Veränderung

Liebe Gemeinde,

wie oft habe ich die Klage gehört: Warum muss ausgerechnet mir dieses Unglück passieren? Womit habe ich das verdient? Ich bin doch auch nicht schlechter als die anderen. Aber die laufen gesund und glücklich herum. Nur ich liege hier und habe diese Schmerzen, und niemand kann mir helfen. Oder die andere Klage, warum musste sie schon sterben. Andere werden 80 oder 90 und sie ist nur gerade etwas über 40 geworden. Das ist ungerecht.

Unser Predigttext heute liest sich wie eine Antwort auf all diese Klagen und zwar eine sehr überraschende Antwort. Ich lese Johannes 9,1-7:

[TEXT]

· Die Freundinnen und Freude Jesu suchen nach Ursachen für das Unglück, dass das Leben des blind geborenen bestimmt. Haben seine Eltern Fehler gemacht? Sind sie schuld daran, dass sie ein blindes Kind bekommen haben? Hat er selbst etwas falsch gemacht? Ist seine Blindheit selbstverschuldet? Genau wie wir fragen, womit haben wir das verdient? Wer ist schuld? Wir glauben, wenn wir jemanden haben, den wir verantwortlich machen können, dann ist ein Unglück leichter zu tragen. Wir glauben, wenn wir wissen, warum es dem anderen zugestoßen ist, dann kann es uns ja nicht treffen, weil wir werden bestimmt nicht den gleichen Fehler machen. Die Frage: Wer ist schuld, und was hat die betroffene Person oder jemand in ihrer Familie falsch gemacht, entlastet uns, die wir nicht betroffen sind. Es wiegt uns in Sicherheit. Und es bringt unser Weltbild wieder in Ordnung, denn wir können uns einbilden, wir hätten unser Glück verdient. Oder wir hätten zumindest verdient, dass uns nicht das gleiche Unglück zugestoßen ist. Die ostasiatischen Religionen haben diese Form, sich von Unglück anderer zu distanzieren, zu einer ihrer zentralen Lehren ausgebaut, der Lehre vom Karma. Die Vorstellung vom Karma schwappt gerade auch zu uns hier in den Westen hinüber, weil sie so entlastend und einleuchtend ist. Der Glaube an das Karma geht davon aus, dass alles, was jemand zustößt, gerecht und verdient ist. Denn es ist die Folge seiner Handlungen in diesem oder einem seiner früheren Leben. Wenn jemand heute arm und krank ist, hat er sich das verdient, indem er früher böses getan hat. Wenn jemand reich und gesund ist, hat er dies auch verdient, weil er früher gute Taten getan hat. Diese Lehre ist sehr entlastend, weil es keine Ungerechtigkeit gibt, und weil man sein zuküfntiges Leben beeinflussen kann. Wenn man jetzt gute Taten tut, wird es einem spätestens im nächsten Leben besser gehen. Und durch Meditation kann man sein schlechtes Karma wegmeditieren, und kann damit die Unglücke vermeiden, die einem sonst noch zugestoßen würden. Sie können sich vorstellen, dass diese Lehre sehr entlastend wirkt, weil man muss ja kein schlechtes Gewissen haben, dass woanders die Menschen verhungern und man selbst im Überfluss lebt. Sie haben es schließich verdient und man selbst auch. Ich will die Vorstellungswelten anderer Religionen aber nicht nur schlecht machen. Sie können sich auch vorstellen, was für eine machtvolle Motivation Gutes zu tun und etwas von seinem Reichtum abzugeben, weil man ja im nächsten Leben dafür belohnt wird, aus so einer Religion wachsen kann.

Aber wir sind Christinnen und Christen, und deshalb sehen wir uns einmal an, was Jesus zu der Frage, wer ist an dem Unglück einer schweren Krankheit schuld, zu sagen hat. Und das ist wahrlich etwas Überraschendes. Jesus sagt: Weder die Eltern des Blindgeborenen haben etwas falsch gemacht, noch er selbst, dass ihm das zugestoßen ist. Ich höre noch wie die Freundinnen und Freunde Jesu den Atem anhalten bei dieser Antwort. Denn sie heißt: Wenn weder die Eltern noch er selbst an seinem Unglück schuld sind, dann ist es doch ungerecht oder? Und dann kann ein vergleichbares Unglück doch alle und damit auch uns treffen. Dann sind wir nicht mehr in Sicherheit. Dann könnten auch wir an seiner Stelle sein. Dann kann es auch uns treffen. Dann sind wir gar nicht besser als dieser elende Bettler, der da am Straßenrand sitzt. Was für eine Zumutung.

Und Jesus spricht weiter und sagt uns: Die Frage: Wer ist schuld führt nicht weiter. Sie führt nur dazu sich bequem von dem Unglück anderer absetzen zu können. Sie dient nur dazu sich selbst zu entlasten. Die weiterführende Frage lautet anders. Sie heißt: Was kann noch Gutes daraus entstehen? Welchen Sinn können wir noch darin finden? Wie kann das Unglück, der Schmerz noch zum Guten gewendet werden? Was enthält die Situation noch Hilfreiches? Woraus kann noch eine positive Zukunft entstehen?

Und Jesus lässt es nicht dabei, neue Fragen zu stellen. Jesus zeigt uns die Situation dieses Menschen am Straßenrand aus einem neuen Blickwinkel. Sein Unglück hat einen Sinn und einen Zweck, denn an ihm werden die Werke Gottes offenbar werden. Seine Krankheit bietet die Möglichkeit, dass Jesus sie heilen kann, und die anderen daran erkennen können, wer Jesus ist, natürlich der Sohn Gottes. Jesus lässt es nicht dabei, die Fragestellung zu ändern. Es reicht ihm auch nicht den Blick seiner Freundinnen und Freunde auf den Bettler zu ändern. Er ändert dessen Leben. Er heilt ihn. Und er nutzt für diese Heilung die Mithilfe des Bettlers. Dieser muss zum Teich gehen und sich den Erdbrei von den Augen waschen. Erst dann ist er geheilt. Jesus reißt den Bettler aus seiner Passivität? Er muss selbst etwas tun, sein Leben selbst in die Hand nehmen. Und damit hat er eine Sendung. Und nicht nur Jesus hilft dem Blindgeborenen. Der Blindgeborene hilft auch Jesus. Er hilft ihm, dass deutlich wird, dass Jesus die Werke Gottes gut. Er bestätigt Jesu Sendung und Jesu Auftrag. Beide, der Bettler und Jesus, nutzen die Möglichkeiten für eine gute Zukunft, die das Unglück des Bettlers bietet. Es bleibt nicht bei dem Unglück. Gottes Werke werden offenbar und mehr als eine Person lernt in dem Geschehen sehen. Die Umstehenden lernen einen neuen Blick auch auf ihr eigenes Leben und ihr eigenes Schicksal.

Und wie ist das mit uns? Wie verändert Jesus unser Sehvermögen? Wie verändert er unseren Blick auf unser Leben und das Leben der Nachbarinnen und Nachbarn?

Wenn die Menschen im Unglück nicht selbst schuld sind, dann muss ich erkennen: Die Welt ist gefährlich, es kann jederzeit auch mich treffen, und das Schicksal ist nicht gerecht. Es gibt keinen Grund, mich für besser oder sicherer zu halten als jemand, den es getroffen hat. Aber was immer auch passiert, es gibt eine Zukunft in Jesus Christus, und es gibt eine Chance auf Rettung und Heilung. Und es gibt etwas, das über meine Schmerzen und meine Verzweiflung hinausreicht und mich auch darüber hinaus trägt.

Mich erfüllt dieser Blick auf das Leben mit großer Dankbarkeit. Jeder Tag ist ein unverdientes Glück, nicht einfach eine Selbstverständlichkeit. Wie die Blüte der Rose sich entfaltet und dieses satte Gelb zum Vorschein kommt, lässt den Sommer scheinen. Ich habe kein Recht darauf frei von Schmerzen und frei von Trauer zu leben. Meine Mutter ist nicht gestorben als ich zehn war, und mein Respekt gilt den Frauen, die das ertragen mussten und sich trotzdem selbst eine Zukunft erarbeitet haben. Und mein Respekt gilt dem Mann, der über Jahre liebevoll seine Frau gepflegt hat, und der wollte, dass sie auch so wie sie am Ende war noch bei ihm bleibt. Es ist schwer genau auszudrücken, was ich meine. Wenn wir uns den Blick Jesu auf das Leben zu eigen machen, dann erfahren wir wie schön es ist und wie schrecklich. Und wir lernen den Menschen im Unglück mit Respekt und nicht mir Verlegenheitsgefühlen zu begegnen. Und wir lernen unser eigenes Glück zu schätzen und dankbar dafür zu sein. Und wir erfahren: Sicherheit gibt es nur im Glauben an Jesus Christus, wenn Gottes Werke offenbar werden. Wenn wir sehen lernen, wie in allem Unglück noch Hoffnung ist, wenn wir einen Blick dafür gewinnen, wie aus dem Schmerz noch Gutes wächst, wie das Licht sich in der Dunkelheit ausbreitet, und dass wir im Leben wie im Sterben uns Jesus Christus anvertrauen können und er uns durch unser Leid hindurchträgt.

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