Verstehenshilfe

Liebe Gemeinde,

kaum eines der Gleichnisse Jesu ist so bekannt und berührt uns so sehr, wie das Gleichnis vom verlorenen Sohn.

Nun, Gleichnisse sind eine Verstehenshilfe. Mit Hilfe einer bildhaften Umschreibung
soll dem Hörer oder dem Leser beim Verstehen einer Botschaft geholfen werden. Jesus hat eine Botschaft, diese Botschaft wiederholt er ohne müde zu werden und er versucht mit immer neuen Bildern seinen Hörern geistig auf die Sprünge zu helfen.

Aber für mich ist dieses Geschichte mehr als eine Allegorie auf die biblische Botschaft, dass nämlich Gott ein Vater ist, wir solche sind, die in die Irre laufen, wie charakterlose Zöllner oder geblendete, maßlose sündige Söhne und Töchter. Und dann wären da noch welche, Gerechte. Vielleicht sollte damals auf Zöllner und Pharisäer gewiesen werden, heute gibt es bestimmt genug so genannter Frommer, die Adressaten sein könnten. Das ist alles richtig und richtig ist auch dass wir die Botschaft von der unendlichen Barmherzigkeit Gottes hören, die der erfährt, der Busse tut, der umkehrt.

Mich spricht dieses Gleichnis an, wie etwas mir sehr Eigenes, es ist, als würde von mir erzählt, davon muss ich reden, wenngleich ich am Ende meiner Predigt natürlich einmal auf die Botschaft Jesu zu sprechen kommen will und muss.
Ich meine allerdings auch, dass die Botschaft Jesu mich auch anspricht, wenn ich sein Gleichnis wie ein großes menschliches Drama lese und zwar so: Es ist mein Drama mit verteilten Rollen. Es mein Drama, das nicht wie ein Theaterstück vor meinen Augen aufgeführt wird, sondern ich bin eine handelnde Person in diesem Drama. Doch, je länger ich nachdenke, umso deutlicher wird mir, ich bin nicht nur eine Person.

Sicher, so wechselnd ist mein Leben, das ich ein Sohn bin, der sich auf den Weg macht, hinaus aus seinem Vaterhaus: "Was kostet die Welt?" – und: "Ich habe alles unter Kontrolle!" und: "Es wird mir alles gelingen!" und: "Die Menschen sind meine Freude" – und: "Ich habe Gäste, denen ich voll einschenke! – Ich habe ein Recht auf genau dieses Leben und keiner wird es mir nehmen. Auch mein Vater nicht, dieser alte Spießer, dessen Leben bestimmt ist von Sorge und Vorsorge und Absicherung und Angst und Vernunft – und zaghaft ist er geworden, welch ein armseliges Leben". "Das", so spreche ich Sohn, "ist nicht mein Leben.". Und: "Ich" sage ich Sohn, "wage etwas und ich setze auch etwas auf eine Karte und ich wage auch das Risiko zu verlieren. Lieber will ich untergehen, als mich in mit Mittelmäßigkeit zufrieden zu geben."
Solch ein Sohn war ich und bin ich wohl auch und werds wohl auch bleiben.

Ja, und ich bin der Sohn, der in eine tiefe Traurigkeit gefallen ist . Ich bin ein leerer Sohn geworden. Ein hohler. Ich rufe in mich hinein und es schallt, wie in einer großen leeren Höhle. Und ich stelle meine Fragen, ich rufe sie, ich schreie, – meine Fragen werden auf mich zurückgeworfen, wie das Echo zurückwirft, was der Wanderer, in eine Schlucht hineinrief.

Der Boden unter meinen Füssen wird weich, und wenn ich schon nicht mit den Schweinen aus einem Troge fressen muss, suche ich doch immer neu alles in mir stumm zu machen, was mit seinem Finger auf mich zeigt und spricht: "Du armer irrender, du blinder Mensch!" Ich mache das Radio an und ich mache es lauter, denn ich will die Stimme nicht hören, die rufen: "Öffne die Augen und sieh!" Und könnte, würde ich jeden Spiegel zerschlagen. Mehr Wein, damit ich im Dämmer versinke und meinem Elend entfliehe.

Dann habe ich nicht mehr das Geld für den Wein, und finde keine Frau mehr, die mir durch die Nacht hilft und jedes Wort bleibt mir im Hals stecken, längst höre ich nichts mehr wie ein Echo, alles, was ich tönte, ist verschluckt, als würde vor mir ein Wortefresser stehen.

Aber ich bin auch der, in dessen fürchterliche Dunkelheit das Licht meines Vaters einen Funken leuchtet. Immerhin, einen Funken, dem will ich hinterher folgen!.
Ich glücklicher: Ich weiß, wohin ich umkehren muss!

Ich bin der Vater. Ich bin der Vater der seinen Sohn liebt und den anderen Sohn und auch die Töchter die er hat. Mit den Händen, die ich habe, will ich meine Kinder beschützen und meinen Kopf strenge ich an, damit ich gut Wege für meine Kinder finde. Mit meinen Ohren muss ich hören was mein Sohn redet und ich kann meine Ohren nicht verschließen, wie er redet und sich breit macht vor mir und seinen weiten Blick über mich hebt, der blinde Sohn! "Gib!" ruft dieser Sohn und hält seine Hände auf und redet von seinen Rechten und davon, dass er alles besser machen will, als ich es getan habe. Meine Augen sehen ihn gehen und es droht mir das Herz zu zerreißen. Oh mein armes, verblendetes, blindes Kind – wie sehr hoffe ich, dass dich kein Schade trifft, wie du so töricht dahingockelst, du Stolzer.

Ich glücklicher Vater! Ich sehe meinen Sohn, müde und schwach ist er und jeder Schritt ist ihm schwer. Aber er geht und er irrt nicht, das hat er nicht vergessen, dass ich da sein werde für ihn – immer! Ich war zornig auf meinen Sohn, ich schrie hinter ihm als er ging: "Geh nur!" – rief ich. "Du dummer Mensch!" Und es bitterte mich sehr.

Nun ist mir das Herz voller Tränen des Glücks: "Komm, mein Verlorener, komm vor mich, lass mich dich in meine Arme schließen, rede nicht, erkläre nichts! Du bist wieder da, das ist mehr als jedes gute Wort!"
Mein Leben ist ein Fest.

Ich glücklicher Sohn: "Gutes und Barmherzigkeit werden mir folgen mein Leben lang, und ich werde bleiben im Hause meines Vaters immerdar."

Den Bruder habe ich nicht vergessen. Bin ich auch. Jemand der treu und redlich seinem Tagewerk nachgeht. Jemand der seine Pflicht tut und alles tunlichst unterlässt, was Ungehorsam wäre. Ich bin fleißig. Manchmal bin ich auch hochmütig und schaue auf die herab, die sich über alles hinwegsetzten, was recht und billig ist. Manchmal bin ich auch neidisch auf die Freiheit, die die Anderen sich nehmen und ich sag’s jetzt ganz leise, ich wünschte mir schon auch mal den Mut, mich über all das hinwegzusetzen, was mir für gut und richtig vorgesetzt wurde.

Nun, da mir der Mut fehlte, so will ich’s jetzt wenigstens nicht ertragen, dass dieser Heimgeschlichene über mich gesetzt wird. Und doch, wie könnte ich mich meinem Vater widersetzen, er nimmt mich doch auch in seine Arme. Und in seinen Armen bin ich mit meinem Bruder. Er riecht nicht gut, ich will’s ertragen, ich will bei ihm bleiben, ja er war tot und ist wieder lebendig geworden.

Jesus? Jesus erzählt von Gott, wie von einem Vater. Jesus erzählt mir von Gott, wie von einem Leuchtturm. Da, und da, leuchtet mir der Lichtstrahl den Weg. Also mache ich mich auf und folge seinem Schein.

drucken