Vertrauen und Treue

In unserem Predigttext heute geht es um Treue gegenüber Gott und ich möchte die Gelegenheit nutzen einmal genauer darüber nachzudenken, wer Anspruch auf unsere Treue hat, und wo die Grenze dieses Anspruchs liegt. Das finde ich am Volkstrauertag wichtig, weil die Treue gegenüber Volk und Vaterland in der Nazizeit staatlicherweise erzwungen für viele Männer und in den Bombennächten auch Frauen und Kinder in den Tod geführt hat. Hier sitzen heute noch einige Kriegerwitwen und Menschen, die im letzten Krieg Bruder oder Vater oder Onkel oder den Verlobten verloren haben. Und an diesem Tag stellen Sie sich sicher auch vor wie anders ihr leben hätte verlaufen können, wenn es den 2. Weltkrieg nicht gegeben hätte. Ich finde es für uns Jüngere auch wichtig aus diesen Erfahrungen und auch dem Leiden der Älteren zu lernen. Das möchte ich versuchen, wenn ich heute über Treue rede. Aber sehen wir uns erst einmal den Predigttext an. Ich lese Offenbarung 2,8-11:

[TEXT]

"Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben!", schreibt der Engel an die Gemeinde in Smyrna. Warum schreibt er das? Weil die Gemeinde in Smyrna in Gefahr ist. Smyrna ist eine moderne aufstrebende Stadt im römischen Reich. Sie hat des besondere Privileg einen Tempel für den Kaiserkult zu haben und deshalb sind alle Bürgerinnen und Bürger verpflichtet dort zu opfern. Nur die Juden sind davon ausgenommen. Und die kleine christliche Gemeinde hat sich von der jüdischen Gemeinde getrennt. Vielleicht ist sie auch hinausgeworfen worden. Und nun müssen die Gemeindeglieder also opfern oder sie kommen in die Gefahr, im Zirkus den Löwen vorgeworfen zu werden. Zumindest aber werden sie gefangen gesetzt bis sie bereit sind das Opfer darzubringen. Natürlich kommt die Gemeinde damit massiv unter Druck. Die einen versuchen unterzutauchen. Die anderen engagieren jemand, der in ihrem Namen das Opfer bringt damit sie es nicht selbst bringen müssen. Die dritten sagen, das ist die ganze Sache nicht wert und gehen opfern, und werden damit aus der Gemeinde ausgeschlossen. Und die vierten sagen, "Nein, wir bleiben standhaft und lassen sich umbringen". Der berühmte 84jährige Bischof Polykarp von Smyrna hat sich später in einer ähnlichen Situation umbringen lassen. Nun die Aufforderung des Engels. Gebt nicht nach, geht nicht opfern. Die Behörden können euch ins Gefängnis werfen, und sie können euch schlimmstenfalls umbringen. Aber das alles wird bald vorbei sein. Beweist eure Treue zu eurem christlichen Glauben jetzt, und ihr werdet das ewige Leben erhalten. Wenn ihr vom Glauben abfallt droht euch Schlimmeres als das. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben.

Liebe Gemeinde, ich glaube nicht, dass wir uns so eine Situation wirklich vorstellen können. Und ich kann mir von mir selbst nur schwer vorstellen in so einer Situation standhaft und meinem Glauben treu zu bleiben. Aber dass viele aus der Gemeinde damals so gehandelt haben, dem verdanke ich heute, überhaupt Zugang zum christlichen Glauben zu haben. Ohne die die damals der Verfolgung standgehalten haben, gäbe es heute kein Christentum und wir haben alles Grund denen sehr dankbar zu sein, die damals treu bis an den Tod geblieben sind. Was diese Leute getan haben, hat seine Wirkung bis heute und entfaltet bis heute seinen Sinn. Dem eigenen Glauben treu zu bleiben, das ist wichtig. Treue zu meinem Glauben, dass kann Gott mit Fug und Recht von mir verlangen. Und ich blicke voll Bewunderung auf einige Männer und Frauen, die im Dritten Reich zu ihrem Glauben gestanden haben. Ich weiß, dass das in Messel nicht so einfach war. Ich weiß, dass einige Männer, die in der NSDAP etwas werden wollten, von ihren Frauen verlangt haben, aus der Kirche auszutreten, und da haben viele gesagt. Nein, das mach ich nicht. Ich bin immer in die Kirche gegangen und so halte ich es auch weiterhin. Gott, die Treue zu halten auch wenn es schwierig ist, dazu ermutigt uns dieser Predigttext. Und auch heute gibt es eine Menge Druck, den eigenen Glauben lieber nicht so deutlich zu benennen und zu bekennen. Gerade Jugendliche, die zugeben etwas mit der Kirche zu tun zu haben, ernten oft Spott und Verachtung von Gleichaltrigen. Es gehört eine Menge Mut dazu in einer Gruppe von 14jährigen zuzugeben, dass man an Gott glaubt. Liebe Konfirmandinnen und Konfirmanden, diesen Mut wünsche ich euch, denn ihr werdet daran wachsen. Ihr werdet daraus Stärke und Lebendigkeit gewinnen. Und Gott wird euch stützen und weiterhelfen. Wer überwindet, dem soll kein Leid geschehen. Wer sich selbst überwindet und zu seinem Glauben steht, der kann viele gute Erfahrungen machen und zu einem Leben finden, in dem er oder sie Anpassung weniger nötig hat.

Und zu der Frage, wer Anspruch auf meine Treue hat, ist die Antwort zuallererst einmal Gott, und in erster Linie Gott. Und da müssen die anderen zurückstehen. Es gibt ja viele, die von mir Treue verlangen. Das ist zum Beispiel Ehemann, Ehefrau, Freund, Freundin. Klar kann die Person mit der ich verheiratet bin oder zusammenlebe von mir Treue erwarten. Aber diese Treue hat doch eine deutliche Grenze. Die Grenze ist da, wo von mir verlangt wird, mich selbst aufzugeben und zu zerstören. Diese Sorte von Treue kann kein Ehepartner verlangen. Und natürlich kann der Staat, in dem ich lebe von mir Loyalität und Treue erwarten. Aber auch da ist die Grenze, dass kein Staat, Volk oder Vaterland, von mir Selbstzerstörung oder die Zerstörung anderer erwarten und verlangen kann. Die Grenze der Treue und Loyalität gegenüber Familie und Staat ist das Gebot Gottes. Das geht vor. Das ist ganz wichtig, damit uns hier in Deutschland nicht noch einmal so etwas wie der 2. Weltkrieg passiert. Natürlich sehnen wir uns nach etwas, dass größer ist als wir selbst und unserem Leben damit einen Sinn gibt. Und für dieses Größere sind wir bereit auch Opfer zu bringen. Das ist ja auch richtig. Aber sowohl Staat als auch Familie sind ungeeignet das zu sein, was unserem Leben Sinn gibt. Und sie dürfen beide von uns deshalb auch nicht verlangen, dass wir ihnen bedingungslos dienen. Das darf nur Gott. Ein paar von den Jüngeren hier werden möglicherweise jetzt denken: "Jetzt ist sie völlig durchgeknallt. Etwas Religion ist zwar ganz schön, aber sie kann doch nicht allen ernstes sagen, das Gott von uns bedingungslose Treue und Loyalität bis in den Tod verlangen kann. Das ist mir zu radikal." Was soll ich dazu sagen?

Der christliche Glaube hat halt etwas radikales. Er handelt von Jesus, der für seine Überzeugungen gestorben ist. Das ist ungemütlich. Das war damals für die Gemeinde in Smyrna ungemütlich und es ist auch heute für uns nicht so erfreulich. Aber schließlich ist das nur die eine Seite. Die andere Seite steht auch in unserem Predigttext. Jesus spricht: Ich kenne deine Bedrängnis. Sie wird nicht lange dauern, und wer diese Schwierigkeiten übersteht, dem soll kein Leid geschehen. Jesus Christus weiß wovor wir Angst haben. Jesus Christus weiß in welcher Gefahr wir leben. Und wenn wir uns an ihn halten und bei ihm bleiben, dann leitet er uns hindurch durch die Schwierigkeiten unseres Leben. Dann hilft er uns weiter zu einem Leben, das Sinn ergibt, zu einem Glück, dass nicht auf kurzfristigem Erfolg oder Konsum beruht, dass tiefer in unsere Seele reicht und uns sicher und gelassen werden lässt. Bis dahin hilft nur Vertrauen und Treue zu dem Gott, der versprochen hat, dass er durch alles Leid hindurch bei uns bleiben wird, wenn wir nur bei ihm bleiben.

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