Verbindendes bewahren, Trennendes überwinden

Liebe Gemeinde,

wenn ein Mensch den Tod vor Augen hat, wenn er weiß, er hat nur noch wenig Zeit, dann wird dieser Mensch von Schmerz und Hoffnungslosigkeit ergriffen. Es gibt aber einzelne Menschen, die gerade in einer solchen Situation, angesichts ihres nahen Todes große Kraft und Zuversicht ausstrahlen. Und manche vermögen es sogar, ihrer Familie, ihrern Freunden ein Wort des Trostes, ein Vermächtnis zu hinterlassen, das weiterführt. Auch da, wo eigentlich angesichtsdes Todes alle Wege zu Ende sind.

Von Jesus hören wir, dass er sich am letzten Abend seines Lebens mit seinen Freunden noch einmal versammelt hat. Die Jünger ahnen nichts von dem, was an schrecklichen Ereignissen kommen wird. Sie sind zusammen, um miteinander das Mahl zu halten, wie es am Passafest üblich war. Sie essen und trinken miteinander, sie diskutieren bis in die Nacht hinein. Und dann, am Ende der Mahlzeit, reicht Jesus ihnen allen noch einmal ein Stück Brot und einen Schluck Wein.

Das ist sein Vermächtnis. Das soll das bleibende Zeichen sein für die Gemeinschaft der Jünger. Brot und Wein sollen sie allezeit erinnern an die bleibende Verbundenheit mit ihrem Herrn, es soll sie aber auch erinnern an die Gemeinschaft untereinander.

Ob die Jünger am Gründonnerstag begriffen haben, welcher Reichtum ihnen anvertraut wurde? Jedenfalls haben sie dieses Vermächtnis bewahrt bis heute. Christen feiern noch heute auf der ganzen Welt das Mahl der Gemeinschaft miteinander.

Brot und Wein steht auch bei uns heute auf dem Tisch. In Brot und Wein werden wir seiner Gegenwart gewiss.

Wie schön wäre es, wenn jetzt die Tür aufginge und Jesus käme lebendig zu uns herein! Wie schön wäre es, wenn wir seine Stimme hören und ihn bei der Hand fassen könnten. Wir leiden heute ähnlich wie die Jünger damals nach Karfreitag darunter, dass er nicht sichtbar unter uns ist. Wie Leute mit leeren Händen fühlen wir uns manchmal. So ging es denen, die hier das letzte Mahl miteinander feierten nach Jesu Tod. – Bis sie sich erinnerten an das Vermächtnis Jesu. An das ihnen anvertraute Erbe ihres Herren.

Sie fingen an, sich zu erinnern an das, was Jesus ihnen gesagt hatte. Sie haben sich seine Reden, Gleichnisse und Geschichten weitererzählt.

Und sie teilten das Brot miteinander und hielten das Mahl, so wie damals Jesus mit ihnen.

Heute lädt uns Jesus ein an seinen Tisch. Wir dürfen seine Gäste sein. Nicht nur einmalig, sondern mit unseren ganzen Leben. Äußerlich gesehen ist es nicht viel, was wir an seinem Tisch empfangen. Ein bissen Brot, eine Oblate und ein Schluck Wein oder Trauensaft. Aber das ist nur das Äußere.

Paulus formuliert es für die Korinther so: Der gesegnete Kelch, den wir segnen, ist das nicht die Gemeinschaft des Blutes Christi? Das Brot das wir brechen, ist das nicht die Gemeinschaft des Leibes Christi?

Wenn wir uns an seinem Tisch versammeln will Jesus uns sein wie damals im Garten Gethsemane. Er will uns stärken für das Leben und das Zeugnis in dieser Welt. Er will sein Vermächtnis an uns persönlich weitergeben.

Und er will uns zugleich einen Vorgeschmack schenken auf das Freudenmahl in dem Reich Gottes am Ende aller Tage. Damit wir dieses letzte Ziel nicht aus den Augen verlieren mitten in den vielen Sorgen und Beschäftigungen unseres alltäglichen Lebens, darum werden wir eingeladen, so oft wir können das Mahl Jesu zu seinem Gedächtnis zu feiern.

Die Menschen, die zum Tisch eingeladen werden, um dort Brot und Wein miteinander zu teilen, sind ganz verschiedene Leute, wie auch hier und heute im Gottesdienst. Alle sind eingeladen. Alle dürfen kommen. Eigentlich ist es schade, dass unsere Kirche vorschreibt, dass Kinder und Jugendliche erst nach der Konfirmation am Abendmahl teilnehmen dürfen. Ob das im Sinne Jesu ist?

Jedenfalls versammeln sich an seinem Tisch ganz viele verschiedene Menschen. Junge, Alte, Gutverdienende und Arbeitslose. Menschen mit hoher Bildung und ganz schlichte und normale Gemeindeglieder. Sie haben alle ihre Begabungen aber auch alle ihre Probleme. Jeder hat seine Lebensgeschichte mit besonderen Erfahrungen. Da ist es nicht immer ganz einfach, zusammenzufinden. Und je besser man sich kennt, umso schwieriger ist es manchmal.

So mag das auch in Korinth schwierig gewesen sein. Deshalb schreibt Paulus: Denn ein Brot ists: So sind viele ein Leib, weil wir alle an einem Brot teilhaben. Paulus will die zertrittene Gemeinde wieder an einen Tisch bringen. Und so stellt er die Frage: Was ist es, das uns verbindet?

Wir alle haben Anteil an dem einen Brot und sind so ein Leib. Wir sind wie Glieder an einem Leib. Einem Leib, der nur dadurch leben kann, dass es so viele Glieder gibt, die alle unterschiedliche Aufgaben haben und zum Leben des Ganzen beitragen. So gesehen verlieren die Unterschiede zwischen den Menschen, zwischen uns in der Gemeinde nicht auf zu existieren. Paulus will nichts zudecken, nichts beschönigen. Aber die Unterschiedlichkeit der Menschen, die zur Gemeinde gehören, die zu Christus gehören, verliert seine trennende, seine zerstörende Wirkung sie wird zum Gewinn da, wo alle dem einen Leib dienen.

Alle, die wir von dem einen Brot essen, sind wir Schwesertn und Brüder. Am Tisch des Herrn gibt es kein Oben und Unten, keine Ehrenplätze und keine Hinterbank. Niemand kann sagen, auf mich kommt es nicht so an oder auf mich kommt es vor allem an. Es kommt darauf an, das wir erkenne wie wichtig wir selbst Gott sind und wie wichtig jeder andere Gott ist, der da mit mir an seinem Tisch steht.

Wir alle sind als geladene Gäste gleich.

Ich wünsche uns, dass es uns gelingt zunächst einmal hier in unseren Gemeinden, den der neben mir am Tisch des Herrn steht als meinen Bruder, als meine Schwester anzunehmen. So verstehen wir Jesu Vermächtnis richtig, indem wir das uns verbindende bewahren und trennendes überwinden, indem wir uns verstehen lernen als Glieder des einen Leibes.

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