Verschwörung gegen Jesus – Evangelium für uns

Liebe Gemeinde,

hier ist eine Verschwörung im Gange. Gegen wen?! Dazu gibt es viele Spekulationen, Argumentationen und Variationen. Die meisten kennen Sie. Denn diese Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin ist eine der bekanntesten aus der Bibel. Zumindest in einigen Grundzügen, oder auch nur in kleinen Teilen – je nach Interesse – kennen ganz viele Menschen diese Geschichte. Damit stricken sie sich selbst eine erste Verschwörung. Denn wenn diese Geschichte jeweils nach Interesse oder erzieherischem oder sozialem Wert verändert und ausgeschlachtet wird, dann verfehlt sie ihre Aufgabe. Nämlich die, Evangelium zu sein und nicht Grundlage für Gesetze, Sittenordnung und Pädagogik. Beispiele.

Es wird viel darüber spekuliert, wann bzw. wieso diese Geschichte erst später ins Johannesevangelium eingefügt wurde. Gab es in irgendeiner frühchristlichen Gemeinde einen aktuellen Anlass? Bezüglich der Frau sind ja solche Anlässe heute auch noch aktuell: Gleichberechtigung der Frauen, soziale Benachteiligung, Vergewaltigung, Missbrauch. Aber auch die Todesstrafe und die Grausamkeit gegen das Volk bzw. des Volkes, die allzuschnelle Schuldzuweisung, der Übertritt auf die Anklageseite, das Verkappen von eigener Schuld, die Freude darüber, dass jemand an den Pranger gestellt wird, die öffentliche Gruppendynamik, die Berechtigung bzw. Illegalität von Prostitution, der Sinn der Ehe bzw. der Stellenwert von Ehebruch – das alles sind Themen, die mit dieser Geschichte verbunden werden. Richtet man das Augenmerk auf die Pharisäer und Ältesten des Volkes, so findet man Grund, über deren Verhalten herzufallen. "Die sind auch nicht besser als alle anderen." Das Thema Obrigkeit und Geistlichkeit ist damit angerissen.

Und dann kommen wir in den Bereich der Argumentationen, die von dieser Geschichte abgeleitet werden wollen. In der Frage nach den Gesetzen und Geboten, Gerichten und Richtern können radikale Forderungen auftreten: Es braucht sie eigentlich nicht! Denn nur Gott darf richten! Die Menschen sind alle gleich! Schuldig! Das meinen doch die meisten, wenn sie diesen Satz zitieren: "Wer unter euch ohne Sünde ist, der werfe den ersten Stein." Das ist aber nur der Bruchteil der Geschichte, der übrig geblieben ist, wenn die Verschwörung gegen sich selbst gelingt. Denn damit kann man ganz schnell jeden Fehltritt verharmlosen. Die Falle ist zugeschnappt. Der oder die Schuldige kann verklagt werden.

Dann kann noch Einiges zum Vorschein kommen, was durch die Variationen dieser Geschichte auch abgedeckt und begründet wird. Die Geschichte ist dafür auch schon vielfach verändert worden. Da tritt dann der Ehemann auf und vergibt. Das würde heißen: die Frau hat die eigene Ehe gebrochen. Oder es gibt gar keinen Ehemann. Die Frau bricht eine fremde Ehe. Überhaupt: wo bleibt der Mann in dieser Geschichte? Wer war es? Möglicherweise einer der Pharisäer und Ältesten, der sich jetzt auf diese hinterlistige Art und Weise der Frau entledigen will. Oder einer aus dem Volk, der geplaudert hat und nun froh ist, dass die Frau endlich erwischt wurde, bevor man ihn mit ihr erwischen konnte.

Eine andere Variation: es war bestimmt Vergewaltigung. Noch spektakulärer wäre die These: der Frau ist gar nichts passiert. Sie ist gekauft worden. Das ganze ist eine Szene, um Tumult im Tempel hervor zu rufen. Wie der dann ausgegangen wäre bleibt die Frage.

Liebe Gemeinde, ich habe jetzt viele Möglichkeiten aufgelistet, wie diese Geschichte ausgelegt und verwendet wird. Bei allen gibt es Grund, zuzustimmen. Aber ich bin damit der Geschichte noch nicht auf den Grund gekommen. Erst diese Feststellung hat mir die Augen geöffnet: Spekulationen, Argumentationen oder Variationen aus und mit dieser Geschichte werden dem Anspruch und Zuspruch des Evangeliums nicht gerecht. Denn in dieser Form geschieht das, was die Geschichte und die anderen Bibelworte dieses Sonntags verbieten: richten. Es kommt dabei immer das Eine gut, das Andere schlecht heraus. Es entsteht ein Urteil und wird gerichtet, wenn auch nicht verurteilt wird. Damit ist die Verschwörung gelungen. Wir tun, was wir nicht tun sollen. Das ist nicht frohe Botschaft.

Die lautet heute: die Verschwörung ist gegen Jesus gerichtet. Ja, das ist das heutige Evangelium – Verschwörung gegen Jesus Christus! Denn in dieser Geschichte richtet sich die Verschwörung gegen Jesus. Damit spricht diese Geschichte für Jesus. Das ist die frohe Botschaft. Was ist gegen Jesus? Die Pharisäer und Ältesten. Sie wollen nämlich Jesus versuchen, ihn in die Falle locken, um ihn anklagen zu können. Deshalb schleppen sie die Frau in den Tempel, wo Jesus während des Laubhüttenfestes gerade zum Volk spricht. Die Öffentlichkeit ist vorhanden. Sie wird mit richten.

Obwohl auch damals schon niemandem aus dem Volk das Gericht zustand. Denn die Gebote waren eindeutig. Die religiösen Führer achteten darauf, dass Jesus die Frau nicht ohne weiteres freisprechen konnte. Die richterliche Gewalt lag bei den Römern. Verurteilen, und zwar in dem Fall zum Tode, durfte Jesus die Frau auch nicht. Er sollte aber entweder gegen das Eine oder gegen das Andere verstoßen – vor den Augen der Bevölkerung. Er sollte richten. Damit sollte er gegen sich sprechen. Die gegen ihn gerichtete Verschwörung sollte sicher sein. Jesus tut es nicht. Das spricht für ihn. Er richtet nicht. Er richtet auf. Er macht bei der Verblendung nicht mit. Er öffnet die Augen.

Im Grunde ist diese Geschichte eine Passionsgeschichte. Denn Jesus nimmt die Verschwörung an und auf sich. Aber, wie alles, was dem Leben schadet, überwindet er auch diese Verschwörung mit der gleichen Liebe, die er für uns am Kreuz aufgebracht hat. Er nimmt sie an sich, um uns davon zu befreien. Damit spricht er für uns. Die Geschichte von Jesus und der Ehebrecherin spricht zu uns: Frohe Botschaft! Wie gehen wir nun damit um? Können wir die zuerst genannten Spekulationen, Argumentationen und Variationen stehen lassen? Ist die Frau nun schuldig oder unschuldig? Oder sind es die Pharisäer? Oder die Menschenmenge?

Alle diese Fragen erübrigen sich, wenn wir den Rat des Paulus aus der Epistel befolgen: "Darum lasst uns nicht mehr einer den anderen richten; sondern richtet viel mehr darauf euren Sinn, dass niemand seinem Bruder oder seiner Schwester einen Anstoß oder Ärgernis bereite." Und wenn doch? Wir sind und bleiben Menschen mit Fehlern? Dann sagt uns der heutige Sonntag und seine Bibelworte: Ohne Jesus gelingt es euch freilich nicht. Darum geht zu ihm. Darum kommt zu ihm. Immer wieder neu. Um der Gerechtigkeit willen und um Verschwörungen gegen die Menschheit und Menschlichkeit abzuwenden. Um so leben zu können, wie der Kanzelsegen es uns jedes Mal wünscht und verheißt: Der Friede Gottes, welcher höher ist alle Vernunft, bewahre unsere Herzen und Sinne in Jesus Christus.

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