanien, weil so auch Krankenhäuser heißen, wie das in Hörde. Das liegt daran, dass Jesus in Betanien einen Menschen geheilt, oder sogar vom Tod auferweckt hat. Weil sich Menschen durch den Glauben Heilung und Auferstehung versprechen, nennen sie Krankenhäuser Betanien. Für Jesus war das Haus der Schwestern Maria und Marta ein fester Anlaufpunkt. Von dort war es zur Hauptstadt noch etwa eine Stunde zu Fuß. Warum Jesus in Betanien und nicht in Jerusalem selbst übernachtete muss uns jetzt nicht vertieft interessieren. Man braucht ja nur an die Sicherheitslage zu denken. Jesus war vielleicht nachts in der Hauptstadt nicht sicher genug. Oder er hatte eben dort die Freunde, die in diesem Landhaus genügend Platz für alle bereitstellen konnten. Schon einige Tage vor dem Passahfest war Jesus dort angekommen und hatte Quartier genommen. Tagsüber hielt er sich natürlich in Jerusalem auf, vermutlich sogar im Tempel. Es sind nun gerade im Johannesevangelium einige Worte und Rede Jesu aus diesen letzten Tagen vor seinem Tod überliefert und ich möchte gar nicht anzweifeln, dass er im großen Bereich des Tempelplatzes eine Stelle gefunden hat, auf der er die Leute um sich versammeln konnte, die zu ihm kamen. Er war unter der Landbevölkerung Galiläas schon zu diesem Zeitpunkt regelrecht bekannt geworden. Als er in einer Schar Pilger durch die Tore der Stadt zu Tempel zog, glich dies einem Festzug. Man gab ihm einen Esel und er setzte sich darauf.

Mahrfach wurde er von einigen als König Israels bezeichnet. Doch das war er in Wirklichkeit nicht. Jedenfalls nicht König im üblichen Sinn. Er war der König, von dem es in der Bibel heißt, dass er auf einer Eselin reitet, was ja wohl einen Widerspruch in sich ist. Ein Esel jedenfalls ließe sich in heutigem Sinn nicht mit einer Staatskarosse vergleichen. Ein König, der keiner ist, ein König, der das Volk der Armen repräsentiert, der sich von den Armen nicht unterscheidet. Weder Hussein mit seinen ehemaligen Palästen noch Bush mit seinem Jet sind wie Jesus, auch Gerhard Schröder nicht mit seiner Kanzlervilla. Er ist ein König, wie es eigentlich menschlich gesehen gar nicht geht. Er vertritt das Wort Gottes, heilt Kranke und tritt für die Armen ein, ist also eher ein Anwalt der Armen. Ja, auch wenn dieses Wort so strapaziert worden ist in der Vergangenheit: Jesus ist ein Revolutionär, der die Macht die ihm zuwächst nicht für sich selbst will, sondern für Gott und für das Volk. Aber kein typischer Revolutionär, der er ja keine Machtübernahme anstrebt, kein Terrorkommando organisiert und keine Waffen benutzt. Doch trotzdem passt der Vergleich eigentlich ganz gut:
Die Macht Jesu kommt aus der Rede, das ist im Johannesevangelium ganz deutlich. Diese Rede ist immer die Auslesung des Wortes Gottes, aber auch die Deutung seiner Person.

Jesus ruft die Menschen dazu auf an ihn selbst zu glauben, da er mit Gott in Verbindung steht. Jesus selbst wir Symbol für Gott, wird als Gottes Sohn geglaubt. Hat Jesus das selbst schon so gesagt und gewollt?

Zweifel sind berechtigt. Die Evangelien sind sicher keine Wortgetreuen Berichte. Dennoch: Da sie so massiv dieses andeuten, und da er selbst in seiner Passion im Mittelpunkt steht ist doch unzweifelhaft er selbst die Hauptperson.

Und Jesus hat ja Jünger eingesetzt, hat also schon so eine Art Regierungsmannschaft gebildet. Zumindest ein Stab derer, die ihm schützen und die ihn auch vertreten können. Die Vertretung Jesu ist in der Jüngerschaft angelegt, denn die Jünger galten auch als Prediger und galten auch als Menschen, die zwischenzeitlich ausgesandt worden sind.

Ich werde jetzt an unserem Abschnitt einige Beobachtungen verstärken. Schauen wir uns einmal die Personen unseres Abschnitts an, die nur am Anfang genannt werden, dann sehen wir doch vieles von dem bestätigt, was ich soeben gesagt habe: Griechen bzw. Nichtjuden, Festpilger, Gott, Philippus aus Betsaida, Jesus, Andreas und noch einmal Jesus, der dann spricht und daher kommen dann keine weiteren Personen. Die große Menge der Festpilger bekommt Kontur. Bei einem Film sehen wir erst die Totale, ein Gewimmel aus vielen Menschen. Und dann kommt die Kamera näher und zeigt uns Jesus, der irgendwo steht und redet. Einige Jünger sind bei ihm, einige befinden sich in der Festmenge. Ob man die Griechen an der Kleidung erkennen konnte, weiß ich nicht. Aber sie kamen ja auch Philippus zu. Philippus, wie alle Jünger ein Galiläer stammte aus Betsaida, einer Stadt am See Genezareth. Bethsaida war eine griechisch geprägte Stadt, in der griechisch gesprochen wurde.

Philippus verstand also Griechisch und konnte nun als Dolmetscher fungieren. Auch wenn die Schriften des Neuen Testament allesamt in griechisch überliefert worden sind, ist doch davon auszugehen, dass Jesus und die Jünger wie damals sehr viele auf dem land in Israel noch Aramäisch redeten, die Sprache Syriens die dem Althebräischen und dem Arabischen verwandt ist.

Ob Philippus selbst durch eine Predigt in griechischer Sprache darauf aufmerksam gemacht hat, wird hier nicht gesagt. Auf jeden Fall hat er eine Art Vermittlerrolle. Und: Die Griechen sprechen ihn an, weil sie Jesus sehen wollen. Ein Jünger ist also ein Mensch, der andere zu Jesus hinbringen kann. Er macht das hier nicht direkt, sondern er geht zunächst zu Andreas, einem anderen Jünger.

Philippus ist sich offensichtlich immer noch nicht sicher, ob Jesus mit den Nichtjuden etwas zu tun haben will, ist es doch noch gerade als König Israels bezeichnet worden. Die Antwort ist nun nicht ausdrücklich gegeben. Die Szene bricht ab und geht in die Rede Jesu über. Nur diesen Worte lässt sich jetzt entnehmen, ob sich Jesus den Nichtjuden begegnen möchte oder nicht. Vielleicht ist die Antwort noch am ehesten in dem Satz enthalten, der einige Verse später genannt ist: „Wenn ich über die Erde erhöht bin, wer die ich alle zu mir ziehen.“ Mit dem Ausdruck über die Erde erhöhlt ist die Kreuzigung gemeint, symbolisch aber zugleich auch die Auferstehung. Das heißt für unsere Begegnung: In der Situation vor dem Fest hat Jesus die Begegnung mit den Nichtjuden abgelehnt. Er hat aber zugleich angedeutet, dass sein Tod eine universelle Bedeutung hat, da er dann nicht mehr der König der Juden ist, sondern für alle, die an ihn glauben, der auferstandene Herr.

Ich denke, dass gerade in diesen Erzählungen die Auferstehung oft auch dann im Hintergrund steht, wenn sie gerade nicht ausdrücklich genannt ist.

In unserem Abschnitt wird diese Glaubenaussage symbolisch umschrieben. „Die Stunde ist gekommen! Jetzt wird die Herrlichkeit des Menschensohns sichtbar werden. Amen, ich versichere euch: Das Weizenkorn muss in die Erde fallen und sterben, sonst bleibt es allein. Aber wenn es stirbt, bringt es viel Frucht.“ Die Aussage der Verherrlichung bezieht sich sicherlich auf die Frage, wie denn deutlich wird, dass der Auferstandene der Herr ist. Diese Verherrlichung wird einige Zeilen später dann aber auch mit einer Stimme Gottes umschrieben. In diesem Zusammenhang ist aber klar, dass der Tod vorher geschehen wird. Jesus wird erst dann und dadurch verherrlicht, dass er in die Erde gelegt wird, dass er also stirbt. Denn nur dann ergibt die Anknüpfung des folgenden Beispiels vom Samenkorn in diesem Zusammenhang einen Sinn. Und auf die Frage der Griechen bezogen, muss man dann sagen: Es kommt nicht darauf an, das Samenkorn zu sehen, sondern es ist viel wichtiger, die Pflanze zu sehen, die daraus wächst. Hier ist dann auch vom Gegensatz der Einzahl und der Mehrzahl die Rede. Vor seinem Tod ist Jesu einer, nach seinem Tod ist er eine Vielzahl, denn die Gemeinde ist der Leib Christi.

Der Tod Jesu bedingt, dass dem Evangelisten auf die Frage der Nichtjuden hier keine einfache erzählerische Antwort einfällt, sondern dass er stattdessen auf den Glauben an den Gekreuzigten verweist. Im Glauben an der Gekreuzigten wird Jesus von den Nichtjuden erkannt werden und Jesus wird durch seine Erhöhung alle zu sich ziehen.

Damit könnte die Predigt eigentlich enden, denn über Jesus und sein Verhältnis zu den Nichtjuden ist nun alles gesagt.

Was Jesus nun noch weiter sagt, ist eigentlich mehr an die Jünger gerichtet, hier an Philippus und Andreas. Jesus sagt etwas, wodurch sie schon wieder eine weitere Arbeitsanweisung erhalten: Sie wollten Menschen zu Jesus führen. Jesus sagt: Ihr braucht die Menschen nicht zu mir zu führen, denn ich werde mich ihnen im glauben offenbaren.

Da dies aber nur durch eine Verkündigung und Ausbreitung der Botschaft möglich ist, sagt Jesus ihnen nun, dass sie sich als Boten an ihm orientieren sollen. Das, was für Jesus Verherrlichung bedeutet, die er erhält, wenn er den Tod auf sich nimmt, heißt für alle anderen ewiges Leben. Das Prinzip ist das gleiche wir in der Passion: Jüngern setzen nicht auf die Macht, sondern sind bereit für den Glauben zu sterben. Nicht als Opfertod im Kugelhagel versteht sich, sondern sind bereit den menschlichen Tod auf sich zu nehmen. Sie rechnen mit der Gegenwart Gottes auch jenseits des Todes. Die Gemeinschaft mit Gott wird durch den Tod nicht getrennt. Dafür steht Jesu Tod als Symbol. Jesus vermittelt die Gemeinschaft mit Gott über den Tod hinaus.

Das klingt wie ein Themawechsel. Es ist nur dann kein Themawechsel wenn damit nicht gerade wieder auf das Thema Auferstehung angespielt wird, das eigentlich die Mitte des Evangeliums ist. Dieses Evangelium geht zu den Nichtjuden. Dieses Evangelium läd sie in die Gemeinschaft Gottes ein. Auch Jesus ist nur ein Diener, ein Symbol, ein Mittel, besser gesagt ein Mittler. Jesus wird im Glauben an die Auferstehung erkannt.

Das ist für Juden und Nichtjuden dann gleich wichtig. Jesu erhält seine weltweite universelle Bedeutung nach seinem Tod und durchs einen Tod: „25 und 26: Wer sein Leben liebt, wird es verlieren. Wer aber sein Leben in dieser Welt gering achtet, wird es für das ewige Leben bewahren. Wer mir dienen will, muss mir auf meinem Weg folgen, und wo ich bin, werden dann auch die sein, die mir gedient haben. Sie alle werden von meinem Vater geehrt werden.«

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