Vertrauen als Antwort

Liebe Gemeinde,

vor nicht allzulanger Zeit gab es einen älteren Mann, der aus Gründen, die für uns hier nicht wichtig sind, in ein Gefangenenlager kam. Das Lager war nicht ausgerichtet, die in ihm eingesperrten Menschen zu bessern oder gar von einer bestimmten Meinung abzubringen. Es war auch kein Lager auf Zeit, wie etwa, wenn man eine Strafe abzusitzen hätte. Der Sinn des Lagers lag alleine darin, den Willen der Menschen zu brechen, sie zu quälen und sie vom Glauben an das Gute abzubringen. Der Tod der in ihm eingesperrten Menschen war offensichtlich mit eingeplant. Wo dieses Lager damals lag ist für uns hier auch nicht wichtig, allerdings es gibt sie immer noch diese Lager, vielleicht nicht mehr bei uns in der Nähe, aber sie sind noch nicht verschwunden von dieser Welt. Als der Mann in das Lager kam, fand er Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit bei seinen Mitgefangenen vor: was er sah in den Augen der Menschen war Angst und Tod. Aber alsbald holte er seine Gitarre vor, die er mitgenommen hatte, setzte sich und begann wunderschöne Lieder zu spielen und dabei zu singen. Da kamen die anderen Lagerinsassen und sahen ihn staunend an: etwas von diesen Lieder rührte sie innerlich an und ließ sie erkennen, dass sie einst eine Hoffnung hatten. Der Lagerleitung war dieses Treiben nicht recht: sie verbot dem Mann, weiterhin zu spielen. Der aber kümmerte sich nicht darum, sondern zupfte auch am nächsten Tag die Seiten. Da kamen die Wächter und schnitten dem Mann einen Teil der Finger ab – es sollte eine Lektion sein für alle Anwesenden. Aber der Mann kam wieder am nächsten Tag, hatte sich ein Stöckchen zwischen die Stümpfe geklemmt und spielte so gut es ging. Da kamen die Wächter erneunt und zerschlugen ihm die Gitarre. Weiter wollten sie noch nicht gehen. Aber der Mann kam wieder am nächsten Tag und sang mit seiner schönen Stimme ein Lied um das andere. Da dachten sich die Wächter: jetzt ist es genug und sie gingen hin und schnitten dem Mann die Zunge ab, so dass er nicht mehr singen konnte. Das sollte wohl reichen. Aber der Mann kam wieder an nächsten Tag und tanzte zu einer unhörbaren Melodie auf eben jenem Platz, wo er auch die letzten Tage gewesen war. Und obwohl das Lied nur in seinem Herzen hörbar war, ergriff die Melodie die Umstehenden und sie fassten einander bei den Händen und tanzten mit den anderen Gebrochenen im Kreis und ihre Mienen spiegelten ein Licht wider, das nicht aus ihnen selbst zu stammen schien. Da standen die Wachen still, denn sie wussten nicht mehr was sie tun sollten.

Ein kleines Wunder in dieser Welt, möchte ich sagen, liebe Gemeinde. Ob der Mann, von dem ich gerade erzählt habe, ein Christ war, das weiß ich nicht; wenn er dies aber war, so hat er vielleicht das Danklied gekannt, wie es der Prophet Jesaja überliefert hat – dieses Danklied ist unser heutiger Predigttext:

[TEXT]

Lobsinget dem Herrn, denn er hat sich herrlich bewiesen – Singt Gott Lieder, denn er tut Wunder, so kann man es auch sagen mit den Worten des Wochenspruchs! Kantate, der Name des heutigen Sonntags bedeutet denn auch eben dies: singt: Lobt Gott, denn ihr habt ihm viel zu verdanken.

Liebe Gemeinde: ihr habt Gott viel zu verdanken – denn er tut Wunder! Ja, was für Wunder denn, mag man fragen – doch nicht etwa solche, wie aus der Geschichte vorher: wer weiß schon, wie die Geschichte weitergeht – wahrscheinlich haben sich doch die Wächter besonnen und sind schlimmer eingeschritten als vorher! Nein, liebe Gemeinde: genau um solche Wunder geht es in unserem Leben: dort, wo Leben wieder aufbricht, wo vorher nur Tod war: das ist das Wunder von Ostern, das Christus in unser Leben gebracht hat. So, wie er selbst von den Toten auferstanden ist, so haben wir Anteil an seiner Auferstehnung schon in diesem Leben bei uns hier: es ist ein Wunder, wo sich Freunde verstehen, es ist ein Wunder, wo Liebe zwischen den Menschen Gestalt gewinnt, es ist ein Wunder, wo Versöhnung entsteht, wo vorher nur Streit war.

Denken sie an die Situationen des Glücks in ihrem Leben, so unterschiedlich es auch bei den Einzelnen von uns aussehen mag: ich spreche mit den Worten unseres Predigttextes: es war Zorn vor mir und siehe, er ist verflogen. Ich war traurig und siehe: ich bin getröstet worden. Ich wusste nicht wohin mit meinem Leben und siehe: ich habe Sicherheit gefunden. Ich hatte Angst vor all dem Neuen, was auf mich einbricht und siehe: ich bin furchtlos geworden. Wie kann das gehen – wie kann diese Sicherheit aufbrechen, wie kann der Mann unserer Geschichte immer noch zur Gitarre greifen? Es kann geschehen, wenn sich Gott in unser Leben einmischt und Besitz von dir ergreift: der Heilige Israels ist groß bei dir und das heißt eben nicht, dass du gegen deinen Willen zu etwas gezwungen wirst, nein es ist genau das Gegenteil: ich bin ganz als der, der ich nun einmal bin bei Gott geborgen und ich darf gewiss sein: in dem, was ich tue und ich dem was ich nicht tue, bin ich nicht alleine gelassen – oftmals bin ich zwar nicht sicher, ob das der richtige Weg ist, wie ich eine Sache angehe, aber auch hier gilt: ich bin nicht von Gott getrennt. Das hat er mir in Jesus Christus ein für alle mal zugesichert. Und so gibt sie sie: die Situationen in meinem Leben, wo ich eine Ahnung kriege von dem Himmel, der mir versprochen ist: wenn mir das Herz übergeht in der Natur, wenn ich meinem Partner in die Augen blicke und von der Liebe um ihn ergriffen werde, wenn mir beim stillen Gebet mit Gott plötzlich die Tränen überfliessen und ich alles hinlegen kann, was mich belastet.

Als Jesaja damals dieses Lied geschrieben hat, gab es die Taufe, wie wir sie kennen noch nicht, aber er spricht doch zu uns in ganz ähnlichen Bildern: Ihr werdet mit Freuden Wasser schöpfen aus den Heilsbrunnen. Auch wir werden gleich Wasser schöpfen als Zeichen, dass bei Gott das Heil liegt. Weiter Jesaja: und ihr werdet sagen zu der Zeit: danket dem Herrn! Wenn sich Eltern heute trauen, ihre Kinder zur Taufe zu bringen, dann ist das auch eines von den kleinen Wundern, von denen ich vorhin sprach: hier vertraut jemand auf etwas, was man doch nicht sehen kann – ganz ähnlich, wie der Mann unserer Geschichte zum Schluss zu einer Melodie tanzte, die man nicht laut hören konnte. In der Taufe vertrauen die Eltern ihr Kind einer Macht an, von der sie glauben, das in ihr das Heil liegt. Solche Eltern und ein solches Kind haben wir heute hier in unserem Gottesdienst: die Eltern haben sich einen Psalm ausgesucht, der in der Bibel überschrieben ist mit den Worten: "Unter Gottes Schutz", der Psalm 91 – und dort den Vers 11: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen". Es gibt sie also, diese Situationen in meinem Leben, in denen ich weiß: mir ist Gutes widerfahren. Und, liebe Gemeinde: ich will heute nicht müde werden, immer wieder darauf hinzuweisen: jeder von euch, jeder von uns, der heute hier in dieser Kirche ist, hat einen Grund dankbar zu sein, jede hat mindestens einen Punkt in ihrem Leben, auf den sie zurückblicken kann und sagen kann: ja, das war sehr schön. Ich bitte Sie: vergessen sie diese Momente ihres Lebens nicht, auch wenn Sie oft bedrängt werden von den dunklen Erinnerungen, die ebenfalls jeder von uns mit sich trägt. Meine Aufgabe heute an Kantate kann nur diese sein: Ihnen zu sagen: diese Momente aufbrechenden Lebens, dieses Glück und diese Freunde, diese Augenblicke, wo das Dunkle völlig verschwand: das sind die Spuren Gottes in Ihrem Leben: das ist sein Tun, wo er sich herrlich bewiesen! xy Geburt ist ebenfalls ein glücklicher Moment für bestimmte Leben gewesen. Und was wir tun, liebe Gemeinde, in unseren Gottesdiensten und was xy Eltern tun in diesem Gottesdienst ist Antwort-Geben auf das Tun Gottes. Antwort-Geben mit Lied und Dank, Antwort-Geben mit Gebet und Bitte und ebenfalls Antwort-Geben, indem wir uns Gott immer wieder auf´s Neue anvertrauen. Wir vertrauen uns auf´s Neue an in unserem Gang zum Abendmahl, in unserem ersten Sakrament: wir dürfen dorthin gehen gerade als Gescheiterte und Zweifelnde in unserem Leben: dort bekommen wir die Nähe Gottes nochmals anschaubar und anfassbar, ja sogar essbar vorgeführt; und wir vertrauen uns Gott an in der Taufe, in unserem zweiten Sakrament – gleich im Anschluss vertrauen die Eltern von xy ihr Kind Gott an: Gottes Engel mögen ihn behüten auf all seinen Lebenswegen. Die Eltern geben Antwort auf sein Tun, indem sie auf seine Hilfe vertrauen. Und das ist ein großer Grund zum Jubeln und zum Singen: denn nicht immer sind wir uns Gott gewiss, öfter, ja wohl die meiste Zeit leben wir unser Leben, als ob es Gott nicht gäbe und wir nehmen Freud und Leid als natürlich hin. Einfacher die Freude freilich als das Leid: das haben wir nicht so gerne: dann wird gejammert und geklagt – zu Recht übrigens, wie ich meine: dann wird gegen Gott ein Groll erhoben und gerufen: wo warst du, als mein Mann tödlich verunglückte? Und es gibt in dieser Kirche keinen, der es Ihnen wird erklären können, warum das so geschehen musste – die Kirche wird nur hinweisen können auf den Gekreuzigten, dessen Kreuz in dieser Welt wie eine Torheit wirken muss – sie wird hinweisen auf das Kreuz und auf das, was danach kam: auf die Auferstehung und die Hoffnung, die wir in ihr haben. Das ist es, wovon für uns der Jesaja-Text handelt, der ebenfalls eine Antwort gibt: ich danke dir, dass du zornig gewesen bist und dein Zorn sich gewendet hat: denn Gott, der Herr ist meine Stärke und mein Psalm – ein solcher Psalm eben, wie es xy Taufspruch geworden ist: "Denn er hat seinen Engeln befohlen, dass sie dich behüten auf allen deinen Wegen". Und ihr werdet sagen zu der Zeit: Danket dem Herrn, rufet an seinen Namen. Lobsinget dem Herrn, wie es der Mann aus unserer Geschichte tat, denn der Herr hat sich herrlich bewiesen.

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