Veränderung und Verärgerung

Wir werden heute morgen mit einer Wundergeschichte aus dem Johannesevangelium konfrontiert. Ich betone das, weil es aus zweierlei Gründen etwas besonderes ist. Einmal stellen Wunder bei Johannes immer besondere Hinweise auf die Bedeutung Jesu dar, in der es nicht so sehr um die Wunderhandlung als solche geht, sondern um die Macht Jesu. Zum anderen sind Wundergeschichten uns immer wieder suspekt. Insofern möchte ich heute morgen versuchen, den Dimensionen dieser Geschichte näher zu kommen und sie mit unseren heutigen Fragen in Beziehung zu setzen. Zunächst also zur Geschichte:

Es war ein Fest der Juden, und Jesus zog hinauf nach Jerusalem. Diese Einleitung ist sehr wichtig. Sie ist nicht nur Situationsangabe, sondern bereitet das vor, was sich gegen Ende der Geschichte abzeichnet. Ein religiöser Festtag wird zu einer Demonstration gegen eine der Grundanschauungen dieser Religion. Es ist aber in Jerusalem beim Schaftor ein Teich, der heißt auf hebräisch Betesda. Der Ort des Geschehens ist ganz dicht beim Zentrum dieser Religion, beim Tempel. Dort gibt es diesen Ort Betesda, was auf deutsch übersetzt werden kann mit: Haus des Erbarmens. Insofern überrascht auch nicht, dass dort viele Kranke liegen, die dort begleitet werden. Es heißt: Dort sind fünf Hallen; in denen lagen viele Kranke, Blinde, Lahme, Ausgezehrte. Von dem Teich dort wird erzählt, dass, wenn er in Wallung gerät, der erste, der den Teich erreicht, gesund wird. Nach dieser allgemeinen Siuationsangabe, wird nun der Blick auf das gelenkt, was Jesus getan hat. Es war aber dort ein Mensch, der lag achtunddreißig Jahre krank.

Ein Mensch, der sein ganzes Leben an sein Bett gefesselt war, kommt nun in den Mittelpunkt des Geschehens. Dieser Mensch kennt nichts anderes als diese eine Lebenssituation, diese eine Lebensposition. Bettlägerig, immer auf andere angewiesen. Er selber hat keine Möglichkeiten sich zu bewegen. Als Jesus den liegen sah und vernahm, dass er schon so lange gelegen hatte, spricht er zu ihm: Willst du gesund werden?

Im Haus des Erbarmens ergreift Jesus jetzt die Initiative. Willst du gesund werden? Was für eine Frage. Natürlich will er gesund werden. Aber da er sich nicht selber bewegen kann, kommt er auch nicht zu dem Wasser. Und der Kranke antwortete Jesus daher: Herr, ich habe keinen Menschen, der mich in den Teich bringt, wenn das Wasser sich bewegt; wenn ich aber hinkomme, so steigt ein anderer vor mir hinein.

Das Haus des Erbarmens begleitet Menschen in ihrer Not, aber es scheint niemand da zu sein, der auch dazu verhilft Menschen in Bewegung zu versetzen, die es dringend nötig haben. Der bettlägerige Menschen hat keinen, der ihm wirklich hilft, die Lebenssituation zu verändern. Da ergreift Jesus die Initiative, doch anders als es an diesem Ort sonst geschieht. Jesus spricht zu ihm: Steh auf, nimm dein Bett und geh hin! Und sogleich wurde der Mensch gesund und nahm sein Bett und ging hin.

Der Herr, der, der das Sagen hat, verändert sein Leben. Jesus vermag ihn aus seiner Situation herauszuholen, gibt ihm die Kraft und Möglichkeit, seinen Lebensort zu verändern. Er vermag zu gehen. ER schleppt sein Bett mit sich, seine Vergangenheit, aber er geht in eine neues Leben hinein. Dies allerdings stößt auf Unmut. Es war aber an dem Tag Sabbat. Da sprachen die Juden zu dem, der gesund geworden war: Es ist heute Sabbat; du darfst dein Bett nicht tragen. Dem war wirklich so: am Sabbat war jede Arbeit verboten. Dafür gab es klare Regeln. Und wer dagegen verstieß, der versündigte sich gegen Gott.

Nun hatte allerdings Jesus gesagt, er solle sein Bett nehmen und gehen. Darum antwortete der Genesene: Der mich gesund gemacht hat, sprach zu mir: Nimm dein Bett und geh hin! Da fragten sie ihn: Wer ist der Mensch, der zu dir gesagt hat: Nimm dein Bett und geh hin? Wie es sich für ordentliche Ordnungshüter gehört, wird nicht nach der Lebenssituation des Geheilten gefragt, sondern nach dem, der die Ordnung stört. Wer ist das, der hier das Sabbatgebot bricht und sich gegen Gott stellt? Im Haus des Erbarmens hat man die Ordnung einzuhalten.

Der aber gesund geworden war, wusste nicht, wer es war; denn Jesus war entwichen, da so viel Volk an dem Ort war. Eine Lebensveränderung durch jemanden, dessen Namen man nicht einmal kannte. Jesus handelt im Verborgenen, weil es ihm nicht auf die Ehre ankommt. Erst später kommt es noch einmal zu einer Begegnung mit Jesus. Danach fand ihn Jesus im Tempel und sprach zu ihm: Siehe, du bist gesund geworden; sündige hinfort nicht mehr, dass dir nicht etwas Schlimmeres widerfahre.

Der Mensch ging hin und berichtete den Juden, es sei Jesus, der ihn gesund gemacht habe. Der Geheilte will vermutlich den öffentlich machen, der ihn geheilt hat, weil er dankbar ist, dass da jemand so mit ihm umgegangen ist, dass da jemand wirklich Erbarmen mit ihm hatte. Das aber sah die Obrigkeit ganz anders. Hier ist jemand, der die Grundlagen des Gemeinwesens angreift und übertritt. Das muss geahndet werden. Darum verfolgten die Juden Jesus, weil er dies am Sabbat getan hatte. Das Ende dieser Verfolgung kennen wir alle.

Natürlich fragen wir uns, wie mag das geschehen sein, mit der Heilung dieses seit 38 Jahren kranken Menschen. Aber wir merken zugleich, dass es doch darum in der Geschichte eigentlich gar nicht geht. Das Wunder ist zweitrangig, wie so häufig in den Wundergeschichten der Bibel. Das Erzählte, das was als Quintessenz hinter diesem Wunder steckt, das ist das Wichtige, darum geht es. Und so auch in dieser Heilungsgeschichte. Die Mitte dieser Geschichte sehe ich in zwei Bereichen. Zum einen ist es die Frage danach, was bedeutet es, wenn man vom Haus des Erbarmens spricht. Und das andere ist die Frage, was bedeutet Erbarmen auf dem Hintergrund von Lebensregeln und Konventionen.

Am Teich Bethesda, im Haus des Erbarmens liegt ein Mensch 38 Jahre lang fest. Ich habe keinen Menschen, der mich dort hin bringt. 38 Jahre lang ist dieser Mensch auf sein Leben festgelegt, dann da nicht heraus, muss so bleiben wie er ist, weil es keinen Menschen gibt, der ihm echtes Erbarmen zukommen lässt. Ich verstehe dies eigentlich so: Es geht hier um einen Menschen, der nicht unbedingt körperlich ans Bett gefesselt ist, sondern einer, der an sein Leben, seine Lebensvorstellungen gefesselt ist. Der davon überzeugt ist, es geht nicht anders. ER hat eine Hoffnung, aber der kann er sich nicht selber entgegengehen und letztlich ist es auch nicht das, was er braucht. Er braucht einfach jemanden, der ihm sagt, nicht der Teich ist dein Heil, nicht die anderen Menschen sind notwendig, damit du dieses Heil erlangst, sondern zu hast selber Kräfte in dir, die du einsetzen kannst. Du musst sie nur einsetzen. Steh auf und geh!

Es ist mein Glaube, dass ich davon überzeugt bin, dass Jesus uns fähig machen kann, in dieser Welt mit der Hilfe Gottes unser Leben frei zu leben. Durch Jesus und sein Leben werden Kräfte in uns frei, die es uns ermöglichen, uns aus den Zwängen unseres Lebens zu befreien, die es uns ermöglichen, aufzustehen, neues und anderes anzufangen. Wie oft liegen wir auf dem Bett: so ist es nun mal, wir können nicht anders. Wir würden ja gerne, aber die anderen sind ja nicht da. Oder die Welt ist nun mal so. Nein wir haben Kräfte und Möglichkeiten das Leben zu verändern. Dazu müssen wir uns nur ansprechen lassen, ansprechen lassen von Gott, von Jesus, der uns verändern will und damit wirklich Erbarmen zeigt. Lebensveränderung heißt dabei sicher, dass wir unser Bett, sprich die Vergangenheit mit uns tragen, das können wir auch nicht ablegen, aber die Vergangenheit ist nicht das, worauf wir festgelegt sind, sondern das, was wir verlassen können, um das Leben neu zu sehen. Und dazu hilft uns Gott, dazu hilft uns Jesus. Oftmals unerkannt, vielleicht sogar unmerklich, weil es nicht auf so wunderbare Weise geschieht, wie bei diesem Menschen, aber es geschieht. Der Geist bewegt uns – uns, die wir oft liegen bleiben auf der Pritsche des: so ist es nun einmal.

Dies war die eine Seite dieser Geschichte – Hilfe zur Veränderung. Die andere Seite, die hier kritisch erzählt wird, ist die Frage nach der Wirkung des Erbarmens auf die Konventionen. Da wird ein Mensch geheilt im Haus des Erbarmens. Die Obrigkeit hat nichts besseres zu tun, als zu sagen, dass das Ergebnis der Heilung – der Mensch kann mit seinem Bett gehen – nicht der Konvention entspricht. Da hat jemand die Ordnung übertreten, er muss beseitigt werden. Ehrlich gesagt erinnert mich das an die Ereignisse der vergangenen Woche, angesichts des Afghanistankrieges. Nach zwei Wochen Bombardierung, nach zwei Wochen vermeintlich begründeter Gewalt gegen die Menschen in Afghanistan, treten Menschen auf, die sagen: um der Menschen willen, müsse es eine Feuerpause geben. Um der Menschen willen, dürfe die Gewalt nicht ununterbrochen weiter gehen, es müssen auch Möglichkeiten der Hilfe geschaffen werden. Und dies kam ja nicht nur aus dem Munde ungeliebter Politiker, sondern von großen Hilfsorganisationen der UNO und der Welthungerhilfe. Was jedoch passierte? Ein solcher Ruf nach Menschlichkeit wurde damit beantwortet, dass ein einziges Wort eines Regierungschefs zum absoluten Gesetz erhoben wurde: uneingeschränkte Solidarität. Wir legen uns fest auf die Pritsche der Politik eines Landes. Wir legen uns fest auf die Pritsche eines einmal eingeschlagenen Weges, der nicht mehr zu verlassen ist. Wir legen uns fest auf die Pritsche der nicht kontrollierbaren Entscheidungen von wenigen, und stellen die Frage nach der Menschlichkeit und des Erbarmens zurück.

Liebe Gemeindeglieder! Das kann es doch nicht sein. Dürfen kritische Gedanken, darf grundsätzliche Friedensbereitschaft, Menschlichkeit und Erbarmen nicht mehr geäußert werden, ohne dass man als Vaterlandsverräter und Terrorunterstützer gilt. Ich denke, dass gerade die Geschichte von Jesus hier etwas offen legt, was uns hellhörig und kritisch machen muss. Geht es um den Menschen in unserem Handeln oder geht es nur um die Einhaltung von Ordnungen, Konventionen, einmal gesagten Sätzen? Wo ist der Blick auf die Menschen, mit denen wir es zu tun haben, die von diesen Entscheidungen betroffen sind? Weder die Taliban noch die USA werden uns von dem wahren Ausmaß dessen informieren, was im Augenblick geschieht. Wir können es nicht überblicken und es bleiben mehr Fragen als Antworten. Aber wir müssen diese Fragen stellen, müssen auch hinterfragen, wenn es um die Überwindung von Gewalt geht. Wir müssen auch die Ordnungen und Konventionen in Frage stellen, wenn es um Menschen und ihr Wohl geht, und dürfen uns nicht dahinter verstecken und die Kritiker angreifen. Das zumindest stellt mir der heutige Predigttext aus dem Johannesevangelium deutlich vor Augen. Veränderung kann nur geschehen, wenn wir Jesus vor Augen haben und seine Botschaft des Friedens in der Überwindung von Gewalt umsetzen.

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