Vertrauensbildende Maßnahmen

Liebe Gemeinde!

In meiner heutigen Predigt möchte ich ein Thema aufgreifen, das mir sehr wichtig ist. Ich möchte mit Ihnen über die Kraft des Vertrauens nachdenken. Denn Glauben heißt Vertrauen, auf Gott vertrauen, von ihm das erwarten, was wir zum Leben brauchen. Ich mache die Erfahrung, dass Menschen heute nicht mehr vertrauen können, Gott nicht, dem Nächsten nicht und sich selbst letztlich auch nicht. Wir leben in einer Welt, in der jeder meint, er sei der Lebensmittelpunkt und alles habe sich um ihn zu drehen. Das kann nicht gut gehen. Egoismus, ja Egozentrismus scheint viele Menschen heute zu beherrschen.

Eine konkrete Folge einer solchen Haltung ist, dass sich immer weniger Menschen damit beschäftigen, sich um eine gute Beziehung zu Gott zu bemühen. Das Vertrauen auf Gott zählt nicht mehr. Und auch immer weniger Menschen wissen, dass eine solche Beziehung im Leben weiterhilft. Hinzu kommt, dass egozentrische Menschen auch den Menschen rechts und links neben sich nicht sehen bzw. nicht sehen wollen. Der Andere ist doch derjenige, der mir den Vorteil rauben kann. In den anderen Vertrauen zu investieren kann nur gefährlich sein. Viele nehmen ihre Mitmenschen heutzutage als Konkurrenten wahr und nicht in erster Linie als Nächsten. Mangelndes Vertrauen auf Gott, kein Vertrauen mehr untereinander. Wenn wir meinen, das sei ein Problem von heute, dann täuschen wir uns. Diese Haltung gab es schon zu biblischen Zeiten.

Im heidnischen Thessalonich haben sich einige auf den Apostel Paulus berufen und behauptet, der Tag des Herrn sei schon angebrochen, das Ende der Welt wäre nahe, so dass man sich um den Glauben und um seine Mitmenschen nicht mehr kümmern brauche. Sie verbreiteten in der Gemeinde, niemand müsse mehr zur Arbeit gehen, jeder könne seine eigenen Wege gehen und es komme nicht mehr darauf an, sich für die Gemeinde und ihre Belange einzusetzen. "Feiern bis zum Abwinken" so war das Motto, nach dem sie lebten. "Du musst nicht auf andere achten. Gib dir selbst, was du brauchst. Nimm es dir!" Wir sehen: Die Haltung des Kreisens um sich selbst ist nicht neu. Doch sie ist heute wie damals nicht gut. Darum schreibt der Apostel an die Gemeinde in Thessalonich einen sehr engagierten Brief. Ich lese Ihnen als Predigttext für heute einen kleinen Ausschnitt daraus vor.

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Soweit dieser kleine Ausschnitt. Was tut der Apostel hier? Wie begegnet er der Situation? Mir fällt auf, dass er zu allererst die Gemeinde lobt, dass sie trotz der verlockenden Parolen nicht schwankend geworden sind, und er ermahnt zugleich die Geschwister, die bisherigen Ziele nicht aus den Augen zu verlieren. Und dann ist auffällig, dass er in allem, was er schreibt, das Vertrauen in seine Glaubensgeschwister nicht aufgibt.

Ich habe einmal den Satz gelesen: "Wenn du großes Vertrauen in Menschen setzt, wirst du große Wunder erleben." Der Apostel hat wohl dieses Vertrauen, das Wunder hervorruft, und so ist er gewiss, dass in seiner Gemeinde die Menschen auch weiterhin einander Raum geben zum Glauben, dass sie sich darin ermutigen, andere dazu einladen und so Gott loben. Wie kommt der Apostel zu einem solchen Vertrauen? Wie können wir zu einem Vertrauen kommen, das uns in der Gemeinde – so verschieden wir sind – zueinander bringt? Wie können wir zu einem Vertrauen kommen, das uns gemeinsam beten, singen, Gott loben lässt und auch nachher wissen lässt, wir gehören zusammen ? gegen allen Egoismus und Egozentrismus, der uns umgibt? Wie kann ich zu einem Vertrauen kommen, dass Gott es gut mit mir meint in all meinen Fehlern und mit den unversöhnlichen Worten, und dass ich in all meiner Sehnsucht doch noch das große Wunder erleben darf?

Ich möchte ihnen drei Dinge nennen, die mir in unserem Predigtext aufgefallen sind. Zum ersten: Der Apostel bittet seine Gemeinde um Fürbitte. Es mag erstaunen, dass die erste vertrauensbildende Maßnahme das Fürbittgebet sein soll. Aber dem Apostel ist die Fürbitte der Gemeinde für ihn ungeheuer wichtig ist. Paulus ist einer, der sich vom Gebet sehr viel erhofft und er macht hier klar, dass die Bitte füreinander zum gemeinsamen Leben einer Gemeinde gehört wie die aufgehende Sonne zu einem neuen Tag. Der Apostel bittet um Fürbitte. Was kann das nützen? Offensichtlich viel. Denn es spricht daraus die Überzeugung, dass füreinander beten bedeutet, einander nahe zu sein in Gedanken, einander nahe zu sein in den Freuden, in Sorgen und in Schuld. Es bedeutet miteinander zu tragen und zu teilen. Wenn einer für den anderen betet, ist es nicht so, dass der eine hat und dem anderen etwas fehlt. Vielmehr finden sich da zwei Bedürftige, die ihre Hände auftun, weil sie wissen: Sie sind darauf angewiesen, dass ihnen etwas geschenkt wird. Sie tun es in dem Vertrauen: "Wenn ihr den Vater bitten werdet in meinem Namen, so wird er’s euch geben." Im Grunde unbegreiflich. Doch so ist es. Ich selber habe es schon oft so erlebt. Doch grau ist alle Theorie. Wir können die Kraft des Gebetes nur spüren, wenn wir es ausprobieren und füreinander die Hände falten. Dann wächst Vertrauen in Gott und auch Vertrauen zum Nächsten, weil er uns nicht mehr egal ist. Könnte es uns nicht auch gut tun, wenn wir Mut fassten und das ein oder andere Mal beim Abschied sagten: "Bete für mich, betet für uns"? Die Wege danach sind anders, getrösteter, mutiger, zuversichtlicher für jeden und jede.

Nun will der Apostel nicht allein, dass Menschen hier wie dort füreinander beten und Menschen durch die Fürbitte in ihrem Glauben gestärkt werden. Er will, dass "das Wort laufe". Und damit bin bei der zweiten vertrauensbildenden Maßnahme: Der Apostel will, dass sich die gute Nachricht Gottes ausbreitet, dass noch weitere Frauen und Männer von der frohmachenden Botschaft hören und von dem, der diese Botschaft ist: Jesus Christus. Wobei geht es konkret bei diesem Lauf des Wortes Gottes? Es meint wohl zuallererst dies, dass sich Menschen finden, die mit ein wenig Mut versuchen, mit anderen über ihre Fragen und Zweifel, über Gelungenes und Schuld, schlicht über den Glauben zu reden. Das kann, das darf nicht allein den Pastoren vorbehalten sein. Jeder Christ ist dazu berufen, von seinem Glauben zu erzählen, seine Geschichte zu erzählen, das Wort zum Laufen zu bringen. Tun wir es, dann werden wir merken: Das Wort Gottes tut tatsächlich etwas: Es verändert Situationen, es tröstet, es gibt Halt, es trägt weiter. Es wäre ein Versuch wert. Die meisten sind nicht mutig, aber versuchen könnten wir es. Vielleicht geht nach unserem Gottesdienst jemand nach Hause und begegnet einem Menschen, dem er bislang aus dem Weg gegangen ist. Und plötzlich bleibt er stehen und wagt es und hat Zeit und ein offenes Ohr für Zweifel, Fragen und für die Geschichte dieses einen Menschen. Plötzlich ist die Brücke zum anderen da und die kann auch morgen noch begangen werden. Kann das nicht ein Abenteuer sein für beide voller schöner neuer Überraschungen und Erfahrungen? Auf dieser Brücke wird einer begreifen, dass es nicht an dem guten Willen fehlen muss oder am Bemühen, wenn einer nicht glauben kann und vertrauen. Sondern wie wenig einer sein Schicksal selbst in der Hand hat, so ein anderer seinen Glauben. Unverständlich und rätselhaft ist es doch oft und doch unter der Zusage, dass die Liebe Gottes und die Geduld beiden gilt.

Vielleicht sollten das auch die Verantwortlichen der Kirchen hören, dass es nicht einfach zu Ende sein wird mit dem Glauben in unseren Tagen. Und dass das Wort Gottes nicht so sehr mit Werbeaktionen läuft, die sich einer ausdenkt, sondern damit, dass sich zwei auf der Brücke begegnen, ihr eigenes Wort nicht so wichtig nehmen und mit ihren Geschichten einander zuhören und ahnen, dass nichts uns trennen kann von der Liebe Gottes. Nichts. Die Treue Gottes ist neben seinem Wort eine weitere vertrauensbildende Maßnahme. "Der Herr ist treu", spricht der Apostel den Thessalonichern zu. Es klingt zunächst wie eine Vertröstung, einfach dahergesagt. Nach dem Motto: "Es wird schon werden." Es steckt aber die ungeheure und schöne Erinnerung an das dahinter, was Gott schon einmal getan hat. Die Erinnerung an Elia zum Beispiel, nach dessen Besuch im Haus der Witwe das Mehl und das Öl nicht mehr ausgingen. Oder es steckt dahinter die Erinnerung an Petrus, der nach vergeblichem Fischen in der Nacht auf Christi Wort hin volle Netze aus dem Wasser zog. Einzelne Erinnerungen? Gottes Treue? Wer mag, der darf sich durch den Apostel erinnern lassen daran, dass er nicht geringer ist als jene Jünger, die selbst im Zweifel waren und eigene Wege gehen wollten. Wir werden nicht das große Wunder erwarten können. Magere Zeiten und vergebliche Nächte, Zweifel wird es auch weiterhin geben, manchmal mehr, als wir es uns wünschen. Aber gelegentlich kann in ein Leben hineinleuchten, was Gottes Treue meint.

Da ist eine unterwegs in diesen sommerlichen Tagen, viele hundert Kilometer auf der Suche nach einem kleinen Stück Erholung und Ruhe und Stärkung. Plötzlich hält sie an, sie nimmt den Duft der gemähten Wiesen wahr, das Spiel der Farben von Wolken und Sonne, die Blätter der Bäume bewegen sich leicht im Wind, und sie begreift: Es ist Gottes Güte, die mich das erleben lässt. Da fährt ein anderer mit in ein Kloster zu einer Freizeit und entdeckt, dass der Engel Gottes über ihm steht und ihn bewacht. Und er öffnet seinen Mund und preist Gott für die Treue, die sein ganzes Leben trägt und hält. Da kommt ein unverhoffter Besuch. Ein langes Gespräch über Gott und die Welt wird geführt. Bis tief in die Nacht und am anderen Morgen liegt Dankbarkeit über dem Leben dieser beiden Menschen. Dankbarkeit für die Treue, für die lange Freundschaft, die wie ein Geschenk ist, das sie neu entdecken durften. Das Bitte für einen anderen Menschen, das Laufen des Wortes Gottes, das in unseren eigenen Geschichten weiterläuft und die Treue Gottes, die wir in vielen ganz alltäglichen Dingen spüren sind vertrauensfördernd und lassen uns erkennen: Wir sind Menschen, die einander brauchen und die Gott brauchen. Ohne Vertrauen sind tiefe Erfahrungen nicht möglich. Ohne Glaube bleibt alles oberflächlich und zäh. Wir sind dazu aufgerufen und werden von unserem heutigen Predigttext dazu ermutigt, unser Leben im Vertrauen zu Gott zu leben, der uns liebt und geduldiger mit uns ist wie wir mit uns. Tun wir dies.

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