Vergebung und Heilung

Seit 10 Jahren ist Gerda Meier krank. Seit einigen Jahren lädt sie zum Jahrestag ihrer Erkrankung die Pastorin ein. Sie glaubt zwar nicht dran, aber man kann ja nie wissen, sagt sie sich. Schaden kann es nicht. Sie begeht diesen Jahrestag mit jener Art von Bitterkeit und Zynismus, dem man nichts entgegenzusetzen vermag. Es ist wenige Wochen nach ihrem 61. Geburtstag und sie erinnert sich, wie jedes Jahr.

Angefangen hat es damit, dass sie sich müde und kraftlos fühlte. Als ob Hände und Knie ihr nicht gehorchen wollten, dass war ihr Eindruck. Der Arzt konnte nichts feststellen, schickte sie zur Massage und zur Kur, gab ihr Placebos, um sie zu beruhigen. Einmal hatte er es sogar gewagt, ihr einen Psychologen zu empfehlen. Noch immer ist sie empört, wenn sie daran auch nur denkt! Ein Seelenklempner – das hat ihr gerade noch gefehlt!

Dann fing der Behandlungsmarathon an. Sie besuchte Ärzte und Kliniken in ganz Europa. Anfangs begleitete ihr Mann sie noch, das ließ dann irgendwann nach. Immer mal wieder wurde MS vermutet – sie reagierte darauf jedesmal mit Herzrhythmusstörungen und akuter Atemnot. Sie hatte die eigene Mutter qualvoll daran zugrunde gehen sehen. Heute wäre sie fast froh, wenn es MS wäre, dann hätte sie wenigstens was, so ist es irgendwie …….nichts mehr als das Schlimmste, was einem Menschen geschehen kann.

Am 10. Jahrestag ihrer Erkrankung ist Gerda Meier ein Pflegefall. Ihre Schwiegertochter versorgt sie mit demselben Widerwillen, den Gerda ihrer kranken Mutter gegenüber empfand. Sie sagt nichts, ist auch nicht unfreundlich, aber Gerda kennt diesen Gesichtsausdruck von ihrem eigenen Blick in den Spiegel. Heute, 10 Jahre nach Beginn der Krankheit ist Gerda Meier mutlos. Sie hat keinen Zugang mehr zu ihrer Hoffnung, hat keinen Zugang zu ihrer Kraft und auch nicht zu ihrer Freude. Sie ist unförmig geworden und unleidlich. Selbst die Pastorin muss sich überwinden, den Termin, der ihr sinnlos erscheint, wahrzunehmen.

Wie jede Schwerkranke fragt auch Gerda Meier sich: Womit habe ich das verdient? Was habe ich im Leben falsch gemacht? Warum ich?

Es ziehen dann Bilder wie Schatten durch ihre Seele: Sie sieht ihre Mutter, die sie versorgt hat, die Geschwister, die sich von ihr abgewandt haben, weil sie sich übervorteilt glaubten. Sie sieht ihren Sohn vor sich. „Ich habe es satt, deine Marionette zu sein!“ hatte er sie in ihrem letzten Gespräch angeschrien. Sie sieht den Mann vor sich, den sie geliebt hat und den anderen, mit dem sie 30 Jahre lang verheiratet war. Er lebt heute woanders mit einer anderen, mit einer, die gesund ist. Aber sie hält die Bilder nicht fest, sie lässt zu, dass andere wichtiger sind: Der Kindermörder aus Hamburg, der korrupte Politiker, der Hochstapler aus Berlin und der Präsident, der sein Land in den Krieg führt. „Das sind die Verbrecher!“ schreit ihre Seele. „Die hätten das verdient! Was habe ich getan, was nicht alle tun?“ und niemand antwortet ihr. Ihr Leben liegt weit zurück und sie erinnert sich daran mit Schmerz: Es war nur Arbeit und Pflicht und Verzicht. Sie hat funktioniert, so gut es ging. Sie hat nie geklagt, und nun das. Sie sieht sich als Opfer, sie fühlt sich betrogen.

Im kleinen Hausflur vor dem Krankenzimmer wird aus dem Nähkästchen geplaudert. Die Schwiegertochter beklagt sich bei der Pastorin: Frau Meier sei so schwierig, sagt sie, so unzufrieden, so nörgelig, so undankbar. Die Nachbarin schwätzt mit kaum verhohlener Häme: „Die hättste mal früher sehen sollen, die hat nichts anbrennen lassen. Von nichts kommt nichts, das sag ich dir!“ Die Pastorin fühlt sich unwohl. „Es gibt niemanden, der für diese Frau das Dach abdecken würde“ denkt sie. „Es gibt niemanden, der sie zu Jesus tragen würde, wenn er denn käme.“

An genau diesem Tag kommt nun Jesus in genau diese Stadt, in der Gerda Meier lebt, und sein erster Weg führt ihn direkt zu ihr. Er trifft auf die kleine Versammlung im Flur.
„Nanu“ denkt die Pastorin und ist ein bisschen beleidigt. „Hätt er sich angemeldet, hätt ich in der Gemeinde was organisiert.“Die Nachbarin ärgert sich, dass sie nicht doch das kleine Schwarze angezogen hat. Sie macht ihm schöne Augen und hängt sich an seine Fersen, das will sie nicht verpassen, den Besuch Jesu bei der Meier. Die Schwiegertochter kocht missmutig Kaffee, sie hat mit dem Glauben und mit der Kirche noch nie was am Hut gehabt und wer sich schon Jesus nennt, kommt ihr durchaus suspekt vor.

Es wird eine Zeitlang geredet über dies und jenes. Frau Meier erzählt, wie jedes Mal, wenn Besuch kommt, ihre Krankengeschichte. Das dauert eben seine Zeit.

Schließlich tritt Jesus an ihr Bett wie um sich zu verabschieden. Doch der Höhepunkt des Tages kommt jetzt: Er nimmt ihre Hand und sieht sie ruhig an. Dann sagt zu ihr: „Meine Tochter, deine Sünden sind dir vergeben.“

Die Nachbarin grinst. Am liebsten hätte sie laut gelacht. Endlich sagt der mal wer die Meinung! Und sie freut sich schon auf die Blamage, wenn Gerda Meier gleich wieder ausrastet.

Die Schwiegertochter erbleicht. Sie kennt die Kranke, das gibt was, gleich wird wieder Zeter und Mordio geschrieen, bis alle fluchtartig das Zimmer verlassen.
Die Pastorin erstarrt. Sowas hat sie im Seelsorgekurs nicht gelernt! Ob das nun die angemessene Herangehensweise an eine Schwerkranke sei? Aber sie lässt sich nichts anmerken und senkt fromm den Blick.

Frau Meier guckt den Gast herausfordernd an. Sie denkt: „Tickt der nicht ganz richtig? Hat der noch alle Tassen im Schrank?“ Sie geht kurz das gewohnte Programm durch: Atemnot vortäuschen, in Tränen ausbrechen, einen hysterischen Anfall inszenieren? Nur kurz huschen die Schattenbilder durch ihre Seele, sie nimmt sie kaum mehr wahr. „Na,“ sagt sie nur zynisch. „Und? Was hab ich nun davon?“
Jesus sieht in die Herzen und liest die Gedanken. „Immer dasselbe mit meinem Menschenkindern,“ denkt er. „Sie begreifen es einfach nicht. Ich kann auch sagen: Steh auf, nimm dein Bett und geh. Das würden sie begreifen. Aber das andere geht einfach nicht in ihren Kopf.“ Und so wendet er sich wiederum zu Frau Meier und sagt: „Komm. Steh auf. Du bist gesund.“ Er nimmt sie, die zu überrascht ist, um sich zu wehren, an beiden Händen und zieht sie behutsam auf die Bettkante. Er zieht ihr die Puschen an die nackten Füße und stellt sie sacht auf den Boden. „Na los,“ sagt er, „versuchs schon!“ Und bei allem Misstrauen: Ihre Beine tragen sie, sie spürt sofort, dass sich etwas verändert hat, wenn auch die Muskeln noch lange nicht ihren Dienst tun wollen. Einige Sekunden steht sie ohne Hilfe auf eigenen Beinen vor ihrem Bett. Sie staunt unmäßig über die ungewohnt gewordenen Relationen – wie klein die Pastorin in Wirklichkeit ist! – dann sinkt sie wieder auf die Bettkante, erschöpft und irgendwie … verändert.

Die Nachbarin ist ärgerlich, richtig wütend und je länger sie darüber nachdenkt, desto mehr wächst ihr Groll und ihr Neid. Sie findet: Das hat ausgerechnet die Meier nun wirklich nicht verdient! Er hatte so nett ausgesehen, dieser Jesus!
Die Schwiegertochter bleibt cool. „Na, das wolln wir doch erstmal sehen“ denkt sie. „Da kann ja jeder kommen.“ Sie hats nicht so mit Wunderheilern und solchen, die sich dafür ausgeben. Außerdem ist Sünde und Vergebung, Krankheit und Heilung nicht ihr Thema, sie hat ganz andere Sorgen.

Aber Gerda Meier liegt an diesem Abend noch lange wach. „Was ist Sünde?“ überlegt sie und endlich kann sie ohne Angst die Bilder betrachten, die ihrer Seele das Stehvermögen raubten. Sie nimmt die vertanen Möglichkeiten in den Blick, sie erkennt schmerzhaft ihr eigenes Versagen und das Fehlverhalten ihrer Mitmenschen. Sie beginnt zu trauern um all das, was sie verloren hat. Sie spürt, wie der Schmerz mit den Tränen aus ihr herausfließt. „Hat er das gemeint, als er von Sünde sprach?“ fragt sie sich. Und: „Wer ist dieser Jesus, dass er Sünden vergeben, wegnehmen, ihnen ihre lähmende Kraft nehmen kann?“
Sie weiss keine Antwort. Sie ist irritiert, „entsetzt“ würde Luther sagen, aber von Hoffnung berührt.

Und die Pastorin? In ihr wächst eine Ahnung, dass Vergebung Heilung und dass Heilung Vergebung sein kann. Sie versteht, dass Sünde krank machen kann und dass, was krank macht, Sünde sein könnte. Und auch sie liegt lange wach an diesem Abend und grübelt über das, was sie gesehen und gehört hat.

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