Vergebung befreit zum Neuanfang

Manche Menschen werden dann ganz blind, wenn sie besonders genau hin schauen – beim Blick in den Spiegel. Sie drehen sich und wenden sich und sagen: Perfekt. Oder auch: So schlimm wie XY sehe ich nun auch wieder nicht aus. Wenn Menschen sich selber betrachten, hat das meist die logische Folge, dass sie anfangen zu vergleichen. Und seltsamerweise laufen diese Vergleich in aller Regel zum Nachteil der Anderen raus. Und wenn ich dann doch einmal spüre, dass ich nicht der Größte und Beste bin, werde ich es schon so drehen, dass ich es eigentlich doch bin. So sind wir Menschen – vielleicht nicht immer, aber eben doch. Das weiß Jesus, wenn er für seine JüngerInnen das abgibt, was man heute eine Zielprojektion nennen würde.

Ziel ist Barmherzigkeit: barmherzig – kommt aus dem althochdeutschen: arma – herzi, Ein Herz für die Armen haben. Arm ist immer der Mensch, der etwas nötig hat – auch Vergebung. Ihm gilt die Barmherzigkeit. Barmherzigkeit ist etwas, das leicht von oben herab geschieht und nicht auf gleicher Augenhöhe. Genau wie das Richten. Falsche Barmherzigkeit ist ein Gericht: ‚Du arme Sau – Dir muss ich helfen’ so sprechen manche barmherzige Gesten, die nicht wirklich den Bruder oder die Schwester meinen. Jesus hat darum gewusst – und er hat sich den Menschen zugewandt: ‚Steh auf’ oder Schau mir in die Augen’ – damit beginnen viele Geschichten, in denen er Menschen geheilt hat. Wirklich heil werden können Menschen nur, wenn man sie ernst nimmt und ansieht – auf Augenhöhe. Im Grunde redet Jesus in diesem Abschnitt seiner Feldrede genau davon.

Richtet nicht! Wie viel war in den letzten Wochen vom Richten die Rede: Berlusconi und sein unsäglicher Vergleich, mit dem er einen aufmüpfigen Europa-Abgeordneten abkanzelte, sein Staatssekretär, der gleich alle Touristen verurteilte, die Medien, die gleich scharenweise über Michel Friedman herfielen. Wie oft stelle ich mich über andere Menschen, die ich zum Teil gar nicht kenne, von deren Beweggründen ich nichts weiß, aber ich weiß, dass sie verurteilenswert sind.

Mit unseren Urteilen sind andere genauso schnell wie wir auch – das müssen wir zugeben. Und mit jedem Urteil, das wir abgeben, wird ein Stück Gemeinschaft zerstört. Ich zerstöre Gemeinschaft – und ich zerstöre die Spuren Gottes im menschlichen Leben. Wie das geht, Gottes Spuren im mitmenschlichen Leben zu zerstören, davon erzählt Jesus sehr eindrücklich, wenn er dieses Bild gebraucht von den blinden Blindenführern. Es ist ein eindrückliches Bild, dass das Leben beschreibt. Wie oft gebe ich eine Richtung an, ohne zu wissen, ob der weg wirklich gut und richtig ist? Wie oft gebe ich mich selbstsicher und bin doch höchst verunsichert oder nur überheblich?

Ich muss gestehen, dass mich bei dieser Geschichte am meisten bei dem Bild vom Balken und Splitter aufhalte, weil dieses Bild so schön und so grotesk ist. Auch hier ist es wichtig, dass ich mich erkenne: Manchmal bin ich wie vernagelt, manchmal habe ich so ein dickes Brett vorm Kopf.

Die Verbindung von Vergeben und nicht verurteilen, ist den meisten Leuten nicht so selbstverständlich gegeben. Die Vergebung befreit nicht von Schuld, aber sie befreit zum Neuanfang. Der Schuldige erfährt Annahme, Barmherzigkeit, Vertrauen. Christsein besteht in diesem Geist des Miteinander, der Vertrauen sät und nicht richtet. Es beginnt damit, dass wir Gottes Vergebung annehmen. Und fährt fort damit, dass wir sie weitergeben. Es ist wie nach einem Gemeindefest: Wenn einer anpackt greifen andere auch zu. Wo Gottes Barmherzigkeit begriffen wird, lernen Menschen Barmherzigkeit. Jesus ist das Vorbild in Sachen Barmherzigkeit.

‘Die unüberwindbar gestörten Sünder’, nennt Karl Barth die Heiligen. Für ihn sind sie keine Supermenschen und nicht besser als wir alle. Aber sie sind so sensibel, dass ihnen auffällt, wo Menschen sündigen, besonders sie selber. Das ist seine Wunschvorstellung von der Gemeinde der Heiligen, die wir im Glaubensbekenntnis bekennen. Das ist ein Traum: wir würden sensibel erkennen uns selber. Stattdessen sind wir oft wie die blinden Blindenführer. Wir sehen die Spuren Gottes nicht in unserem Leben, aber wir wollen sie anderen zeigen. Wir sind diese blinden Blindenführer – manchmal!!

Jesus sieht unsere Möglichkeiten allerdings anders. Er sieht unsere Möglichkeiten vorbehaltlos zu geben – und darum im Übermaß auch zurückzuerhalten.

In dem ganzen Text kann ich, wenn ich will erst einmal die Anweisungen hören. Ich kann aber auch erst einmal die Zusagen hören. Mir ist gegeben und mir wird zugetraut, die eigenen Behinderungen zu erkennen und mit Menschen anders zu leben, als es unter Menschen üblich zu sein scheint. Mir ist unendlich viel gegeben. Ich muss es nur noch leben.

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