Unverhoffte Berufung

Liebe Gemeinde,

in der Antike gab es ein Orakel in Delphi. Dort saß die Pythia, Priesterin und Prophetin im Tempel des Appollo auf einem rauch- und nebelumwallten Dreifuß und tat durch ihren Spruch kund, was der Gott ihr eingegeben hatte. Oft waren es dunkle und mehrdeutige Worte an den Fragesteller, die ihn zu falschen Schlüssen verleiteten und ins Unglück stürzten. Aber deshalb geriet das Orakel nicht in Verruf. Man wusste ja, wie gefährlich es war, sich den Göttern zu nahen. Sie waren neidisch bedacht darauf, ihre Herrschermacht gegen die vorwitzigen Menschen zu bewahren. Sie hoben den einen empor und verwarfen den anderen – ganz nach Lust und Laune. Also musste jeder aufpassen, wenn er sich mit den Göttern einließ.

Oben am Appollotempel war eine Inschrift eingemeißelt: "GNOTHI SE AUTON" – ERKENNE DICH SELBST. Selbsterkenntnis – das ist Aufgabe eines jeden Menschen. Auf der Suche nach sich selbst, nach seinen Grenzen und Möglichkeiten hat der Mensch fernste Meere und Kontinente entdeckt und, als er die Erde als Kugel erkannte, gab er nicht auf, da stieß er in den Weltraum, stieß er in die Erforschung der Entwicklungsgesetze unserer Welt, versucht sich heute in der Entschlüsselung des genetischen Codes. Das geschieht alles mit der Absicht zu erkennen, wer wir im Innersten sind.

Auch die seit vielen Jahren boomende Esoterik ist nichts anderes als ein alter Weg, um zu sich selbst zu kommen, um Licht in das Dunkel zu bringen. Doch schon die Mystiker des Mittelalters stellten unisono fest: Wer in sich geht, wer sein eigenes Selbst durchforscht, wird kein großes Licht finden. Je tiefer er gräbt, um so dunkler und leerer wird es um ihn.

Zur Selbsterkenntnis erteilt der Apostel Paulus der korinthischen Gemeinde und indirekt damit uns einen anderen Rat, als den sie am Appollotempel lesen konnten: "ERKENNE DICH SELBST". Er schreibt: "Seht doch, liebe Brüder, auf eure Berufung."

Die Gemeinde in Korinth war in sich zerstritten zwischen den Bessergestellten, durch höhere Bildung und Herkunft Ausgewiesenen, und den Unterprivilegierten, den Hafenarbeitern, Prostituierten, Sklaven und Taugenichtse, die die Mehrzahl der Gemeindeglieder stellten. Seine Gemeinde also erinnert der Apostel an das Besondere der Erwählung. Gott erwählt nicht das Elitäre, sondern das am Rande der Gesellschaft Stehende. Gott baut seine Gemeinde nicht auf Bildung, Geld und Macht auf. Gott baut seine Gemeinde in Jesus Christus auf. Dazu sind alle, ob reich oder arm, gebildet oder ungebildet, einflussreich oder ohne Ansehen berufen. In der Taufe wird dieses Erwählen Gottes ohne Vorbedingung sichtbar.

Erinnern wir uns: der, nach dem wir uns Christen nennen, ist ein junger Handwerker, Zimmermann. Er kommt zu Johannes dem Täufer an den Jordan, aus dem heidnischen Galiläa (Mt 4,15). Von dieser Provinz erzählt man sich: "Aus Galiläa steht kein Prophet auf." (Joh 7,52) Als Jesus nach der Taufe das Wasser verlässt, tut sich ihm der Himmel auf: Gott erwählt ihn als "seien lieben Sohn" und beruft ihn zu seinem einzigartigen Dienst. Die Berufung Jesu von Nazareth zum Gottessohn ist der Höhepunkt einer langen Tradition göttlichen Erwählens von Geringen und Verachteten.

Erinnern wir uns an den kinderlosen Greis Abraham, der statt des verheißenen Landes nur einen Grabplatz für seine Frau erwirbt, die ihm im hohen Alter einen Sohn geboren hat; an den Betrüger Jakob, der aus seiner Heimat fliehen muss und doch zum Träger des Segens wird; der gegen Lebensende ein Aramäer war, "dem Umkommen nahe, und zog hinab nach Ägypten und war dort ein Fremdling mit wenigen Leuten" (5.Mose 26,5); an seinen Sohn Josef, der, als Sklave nach Ägypten verkauft, zum Retter der Sippe wird; an Mose, Totschläger eines ägyptischen Aufsehers und sprachbehindert, der zum Führer seines Volkes berufen wurde, es 40 Jahre durch die Wüste ins gelobte Land zu führen. Erinnern wir uns an Ruth, die Ausländerin, die mit fraulicher List und ihrem Liebreiz zur Urahnin des Hauses Davids wird; an David, den jüngsten Sohn Isais, der erst extra vom Feld geholt werden muss, damit Samuel ihn zum König salben kann; an den Propheten Elia, der lernt, dass Gott nicht in den Naturgewalten begegnet, sondern in einem "stillen, sanften Säuseln" (1.Kön 19,12); an jenen unbekannten Propheten von dem es heißt: "er war der Allerverachtetste und Unwerteste voller Schmerzen und Krankheit, er war so verachtet, dass man das Angesicht vor ihm verbarg" (Jes 53,3), der als der unbekannte Gottesknecht die Sünde des Volkes trägt. Erinnern wir uns an Jesus, der in dieser Tradition seinen Weg geht bis ans Kreuz, den Gott auferweckt von den Toten, der Menschen wie Petrus, seinen Verleumder, Thomas, den Zweifler, Maria Magdalena, die Prostituierte, in seine Nachfolge ruft, seine Zeugen zu sein.

Warum ich daran erinnere? Ich erkenne darin die Grundsituation der Christen bis heute, von geringer Bildung und ohne große Macht entdecken sie sich als Berufene und Erwählte, das Evangelium mit den Menschen ihrer Zeit zu teilen. Und jedes Mal, wenn wir nur auf uns schauen, auf das Wenige in unseren Händen, dann ergeht es uns wie dem Jünger Andreas, Bruder des Petrus, bei der Speisung der 5000, der nüchtern feststellt: "Es ist ein Kind hier, das hat fünf Gerstenbrote und zwei Fische; aber was ist das für so viele?" (Joh 6,9) Und jedes Mal, wenn wir auf Jesus schauen, auf sein Wort hin tun, was er sagt, werden wir staunen lernen: "Da sammelten sie und füllten von den fünf Gerstenbroten zwölf Körbe mit Brocken, die denen übrigblieben, die gespeist worden waren." (Joh 6,13)

Christliche Selbsterkenntnis gelingt, wo wir uns erinnern lassen an die Berufung durch Jesus Christus. Christlicher Gemeindeaufbau gelingt, wo wir uns erinnern lassen an Jesus, "der uns von Gott gemacht ist zur Weisheit und zur Gerechtigkeit und zur Heiligung und zur Erlösung" (V.30). Sehr schön macht das eine kleine Geschichte deutlich, die ich zuletzt erzählen will:

Günter kommt mit seiner Mutter an einer Kirche vorbei. "Die Fenster sind aber ganz schön schmutzig." Sie gehen hinein. Hier leuchten die Fenster, die von außen grau und schmutzig aussehen, in den hellsten Farben. Günter sieht ein besonders schönes Fenster. Die Sonne strahlt durch eine Figur hindurch in den Raum. "Wer ist das?" "Das ist ein Heiliger." Später im Religionsunterricht fragt der Lehrer: "Wer kann mir sagen, was ein Heiliger ist?" Günter weiß es: "Ein Heiliger, das ist ein Mensch, durch den die Sonne scheint." (nach H.Engel, aufgelesen bei G. Engelsberger: Alltagsstaub und Gottesglanz, 1997, S.106).

Ein Bild, das die Gedanken des Paulus anschaulich macht. Wir brauchen nicht die Fassade aufzupolieren; die Sonne – Gottes bedingungsloses Ja – durchstrahlt das Graue, Unansehnliche. Im Licht der göttlichen Gnadensonne verliert die Fassade ihre Bedeutung, werden Menschen transparent für das, was an ihnen geschehen ist.

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