Vergängliches wird überwunden

Es gibt Texte der Bibel, die liest man gerne, die sind auch nach vielen tausend Jahren noch so ansprechend wie am ersten Tag. Aber dann gibt es auch Bibeltexte, die haben heute in unserer Zeit und an unserem Ort nicht mehr die Wirkkraft wie damals. Es ist eben heute eine andere Situation, ein anderes Lebensgefühl, das uns beschäftigt und so werden die biblischen Texte dann auch ganz anders gehört.

Das geht uns sonst im Leben ja auch nicht anders. Wenn wir traurig sind, dann mögen wir eben keine fröhliche Musik hören oder fröhliche Menschen um uns haben und umgekehrt, wenn wir fröhlich sind, dann hören wir keine traurigen Lieder. Wir hören jetzt in der Adventszeit auch keine Osterlieder, genauso wie es unangebracht ist, mitten im Sommer ein Weihnachtslied anzustimmen. Es muss schon alles richtig zusammenpassen, damit Wort oder Melodien uns auch treffen und bei uns ankommen.

So ist das auch mit Texten. Es gibt Bücher, die haben wir einmal verschlungen und zu einer anderen Zeit haben sie nichts zu sagen. Oder beim ersten Lesen identifiziert man sich mit der einen Person und dann, beim zweiten mal, wird plötzlich eine ganz andere Person für uns wichtig.

Was unseren biblischen Text für den heutigen Sonntag angeht, ist es wohl eher so, dass wir erst einmal entdecken müssen, was der mit der Adventszeit zu tun hat, wie er auf Weihnachten vorbereiten kann. Dazu muss man schon genauer hinsehen, um dies zu erkennen.

Tröstet, tröstet mein Volk, so beginnt dieser Text. Welch eine schöne Aufforderung, Menschen zu trösten, ihnen weiterzuhelfen, damit sie wieder Freude am Leben haben. Aber tröstet mein Volk? Hier geht es doch im Grunde gar nicht um einen einzelnen Menschen, der auf Grund seiner ganz persönlichen Situation Trost braucht: vielleicht weil er einen Sterbefall zu tragen hat, weil Krankheit ihn beschwert oder andere Sorgen sein Leben belasten. In diesem Aufruf geht es um den Trost für ein ganzes Volk. Zuerst gesagt sind diese Worte dem Volk Israel, das im Exil leben muss, unterdrückt von den Babyloniern ohne irgendeine Hoffnung auf ein gute Zukunft, ohne Aussicht auf ein Leben wie es Gott einmal versprochen hat. "Ihr sollt mein Volk sein und ich will euer Gott sein." So hatte Gott einst gesagt, aber dann hat er sie dennoch ins Exil geführt. Es war ein Strafexil, weil das Volk von Gott abgefallen war. Und so lebten die Israeliten nun schon fast vierzig Jahre in Babylonien, Rettung war keine in Sicht und langsam begann das Volk Gottes sich ganz von Gott abzuwenden, sie begannen, sich mit der Religion Babylons zu verbinden. Ein ganzes Volk suchte eigentlich nach Rettung, suchte danach endlich befreit zu werden, aber nichts tat sich. Bis dann das erlösende Wort Gottes kam: Tröstet, tröstet mein Volk, spricht euer Gott.

Wir hören dieses Wort 2500 Jahre später. Und wir hören dies in einer Situation, in der unser Volk kaum nach Trost und Rettung Ausschau hält. Uns geht es doch insgesamt sehr gut, unsere Lebensverhältnisse könnten insgesamt kaum besser sein. Und gab es auch vor Jahren vor allem unter einigen Gruppen von Jugendlichen das Schlagwort "No future" – "Keine Zukunft", so ist auch dies inzwischen längst anders geworden. Sicher sind wir keine übergroßen Optimisten, aber die Grundstimmung, wenn ich das richtig sehe, ist in unserem Land und in unseren Dörfern doch positiv. Unser Volk ist nicht in der Lage, Trost bitter nötig zu haben. Viele Einzelpersonen, Arbeitslose, Sozialhilfeempfänger, Asybewerber und Aussiedler, Kranke, Sterbende und Trauernde – ja dort ist Trost sicher immer wieder angebracht, da ist es nötig, dass wir als Christen unsere Verantwortung für die schwächsten Glieder unserer Gesellschaft und auch für die schwächsten Glieder der Welt ernst nehmen und Hilfe gewähren. Aber Trost für das Volk, wo brauchen wir im ganzen Trost?

Trost, liebe Gemeinde, Trost brauchen wir, wenn uns, unser Leben und unsere Umgebung ihre Sicherheit verliert, wenn die Haltepunkte unseres Lebens ins Wanken kommen, wenn unser Leben durch äußere Umstände seinen Halt verliert. Und wenn wir dann nach Trost fragen, dann müssen wir auch gleichzeitig danach fragen, was gibt denn im Augenblick unserem Leben Halt, woran machen wir unsere Sicherheit fest? Meine Beschreibung unserer Sicherheit war geprägt davon, dass es uns hier in Deutschland gut geht, vor allem eben wirtschaftlich gut geht. Aber wie sicher ist dieser Halt eigentlich? Erfahren nicht jeden Tag Arbeitslose, wie brüchig wirtschaftliche Sicherheit auch sein kann? Wie oft hören wir von wirtschaftlichen Sorgen von Firmen, die dann viele Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen müssen. Die Transportbranche ist zum Beispiel sehr davon bedroht. Die Rentendiskussionen dieses Jahres malen düstere Bilder vor Augen, was die Zukunft angeht. Sicher können und müssen wir sagen, dass es uns insgesamt sehr gut geht, aber wir dürfen nicht vergessen, dass es auch ganz anders aussehen kann – auch bei uns.

Das Volk Israel, dem die Worte des Propheten Jesaja zuerst gesagt worden sind, hat das am eigenen Leibe erfahren, dass das gute Leben auch ein Ende haben kann. Und so heißt es denn auch in dem Text: Alles Fleisch ist Gras und alle seine Kraft ist wie ein Blume auf dem Felde. Das Gras verdorrt, die Blume verwelkt. Alles menschliche, alles von Menschen Gemachte ist der Vergänglichkeit unterworfen. Nichts davon hat ewigen Bestand. Aber weil dies so ist, kann dies auch nicht wirklich trostreich für uns sein, kann uns dies allein nicht den Halt geben, der uns wirklich trägt, der uns nämlich auch dann trägt, wenn die äußere Situation nicht mehr so rosig ist, wie sie im Augenblick aussieht. Tröstet, tröstet mein Volk, dies ist in unseren Tagen weniger ein beruhigendes Wort, als mehr die Frage: was gibt uns als Lebensgemeinschaft und was gibt mir als Einzelnen wirklich Trost, wirklich Halt im Leben, einen Halt, der auch dann noch trägt, wenn um uns herum, wenn um mich persönlich herum alles haltlos ist und ins Wanken gerät?

Das, liebe Gemeindeglieder, ist die heutige Frage am 3. Advent.

Als der Prediger die Stimme, die ihm den Auftrag gegeben hat: Predige!, fragt, was soll ich denn predigen, angesichts der Vergänglichkeit des Menschlichen, da hat diese Stimme diese Vergänglichkeit nochmals unterstrichen. Ja Gras verdorrt, die Blume verwelkt. Ja, alles Menschliche ist nur vorläufig, ändert sich, mal schnell und mal langsam. Verlässlich ist das nicht. Aber ihr habt etwas verlässliches, ihr habt Gottes Wort, dieses Wort bleibt ewig. Gottes feste Zusage: ihr sollt mein Volk sein, ich will euer Gott sein, dieses Wort Gottes, ist der verlässliche Grund unseres Lebens, dieses Wort ist der Halt, der in aller Vergänglichkeit und Veränderlichkeit unseres menschlichen Lebens fest bleibt und Gültigkeit hat. Und dieses Wort ist, wie so viele Advents- und Weihnachtslieder in Anlehnung an die Bibel ja auch sagen: Fleisch geworden, Gottes Wort hat menschliche Gestalt angenommen in Jesus Christus. Der, dessen Ankunft wir Weihnachten feiern, ist nicht nur ein guter und vorbildlicher Mensch gewesen, sondern er stellt Gottes Wort sichtbar heraus, er macht es durch seine Person lebendig. So ist für uns Christen das Wort Gottes nicht ein leeres Wort, das einfach so dahin gesagt ist und doch gegen die Fülle unserer Erfahrungen nach so wenig aussieht. Gottes Wort ist lebendig in Jesus Christus und wird immer wieder lebendig in uns, wo wir auf ihn unser Vertrauen setzen und den Halt unseres Lebens bei ihm suchen und finden. Jesus Christus, der im Stall Geborene, der am Kreuz Gestorbene, der am dritten Tage Auferstandene ist der ewig tragende Grund unseres Lebens. Wir dürfen dankbar von Gott annehmen, dass es uns gut geht in unserem Land, dass die allermeisten Menschen in unserem Land ein reiches Leben führen können, aber der Friede und die Gewissheit, dass unser aller Leben sinnvoll und getragen ist, die liegt allein in Jesus Christus, dem ewigen Wort Gottes. Und er allein ist der Trost, mit dem wir wirklich trösten können.

Vielleicht ist dies ja auch etwas, was die Diskussion um die Leitkultur unseres Landes wirklich weiterbringen könnte. Das eben kurz Zusammengefasste klingt zwar etwas hochtrabend, doch wenn man in den Fragen des Lebens diesen Hintergrund immer wieder lebendig werden lässt – und das ist ja eigentlich die Aufgabe des Glaubens – dann ist das vielleicht wirklich etwas, was ein Volk, das von seiner Geschichte her christlich geprägt ist, weiterbringen kann. Denn die Fragen einer sozial und menschlich geprägten Gesellschaft mit Weltbedeutung, und das sind wir ja, müssen immer wieder neu gelöst werden, sei es in Fragen des Umganges mit den Nicht-Deutschen, sei in den Fragen von Konflikten in dieser Welt, sei es in den ganz kleinen Fragen des mitmenschlichen Zusammenlebens unserer dörflichen Kultur. Angst vor Überfremdung muss dann auch niemand haben, denn wer sich in den Grundlagen seines Glaubens auskennt, der wird auch den Dialog mit den vermeintlich Fremden antreten können und so deutlich machen können, was die Kultur unseres Landes prägt, ohne menschenfeindliche Abgrenzungen aufbauen zu müssen.

Insofern ist es hilfreich und sicher tröstlich, dass der 3. Advent uns darauf hinweist, dass wir die Grundlagen unserer Kultur neu bedenken, dass wir uns darauf besinnen, dass unser Leben auf der Grundlage der Geburt Jesu Christi steht und nicht auf anderen menschlichen Grundlagen, die immer wieder ins Wanken geraten. Darin liegt dann auch etwas davon, was der Prophet eben so beschreibt: bereitet dem Herrn den Weg, macht in der Steppe eine ebene Bahn unserm Gott! Diesen Weg ebnen bedeutet nämlich, das Wort Gottes laut und deutlich verkünden, es annehmen, von ihm her leben. Das menschliche vergeht, wandelt sich und darf sich wandeln, Gottes Wort gilt ewig und das heißt: jeden Tag neu. Lassen wir es also Weihnachten werden, indem wir dieses Wort, das da Fleisch geworden ist ankommen lassen und weitertragen.

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