Vernünftiger Gottesdienst? Maßvoll sein mit sich und anderen

Liebe Gemeinde,

um den Gottesdienst geht es heute. Der Apostel Paulus bringt uns Gedanken über den rechten Gottesdienst. Gibt es denn keine brennenderen Themen? Die Bibel ist doch auch voll mit anderen interessanten Dingen, mit Fragen nach Frieden, nach Gerechtigkeit, die Bergpredigt z.B. ist voll von solchen Fragen und Anfragen an uns. Nein – „Gottesdienst“ soll das Thema heute sein, nach all den vielen Gottesdiensten im Advent und in der Weihnachtszeit, wo sich die Kirchen wieder geleert haben, weil man schon fast überfrachtet ist und sich die Weihnachtskirchgänger wieder ein Jahr lang Auszeit gönnen. Jawohl vom Gottesdienst ist die Rede, hören wir einmal hin, was uns Paulus zu sagen hat.

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Liebe Mitchristen, wieder einmal, eigentlich wie immer bei Paulus, ist es ziemlich viel, was er von seinen Leuten verlangt. Solche Ermahnungen hören wir Menschen des 21. Jahrhunderts nicht zu gerne- glauben sie mir, die Menschen des 1. Jahrhunderts nach Christus haben sie auch nicht gerne gehört.

Das Stichwort „Opfer“ ist mir aufgefallen. Den Leib als Opfer hingeben. Für Paulus ist es wichtig festzuhalten, das „Leib“ den ganzen Menschen meint, er meint damit Leib und Seele. Sich selbst herschenken, sich damit mit dem ganzen Leben und Sein, Gott zur Verfügung zu stellen ist gemeint. Das wäre die höchste Form der Hingabe. Daran zu arbeiten ist eine lebenslängliche Aufgabe, auch das ist klar, keiner von uns hat diesen Zustand bereits erreicht. Eine solche Gottesbeziehung, die so umfassend ist kann auch durch eine Predigt nicht hergestellt werden, aber einladen möchte ich sie, einladen an die vorhandene Beziehung zu ihrem Gott anzuknüpfen und Mut möchte ich ihnen machen zur Vertiefung dieser Beziehung.

Wir müssen ein wenig in uns hineinhorchen. Stellen wir uns einige Fragen. Wie war es mit dem ersten Angerührt Sein von Gott her? Wann hatte ich den Eindruck, dass Gott mir etwas sagen will? Wie war es mit meinem ersten Gebet, an das ich mich erinnere? Wie habe ich mich dabei gefühlt? Hatte ich den Eindruck, dass ich mit Gott zurechtkomme? Wie ist es weiter mit meinem Bild von Gott? Wo sind meine Quellen für das Gottesbild? Wie stelle ich ihn mir vor? Ist er für mich der thronende Herrscher, ist er mein Bruder, ist Gott derjenige, den ich nur vom Kreuz her kenne, oder kann ich Gott auch als den Hilflosen akzeptieren, der als Kind in der Krippe liegt? Ist Gott der gute Hirte oder empfinde ich ihn eher als den Weltenrichter? Wie ist es mit meinem Vertrauen und meiner Hoffnung? Fühle ich mich bei Gott geborgen, kann ich meine offenen Fragen stellen oder verkneife ich sie mir, weil ich das Gefühl habe damit meinen eigenen Glaubensstandards des „nicht Zweifeln Dürfens“ nicht mehr gerecht zu werden? Was ist in meiner Beziehung zu Gott nicht geklärt? Oder ist meine Gottesbeziehung ganz geradlinig und in „Butter“? Habe ich Sehnsucht nach einer Entfaltung meiner Beziehung zu Gott? Und wie kann ich diese Entfaltung voranbringen?

Ich könnte ihnen und mir noch hundert solche Fragen stellen. Fragen, liebe Gemeinde, die wir für uns klären müssen um uns über unseren Glauben klar zu werden. Es nützt uns gar nichts, additiv immer wieder Neues diesem Glauben hinzuzufügen immer neue Ansprüche zu formulieren, wenn wir uns über Grundlagen nicht im Klaren sind. Und noch etwas: Ich bin der großen Hoffnung, dass wir uns in unserem Glaubensleben entwickeln. Glaube verändert sich im Leben. So wie aus Kindern Erwachsene werden entwickelt sich auch der Glaube weiter. Er geht dabei in unterschiedliche Richtungen. Er kann sich Gott näher zuwenden, er kann sich entfernen, auf Distanz oder Halbdistanz gehen. Das ist nicht schlimm. Schlimm ist es nur, wenn man aufhört nachzufragen, aufhört sich diese Fragen, die ich gestellt habe zu stellen. An verschiedenen Lebenspunkten und in unterschiedlichen Lebensphasen müssen diese Fragen gestellt werden um sich selbst wieder klar zu werden, wo der Lebensweg hingeht. Sonst plätschern wir glaubensmäßig vor uns hin und werden selbstgerecht oder unzufrieden. Beides wäre möglich und beides würde uns nicht weiterhelfen.

Also: Klarheit über die eigene Gottesbeziehung zu bekommen, das wäre für mich der erste wichtige Gesichtspunkt für den vernünftigen Gottesdienst wie ihn Paulus beschreibt.

Der zweite Punkt wäre, dass man sich nachdem man Glaubensklarheit gewonnen hat, auch über Konsequenzen klar wird. Wer glaubt, der ist Sand im Getriebe der Welt, der ist aber auch Salz der Erde. Er glaubt unterstützt andere und er muss manchmal auch gegen etwas sein um für Gerechtigkeit einzutreten. Es ist einfach so: Wer glaubt wird immer andere zum Widerspruch herausfordern, weil man über Glaubensfragen, die Überzeugungsfragen sind schwerlich streiten kann. Es hängen ja ganze Lebensentwürfe von der Frage des „richtigen Glaubens“ ab. Deshalb führen radikale, extremistische und fanatisch-religiöse Gruppen doch Kriege, weil sie nicht mehr in der Lage sind Zugeständnisse machen zu können, weil sie nichts „relativ“ sehen können, sondern ihre eigene Ansicht absolut setzen.

Der Apostel Paulus setzt etwas dagegen: „Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat.“

Befreiung wird mir zugesagt. Befreiung, weil ich maßvoll sein kann als Christ. Ich muss mir keine Gedanken machen, ich bekomme ein Maß zugeteilt von Gott. Ich brauche nicht mehr von mir zu halten als ich bin, weil ich ein Maß zugeteilt bekommen habe. Wunderbar ist das, wunderbar, dass Gott zu mir sagt, setze dich in Beziehung zu mir, dann wirst du das richtige Maß finden. Setze dich in Beziehung zu mir und du kannst erkennen was du von DIR halten kannst und wo DU eine Grenze machen darfst.
Wir müssen nicht alles können und unser Glaube darf maßvoll sein, darf sich ändern im Lauf der Zeit. Eine Absage an alle Radikalität, an allen Extremismus, den es unter Christen ganz selbstverständlich gibt ist das.

Und Drittens: Ein Leib – viele Glieder, auch dieses Bild, dass wir alle kennen, wird hier von Paulus eingebracht. Es stellt sich die Frage welche Position finde ich am Leib Christi. Welche Position finde ich in meiner Ortsgemeinde und welche können andere Menschen finden? Es gibt verschiedene Gaben – sagt Paulus, aber welche ist meine? Ich kann ihnen nicht sagen welche Gabe sie haben, sie werden es selbst wissen oder in der Lage sein diese zu entdecken. Aber etwas andres wäre mir heute wichtig, nämlich die Frage: Wie so ein Leib, wie eine Gemeinde eigentlich lebt? Dieser Leib lebt und er ist ein Beziehungsgeflecht. In solchen Geflechten hilft uns die Psychologie ein Stück weiter. T.A. Harrys hat in dem Buch "Ich bin Ok, du bist Ok" für solche Gemeinschaften wichtige Grundlagen deutlich gemacht. Da gibt es die Einstellung. "Ich bin Ok- du bist nicht Ok". Jemand, der so lebt sagt also: „Ich bin etwas Besseres als du“ – er oder sie zerstören jede Geschwisterlichkeit untereinander. Gemeinschaft kann auf dieser Grundlage nicht entstehen. Es gibt die Einstellung: „Ich bin nicht Ok- aber du bist Ok“. So denkt jemand der mangelndes Selbstvertrauen hat. Jemand der mit seiner manchmal falschen Demut die Gemeinschaft belastet. Wer sich selbst nichts zutraut kann seinen Platz in dieser Gemeinschaft nicht ausfüllen
Und schließlich gibt es noch eine Variante: „Ich bin nicht Ok und du bist nicht Ok“ Das führt zu einer Ablehnung der ganzen Gemeinschaft, aus der dann eben keine Gemeinschaft mehr werden kann.

Es bliebe uns eine Möglichkeit die Gemeinschaft dennoch zu retten: Das wäre der liebvolle Umgang miteinander, der letztlich aus dem Glauben heraus entspringt, dass Gott mich annimmt und mich trotz meiner Unzulänglichkeiten rechtfertigt und das heißt in der Sprache von Harris: „Ich bin OK – und du bist auch OK“ Diese Besonnenheit führt Paulus in dem Bild vom Leib und den Gaben aus. Alle Einstellungen außer dieser führen zu Gemeinden, die nicht bestehen können. Ich frage mich schon manchmal, warum eigentlich in jeder Gemeinde Probleme bestehen. Es liegt mit Sicherheit daran, dass es immer Menschen gibt, die zu hohe Ansprüche stellen, die sich damit bewusst oder unbewusst über andere stellen und diesen damit Lust, Freude und Zugang zu einer Gemeinde schwer machen. Es ist nicht so, dass in Deutschland keiner mehr an Gott glaubt; wir Christen vor Ort machen es Außenstehenden aber manchmal sehr schwer ihren Platz zu finden und sich wohl zu fühlen. Bauen wir Hürden ab, setzen wir darauf, dass der andere seine Gaben hat. Lassen wir dem anderen seinen Freiraum diese Gaben auch einzusetzen. Seien wir maßvoll, wie Paulus es sagt. Und seien wir gnädig – Gott ist es doch auch. Der andre ist eben OK, genauso wie ich es selbst bin.

Liebe Mitchristen: Drei Punkte waren mir wichtig: 1. Vernünftiger Gottesdienst, wie Paulus ihn meint, fängt für mich an, wenn ich mir über meine Gottesbeziehung klar werde. 2. Wer diese Beziehung für sich wenigstens ansatzweise geklärt hat, der handelt maßvoll mit sich selbst und mit seinen Mitchristen, so wie Gott das möchte. 3. Und wer in der Gemeinschaft lebt, in einer christlichen Gemeinschaft, der geht davon aus, dass der andere genauso gut ist und genauso viel wert ist wie ich es selbst bin. Nur so kann Gemeinschaft gelingen.

Zum Schluss: In einer Gemeinde gibt´s besondere Aufgaben: Pfarrer sind zur Gemeindeleitung berufen, Kirchenvorsteher genauso. Viele andere Aufgaben gibt es noch. Der Leib Christi beschränkt sich aber nicht auf eine Familie oder auf eine Ortsgemeinde. Wir sind hineingestellt in eine größere Gemeinde, in eine globale Christengemeinde. Durch diese Erkenntnis ist der konziliare Prozess für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung in Gang gekommen, denn „ wenn ein Glied leidet, so leiden alle Glieder mit“, so sagt Paulus in 1. Kor.12,6. Es heißt also für uns den Blick auch über den gemeindlichen Tellerrand zu lenken und auf andere Glieder, die wir bisher kaum beachtet haben hinzusehen, sei es weltweit oder seien es fast vergessene Gemeindeglieder in unserer eigenen Gemeinde.

Christliche Gemeinde und christlicher Gottesdienst wächst und lebt, wo Menschen sich Gedanken machen über ihre Gottesbeziehung, wo sie maßvoll mit sich selbst und mit ihrem Glauben umgehen und niemanden überfordern und wo sie dem anderen mindestens genauso viel zutrauen wie sich selbst. Wo so gehandelt wird da ist der Segen Gottes nicht fern.

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